Dämmen gegen den zukünftigen Fluglärm des BER: Dachsanierungen in Berlin-Blankenfelde

Auch wenn der Flughafen Berlin-Brandenburg noch lange nicht fertig ist: Die Bewohner einer Siedlung in Berlin-Blankenfelde wappnen sich gegen den zu erwartenden Fluglärm. Dachdeckermeister Hartmut Quappe ist mit seinem Team im Dauereinsatz, bisher haben sie die Dächer von über 50 Häusern saniert.

Das Wichtigste in Kürze:

- viele Hausbesitzer der Gagfah-Siedlung in Berlin-Blankenfelde lassen ihre Hausdächer dämmen, da sie etwas gegen den zu erwartenden Fluglärm des Hauptstadtflughafens BER tun möchten

- Dachdeckermeister Hartmut Quappe und sein Team haben bereits mehr als 50 Häuser modernisiert, etwa 100 stehen noch aus

- Die Flughafengesellschaft finanziert den Bewohnern der Siedlung nur eine Dämmung des Daches von innen

- Vorteil für die Dachdecker: Viele Häuser sind ähnlich geschnitten, das erleichtert die Sanierung

„Früher oder später wird der Hauptstadtflughafen kommen. Deswegen entscheiden sich viele Hausbesitzer der Gagfah-Siedlung dafür, jetzt zu handeln“, sagt Dachdeckermeister Hartmut Quappe. Die Häuser der so genannten Gagfah-Siedlung wurden mehrheitlich 1936 und 1937 bezogen. Der Name Gagfah steht für die gemeinnützige Aktiengesellschaft für Angestelltenheimstätten. Ursprünglich war die Gagfah zur Wohnraumversorgung für gesetzlich versicherte Angestellte in Berlin gegründet worden. 2015 hat sich die Gagfah mit der Deutschen Annington zum Immobilienunternehmen Vonovia zusammen geschlossen.  

Die heutigen Bewohner der Siedlung genießen das naturnahe Wohnen in Blankenfelde. „Das ist sicher einer der Gründe dafür, dass so viele Bewohner dem Stadtteil Blankenfelde über die Jahrzehnte die Treue gehalten haben. Man wohnt im Grünen und hat gleichzeitig eine perfekte Verkehrsanbindung in Richtung Berlin“, sagt Hartmut Quappe. Blankenfelde treu bleiben wollen viele Hausbesitzer auch dann, wenn der BER den Flugbetrieb aufnimmt. Als Ende 2011 erste Flugzeuge probeweise vom Flughafen BER starteten und landeten, merkten die Bewohner, wie groß der Fluglärm war. Entsprechend investieren viele in den Schallschutz und die Gebäudehülle. Neben neuen Schallschutzfenstern steht die schallschutztechnische Dämmung der Schrägdächer ganz oben auf der Agenda. Hartmut Quappe und sein Dachdeckerteam wissen, worauf es dabei ankommt.

Eigenes Geld für die Dämmung von außen

„Seit Anfang 2016 haben wir die Dächer von mehr als 50 Häusern modernisiert. Und die nächsten Baustellen sind bereits terminiert. Es stehen noch etwa 100 Häuser aus, die saniert werden müssen“, sagt Hartmut Quappe. Etwa die Hälfte der Hausbesitzer der Gagfah-Siedlung haben sich entschlossen, die durch die Flughafengesellschaft angebotene finanzielle Unterstützung zu nutzen, um ihre Häuser zu sanieren.

In der Regel würden die Eigentümer allerdings finanziell nur mit dem Betrag unterstützt, der für eine Dämmung der Schrägdächer von innen fällig würde. Dass sich viele Bewohner dazu entschließen, diesen Betrag aus „eigener Tasche“ aufzustocken und in eine Schrägdachdämmung von außen zu investieren, hat mehrere Gründe. „Einige haben das Dachgeschoss schon vor Jahren vollständig ausgebaut, meistens befinden sich dort das Schlaf- und ein Badezimmer mit Einbaumöbeln. Andere haben die Dachschrägen mit Holz verkleidet und möchten es auch dabei belassen. Was alle eint: Die Belastung durch Schmutz und Lärm im Haus wollen sie, so gut es geht, vermeiden.“

