KatalysatorNachhaltige Formaldehydsanierung in Innenräumen

All jene unter den Handwerkern und Architekten, die der Auffassung sind, mit der erfolgreichen Optimierung der Spanplatten in den 1990er Jahren sei das Problem Formaldehyd in Neubauten endgültig beseitigt, irren gewaltig. Nach wie vor finden sich auch in Neubauten Formaldehydbelastungen, die teilweise bereits vor Inbetriebnahme dieser Gebäude aufwendige Sanierungen erfordern. Nicht alle Sanierungsmethoden sind allerdings dauerhaft wirkungsvoll und somit auch nachhaltig.

Nicht umsonst übernehmen zahlreiche Kommunen Neubauten erst nach Durchführung einer Raumluftprüfung – wiederholt auch in den letzten Jahren mit „Treffern“ (zum Beispiel München 2001: Kindertagesstätte; Zürich 2006: 2 Schulen), welche in der Folge aufwendige saniert werden mussten. Bauplatten, Farben, Kleber, Dichtstoffe, Bodenbeläge, Bindemittel in Dämmstoffen – oft sind es relativ geringe Einzelwerte, die sich im fertigen Gebäude summieren und damit zumindest die Empfehlungen der WHO (Weltgesundheitsorganisation) mit 0,05 ppm, oft aber auch die Empfehlungen des Bundesumweltamtes für Schulen und Kindergärten mit 0,1 ppm wesentlich überschreiten.

 

Gesundheitliches Risiko

durch Formaldehyd

 

„Nachdem die International Agency for Research on Cancer (IARC) Formaldehyd bereits seit Mitte 2004 als krebserzeugend ansieht, kommt nun auch das deutsche Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in einer unlängst vorgestellten Untersuchung zu dem Schluss, dass die Substanz beim Menschen Tumore des Nasen-Rachenraums auslösen kann, wenn sie über die Atemluft aufgenommen wird. Die Belastung von Büros und Wohnungen mit Formaldehyd ist nahezu allgegenwärtig: Eine Auswertung verschiedener Studien, in denen Raumluftmessungen vom BfR durchgeführt wurden, hatte ergeben, dass in fünf Prozent der deutschen Haushalte der vorgeschlagene „sichere Wert“ von 0,1 ppm überschritten wurde. Das bedeutet für jeden 20. Haushalt die Gefahr einer Krebserkrankung.“ (Auszug aus: nature­plus Fachpressedienst Nr. 3, August 2006)

 

Sanierungsmöglichkeiten

 

Unbestritten die erfolgreichste Sanierungsmethode in schadstoffbelasteten Gebäuden ist das Entfernen der belasteten Bauteile. Gerade in den Fertighäusern der 1970er und 1980er Jahre, in denen man teilweise noch heute erschreckend hohe Formaldehydkonzentrationen (durch besagte Spanplatten) vorfindet, ist dies aus stati­schen Gründen aber nicht immer möglich.

Alternativ wird häufig die Verwendung von so genannten Absperrlacken praktiziert. Hier muss der Handwerker vor allem auf die Qualität der Produkte achten. Absperrlacke auf Schelllackbasis haben in der Vergangenheit nach Aushärtung (nach 1 bis 2 Jahren) eine gewisse Durchlässigkeit gezeigt, die letztendlich zu neuen Belastungen führt. Weiterer Nachteil: Eine Rundumbeschichtung ist bei eingebauten Platten in der Re­gel kaum möglich – gerade die stark emittierenden Schnittflächen sind oft für eine solche Beschichtung nicht zugänglich. Es bleibt daher meist eine – zwar reduzierte – aber dennoch relevante Belastung.

Viel Marketing wird derzeit für schadstoffabbauende Produkte (in Wandfarben, verschiedene katalytische Pulver auf Metallbasis, aber auch auf Aminosäurebasis in Teppi­chen, Holzböden) betrieben. Einige von ihnen sind tatsächlich in der Lage, zur Raumluftverbesserung beizutragen. Ein Einsatz zur Sanierung belasteter Räume mit garantierter Erreichung von gewünschten Zielwerten ist allerdings nicht zu empfehlen.

 

Katalysatoren in

Wandfarben

Hier wird mit Titandioxyd gearbeitet. Tatsache ist, dass Titandioxyd in der Lage ist, Formaldehyd abzubauen – die Versuchsanordnungen, die gerne zum Nachweis vorgelegt werden, zeigen aber auch, dass dazu eine UV-Bestrahlung, die in Innenräumen kaum erreicht wird, erforderlich ist.

