Rekonstruktion des Jüdenhofs in Dresden

In der Nähe des Dresdner Neumarktes wurde zwischen Kulturpalast und Johanneum mit dem Jüdenhof ein weiteres Stück Stadtbaugeschichte der sächsischen Landeshauptstadt wieder zum Leben erweckt. Zwei der Gebäude wurden als Leitbauten nach den historischen Vorbildern handwerklich rekonstruiert.

„Rekonstruktionen sind für mich auch eine Herausforderung, aber vor allen Dingen eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte“, betont Stuckbildhauer Thomas Schubert, der mit seiner Firma Stuck Art die Stuckarbeiten am Jüdenhof angefertigt hat. Die hierfür erforderlichen Modelle werden zunächst in Ton angefertigt und dann in der Regel in witterungsbeständigem, polymervergütetem Gips gegossen. Die meisten Elemente haben die Stuckateure in der Werkstatt gefertigt und nur relativ wenige Antragsarbeiten vor Ort ausgeführt. „Diese historischen Fassaden stärken die Identität der Stadt Dresden, die auch eine Barockstadt ist.“

Der Jüdenhof ist ein kleines Quartier nahe dem Neumarkt und der Frauenkirche, das im Zuge des städtebaulich gestalterischen Konzeptes für den Neumarkt wiederaufgebaut wird. Der gesamte Block, der nun teilweise rekonstruiert, teilweise mit moderner Architektur neu bebaut wurde, war nach dem Zweiten Weltkrieg gänzlich zerstört. Die Fläche wurde bis zur Neugestaltung als Parkplatz genutzt. Heute fasst der Jüdenhof den Neumarkt an seiner Nordostseite und vermittelt zwischen dem Kulturpalast aus den 1960er Jahren, südlich des Grundstücks und dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Johanneum mit dem Dresdner Verkehrsmuseum auf der Nordseite.

Leitbauten und Leitfassaden

Die Planungen für das so genannte QVII, genauer gesagt QVII/2, einem der acht Quartiere rund um den Neumarkt, bestehen schon sehr lange. Begonnen hatten die Überlegungen zu einem möglichen Wiederaufbau bereits kurz vor der Wende. 2002 schließlich wurde mit dem erwähnten Konzept festgelegt, dass zwei der Gebäude als so genannte Leitbauten exakt rekonstruiert werden sollten. Für zwei weitere Parzellen wurden Leitfassaden festgelegt. Diese waren historisch belegt und konnten entsprechend rekonstruiert werden. Hinter den Fassaden durften jedoch zeitgemäße Grundrisse entstehen, da hierfür keine hinreichenden Belege vorlagen.

Bei den beiden Leitbauten handelt es sich um das um 1695 gebaute Triersche Haus an der Ecke Schlössergasse/Sporergasse sowie um das Dinglingerhaus an der Ecke Jüdenhof/Sporergasse, das 1710/11 nach Plänen des Zwingerbaumeisters Matthäus Daniel Pöppelmann entstand. „Pöppelmann hat sehr feingliedrig und facettenreich gearbeitet. Es hat mir viel Freude gemacht, seine Entwürfe neu aufleben zu lassen“, so Stuckbildhauer Thomas Schubert. „Aber auch die Arbeiten an den anderen Fassaden und am Erker des Trierschen Hauses waren spannend und erfüllend.“

Der Erker ist besonders markant mit ornamental verzierten Pilasterkapitellen, Schlusssteinen und Brüstungsplatten. Hier hatte Stuck Art die Modelle in Ton gefertigt, die dann durch die Sächsischen Sandsteinwerke in Sandstein gehauen wurden, denn bis auf die tragenden Betondecken wurde er vollständig in Sandstein wiederhergestellt. Die Relieffelder sind entsprechend einer von Claudia Freudenberg verfassten Farbstudie, mit Blau-, Grau- und Goldtönen ausgelegt. Zwei Teile der rosettengeschmückten Ecklisenen und ein Widderkopf aus dem Brüstungsrelief des ersten Obergeschosses konnten als Originalfragmente in die Rekonstruktionen mit eingebaut werden. Für alle weiteren Rekonstruktionen waren die Stuckateure vor allem auf altes Fotomaterial angewiesen. Als besonders schwierig erwies sich die Ermittlung der Inschrift in der beschriebenen Reliefplatte. Schuberts Frau Iris Scheiblich war nach intensiver Recherche anhand von Positiv- und Negativbelichtungen schließlich erfolgreich: SOLATIO PEREGRINITATI lautet die Inschrift, auf Deutsch „Trost dem aus der Fremde kommenden“ – der Ausspruch heute so aktuell wie damals!

