Erweiterung eines ehemaligen Lungensanatoriums in Eupen um einen Parlamentssaal

In Eupen sitzt das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) von Belgien. Ihr Parlament ­befindet sich in einem ehemaligen Lungensanatorium, das umfassend saniert und um einen halb ein­gegrabenen Parlamentssaal mit einer bemerkenswerten Holzvertäfelung erweitert wurde.

Beim Eupener Regierungssitz der Deutschsprachigen Gemeinschaft von Belgien galt es zunächst die dreidimensional relativ stark durchwirkte Altbaufassade des früheren Lungensanatoriums mit einem 12 cm dicken WDVS energetisch zu ertüchtigen. Die Architekten vom Rotterdamer Atelier Kempe Thill entschieden sich dabei für eine leichte Verfremdung der Silhouette und entwickelte ein Fensterlaibungsdetail, das die Glasebene annähernd bündig zur Vorderkante des WDVS brachte. Ein vorstehendes Profil vermittelt zur Rohbauwand und fungiert gleichzeitig als Putzschiene. Dieses Detail übernahmen die Planer zudem in leicht modifizierter Form bei den Dach­gauben. Die Fenster selber sind Standardware. Bei den vorkragenden Balkonkonsolen prüften sie deren Aufdopplung mit einem WDVS, beließen es aber bei einem „Aussparen“ derselben im Dämmmaterial und der damit einhergehenden „Verkleinerung“ von ehemals drei auf zwei Vorsprünge.

 

Experimentelle Technik – überführt nach heute

Eine Voruntersuchung ergab, dass die Geschossdecken aus bewehrten Betonunterzügen bestanden, die rechteckige Felder aussparten, die mit keramischen Hohlelementen ausgefüllt waren. Diese mussten einst flach in eine Schalung gestellt und dann mit wenig Beton vergossen worden sein. Wenige Bewehrungsstäbe hielten diese „horizontale Ausfachung“ in den Unterzügen. Erschwerend kam bei dieser brandschutztechnisch, akustisch und statisch hoch bedenklichen Konstruktion hinzu, dass die unmittelbar darauf aufgebrachten ursprünglichen Terrazzofußböden durch die Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft wurden. Nach geltenden Vorschriften hätte alles abgerissen und neu angelegt werden müssen. In diesem Fall erfuhr André Kempe, dass eine Einzelfallprüfung und individuelle Sanierung tatsächlich günstiger sein kann als ein Neubau.

Man legte sich auf drei Optionen fest:

Komplettabriss des Deckenfeldes und dessen Neubau in Stahlbeton – dies geschah selten
Ertüchtigung des alten Deckenfeldes mit zusätz­lichen Bewehrungsstäben, um die geforderten Verkehrslasten zu erreichen – dies geschah sehr häufig
Belassen wie es ist, da dies für die neue Nutzung akzeptabel ist – das gab es auch!

 

Ein Saal – eine Sprache

Während der sanierte Altbau weitgehend für Büros genutzt wird, wurde der neue Plenarsaal als zusätzliches Sockelgeschoss halb in den Hang davor eingegraben. Ein zweigeschossiges Foyer mit einer repräsentativen Treppe verbindet ihn mit dem Haupteingang im Erdgeschoss. Der Saalrohbau besteht aus Betonhohlwandelementen, auf denen eine Filigranplattendecke ruht. Das flache, jedoch unzugängliche Saaldach hat ebenso wie die Außenwände eine extensive Begrünung erhalten.

Die Bauherrenschaft wünschte sich explizit Holz im Parlamentssaal, da man das Material und die dazugehörige Wirtschaft als regionaltypisch ansieht. An­dré Kempe und Oliver Thill dachten: „Wenn Holz – dann richtig!“ Das Büro strebt eine hohe Synthese aus ­Architektur und technischen Erfordernissen an. Die sichtbare Präsenz von Lüftungsgittern und Akustiksegeln will man dabei genauso vermeiden wie große Paneelfelder, die solche Bestandteile zwar optisch kaschieren, jedoch die Wandflächen zergliedern. So entwickelten die Planer das Konzept, das als Fußboden vorgesehene Hirnholzparkett auch für die Innenwände und die abgehängte Decke zu verwenden. Das im industriellen Kontext häufig zur Anwendung kommende Material besteht aus quadratischen Segmenten mit 50 mm Nennkantenlänge, hier verbauten die Schreiner mit 22 mm etwa die halbe Materialdicke. Die Eichenholzquadrate sollten mit Fugen verlegt werden, so dass Schlitze entstehen, durch die Schall und Luft strömen kann, und die erforderliche Haustechnik sollte dahinter verborgen sein.

Ein erstes Detailkonzept sah eine Montage der Parkettelemente aus Lochblechen vor, doch Klaus Orban konnte sich nicht vorstellen, dass mit Heißkleber auf Metall montiertes Holz dauerhaft hält. Stattdessen schlug der Werkstattleiter bei der Töller AG – einer 35 Mitarbeiter zählenden Schreinerei im belgischen Bütgenbach, die die Plenarsaal-Ausschreibung gewonnen hatte – vor, das Parkett auf Multiplexplatten zu leimen und die Quadrate mit 4 mm breiten CNC-Frässchnitten freizulegen, die man bis auf das Trägermaterial herunterführte. Auf die Rückseite der Trägerplatte setzte man ein enges Raster aus Topfbohrungen, die wiederum bis zum aufgeleimten Parkett reichen. So war eine Perforation der Wandtafel möglich und man erhielt ein ausgesprochen stabiles Wandmodul, dessen Größe man auf 60 x 60 cm festlegte. Die gleichartigen Wand- und Deckentafeln wurden werkseitig mit ­Parkettlack eingelassen, ihre Kanten besitzen Nut und Feder, was den Schreinern das Zusammenfügen erleichterte.

 

Deckenkonstruktion

Ähnlich einer Trockenbaukonstruktion befestigten die Handwerker die abgehängte Holzdecke mit Gewindestangen und justierbaren Muttern am Rohbau. Gehalten werden die Elemente mit zwei 28 x 60 mm großen C-Profilen, die mit einer Schwerlastschiene verklipst sind. Oberhalb der Abhangdecken sind keine stör­anfälligen Gerätschaften verbaut, weshalb weit­gehend von Revisionsöffnungen abgesehen werden konnte. Neben einem durchgehenden Streifen, dem vordersten Feld unmittelbar hinter der großen, durchgehenden Fensterfront, gibt es nur zwei weitere Revi-Klappen.

 

Toleranzen bei der Ausführung

Die Ausführungsplanung erfolgte auf den Millimeter genau. Tatsächlich legten die Architekten einen Plan vor, der wie Millimeterpapier aussieht, de facto aber nur jede einzelne Hirnholzkachel zeigt. Die besondere Aufgabe war es, in allen Innenraumecken mit einer ganzen Kachel zu enden, diese maß nach dem Fräs­schnitt 44 x 44 mm.

Zwar führte der aus Ersparnisgründen in Beton­fertigteilbauweise ausgeführte Rohbau – er war 50 000 Euro günstiger als eine Ortbetonversion – zu einer deutlich höheren Präzision, die Justierbarkeit der Vorwandkonstruktion und der Abhangdecke war jedoch unverzichtbar, um unvermeidliche Bautoleranzen auszugleichen.

„Wie ein Puzzle mit 2000 Teilen“ vergleicht Saskia Hermaneck, Projektleiterin im Atelier Kempe Thill die planerische Aufgabe, die gekrümmten Sitzungsbänke der Parlamentarier so anzulegen, dass deren innerer und äußerer Krümmungsradius jeweils ein Vielfaches des Klötzchenmoduls ergab. Das halbkreisförmige Tischmobiliar wurde mit quadratischen Stahlträgern der Kantenlänge 100 mm direkt im Rohbaufußboden befestigt. Die exakte Position derselben ermittelte man mit Schablonen, die die Möbelbauer zuvor auf dem Boden ausgelegt hatten.

Auf der Metallunterkonstruktion brachten die Schreiner der Toeller AG dann die perforierte Hirnholzvertäfelung an. Dabei waren die Bauteile nicht gekrümmt vorgefertigt, stattdessen zogen die Handwerker die Elemente erst mit der Montage unter Spannung krumm. Unterhalb der Tischplatte entströmt diesen nun Frischluft, die Vorderseite ist hingegen mit Akustikvlies hinterlegt.

Um die aufgehenden Stahlholme herum wurde ein gut 50 cm hoher Hohlraumfußboden gestellt. Auf den mineralischen Basiselementen liegt ein Korkgranulat als Trennlage. Es verhindert, dass sich die Trennfugen der Bodenplatten unschön auf dem hier in klassischer Weise verlegten Hirnholzparkett abzeichnen. Tatsächlich liegen aber alle Hirnholzparkettquadrate – ganz gleich ob Boden, Wand oder Decke – in einem einheitlichen Raster.

 

Autor

 

Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Deutschsprachigen Gemeinschaft

von Belgien, BE-Eupen, www.dg.be

Architekt Atelier Kempe Thill, NL-Rotterdam,

http://atelierkempethill.com

Rohbauarbeiten Convents AG, BE-Eupen,

http:// conventsag.be

Betonbauarbeiten Etablissements Jean Wust S.A. Verviers, www.wust.be

Schreinerarbeiten Töller, BE-Bütgenbach,

www.toeller.be

Hermann Theiss, BE-Amel, www.parkett-theiss.com

Putz-, Maler- und Trockenbauarbeiten

Firma Juffern, BE-Eupen, www.juffern.be

 

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Parkett im Saal Oldenburger Parkettwerk Oltmanns & Willms, Wiefelstede, www.opw-parkett.de

Parkettkleber Uzin Utz, Ulm, www.uzin-utz.de

Brandschutz-Türblätter De Coene Products,

BE-Gullegem, www.decoeneproducts.be

Im Internet finden Sie weitere Fotos, die im Rahmen eines Architekturfoto-Seminars an der FH Aachen entstanden sind. Geben Sie hierzu bitte den Webcode in die Suchleiste ein.

Thematisch passende Artikel:

06/2018

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Wenn eine Stadt nicht mehr weiß, was sie aus einem historischen Gebäude machen soll, dann will sie darin ein Hotel haben, am besten ein 5-Sterne-Hotel“, meint Rick van Erp, CEO der Odyssey Hotel...

mehr