Größtenteils gleiche Dächer

Was dem Team von Hartmut Quappe die Planung und Arbeit erleichtert: Die Dachaufbauten der meisten Gagfah-Häuser sind identisch. Entsprechend eingespielt sind inzwischen die Sanierungsabläufe. Von der Demontage des alten Daches bis zum Verlegen des letzten Ziegels des neuen Daches vergehen nicht mehr als zehn Arbeitstage. „Im besten Fall entscheiden sich die Bewohner von zwei Doppelhaushälften für eine gemeinsame Modernisierung“, sagt Quappe, „dann können unsere Leute beide Dachhälften zusammen sanieren.“

Gedämmt auf mindestens 52 dB Schalldämmmaß

Der Dachaufbau der Siedlungshäuser in Blankenfelde besteht in der Regel aus einer Schalung und darauf Schilfrohrplatten. In einigen Dächern findet sich auf den Schilfrohrplatten noch eine dünne Schicht Seegras als Dämmung, nur 20-30 mm dick. Seegras wurde schon in historischen Zeiten als Dämmmaterial eingesetzt.

Ansonsten blieb der Zwischensparrenbereich bis zu den alten Biberschwanzziegeln ungedämmt. „Mit solchen Dächern liegen Sie bei einem Schalldämmmaß von 20, wenn es hochkommt 30 dB. Mit unserem neuen Dachaufbau erreichen wir in Vor-Ort-Messungen 52 dB, meistens sogar noch weit höhere Werte“, sagt Hartmut Quappe. Diese Werte wurden in Messungen an bereits sanierten Gagfah-Häusern in Blankenfelde belegt.

Dampfbremse verklebt und mit Anpressleisten fixiert

Auf die gesäuberte Schalung verlegen die Dachdecker für den neuen Dachaufbau eine 20 mm dicke Steinwolldämmplatte („Floorrock“). Darauf verlegen sie die Dampfbremse geschlauft über den Sparren. Die nur 20 mm dicke Dämmplatte dient als Sauberkeitsschicht, damit die geschlaufte Dampfbremse nicht beschädigt wird. Außerdem erhalten die Dachdecker durch die flache Dämmplatte eine ebene Fläche, die Dampfbremse lässt sich so einfacher verlegen.

Dabei ist es besonders wichtig, dass die Folie exakt angearbeitet wird. Alle Anschlüsse der Dampfbremse werden pastös verklebt, die Folie wird in den Eckbereichen an den Sparren mit zusätzlichen Holzleisten fixiert. Jede Leckage oder nicht ordentlich verschlossene Foliendurchdringung hätte dabei einen schlechteren Schallschutz zur Folge. Der Einfluss der Anpressleisten seitlich am Sparren hat keinen messbaren Einfluss auf die Schalldämmung. Durch den Anpressdruck sind die Tackerstellen weiterhin luftdicht.

Der weitere Dachaufbau besteht aus dem „Meisterdach Plus“-System von Rockwool aus einer 160 mm dicken Dämmung zwischen den Sparren und einer 80 mm dicken Aufsparrendämmung. Die Dämmplatten haben aufkaschierte Unterdeckbahnen mit Selbstklebestreifen, die im Überlappungsbereich verklebt werden. Mit einer Konterlattung wird die Dämmung fixiert.

Schmuckes Heim mit neuem Dach

Ein weiterer Aspekt, der aus Sicht von Hartmut Quappe und vieler Bewohner für die Dämmung von außen spricht, ist die Optik. Denn die Häuser bekommen nicht nur ein komplett neues Dach, sondern die Eigentümer können auch Material und Farbe der Eindeckung frei wählen. „Viele haben sich nach der Sanierung gewundert, wie schmuck das Haus auf einmal aussieht“, sagt Quappe, „die Dachflächen machen hier rund 50 Prozent der Gebäudehülle aus, da sieht man dann schon einen deutlichen Unterschied nach der Sanierung.“

