Erdgas-Nutzfahrzeuge als zukunftssichere Alternative zum Diesel

Die Nachteile von Elektro-Fahrzeugen wie kurze Reichweite, lange Ladezeiten und schlechte Ladeinfrastruktur hat der Erdgasantrieb nicht. Damit angetriebene Nutzfahrzeuge lassen sich ähnlich wirtschaftlich betreiben wie Diesel und sind dabei sauberer als die Benzin- oder Dieselmotoren.

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das Fahrverbote unter bestimmten Bedingungen zur Emissionsreduzierung für zulässig erklärt hat, kann für Handwerker iernste Folgen haben. „Die Fuhrparks der meisten Handwerksbetriebe bestehen mangels Alternativen vor allem aus Dieselfahrzeugen“, so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. „Fahrverbote sind für die gut eine Million Handwerksbetriebe existenzgefährdend und deshalb inakzeptabel.“ Aktuell stehen in Deutschland 16 Städte auf einer Liste der Europäischen Union, bei denen dringend Maßnahmen zur Senkung der Luftreinhaltung gefordert sind und somit Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge drohen. Aktuell ist die Unsicherheit beim Kauf eines neuen Transporters groß – soll man darauf vertrauen, dass ein neuer Diesel nicht von einem Fahrverbot betroffen sein wird? Oder eine Alternative suchen?

Die meisten Alternativen passen aber entweder nicht zum Anforderungsprofil, sind zu teuer oder noch im Prototypenstadium. Auf der Kurzstrecke ist bei niedri­gen Gewichten die E-Mobilität durchaus ein Thema. Doch solange Ladestationen nicht flächendeckend und in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, sind Elektro-Transporter eher eine Lösung für Idealisten. Wollseifer fordert daher von der Nutzfahrzeug-Industrie, schadstoffarme, leistungsfähige und für das Handwerk geeignete Transporter auf den Markt zu bringen. „In diesem Segment gibt und gab es fast nur Diesel“, so der ZDH-Präsedient. „Es ist mehr als enttäuschend, dass die Autohersteller auch zu Beginn des Jahres 2018 kaum für das Handwerk geeignete Fahrzeuge mit der neuesten Norm Euro 6d und sehr niedrigen NO2-Werten anbieten. Das Handwerk ist auf leistungsstarke Fahrzeuge angewiesen, aber es kann nur die Fahrzeuge kaufen, die auf dem Markt sind.“

Feinstaub unter Nachweisgrenze

Doch tatsächlich gibt es schon seit Jahren eine Alternative auf dem Markt, die sich aber bisher nicht durchsetzen konnte: Erdgas, auch CNG (Compressed Natural Gas) genannt. Jens Andersen, Leiter Technolo­giestrategie und Konzernbeauftragter für CNG-Mobili­tät des Volkswagen Konzerns: „Dort, wo die Elektromo­bi­lität noch an Grenzen stößt, können wir eine kosten­günstige und sofort verfügbare Alternative zur Re­duzierung der Emissionen im Straßenverkehr bieten.“

Der große Vorteil des Erdgas-Antriebs ist die geringe Emission, wie Alfredo Altavilla erklärt, FCA Chief Operating Officer für den EMEA-Wirtschaftsraum: „Im Bereich der erneuerbaren Energien ist Erdgas der Stoff mit dem geringsten Ausstoß von CO2 im Vergleich zur erzeugten Energiemenge.“ Die Tatsache, dass der Kraftstoff bereits in gasförmiger Form vorliegt, erleichtert die Dosierung und Zuführung in die Brennräume und sorgt so für eine besonders saubere Verbrennung. Zudem sind keine Raffinerieprozesse und keine Additive notwendig, um Erdgas als Treibstoff zu verwenden. So entstehen bei einer idealen Verbrennung nur Wasserdampf und Kohlendioxid. „Noch höher wird der Effekt, wenn dem Erdgas aus erneuerbaren Quellen wie Grünabfällen erzeugtes Biogas beigesetzt wird“, so Altavilla. Mit Bio- und Erdgas unterschreiten alle Schadstoffkomponenten selbst die des sauberen Euro 6 Diesels signifikant. Feinstaub ist unterhalb der Nachweisgrenze und die Stickoxide  liegen um 60 Prozent unter den Emissionen eines Euro 6 Diesels. Zudem ist Erdgas noch mindestens bis zum Jahr 2026 steuerlich begünstig.

