Gefängnis wird Hotel in Amberg

Aus einem Gefängnis ein Hotel machen – aus einem über 300 Jahre alten noch dazu? Doch das geht. Thomas Roidl, Gerald Stelzer und Peter Voss haben das mit der Fronfeste in Amberg gewagt und 2014 dafür den Denkmalpreis des Bezirks Oberpfalz erhalten.

Die Amberger Fronfeste reicht in Teilen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Denn in einem der alle 100 m in die Stadtbefestigung eingefügten Türme baute man 1699 die ersten Zellen ein. Eine frühe Umnutzung also. In den folgenden Jahrhunderten wurde daran bis auf die heutige Größe angebaut. Noch bis in die Mitte der 1960er Jahre saßen dort Gefangene ein. Dann stand der Knast zehn Jahre lang leer, wurde 20 Jahre von einer Elektrofirma als Ausstellungsfläche, Lager und Büro genutzt bis ihn schließlich nach Insolvenz der Elektrofirma eine Privatperson auf einer Versteigerung erwarb und darin wohnte.

So stellte sich das jedenfalls für Gerald Stelzer dar, als er sich das Gebäude 2006 von innen ganz genau ansah und gleich die Vision von einem Hotel hatte: „Wir haben es gekauft und zunächst einen Teil für uns zum Wohnen umgebaut, um die Substanz kennen zu lernen“, erinnert sich Gerald Stelzer. Der Umbau zur Wohnung dauerte eineinhalb Jahre. „Da dachten wir: Super, in drei Jahren haben wir unser Hotel fertig“, so Stelzer. Doch da hatte er sich gründlich geirrt. Sechs Jahre sollte es dank langwieriger Genehmigungsverfahren dauern bis das Hotel im März 2013 vorerst im Erdgeschoss eröffnet werden konnte. Es dauerte weitere drei Jahr bis Ende 2016 auch im Obergeschoss die Zimmer fertig waren. Seitdem erwartet das Hotel Fronfeste seine Gäste mit insgesamt 24 Zimmern.

Schwingender Fußboden aus Dachziegeln

Ein Brandschutzgutachten, ein statisches Gutachten mit Risskartierung und dann die bange Frage: „Die grüne Farbe im Gefängnis wird doch hoffentlich kein Schweinfurter Grün sein?“ Dabei handelt es sich nämlich um eine Farbmischung aus Arsen und Kupfer, die ziemlich giftig ist. Zum Glück war die Farbe unbedenklich. Sie ist auch heute noch an den Flurwänden zu finden.

Anders erging es dem im Erdgeschoss völlig verfaulten Holzfußboden. Er leistete zwar nur einen kleinen Beitrag zu den insgesamt 200 Tonnen Bauschutt, den die Handwerker aus dem Gefängnis holten, musste aber einem modernen Bodenaufbau aus Fußbodenheizung und hoch gebrannten Dachziegeln als Belag weichen. Die Aluminiumelemente, die die Leitungen für die Fußbodenheizung aufnehmen, befestigten die Handwerker auf Bodendämmplatten, die sie vorab direkt auf dem festgerüttelten Sand verlegt hatten. Die Fliesenleger verklebten die Dachziegel mit Epoxidharz dann direkt auf den Aluminiumelementen der Fußbodenheizung. „Der Fußboden muss noch schwingen können. Ein klassischer Fliesenkleber wäre viel zu hart gewesen. Wir haben im Erdgeschoss nun schon ein paar Jahre geöffnet, und es hat sich nirgends ein Riss gezeigt“, meint Gerald Stelzer.

Die im Erdgeschoss bis zu 1,40 m dicken Außenmauern blieben ungedämmt. Die Handwerker verputzten sie von innen mit Kalk. Im Erdgeschossflur verlegten sie die Heizung, die ansonsten unter den Dachziegeln als Fußbodenbelag ihren Platz fand, kurzerhand im Putz an der Wand. So konnte der originale Fußbodenbelag aus Zementmosaikplatten in einem der Erdgeschossflure erhalten bleiben.

Gefängniszelle wird Hotelzimmer

Einen größeren Beitrag zum Bauschuttaufkommen leistete der Sand, den die Handwerker aus dem Raum zwischen den gemauerten Gewölbedecken der Zellen im Erdgeschoss und den Holzbalkendecken darüber herausholten, in dem nun die Rohre und Leitungen für die Haustechnik ihren Platz fanden. Auch die abgebrochenen Wände der Kaminschächte, die sich im Dachstuhl zu Schornsteinen zusammenfinden, kamen noch zum Bauschutt dazu. „In jeder Zelle gab es einen gemauerten Kaminschacht mit gusseisernem Kanonenofen, den die Wärter von außen vom Flur aus befeuern konnten. Vom Kaminschacht haben wir je zwei Wände abgerissen und darin die Toiletten für die Hotelzimmer untergebracht“, so Gerald Stelzer. Direkt daran schließen sich die komplett verglasten Badezimmer beziehungsweise Duschen an. Kein Zimmer gleicht nun dem anderen. Jedes wurde anders vom eigens von den Bauherren angestellten Bühnenbauer eingerichtet, der die Bauteiloberflächen im Stil der durchaus rauen Gefängnisatmosphäre gestaltete. So sind auch die Grundrisse des Gefängnisses in beiden Geschossen erhalten geblieben. Im Obergeschoss gibt es auch Hotelzimmer, die keine Zellen waren, sondern Wohnungen für den Gefängnisdirektor, die Aufsicht und den Eisenknecht, der für die „Tortur“ der Gefangenen zuständig war, sowie ein Verhörzimmer und eine Kapelle.