Auch eine Wandfarbe mit modifiziertem Titandioxyd  (wirkt nach Herstellerangabe auch ohne UV Licht) schnitt bei einer Untersuchung durch den WDR  (Ratgeber Technik) im Juli 2007 nicht sonderlich gut ab. Dazu wurde bei einer Kindertagesstätte im Rahmen einer Sanierung unter anderem diese Wandfarbe eingesetzt. Die Aussage des begleitenden Instituts: „Wir konnten nicht feststellen, dass die Schadstoffbelastungen in diesem Raum abgesunken sind“, fasst Michael Köhler vom Bremer Umweltinstitut zusammen. „In unserem Versuchsraum brauchten wir dazu Scheinwerfer, die Tag und Nacht 1000 Watt verbrauchen, also so viel Energie wie ein kleiner elektrischer Heizofen.“

 

Katalysatoren in Teppichen

Im Auftrag des ARD Ratgebers Bauen & Wohnen untersuchte das Eco-Labor Köln, wie viele Schadstoffe diese Teppiche selbst in die Raumluft abgeben. Da schneidet der Katalysator-Teppichboden nicht gut ab: „Bei unserer Untersuchung kam heraus“, so Hans-Ulrich Krieg, „dass der ausgerüstete Teppich im Vergleich mit dem nicht ausgerüsteten Teppich etwa die dreifache Menge an Schadstoffen in die Umgebungsluft abgibt. Desweiteren haben wir festgestellt: Je länger der Teppich sich in der Prüfkammer befindet, umso größer ist die Menge an Schadstoffen, die in die Atemluft abgege­ben werden. Von einem Abbau dieser Substanzen kann also nicht die Rede sein.“

Proaktives Pulver in

Holzfußböden

Dieses Pulver soll ebenfalls dem Abbau von Schadstoffen dienen (auf Aminosäurebasis, ähn­lich der Wirkung von Schafwolle); hier wurde die Funktionalität des Pulvers unter an­derem vom eco Institut Köln und von der LGA Nürnberg nachgewiesen. Seit Anfang 2008 bis heute (trotz mehrmaliger Anschreiben des Autors) konnte/wollte aber der Boden­hersteller die Prüfergebnisse/Berichte über die praktische Funktionalität in Par­kett- und Laminatböden im Einsatz in Räumen nicht vorlegen.

 

Natürliche Zeolithe in
Bauprodukten

Diese Zeolithe sind in der La­ge, Schadstoffe aus der Raumluft aufzunehmen – entsprechend ihrer Vielzahl im Pro­­­dukt ergibt sich daraus eine nachgewiesene positive Auswirkung auf die Raumluft. Optimal wirken diese Zeolithe in einem am Markt befindli­chen Putz „Rotkalk“, in dem sich Zeolithe in unerhört großer Menge vorfanden; die Funktionalität dieses Putzes wurde vom WKI Braunschweig in umfangreichen Untersuchun­gen nachgewiesen.

 

Folien

 

Unverständlicherweise wird heute nach wie vor von vereinzelten Beratern das Absperren mit Alu- oder auch PE-Folien empfohlen – eine Methode, von der aus zwei Gründen strikt abgeraten werden muss:

• eine hundertprozentige Ab­­sperrung eines ganzen Rau­mes (mit Durchlässen, Steckdosen, Schaltern usw.) wird technisch kaum dauer­haft möglich sein. Ein kleiner Riss würde bereits bewirken, dass die hinter der Folie angesammelte erhöhte Schadstoffkonzentration erneut in den Raum gelangt 
• aus baubiologischer Sicht ist der Aufenthalt in einem durchgehend diffusionsdichten Raum sicherlich nicht wünschenswert – wer möchte schon in einer Ther­mosflasche wohnen? Zudem ergibt sich dabei das Risiko von Schimmelbildung, da die Wände ja keinerlei Feuchtigkeit mehr aufnehmen können.

Ammoniak

Seit Jahren erfolgreich praktiziert wird die Formaldehydsanierung mit Ammoniak. Dabei wird durch Ammoniak das freie Formaldehyd gebunden – eine Langzeitsanierung ist so möglich. Die Nachteile dieser Methode sind der Ammoniakgeruch (bleibt einige Zeit erhalten) und das Risiko, dass sich helle Holzflächen unter Umständen verfärben können.

