Alles andere als zu schwach - Wie Frauen typische Männerberufe der Baubranche lernen

Drei Frauen erlernen typische Männerberufe: eine Stahlbetonbauerin, Zimmerin und Fliesenlegerin erzählen

Viele Berufe am Bau werden von Männern ausgeübt: Stahlbetonbauer, Zimmerer oder Fliesenleger. Aber es gibt Ausnahmen. Wir haben drei junge Frauen besucht, die solche „Männerberufe“ erlernen. Wir wollten wissen, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sind, ob sie Vorurteile erleben und wie sie sich auf der Baustelle durchsetzen.

Kimberley Sander, Sarah Hübel und Alessa Wallacher lernen Berufe, die Frauen eher selten ergreifen: Stahlbetonbauerin, Fliesenlegerin und Zimmerin. Wir haben die drei am Handwerksbildungszentrum in  Bielefeld-Brackwede besucht.

Kimberley Sander hat helle Augen, rot gefärbte Haare und einen festen Händedruck: Die 20-jährige ist im ersten Jahr ihrer Ausbildung zur Stahlbetonbauerin. Vor einem Jahr hat sie Abitur gemacht und wollte dann Wirtschaftspsychologie studieren. Den gewünschten Studienplatz bekam sie aber nicht, eine Alternative musste her. Sie erinnerte sich an ein Schulpraktikum am Handwerksbildungszentrum (HBZ) Brackwede. Im Praktikum hatte sie in den Werkstätten der Fliesenleger und Stahlbetonbauer mitgearbeitet. „Außerdem war ich schon für zwei Wochen auf Baufreizeit in Rumänien“, sagt sie. Die handwerkliche Arbeit hatte ihr gefallen. Also suchte sie einen Ausbildungsplatz als Stahlbetonbauerin, auch wenn sie nicht ewig auf dem Bau arbeiten möchte. Markus Ortmann, Maurer- und Betonbauermeister am HBZ Brackwede, hilft ihr, einen Ausbildungsplatz zu finden. Er emfpiehlt ihr den Betrieb Massivbau Schröder GmbH & Co. KG in Gütersloh. Dort stellt sich Kimberley vor und macht eine Woche Praktikum. Aus ihrem Jahrgang sei sie nicht die einzige, die eine handwerkliche Ausbildung mache. „Ganz viele von meinen ehemaligen Mitschülern arbeiten trotz Abitur im Handwerk. Manche studieren auch, viele haben aber ihr Studium abgebrochen“, sagt Kimberley. Sie hat eine eigene Wohnung, dabei verdient sie im ersten Lehrjahr gerade mal 700 Euro im Monat. Wie sie die Wohnung finanziert? „Kindergeld und Halbwaisenrente. Außerdem kenne ich den Vermieter gut“, sagt sie selbstbewusst.

Kimberley ist eine von wenigen Frauen in Deutschland, die den Beruf Stahlbetonbauerin erlernt. Der Anteil an Frauen, die in diesem Gewerk eine Lehre machen, lag 2015 bei nur 2,9 Prozent. Das geht aus einem Hintergrundpapier des Bundesinstituts für Berufsbildung von 2016 hervor. In der Betonbauer-Werkstatt des HBZ Brackwede wird deutlich, dass Stahlbetonbauer ein männlich besetzter Ausbildungsberuf ist: Bei unserem Besuch ist Kimberley die einzige Frau unter etwa 15 jungen Männern in der Werkstatt.

Die Chefin ist überzeugt, aber der Chef hat Zweifel

Beim Vorstellungsgespräch bei der Massivbau Schröder GmbH & Co. KG muss Kimberley den Chef zunächst von sich überzeugen. „Die Chefin war sofort von mir begeistert, eine Frau als Auszubildende, das hat ihr gefallen“, sagt Kimberly. Als ihre zukünftige Chefin fragt, ob sie sich auf der Baustelle denn auch durchsetzen könne, verweist Kimberley auf ihr Hobby: Karate. Sie ist sogar Trainerin und bringt anderen jungen Leuten den Kampfsport bei. „Das hat gereicht, um meine Chefin zu überzeugen. Meinen Chef aber noch nicht“, sagt die Auszubildende.

In einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung von 2014 heißt es, dass es von betrieblicher Seite aus immer noch Vorbehalte gegenüber Frauen in „Männerberufen“ gebe.

Markus Ortmann hilft dabei, diese Vorbehalte abzubauen. Er spricht mit dem Betriebsinhaber Oliver Schröder, um ihn von Kimberley als Auszubildende zu überzeugen. „Inhaber von Handwerksbetrieben möchten etwa wissen, ob sie eine Damentoilette brauchen, wenn sie einen weiblichen Azubi einstellen“, sagt Markus Ortmann. In der Arbeitsstättenverordnung ist das klar geregelt. Arbeiten mehr als sechs Mitarbeiter im Betrieb und darunter eine Frau, muss es eine eigene Damentoilette geben.

