Umbau und Sanierung des Ostflügels im Kloster Wedinghausen in Arnsberg

Fast alle Teile des Klosters Wedinghausen sind bereits saniert und umgebaut. Nun ist der älteste Abschnitt der Anlage, der Ostflügel dran. Das Besondere: Er erhält nach ausführlicher Untersuchung, ­Sanierung und Umbau seine ursprüngliche Nutzung als Kloster zurück.

Im 12. und 13. Jahrhunderte wurden in Deutschland die meisten Klöster gegründet. So auch das Kloster Wedinghausen in Arnsberg, das um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstand. Nach dem Niedergang des Klosters im 15. und 16. Jahrhundert begann um die Mitte des 17. Jahrhunderts eine Blütezeit, die mit gleichermaßen voluminösen wie barocken baulichen Veränderungen einherging. Ab 1803 war in Folge der Säkularisierung auch in Arnsberg das Klosterleben erst einmal zu Ende.

Ältester Teil des Klosters wird in Angriff genommen

Die neuere Bautätigkeit beginnt im Kloster erst wieder in diesem Jahrtausend: 2004 ist die Umgestaltung des Westflügels für das Stadt- und Landständearchiv und für eine historische Ausstellung abgeschlossen, 2006 die Restaurierung der alten Klosterbibliothek, und seit 2007 hat der Klos­te­r­innenhof ein modernes Lichthaus aus Glas, das sich an der Stelle befindet, wo einmal der Südflügel stand, der Ende des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde. Allen Neu- und Umbauten ist der hohe gestalterische Anspruch gleich: Altes wird erhalten und Neues setzt sich in Form und Materialität wohltuend davon ab.

Umso gespannter waren wir von der Redaktion der bauhandwerk auf das, was sich zurzeit im Ostflügel des Klosters tut, zumal dieser einerseits die letzte Etappe auf dem Weg der Klostersanierung ist und er andererseits zu den ältesten Teilen der Anlage gehört. Hier soll angeblich schon 1124 Graf Friedrich der Streitbare von Arnsberg in einer vorklösterlichen Kapelle bestattet worden sein, also noch bevor das Kloster selbst entstand. Anfang März sind wir auf  Einladung der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, dem Fachamt des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, nach Arnsberg gefahren, um uns mit eigenen Augen vom Stand der Arbeiten im Ostflügel zu überzeugen.

Umbau für eine klösterliche Nutzung

Der Ostflügel des Klosters wird zurzeit für die katholische Gemeinschaft Shalom umgebaut und in Zusammenarbeit mit den Baudenkmalpflegern des LWL untersucht, saniert und restauriert. Die Umnutzungsplanung liegt in den Händen des Architekten Dirk Boländer vom Büro soan architekten, das im Umgang mit sakralen Bauten, sowohl was den Neubau als auch die Sanierung und den Umbau anbelangt, große Erfahrung hat. Grundlage für dessen Planung war ein verformungsgerechtes Aufmaß des Kölner Ingenieurbüros Fitzek/Pancini.

Aus dem einstigen Kloster wird also wieder ein Kloster, denn in den nach der Säkularisierung als Lehrerwohnungen genutzten Ostflügel werden wieder Laienmönche und Laiennonnen einziehen, diesmal die der in Brasilien gegründeten charismatischen Glaubensgemeinschaft Shalom. Dirk Boländer hat gemeinsam mit seinen Kollegen für die künftigen Nutzer eine puristisch asketische Raumausstattung entworfen, die schlicht, reduziert und funktional deren spirituell geprägten Tagesablauf unterstützt.

Aufgrund der aktuellen Baustellensituation konnten wir nun einen „Blick hinter die Kulissen“ werfen und uns von LWL-Experten die Ergebnisse der Bauforschung sowie die darauf aufbauende denkmalgerechte Neuplanung und deren Umsetzung erklären lassen.

Entdeckungen im Erdgeschoss

Bei der gemeinsamen Besichtigung mit den Fachleuten fällt im Ostflügel zunächst auf, dass der Kreuzgang zum Innenhof hin noch immer die ursprünglichen Rundbögen besitzt. Der Kreuzgang war wahrscheinlich dem Gebäude mit eigenem Dach vorgelagert, denn vor der heutigen Giebelwand der Kirche befindet sich im Dachraum des Ostflügels eine kleinere, nach Osten versetzte Giebelwand, die sich offenbar nur auf die Wände des Ostflügels ohne den Kreuzgang bezieht. An den Wänden und Gewölben des Kreuzgangs fallen uns sofort die Rötelzeichnungen auf. Peter Barthold von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen erklärt uns, dass diese Malereien aus dem 13. Jahrhundert stammten und dass man sie um 1960 herum entdeckt hätte.

Im direkten Anschluss an die Kirche befindet sich im Ostflügel die Sakristei. Nach Süden schließt sich der ehemalige Kapitelsaal an, den wir vom Kreuzgang aus durch ein doppelbögiges Säulenportal betreten. Schaut man im Kapitelsaal nach oben, sieht man noch die mit barockem Stuck verzierten Deckenbalken.

Neben dem Kapitelsaal befand sich im Mittelalter wohl das Skriptorium, die Klosterschreibstube, die man noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts als „Studierstube“ nutzte. In den 1960er Jahren vereinte man durch den Abbruch der Zwischenwand beide Räume, um einen Gemeindesaal mit Bühne zu schaffen. Letztere wird im Zuge der Umbau- und Sanierungsarbeiten abgebrochen. Blickt man in diesem Teil des Erdgeschosses auf den aufgegrabenen Fußboden, fallen Rinnen im Sand des gewachsenen Bodens auf. Dr. Otfried Ellger von der LWL-Archäologie für Westfalen erklärt uns, dass darin früher einmal die Balken eines Dielenbodens lagen. Überhaupt hat der Fußbodenaufbau hier einige Metamorphosen hinter sich: Zeitlich vor dem Dielenboden muss es einen vom Keller aus beheizten Fußboden gegeben haben. Zumindest fanden die Archäologen unter diesem Gebäudeteil sehr niedrige Räume mit Zugang von außen und obendrein rußgeschwärzten Wänden, bei denen es sich um eine von außen befeuerte Heizung handeln gehandelt haben muss. „Das war eine Art mittelalterliche Zentralheizung“, meint Dr. Otfried Ellger. Endgültig nachgewiesen ist das aber noch nicht. Die Fußböden, die zeitlich nach dem Dielenboden entstanden sind, waren so genannte Picksteinböden. Zumindest hat man unter einem morschen Balken Reste solcher aus schmalen abgerundeten Flusskieselsteinen zusammengesetzten Fußbodenflächen gefunden.

Umbau im Obergeschoss

An den Kapitelsaal ließ Graf Konrad von Arnsberg-Rietberg schon 1274 die Grafenkapelle anbauen, die Mitte des 17. Jahrhunderts in Fachwerkbauweise aufgestockt wurde. In dieser Zeit wurde auch das gesamte als Dormitorium, also als Schlafsaal für die Mönche, genutzte Obergeschoss des Ostflügels in Fachwerkbauweise umgebaut und erweitert. Dazu gehörte auch eine kleinteilige Untergliederung des ursprünglichen Schlafsaals mit leichten Innenwänden in einzelne Mönchszellen, die nach der Säkularisierung, also nach 1803 eine Fortsetzung im Umbau zur Nutzung als Lehrerwohnungen fand. Fensteröffnungen wurden angepasst, Fachwerkständer versetzt usw. Entsprechend viele Veränderungen lassen sich heute am freigelegten Fachwerk ablesen und natürlich auch die Ergebnisse der statischen Ertüchtigung in Form von Hakenblättern und weiterer zimmermannsmäßiger  Reparaturverbindungen in der alten Holzkonstruktion. „Mit den Zimmerleuten sind wir sehr gut zurecht gekommen“, meint Peter Barthold. Was die Rahmenbedingungen für die Reparaturmöglichkeiten der Zimmerleute anbelangt meint Barthold weiter: „Heute hat man nicht mehr die Eichen im Angebot, die es früher einmal gab, aus denen man sich das Beste rausschneiden konnte. Heute müssen die Handwerker das nehmen, was da ist beziehungsweise was ausgeschrieben wurde. Da muss man eben mit Rissen im Holz leben.“

Raum voller Zeitspuren

Besonders interessant wird es für die Bauforschung und Denkmalpflege immer dann, wenn unterschiedliche Bauteile und Bauzeiten aufeinander treffen. In der Übergangszone vom Ostflügel zur Kirche gibt es im Obergeschoss einen Raum, der besonders viele Spuren aus ganz unterschiedlichen Zeiten in sich vereint. „Man kann immer dort besonders gut Vorzustände sehen, wo unterschiedliche Bauteile aneinander stoßen“, erklärt uns daher auch Dr. Knut Stegmann von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen. In diesem Raum gibt es ein Stück Spitzbogengewölbe, das sich bis ins Erdgeschoss fortsetzt, so dass es in diesem Teil des Ostflügels einen zweigeschossigen Raum gegeben haben könnte. Die Bauforscher haben eine ehemalige Türöffnung gefunden, die einst in die Kirche führte und in der Fassade die Stelle, wo sich einmal ein Aborterker befunden haben muss. Seine Lage soll als Öffnung in der Fachwerkfassade sichtbar gemacht werden, auch wenn diese aus der Fensterachse schräg nach unten rutscht und obendrein ein Ständer darin sichtbar sein wird. „Es gibt eben nicht den rein mittelalterlichen Bau, sondern mehrere Zeitschichten, die sich im Gebäude ablesen lassen“, meint Dr. Knut Stegmann.

Dieser für die Bauforschung und Denkmalpflege besonders wichtige Raum wird der Versammlungsraum der Glaubensgemeinschaft Shalom werden, deren Mitglieder sich dann auf Fußbodenbohlen treffen, auf denen schon ihre „Vorgänger“ aus dem Orden der Prämonstratenser gebetet haben. Wir jedenfalls sind sehr gespannt, wie der Ostflügel nach Abschluss der Umbau- und Sanierungsarbeiten im kommenden Jahr aussehen wird und werden dem Kloster Wedinghausen erneut einen Besuch abstatten.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

„Man kann immer dort besonders gut Vorzustände sehen, wo unter­schiedliche Bauteile aneinander stoßen“