Formaldehydsanierung

mit Schafwolle

 

Gute Erfolge bei Sanierungen konnten mit Schafwolle erzielt werden. Schafwolle ist in der Lage, das Formal­dehyd dauerhaft katalytisch zu „zer­legen“: Es entstehen so in den Aminosäureketten der Wolle neue Vernetzungen – das Formaldehyd selbst „verschwindet“ dabei. Diese Funktionalität wurde über Jahre durch das deutsche Wollforschungsinstitut in Aachen und das eco Institut Köln untersucht, nachgewiesen und inzwischen in zahlreichen Sanierungsfällen erfolgreich eingesetzt.

Grundsätzlich ist Schafwolle, sofern sie gründlich entfettet und nicht nachträglich durch Beschichtungen (zum Beispiel für Brandschutz oder Insektenschutz) wieder dicht gemacht wurde, zum Abbau von Formaldehyd geeignet. Wichtig ist dabei die Verwendung eines gesundheitlich unbedenklichen Mottenschutzmittels (keine Pyrethroide). Optimal bewährt hat sich ein besonderes Schafwollevlies (möglichst kompakt verfilzt und vernadelt) welches mit 1 bis 4 mm Dicke optimal verarbeitet werden kann.

 

Totalsanierung

Mit diesem Vlies werden die emittierenden Flächen fugendicht (optimal überlappend) bedeckt. Hierzu wird das Vlies zunächst provisorisch angetackert und die Flächen anschlie­ßend mit Gipskarton- oder Gipsfaserplatten verkleidet. Auf diese Weise bleibt zwar eine diffusionsoffene Wandkonstruktion erhalten, Formaldehyd landet aber auf dem Weg in den Innenraum unweigerlich im Schafwollevlies und wird dort umgewandelt.

Die immense Anzahl bindungs­fähiger Aminosäureketten garantiert hier eine Funktionalität von mindestens 20 Jahren und somit eine hohe Nachhaltigkeit der Sanierung.

Auf diese Weise konnten zahlreiche Schulen und Kindergärten, aber auch Fertighäuser älterer Generation dauerhaft saniert werden. Die langlebige Funktionalität wurde unter anderem durch das eco Institut Köln nachgewiesen, das im ersten derart sanierten Kindergarten im Raum Köln (1999) über Jahre hinweg regelmäßig Nachmessungen durchführte.

Raumluftoptimierung

Wenn eine solche Totalbeschichtung der emittierenden Flächen nicht möglich ist (beispielsweise im Fußboden), besteht auch die Möglichkeit, über abgehängte Decken mit gelochten Deckenelementen die Konvektion im Raum auszunutzen, um belastete Luft über diese Konvektion durch die auf den gelochten Platten aufgelegte Schafwolle „durchzuleiten“ und damit zu reinigen. Auf diese Weise konnte bereits 2002 in Wien eine Musikschule entsprechend saniert werden. Diese Methode kann aber auch präventiv im Neubau, vor allem in Räumen mit hohen nachträglich zu erwartenden Schadstoffbelastungen (beispielsweise durch Bürogeräte) eingesetzt werden. Dies erfolgte beispielsweise 2002 in Leverkusen in einem nach strengen Grundsätzen der Wohngesundheit (Einsatz nur geprüfter Bauprodukte) errichteten Gewerbe-/Bürogebäude („Gesundheitshaus Le­ver­kusen“). Hier wurden insgesamt 7000 Quadratmeter Schafwollvlies für diesen präventiven Zweck unter der Decke angebracht.

Zusammenfassung

 

Für Sanierungen, bei denen ein Entfernen der emittierenden Produkte nicht möglich ist, haben sich die Ammoniakbegasung und vor allem der Einsatz von Schafwolle als erfolgreich erwiesen.

Wichtig ist bei allen Sanierungsarbeiten aber auch die Betrachtung der anschließend eingebrachten Bauprodukte (Farben, Fußböden, Wand-oberflächen), um nicht erneut schadstoffemittierende Produkte ins Haus zu holen. Daher ist es empfehlenswert, grundsätzlich bei allen Bauvorhaben ausschließlich auf entsprechend emissionsgeprüfte Produkte zurückzugrei­fen. Besonders konsequente Kriterien setzt dabei das internationale Baustoff-Gütezeichen „natureplus“ an.

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