Zellentüren, Fenster und Gitter davor

Bauteile, an denen sich die einstige Nutzung besonders deutlich ablesen lässt, sind die Gitter vor den Fenstern und die Zellentüren der heutigen Hotelzimmer. Zum Teil mit eisernem Beschlag gepanzert, mit Guckloch und Durchreiche, mächtigen Riegeln und Schlössern versehen, verbreiten die alten Türen einen dezenten Grusel. Der Liebe der Bauherren zum Detail ist es zu verdanken, dass die Zellentüren aufwendig restauriert wurden. Lediglich ausgestattet mit einem auf der Innenseite auf das Türblatt aufgeschraubten Sicherheitsschloss und einer umlaufenden Lippendichtung, die die Handwerker auf einem Holz befestigten, das sie ringsum auf das Steingewände der Türen schraubten, verbinden die Zellentüren die einstige mit der heutigen Nutzung.

Und natürlich gehören auch die eisernen Gitter vor den Fenstern zur ehemaligen Nutzung als Gefängnis ganz wesentlich dazu. Sie wurden aufwendig mit der Flex abgeschliffen und mit grauer Glimmerfarbe vor erneuter Korrosion geschützt. Im Erdgeschoss sind die vergitterten Oberlichter im Wesentlichen so erhalten geblieben, durch die weder damals die Häftlinge noch heute die Hotelgäste hinausschauen können. Anders verhält sich dies aus feuerpolizeilichen Gründen im Obergeschoss: Hier mussten die Handwerker das Mauerwerk der zur Stadt hin orientierten Gebäudeseite unterhalb der Oberlichter um 1,50 m nach unten herausbrechen, um die alten Fensteröffnungen zu neuen hohen Fensteröffnungen zu vervollständigen. Die Hotelgäste sollen nämlich im Falle eines Feuers trotz ehemaliger Gefängnisnutzung durch die vergrößerten Fenster fliehen können, an die die Feuer­wehr ihre Leitern anstellen kann. Die hier ergänzten eisernen Gitter können selbstverständlich zur Seite geklappt werden, sonst wäre es kein Fluchtweg.

Überhaupt galt dem Brandschutz bei der Umnutzung des Gefängnisses zum Hotel besondere Aufmerksamkeit. Unter Erhaltung der historischen Holztreppe musste das im Obergeschoss einst offene Treppenhaus mit einer massiven Wand in F90 und einer darin eingebauten verglasten Brandschutztür geschlossen werden. Für den zweiten Fluchtweg sorgt eine Stahlspindeltreppe auf der Gebäuderückseite.

Rast im Knast

Es ist ein richtiger Knast, ein altes Gefängnis, so wie man es sich vorstellt, mit vergitterten Oberlichtern und dicken Zellentüren mit Guckloch und Eisenriegel. Und da soll einer freiwillig die Nacht verbringen wollen? Die Umnutzung vom Gefängnis zum Hotel ist Gerald Stelzer und seinen Mitstreitern gelungen, gerade aus Respekt vor der einstigen Nutzung und der damit verbundenen Liebe zum Detail, ohne aus dem vermeintlichen Grusel Kapital schlagen zu wollen. Es gibt auch eine fensterlose Zelle als Dokumentationsraum mit Schautafeln zur Gefängnisgeschichte. Die Denkmalpflege weiß dies zu schätzen. Nicht umsonst erhielt Gerald Stelzer für sein Hotel Fronfeste 2014 den Denkmalpreis des Bezirks Oberpfalz.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherren Thomas Roidl, Gerald Stelzer und Peter Voss, Amberg, www.hotel-fronfeste.de

Architekt Georg Roggenhofer, Amberg

Interior Designer Karsten Hunner, Amberg

Roh- und Innenausbau Ringel Baulogistik,

Sulzbach-Rosenberg

Zimmerer- und Dachdeckerarbeiten Dieter Kohl, Edelsfeld, www.kohl-holzbau.de

Fenster- und Türenbau Schreinerei M. Mayer, Kastl, www.schreinerei-manfred-mayer.de

Schreinerarbeiten Dieter Graf, Sulzbach-Rosenberg, www.schreinerei-graf.de

Malerarbeiten Karl-Bau, Sulzbach-Rosenberg

Malermeister Norbert Pilhofer, Sulzbach-Rosenberg, www.pilhofer-maler.de

Fliesenlegerarbeiten Kral-Bau, Sulzbach-Rosenberg, Gerhard Schmidbauer, Schnaittenbach

Dachziegel als Fußbodenbelag Creaton, Wertingen, www.creaton.de

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Thomas Wieckhorst, Chefredakteur der bauhandwerk, vor einem Zimmer im ?Hotel Fronfeste? in Amberg (ab Seite 24) Foto: Gerald Stelzer Kontakt: 05241/801040, thomas.wieckhorst@bauverlag.de

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