Myskills – Wie Betriebe durch ein neues Testverfahren berufserfahrene Mitarbeiter finden können

Viele Tätigkeiten in Werkstätten und auf Baustellen werden von Mitarbeitern ausgeführt, die keinen oder einen anderen Beruf gelernt haben. Der neue Test „Myskills“ zeigt, welche Kenntnisse und Fähigkeiten berufserfahrene Bewerber haben, die keinen formalen Berufsabschluss vorweisen können.

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland gilt im internationalen Vergleich als vorbildlich. Es bringt Facharbeiter hervor, die über fundierte fachliche Kenntnisse und praktische Fähigkeiten in ihrem Gewerk verfügen und prinzipiell alle typischerweise anfallenden Aufgaben und Arbeiten selbständig erledigen können. In der Realität sind jedoch die meisten Handwerksbetriebe auf bestimmte Arbeiten spezialisiert, und selbst innerhalb eines Betriebes werden Mitarbeiter häufig immer wieder für die gleichen Arbeiten eingesetzt. Wer als Maler nach der Lehre 10 Jahre lang hauptsächlich WDVS ausgeführt hat, muss sich erst wieder ganz neu einarbeiten, wenn er in einen Betrieb wechselt, dessen Schwerpunkt im Innenausbau liegt, wo er tapezieren und lackieren muss. Außerdem gibt es auch noch große regionale Unterschiede innerhalb der einzelnen Ausbildungsberufe – im Süden wird anders gebaut als im Norden. Was liegt also Näher, als die tatsächlichen fachlichen Kenntnisse und Fähigkeiten eines Bewerbers in einem Test zu ermitteln?

Was ist zu tun?

Schon heute werden viele Standardtätigkeiten von so genannten „Ungelernten“ übernommen, also Mitarbeitern, die keinen oder einen anderen Beruf erlernt haben und auf der Baustelle oder in der Werkstatt angelernt wurden. Deren Bewerbungschancen zu verbessern war die Grundidee eines Projektes der Bertelsmann Stiftung, das dann durch die steigende Zahl von Flüchtlingen und Migranten für eine noch viel größere Zielgruppe nützlich wurde. In Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und Experten aus dem Handwerk und der Berufsbildung entwickelten Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung einen computergestützten, videobasierten Test, der auf das praktische Handlungswissen abzielt. Was ist zu tun? Wie mache ich das? Was muss ich als nächstes tun? Mit welchem Werkzeug? Die Antworten werden über ein Punktsystem ausgewertet und in einem Ergebnisbericht zusammengefasst, der anhand von typischen Handlungsfeldern eines Berufs zeigt, ob jemand eine Aufgabe auf dem Niveau einer Fachkraft, als qualifizierte Arbeitskraft, erfahrener Helfer oder angelernte Hilfskraft erledigen kann. Der Test, der ungefähr vier Stunden dauert und ausschließlich im Jobcenter oder in der Arbeitsagentur durchgeführt wird, steht derzeit unter anderem für die Berufe Hochbaufacharbeiter mit Schwerpunkt Maurerarbeiten, Tischler und Maler zur Verfügung. Weitere Berufe sollen zeitnah folgen darunter Ausbaufacharbeiter, Tiefbauer, Berufskraftfahrer, Elektriker, Klempner, Fachlagerist, Gebäude-reiniger und GaLa-Bauer.

Erleichterung für Jobvermittler

Grundlage für den Test sind die Ausbildungsordnungen der einzelnen Berufe. Es hilft allerdings nicht viel, wenn man zur Vorbereitung Fachbücher liest. „Es werden keine Theoriefragen gestellt, sondern ausschließlich Dinge mit Handlungsbezug getestet“, erklärt Friederike Hasse, die als Projektmanagerin maßgeblich an der Entwicklung von „Myskills“ beteiligt war. „Das ist ein schwieriger Test. Man muss die Tätigkeit wirklich schon gemacht haben, mit rein theoretischem Wissen kann man nicht gut abschneiden“, betont die studierte Psychologin. Der Test fülle eine Lücke im Portfolio der Arbeitsagentur und erleichtere die Arbeit der Jobvermittler. Er ist freiwillig und soll ausdrücklich nicht zur Sanktionierung genutzt werden. „Auch der beste Jobvermittler steckt nicht in allen möglichen Berufsbildern so tief drin, dass er realistisch die Fähigkeiten jedes Bewerbers einschätzen könnte.“ Allerdings kann der Test auch nicht das Probearbeiten ersetzen. „Anhand des Ergebnisbogens kann ein potentieller Arbeitgeber einschätzen, in welchen Bereichen er einen Bewerber sofort einsetzen kann und wo er noch intern weitergebildet werden muss.“ Ob jemand pünktlich und zuverlässig ist und ob er mit den Kollegen gut zurechtkommt, wird auch zukünftig erst die Praxis zeigen.