Erdgas-Transporter sind bereits auf dem Markt

Zwar ist die Zahl an verfügbaren leichten Nutzfahrzeugen mit Erdgas-Antrieb ziemlich überschaubar, aber es gibt sie. Die größte Palette bietet Fiat mit dem Fiorino, Doblò Cargo und Ducato. Fiorino und Dobló sind mit einem bivalenten Motor ausgestattet, das heißt, es kann Benzin und Erdgas verbrannt werden. Da der Benzintank eine unveränderte Größe hat, erreichen die Transporter insgesamt eine sehr hohe Reichweite. Der Fiorino Natural Power schafft zum Beispiel 960 Kilometer, davon allerdings nur rund 300 Kilometer im reinen Erdgasbetrieb. Eine bessere Treibstoff-Effizienz bieten monovalente Antriebe: Hier ist der Motor auf die höhere Klopffestigkeit des Erdgases gegenüber Benzin ausgelegt. Durch das so höhere Kompressionsverhältnis steigt die Effizienz. Der monovalent ausgelegte Fiat Ducato Natural Power schöpft aus seinen 3 Litern Hubraum so 100 kW und ein maximales Drehmoment von 350 Nm, das schon bei 1500 Umdrehungen pro Minute anliegt. Damit bietet er auch unter Ladung oder mit Anhänger ausreichend Leistung für den Einsatz im Bauhandwerk. Die Reichweite liegt bei 400 Kilometern. Angenehm dabei ist auch, dass der CNG-Antrieb deutlich leiser ist als die Diesel-Variante. Dieser Antrieb kommt auch im Iveco Daily zum Einsatz, der übrigens das erste Erdgasfahrzeug mit einem 8-Gang-Wandler-Automatikgetriebe ist. Auch Volkswagen bietet Erdgas-Transporter an, allerdings nur den Caddy TGI  beziehungsweise den Caddy Maxi TGI. Der 1,4 Liter-TGI-Motor leistet 81 kW, das maximale Drehmoment liegt bei 200 Nm. Der Kompakttransporter punktet vor allem mit seiner großen Reichweite von 630 Kilometern im reinen Gasbetrieb. Die größeren Transporter von Volkswagen gibt es allerdings nicht als Erdgas-Variante: „Für größere Fahrzeuge im Nutzfahrzeug-Segment ist eine reale Kundennachfrage nach CNG bisher nicht zu verzeichnen, was vor allem an Reichweiten und Kosten liegt“, so Pressesprecher Volker Seitz.

Nicht nur Vorteile

Damit spricht er die beiden wesentlichen Nachteile der Erdgas-Antriebe an: Zwar ist die Reichweite meist deutlich höher als bei Elektro-Transportern. Aber mit einem Diesel-Motor können sie im reinen Erdgasbetrieb nicht konkurrieren. Auch in punkto Anschaffungskosten muss man für einen Erdgas-Transporter deutlicher tiefer in die Tasche greifen: Mit Mehrkosten von 5 bis 10 Prozent muss man rechnen. Die Betriebskosten sind in der Summe allerdings vergleichbar mit denen eines Diesels. Letzter Nachteil ist das Gewicht der Gasanlage: Da das Gas bei den oben genannten Transportern in massiven Stahlflaschen gespeichert wird, müssen Abstriche bei der Nutzlast gemacht werden. Beim Fiat Ducato sind das zum Beispiel rund 270 kg, die weniger zugeladen werden können. Doch sollten das die Vorteile in den meisten Fällen wieder ausgleichen können: Mit den Erdgas-Antrieben kann man seine Mobilität mit einer ausgereiften und sofort verfügbaren Technik sichern. Wegen der Sicherheit muss man sich keine Sorgen machen: Die Gasflaschen sind für ein Mehrfaches ihres Fülldrucks ausgelegt, im Falle des Falles explodiert Gas nicht, sondern fackelt kontrolliert ab. In punkto Umweltschutz ist ein Erdgas-Antrieb der aktuell sauberste Verbrennungsmotor, die Wirtschaftlichkeit ist vergleichbar mit dem Diesel. Das Tankstellennetz mit zur Zeit rund 900 Erdgas-Stationen soll bis 2025 auf 2000 ausgebaut werden.

Autor

Dipl.-Ing. Olaf Meier studierte Maschinenbau und arbeitet als freier Fachjournalist. Er lebt in Mönchengladbach und schreibt unter anderem als Autor für die Zeitschrift bauhandwerk.

Weitere Alternativen zum Diesel-Motor

Neben dem mit Erdgas angetriebenen Nutzfahrzeug gibt es natürlich die elektromobielen Nutzfahrzuge. Hier finden Sie eine Marktübersicht aktueller Modelle und hier einen Test des von der Post genutzten StreetScooters. Oder, falls dies für die Infrage kommt, die nutzen ein elektrisch unterstütztes Lastenfahrrad.

Weitere Informationen zu den Unternehmen

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