Liegt die Toilette aber separat von den Umkleiden, also man muss nicht durch die Umkleide gehen, um zur Toilette zu kommen, ist die Lage anders. Dann ist erst ab  10 Beschäftigten eine eigene Toilette für Damen nötig.

Bei der Massivbau Schröder GmbH & Co. KG hat man die Situation so gelöst: Es gibt eine abschließbare Toilette für beide Geschlechter. An der Tür sind zwei Symbole, ein Mann und eine Frau, aufgeklebt. Eine so genannte „Unisex“-Toilette.

Von der Installateurin zur Fliesenlegerin

Sarah Hübel ist die zweite weibliche Auszubildende am HBZ Brackwede, die einen klassischen Männerberuf lernt. Sie trägt eher saubere Arbeitskleidung, kaum Staub oder Dreck sind darauf zu sehen: grauer Pullover, Jeans, eine schwarz umrandete Brille, die Haare hat sie zum Pferdeschwanz gebunden. So könnte sie auch in einem Büro arbeiten. Sarah Hübel ist 24 und lernt den Beruf Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerin in Herford. Ursprünglich hatte sie eine Ausbildung zur Gas-Wasser-Installateurin gemacht. „Nach einem Arbeitsunfall bin ich aber in den Verkauf eines Großhandels gewechselt“, sagt sie. Dort hat sie dann ihren Freund kennengelernt, einen Installations- und Heizungsbaumeister. Als sie hört, dass der Vater ihres Freundes einen Mitarbeiter für seinen Betrieb sucht, bewirbt sie sich. Nach zwei Wochen Praktikum wird sie als Auszubildende eingestellt.

Ihr Vater ist ebenfalls Heizungsbaumeister und unterstützt sie bei der Ausbildung. „Manchmal lernen wir auch zusammen“, sagt Sarah.


Die Zimmerin, die Trockenbau macht


Alessa Wallacher ist 21 und erlernt ebenfalls einen stark männlich dominierten Beruf: Sie wird Zimmerin. Alessa hat leuchtend rote Haare, ihre Arbeitsschuhe, die Hose und die Jacke sind mit weißen Gipsflecken bedeckt. Statt mit Holz beschäftigt sich die angehende Zimmerin momentan mit Gips und Trockenbauplatten. Sowohl im Ausbildungsbetrieb in Halle als auch am Handwerksbildungszentrum steht Trockenbau für sie auf dem Programm. „Es gibt Schöneres“, sagt Alessa, „aber im Moment ist es eben so.“

Hilfe beim Berufsstart

Trotzdem mag sie ihren Beruf, auch wenn es nicht immer um Holz geht. Sie erzählt, wie sie dazu gekommen ist: „Mein Freund und mein bester Freund sind Zimmerer. Die beiden haben oft von ihrer Arbeit erzählt und zuhause haben wir früher viel handwerklich gearbeitet“, sagt sie. Ihren Ausbildungsplatz hat sie über das Projekt „Berufsstart Bau“ gefunden. Mit dem Projekt hilft das HBZ Brackwede jungen Menschen, einen Ausbildungsplatz zu finden. Auch in anderen deutschen Ausbildungsstätten gibt es das Projekt (im Infokasten auf Seite 64 lesen Sie mehr darüber). Die Betreuer des Handwerksbildungszentrums bringen Betriebe und künftige Azubis zusammen. Vor der Ausbildung steht ein Vorpraktikum, damit sich beide Seiten kennenlernen. „Eine Betreuerin vom HBZ Brackwede hat für mich den Betrieb in Halle herausgesucht und das Vorstellungsgespräch ausgemacht“, erzählt Alessa. Dass sie eine Frau ist, war im Vorstellungsgespräch gar kein Thema. Wichtiger für den Chef war, dass Alessa zeigte, dass sie für eine Ausbildung zur Zimmerin geeignet ist. Das gelingt ihr und nach dem Vorpraktikum bekommt sie eine Zusage. Ihre Freunde und Familie fanden das erst nicht so gut. „Sie haben gedacht, dass ich nach drei Wochen keinen Bock mehr hätte und das nicht schaffen würde. Auch mein Vater hat daran gezweifelt, ob Zimmerin das richtige für mich wäre. Aber inzwischen ist er stolz auf mich“, sagt Alessa.

Wissen, wovon man spricht – gerade als Frau

Nicht nur Alessas Vater hatte Zweifel. Auch der Vater von Kimberley Sander zweifelte, ob der Beruf Stahlbetonbauerin das richtige für seine Tochter sei. Von den Zweifeln der Freunde oder der Familie haben sich weder Alessa noch Kimberley von ihrem Weg abbringen lassen. „Außerdem will ich nicht mein Leben lang auf dem Bau arbeiten, sondern nach der Ausbildung studieren“, sagt Kimberley.