Von Praktikern und Wissenschaftlern
gemeinsam entwickelt

Erarbeitet wurde der Test in einem mehrstufigen Verfahren, bei dem Experten aus der Praxis und Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung zunächst für jeden Beruf Kompetenzmodelle erarbeitet und daraus für jeden Themenkomplex Fragen abgeleitet haben. Nach einer statistischen Überprüfung musste sich jeder Test darüber hinaus in einem Feldversuch bewähren.

„Jeder Schritt wurde mehrfach in größeren Expertengremien diskutiert und überprüft“, betont Friederike Hasse. Außerdem wurde der Test auch in die Sprachen Englisch, Arabisch, Farsi, Russisch und Türkisch übersetzt. „Es war naheliegend, den Test in mehreren Sprachen anzubieten, denn wir wollen ja nicht die Sprachkompetenz, sondern die fachlichen Fähigkeiten messen. Gegebenenfalls können dann ja Sprachkurs und fachliche Weiterbildung parallel laufen.“ Eine gute Übersetzung war auch nötig, um Missverständnissen und Diskriminierungen vorzubeugen. Beispielsweise ist einem Muttersprachler bei einem Test klar, dass sich – in einem technischen Zusammenhang – das Wort „Mutter“ auf das Gegenstück zu einer Schraube bezieht und es nicht um eine Frau geht. Wer Deutsch als Fremdsprache erlernt, kennt die technische Bedeutung dieses Wortes möglicherweise nicht.

Sechs Handlungsfelder

„Der Test zeigt sehr genau, welche handlungsprak-tischen Fähigkeiten und Fertigkeiten jemand schon hat, wo man ihn bereits einsetzen kann und wo der weitere Schulungs- und Qualifizierungsbedarf besteht, um jemanden mittelfristig zur Fachkraft zu entwickeln. Und zwar in sechs Handlungsfeldern. Das reicht vom Erstellen von einschaligen Baukörpern, über das Erschließen von Bauwerken, das Herstellen von Baukörpern mit tragenden Funktionen, das Abdichten und Dämmen von Baukörpern, die Durchführung von einfachen Ausbauarbeiten bis zur Herstellung von besonderen Bauteilen und Sichtmauerwerk“, sagt Frank Kranz, Ausbildungsmeister für den Bereich Hoch- und Mauerwerksbau beim Berufsförderungswerk des Bauindustrieverbandes Frankfurt (Oder), der den Test für Hochbaufacharbeiter inhaltlich mitentwickelt hat.

Ergebnisse richtig interpretieren

Wichtig sei es, die Ergebnisse richtig zu interpretieren, denn der Test sei so schwer, dass nur jemand, der in Deutschland eine Ausbildung sehr gut abgeschlossen und auch schon praktisch gearbeitet habe, in einem Handlungsfeld die maximal möglichen vier Punkte erreichen könne. „Selbst jemand mit zwei Punkten in einem Handlungsfeld hat grundlegende Kenntnisse und kann einige Facharbeiten in diesem Bereich selbständig ausführen. So jemandem sollten sich Arbeitgeber unbedingt anschauen und ihm eine Chance geben.“

Mit einem Punkt könne jemand unter Anleitung arbeiten, mit drei Punkten sei ein Bewerber in der Lage, viele anspruchsvollere Arbeiten selbständig auszuführen, ohne dauernd beim Meister nachfragen zu müssen. Für so jemanden sei der Weg zur Fachkraft nicht mehr weit. Gleichzeitig zeige der Test aber auch genau, was jemand noch nicht kann und wo man gezielt mit Fortbildungen und Qualifizierungen ansetzen sollte. „Besonders interessant für Arbeitgeber ist ja, dass man durch den Test sieht, in welchen konkreten Arbeitsfeldern jemand bereits direkt anschlussfähige Fähigkeiten hat und gezielt einsetzbar ist“, sagt Kranz. „Wenn ein Baubetrieb zum Beispiel Aufträge zum Fassadenputzen im Verbundsystem hat, kann er bei seiner Arbeitsagentur oder beim Jobcenter gezielt nach Menschen fragen, die in diesem Arbeitsbereich im Test gut abgeschnitten haben. Die fehlenden Fähigkeiten können dann über die Zeit entwickelt werden, während man schon zusammen arbeitet. Im besten Fall bis zur vollen Qualifikation über eine Externenprüfung. Dafür gibt es Wege, die zusammen mit den Arbeitsagenturen oder Jobcentern gefunden werden können. Das ist für Betriebe ein neuer Weg, um zukünftige Fachkräfte zu finden und zu entwickeln.“

Mehr Informationen zu „Myskills“ finden Sie unter: www.Myskills.de und unter www.arbeitsagentur.de/Myskills

Autor

Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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