Wohnen am Schwarzwaldstrand: Wohnhaus mit Massiv-Holz-Mauern

In Bad Herrenalb im Nordschwarzwald ist ein Wohnhaus mit Wänden aus so genannten „Massiv-Holz-Mauern“ entstanden. Sieben Lagen Nadelholzbretter stecken in den Wänden. Die Wände sind kreuzlagig geschichtet und werden, ganz ohne Leim, von Aluminiumrillenstiften zusammengehalten.

Die Stadt Bad Herrenalb im Nordschwarzwald ist in diesem Jahr regelrecht aufgeblüht: Von Mai bis September fand hier die kleine baden-württembergische Landesgartenschau statt. Pünktlich zur Gartenschau eröffnete das „Haus Schwarzwaldstrand“ auf einem Grundstück am Rande der Stadt, direkt am Ufer des Flusses Alb. Drei Mietwohnungen gibt es in dem Haus, zwei im Erdgeschoss, eine auf dem Dach, jede der Wohnungen ist 75 m² groß. In den Wänden des Hauses, so genannten „Massiv-Holz-Mauern“, stecken sieben Lagen miteinander verpresster und mit Aluminiumrillenstiften vernagelter Nadelholzbretter. Die Decken hingegen sind anders gebaut, sie bestehen aus „Profil-Holz-Elementen“ in Brettstapelbauweise.

Die Bauherren und Vermieter, Sebastian Graubner und Lucie Moormann, wohnen direkt gegenüber. „Als wir gehört haben, dass das Grundstück verkauft wird, haben wir zugeschlagen“, sagt Lucie Moormann, „denn wir wollten uns die Aussicht nicht verbauen lassen.“ Wie die beiden auf den Namen Schwarzwaldstrand kamen, erklärt Sebastian Graubner: „Der Name vereint zwei Gegensätze, die eigentlich nicht zueinander passen: Schwarzwald und Strand, dadurch erzeugt er Aufmerksamkeit und macht neugierig. Außerdem haben wir im Garten Sand aufschütten lassen, eine Treppe führt hinab zum Fluss. Wir haben hier also wirklich einen kleinen Sandstrand.“

Vorfertigung von Wänden und Decken

Im September 2016 wurde die 30 cm dicke Bodenplatte für das Haus gegossen. Vier Monate später lieferte die Firma HolzinForm GmbH aus Rothenkirchen (Sachsen) die vorgefertigten „MHM“-Wände. Die Firma produziert Holzbauteile für Baufirmen oder Zimmereien. Für das „Haus Schwarzwaldstrand“ hat sie alle Wände und Decken vorgefertigt. Die Handwerker der Firma Seidel-Bau montierten die Elemente vor Ort. Die „Massiv-Holz-Mauern“ kamen schon vorgefertigt Türen- und Fensterausschnitten auf die Baustelle. Auch die Fräsungen und Löcher für Kabel und Rohre entstanden in der Vorfertigung. Die nummerierten Bauteile mussten nur noch in der richtigen Reihenfolge aufgestellt werden.

Die Elemente wurden in einer Dicke von 16 cm auf Maschinen der MHM-Entwicklungs-GmbH produziert, einer Tochterfirma der Hans Hundegger AG. Zur Anlage gehört ein Falzautomat, der verschieden breite Bretter aufnimmt und auf die gleiche Dicke bringt. Danach werden die Bretter, Lage für Lage, kreuzweise übereinandergestapelt und mit Aluminiumrillenstiften vernagelt. Der Falzautomat fräst außerdem Rillen in die Bretter, so verringert sich die Kontaktfläche der Lagen untereinander. Durch diese zusätzlichen Luftpolster zwischen den Brettern verbessert sich der Wärmedämmwert der „Massiv-Holz-Mauern“.

Hohe Wärmespeicherkapazität und Sorptionsfähigkeit

Die „MHM“-Elemente haben, bedingt durch ihre Masse, eine hohe Wärmespeicherkapazität und gute Auskühlwerte. Im Sommer dauert es lange, bis die Wärme die einzelnen Brettschichten durchdrungen hat. Nachts geben die Wände die Wärme nach außen ab. Durch die Sorptionsfähigkeit des Holzes sind sie in der Lage, Räumen mit hoher Luftfeuchtigkeit einen Teil der Luftfeuchte zu entziehen, zu speichern und wieder abzugeben.

Schrauben statt Schwerlastanker

Ein Kran hob die Innen- und Außenwände auf der Baustelle ein und platzierte sie auf der Bodenplatte, die mit Bitumenbahnen abgedichtet ist. Die Außenwände montierten die Zimmerleute auf Holzschwellen. Für die Befestigung der Schwellen im Boden verwendeten sie „Multi-Monti“-Schrauben von Heco. Olaf Seidel, Projektleiter bei der HolzinForm GmbH, sagt: „Wir haben diese Schrauben statt Schwerlastankern benutzt, weil die Anker sich im Beton spreizen. Den Spreizdruck im Beton wollten wir vermeiden, weil er zu Betonabplatzungen führen kann.“ Untereinander verschraubten die Zimmerleute die Holzwände. Die Schraubenlöcher verschlossen sie später mit Querholzzapfen, um ein gleichmäßiges Oberflächenbild zu erhalten.

Ein „Bastelobjekt“ für den Holzbaubetrieb

Die Oberfläche der Wände sollte auf Wunsch der Bauherren Industriequalität haben, aber dennoch hochwertig sein. „Solche Projekte bezeichne ich gern als Bastelobjekte“, sagt Projektleiter Olaf Seidel. Normalerweise kommen sägeraue Seitenwarebretter aus einheimischem Fichte- oder Kiefernholz für die „Massiv-Holz-Mauern“ zum Einsatz. In diesem Fall wählte man aber für die letzte, sichtbare Lage der Elemente ausgesuchte Bretter mit gleichmäßiger Oberfläche. „Um die Bretter für die Wände zu stapeln und zu vernageln, haben wir beim Fräsen und Hobeln eine geringe Vorschubgeschwindigkeit gewählt und Bohrungen besonders sauber gesetzt – wir mussten also besonders gut aufpassen“, sagt Olaf Seidel.

Holzwände erfüllen Brandschutz nach REI90

Die „Massiv-Holz-Mauern“ erfüllen den Brandschutz nach REI90, sie halten also 90 Minuten lang einem Brand stand, bevor sie ihre Tragfähigkeit verlieren. Die Decken des Hauses bestehen aus „Profil-Holz-Elementen“ („PHE“) aus aneinander gereihten Nadelholzbrettern. Auf den Decken verlegten die Holzbauer auf der Baustelle OSB-Platten und 3-Schicht-Platten als aussteifende Beplankung.

Diffusionsoffene Unterdeckbahn und Dämmung

Um für eine luftdichte Ebene zu sorgen und um während der Bauzeit einen temporären Wetterschutz für die Holz-Außenwände zu haben, verlegte man von außen diffusionsoffene Unterdeckbahnen „Ampatop Aero“ vom Hersteller Ampack über den Wänden.

Normalerweise ist die „Massiv-Holz-Mauer“ in der Lage, die Luft-/Winddichtheit nach DIN 4108 herzustellen. Nur für Gebäude, bei denen eine höhere Luft-/Winddichtheit gefordert ist, so wie in diesem Fall, sind weitere Maßnahmen nötig. Da der Wärmedämmwert der 16 cm dicken „Massiv-Holz-Mauern“ („MHM“) allein nicht ausreichte, montierten die Handwerker an der Fassade zusätzlich „Multitherm“-Holzweichfaserdämmplatten (Hersteller Best Wood Schneider). Darauf verschraubten sie eine Latten-Unterkonstruktion und anschließend eine Lärchenholz-Stülpschalung.

Zeitintensiv: Abschleifen und Streichen

Nach dem Einbau wurden die Innenwände auf der Baustelle von einem Malerbetrieb abgeschliffen und gestrichen. Nach dem sehr zeitintensiven Schleifen der Wände verpasste man ihnen einen Anstrich, die Maler strichen sie mit Universalllauge der Firma Faxe, um einer Vergilbung vorzubeugen. Sogar im Bad wurden die Holzwände als sichtbare Oberflächen belassen, nur nicht in der Dusche. „Hier haben wir die obere Brettlage der Wandelemente herausnehmen lassen, dafür haben wir Rigipsplatten an der Wand montiert und darauf Fliesen verlegt“, sagt Sebastian Graubner.

Solaranlage auf dem Dach

Das Haus ist als Plusenergiehaus konzipiert, es soll also rechnerisch mehr Energie erzeugen, als verbraucht wird. Möglich machen das unter anderem Solarzellen auf dem Dach. Sowohl die beiden Wohnungen im Erdgeschoss als auch das Apartment im Obergeschoss haben einen Zugang zum Garten und zum Fluss. Zur oberen Wohnung führt eine Außentreppe. „Man spürt das Holz, wenn man in den Wohnungen ist“, sagt Lucie Moormann, „und die dicken Wände schirmen den Lärm von außen ab.“

Mehr Infos über das „Haus Schwarzwaldstrand“ finden Sie online unter www.schwarzwaldstrand.de.

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften dach+holzbau und bauhandwerk in Gütersloh.

Bautafel (Auswahl)

Objekt Bau des „Haus Schwarzwaldstrand“ mit drei Mietwohnungen mit „Massiv-Holz-Mauern“ und „Profil-Holz-Elementen“, 76332 Bad Herrenalb

Architekt Marc Oei, Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, 70176 Stuttgart, www.archlro.de

Bauleitung Architekt Markus Hafner, hmb Ingenieure, 76135 Karlsruhe, www.hmb-ingenieure.eu

Bauherren Sebastian Graubner, Lucie Moormann, 76332 Bad Herrenalb 

Vorfertigung HolzinForm GmbH, 08327 Rothenkirchen, www.holzinform-gmbh.de

Montage Seidel-Bau GmbH, 08327 Steinberg,

www.seidel-bau.homepage.t-online.de

Bauzeit 9/2016 – 5/2017