Fußpfette und Sparren auf dem Flachdach

Auch wenn viele der rund 200 Häuser in der Gagfah-Siedlung nahezu identisch geschnitten sind und die gleichen Dachkonstruktionen haben, gibt es doch einige „Sonderfälle“. Einer davon ist das Haus von Anneliese und Rudi M (siehe Foto oben). Neben der ursprünglichen Haushälfte musste das Dachdeckerteam auch noch einen circa 25 m2 großen Anbau von 1970 bei der Planung berücksichtigen. Der Anbau hatte bis dato ein Flachdach. Zunächst hatten die Hausbesitzer überlegt, das Dach mit einer Dämmung in gleicher Dicke wie auf dem Schrägdach zu versehen. In Abstimmung mit der Dachdeckerei Quappe und der Flughafengesellschaft wurde aber eine andere Lösung gefunden.

Die Lösung bestand in einer aufgehenden Dachkonstruktion auf dem massiven Flachdach. Die Dachdecker montierten dafür eine Fußpfette auf dem Flachdach und zogen von dort aus neue Sparren bis zum bestehenden Schrägdach. Dieser komplett neue Dachabschnitt erhielt dann, genau wie das etwa 100 m2 große Hauptdach, eine Zwischensparren- und eine Aufsparrendämmung. Zum Schallschutz sagt die Hausherrin: „Kürzlich war mein Bruder zu Gast und hat in unserem Gästezimmer unterm Dach übernachtet.“ Der Übernachtungsgast habe bemerkt, dass es unter dem Dach sehr ruhig sei. Und das, obwohl sich keine 20 m weiter eine stark befahrene Straßenkreuzung befinde.

Autor

Dipl.-Ing. Matthias Becker ist Produktmanager im Bereich Hochbau bei der Rockwool GmbH & Co. KG in Gladbeck.

Bautafel (Auswahl)

 

Projekt Sanierung und schallschutztechnische Ertüchtigung von Dächern der Gagfah-Siedlung in Berlin-Blankenfelde

Dachdeckerbetrieb H. & R. Quappe GmbH & Co. KG, Blankenfelde, www.quappe-blankenfelde.de

Produkte Steinwolldämmplatte „Floorrock“ (20 mm) als Sauberkeitsschicht; Zwischensparrendämmung „Klemmrock 035“, 160 mm; Aufsparrendämmung „Masterrock GF kaschiert“, 80 mm; Luftdichtsystem „RockTect“; Deutsche Rockwool GmbH & Co. KG, Gladbeck, www.rockwool.de

Thematisch passende Artikel:

03/2017

Dachdeckermeister saniert, dämmt und überbaut ein Zollingerdach in Bochum

Steht man im Garten von Christoph Konows neuem Zuhause, erkennt man die Erweiterungen am Gebäude deutlich. Eigentlich handelt es sich um drei Gebäudeteile. Das ursprüngliche Haus wurde 1927...

mehr
03/2017

5000 m² großes Dach des Severins Resort & Spa auf Sylt von Dachdeckerei mit Reet eingedeckt

Aus der Luft sieht es aus wie ein großes „S“: das Dach des Haupthauses der Hotelanlage Severin‘s Resort & Spa auf Sylt.An den Traufseiten ist es jeweils 250 m lang. Insgesamt ist die Dachfläche...

mehr
12/2016

Tom Gladisch und Volker Pohlmeyer sind Vizeweltmeister im Steildach

Ende Oktober 2016 traten rund 30 Dachdecker in Warschau gegeneinander an. Anlass war die Weltmeisterschaft der jungen Dachdecker, ausgerichtet von der internationalen Föderation des...

mehr
09/2017

Brandsicher: Flachdachneubau mit Dampfsperre, PU-Dämmplatten und kaltselbstklebenden Bitumenbahnen

Die Maschinen- und Lagerhalle der Firma Kriener Kunststofferzeugnisse in Rietberg brannte im August 2016 komplett nieder. Heute, ein Jahr nach dem Brand, steht die neue Maschinenhalle mit einem...

mehr
10-11/2017

Reet trifft Mineralwolle

Im schleswig-holsteinischen Steinberg musste nach einer Nutzung von rund 45 Jahren die Reetdeckung eines Einfamilienhauses ausgetauscht werden. Das Haus ist über 100 Jahre alt und hat eine...

mehr