Zeitgemäße Anforderungen an historische Fassaden

Gebaut wurde am Jüdenhof in monolithischer Ziegelbauweise ohne Wärmedämmverbundsystem. Letzteres hatte Bauherr Michael Kimmerle explizit nicht gewünscht. Eine energetisch hochwertige Bauweise wurde durch hochwärmedämmende, mit Mineralwolle verfüllte Ziegel, die durch verstärkte Stege über eine hohe Tragfähigkeit verfügen, dennoch möglich. Die von den Handwerkern beidseitig verputzte Dämmziegelaußenwand erreicht bei einer Dicke von 42,5 cm einen U-Wert von 0,20 W/m2K. Dort allerdings, wo in der historisch rekonstruierten Fassade nur sehr schma-
le Stützpfeiler die heute deutlich höheren Lasten hätten aufnehmen müssen, kam zusätzlich Stahlbeton zum Einsatz. Die beiden Untergeschosse und die Geschossdecken führten die Rohbauer ebenfalls in Stahlbeton aus. Auch die tragende 25 cm dicke Außenwand im Erdgeschoss besteht aus Stahlbeton. Sie erhielt aus energetischen Gründen eine 12 cm dicke Wärmedämmung und eine Vorsatzschale aus Vormauerziegeln, die die Handwerker anschließend verputzten. Dem Bauherrn war die monolithische Ziegelbauweise so wichtig, dass er die auch kostenmäßig aufwändigere Mischbauweise unterstützt hat. Und so wie bei den historischen Fassaden, die dennoch modernen Anforderungen an Wärme-, Schall- und Brandschutz gerecht werden müssen, wurde an vielen Stellen des Projektes immer wieder zwischen historisch notwendiger Anmutung und Materialität einerseits und Nachhaltigkeit, Funktionalität und zeitgemäßen Ansprüchen andererseits abgewogen. „Es muss aussehen wie damals, aber funktionieren wie heute“, so Sabine Schlicke, Leiterin des Projektes bei der IPROconsult GmbH. „So sind über einigen Fenstern Segmentbögen im klassischen Mauerwerksbau gefertigt worden, während an anderer Stelle mit vorgefertigten Ziegelstürzen oder Deckenrandschalen gearbeitet wurde, um Wärmebrücken zu vermeiden. Insgesamt mussten die großformatigen Ziegel an den stark strukturierten Bau angepasst und dennoch die Anforderungen an Fugenbreiten und Überlappungen eingehalten werden.“  

Knifflig waren die Schnittstellen zwischen Mauerwerk und Sandstein. Überwiegend wurde versucht, die Sandsteingesimse traditionell in das Mauerwerk einzumörteln. Dieses durfte allerdings aus Wärmeschutzgründen nicht zu stark geschwächt werden. An einigen Stellen entschied man sich daher für Dübellösungen, bei denen die Gesimse vor dem Mauerwerk, also ohne Ausklinkungen, sitzen. Hierbei musste auch auf Grund der Zulassungen für die Befestigungsmittel, sehr genau geplant und entschieden werden. Detailliert gaben die Planer beispielsweise die Dübelstellung zur Fuge und zur Stegposition der Ziegel vor. Schließlich musste an diesem Schnittpunkt auch noch die Verschattungsanlage zwischen Ziegel und Sandstein montiert werden. Das war vor allem an der im Mittelteil leicht herausschwingenden Barockfassade des Dinglingerhauses eine weitere Herausforderung.

Einbindung des Originalkellers

Spannend war schon im Vorfeld der Fund des historischen Kellers im Dinglingerhaus. Dieser musste erhalten, durfte aber nicht ab- und wiederaufgebaut werden, sondern sollte von der Stahlbetonkonstruktion des neuen, zweigeschossigen Kellers umbaut werden. Hierfür wurde zunächst eine Bohrpfahlwand gesetzt, um ein Abrutschen der alten Mauern zu verhindern. Im Pilgerschnittverfahren wurden diese anschließend unterfahren und mit einer durchgehenden Bodenplatte neu gegründet. Die Konstruktion bedeutete also, dass das Dinglingerhaus selbst keine Lasten in die alten Kellerwände einbringen durfte. Hierfür wurde nördlich und südlich der alten Mauern je eine Kellerwandscheibe ausgebildet. Auf diesen beiden Wandscheiben steht wiederum eine weitere Wandscheibe, die über die ersten beiden Obergeschosse reicht. Im erdgeschossigen Gastronomiebereich ist die Wandscheibe in zwei Stützen aufgelöst, die die Kellerdecke mit der tragenden Wandscheibe verbinden.

Vier Baukörper mit zwölf Fassaden

19 Wohneinheiten, ein Hotel mit 102 Zimmern, Restaurants, Geschäfte und Büros verbergen sich heute in vier unabhängig voneinander erschlossenen Baukörpern hinter zwölf Fassaden. Vom Jüdenhof zur Schlössergasse führt eine Passage durch den Block, die sich im Inneren zum „Damenhof“ aufweitet, einem Innenhof mit gläserner Überdachung.

Im Eingangsbereich des Restaurants im Erdgeschoss des Dinglingerhauses wurde die historische Grundrissstruktur mit Pfeilern und Gewölbeadaption wieder aufgenommen und das historische Korbbogengewölbe in Trockenbauweise nachgebaut. So fand gleichzeitig die moderne, notwendige Technik, wie Lüftungsrohre und Elektroinstallationen, ihren Platz, ohne optisch zu stören.

Mehr als nur Kulisse

Über Rekonstruktionen wird immer sehr kontrovers diskutiert und häufig den Gebäuden ein Kulissendasein vorgeworfen. Wenn die Wiederherstellung des Alten aber in so intensiver Weise geschieht, wie es Stuckbildhauer Thomas Schubert beschreibt, dann lebt eben doch ein Stück Stadtgeschichte wieder auf. Das noch durch Fotos und Pläne belegte Kulturgut wird auch nachfolgenden Generationen erlebbar gemacht.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Kimmerle GbR Jüdenhof, Rudolf und

Michael Kimmerle, Dillingen a.d. Donau,

www.kimmerle-juedenhof-dresden.de

Generalplanung IPROconsult, Dresden,

http://iproconsult.com

Denkmalpflegeberater Stefan Hertzig, Dresden

Rohbau DIW Bau GmbH, Kamenz, www.diw-bau.de

Stuckarbeiten Stuck Art, Bannewitz,

https://stuckart.eu

Sandsteinarbeiten Sächsische Sandsteinwerke,

Pirna, www.sandsteine.de

Ziegelhersteller Wienerberger, Hannover,

www.wienerberger.de

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