Was, das weiß sie schon ziemlich genau: Bauingenieurwesen. Warum sie nicht sofort nach dem Abitur ein Studium angefangen hat, erklärt sie so: „Mir ist es wichtig, Fachkenntnis aus der Praxis und nicht nur aus der Theorie zu haben. Denn wenn ich später den Leuten sagen soll, was sie zu tun haben, muss ich wissen, wovon ich spreche – gerade als Frau!“ Dass es auf dem Bau ab und zu dumme Sprüche gegenüber Frauen gebe, sei normal, sagt Kimberley Sander – ob nun in der Schule oder auf der Baustelle. „Da muss man einfach nur kontern, dann geht das schon“, sagt sie.

Auch Sarah Hübel und Alessa Wallacher lassen sich auf der Baustelle nichts gefallen. „Ich höre manchmal schon Sprüche in der Art, mein Platz wäre in der Küche“, sagt Alessa, „das darf man aber nicht zu ernst nehmen.“ Die angehende Zimmerin hat eine Tochter, drei Jahre alt. Alessas Eltern unterstützen sie, bringen das Kind morgens in den Kindergarten und holen es nachmittags wieder ab. „Das Bringen und Abholen würde ich neben der Arbeit nicht schaffen“, sagt Alessa, „da bin ich meinen Eltern sehr dankbar.“

Das Baustellenklo muss sauber sein

Ein weiteres Vorurteil: Frauen wären zu schwach für die Arbeit auf der Baustelle. Das kann Kimberley Sander nicht bestätigen: „Es gibt heutzutage auf der Baustelle viele Maschinen, die die Arbeit erleichtern. Und ganz schwere Dinge trägt man zu zweit.“

Das Thema Sauberkeit ist für die drei Auszubildenden wichtig. „Ich finde es wichtig, dass das Dixi-Klo auf der Baustelle sauber ist“, sagt Kimberley, „da musste ich aber am Anfang erst mal eine Ansage machen.“ Ihre Ansage unterstützt Kimberley mit einem Desinfektionsspray.

Damit sprüht sie auf einer Baustelle das Dixi-Klo von innen ein. „Meine Kollegen fanden den Geruch nicht so toll. Da habe ich ihnen gesagt, dass sie mal besser die Toilettentüre zum Lüften auflassen sollen“, sagt Kimberley. Jetzt stellen ihre Kollegen im Hochsommer einen Stuhl in die Tür, damit die Toilette  auslüften kann.

Männer vernünftiger, wenn eine Frau dabei ist

Generell seien Männer aber vernünftiger, wenn eine Frau mit auf der Baustelle sei, meint Kimberley. „Als ich in meinem Betrieb angefangen habe, haben sich die Männer mit dem Fluchen zurückgehalten. Bis sie gemerkt haben, dass ich genauso fluche“, sagt sie. Alessa Wallacher hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie beschreibt es so: „Als Frau wirst du auf der Baustelle immer gebuttert und auf Händen getragen.“

Die drei jungen Frauen sind in ihren Ausbildungsberufen die Ausnahme von der Regel. Probleme scheinen sie in ihrem Berufsalltag dadurch aber kaum zu haben. Im Gegenteil: Kimberley Sander wird bei unserem Besuch in den Werkstätten des HBZ Brackwede mehrmals von anderen Azubis um Rat gefragt. Auch Alessa Wallacher und Sarah Hübel scheinen sich auf der Baustelle durchsetzen zu können. Bei unserem Besuch sprechen wir sie auf den Weltfrauentag an, der eine Woche zuvor stattfand. Überraschenderweise kennt keine der drei jungen Frauen den Weltfrauentag, der  ja für die Emanzipation und die Gleichberechtigung von Frauen steht. Der Weltfrauentag ist inzwischen auch über 100 Jahre alt. Früher durften Frauen noch nicht in allen Berufen arbeiten. Heute sind Frauen in „Männerberufen“ normal, aber die Ausnahme. Eine Betreuerin des Handwerksbildungszentrums sagt uns zum Abschluss unseres Besuchs: „Es wäre schön, wenn wir hier mehr weibliche Azubis hätten.“

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau in Gütersloh.



"Berufsstart Bau" - Diese Ausbildungsstätten nehmen teil

Seit 2013 arbeiten in dem Projekt „Berufsstart Bau“ überbetriebliche Ausbildungsstätten mit Betrieben vor Ort zusammen. Ziel des Projekts ist es, junge Leute ohne Ausbildung und Betriebe aus dem Bau-Bereich zusammen zu bringen. In einem mindestens sechsmonatigen Praktikum lernen sich Betriebe und zukünftige Azubis zunächst kennen. Das Praktikum nennt sich „Einstiegsqualifizierung“. Stützlehrer, pädagogische Fachkräfte und die Ausbilder der überbetrieblichen Ausbildungsstätten unterstützen die jungen Leute bei dieser Maßnahme. Der Förderzeitraum für das Projekt wurde bis zum 31.8.2017 erweitert. Konkrete Fragen zu einzelnen Maßnahmen beantworten die überbetrieblichen Ausbildungsstätten, die am Projekt „Berufsstart Bau“ teilnehmen. Eine Übersicht der Ausbildungsstätten finden Sie hier: