Sanierung von Müthers Kurmuschel in Sassnitz

Die Kurmuschel in Sassnitz ist eine der Kleinarchitekturen des Bauingenieurs Ulrich Müther. Dieser gilt als Meister der Schalentragwerke aus Beton und war bereits zu DDR-Zeiten international tätig. Seine Kurmuschel auf Rügen wurde nun saniert und mit einer Spezialbeschichtung gegen Witterung geschützt.

Die Blütezeit des Betonschalenbaus lag eigentlich in den 1950er und 1960er Jahren. Bereits in den 1970er Jahren nahm das Interesse immer stärker ab. Der Bau der Kurmuschel in den Jahren von 1986 bis 1988 fiel somit in eine Zeit, in der vielerorts vermehrt mit Stahl und Glas gebaut wurde. Ulrich Müther hatte sich aber dem Beton verschrieben. Zudem passte die zeitintensive, aber Material sparende Bauweise zu den wirtschaftlichen Gegebenheiten der damaligen DDR. Bereits im Studium hatte sich Müther intensiv mit Hyperschalen beschäftigt und sah eine große Herausforderung in der Optimierung dieser Flächentragwerke. Anfang der 1960er Jahre hatte die Firma Ulrich Müthers mit dem Schalenbau angefangen und sehr früh begonnen, diesen im Spritzverfahren umzusetzen. „Wir haben immer versucht, an die Grenzen heranzukommen: sechseinhalb bis sieben Zentimeter Schalendicke. Wir haben versucht, ein Optimum zu erreichen“, erzählt einer seiner damaligen Kollegen in dem Dokumentarfilm „Für den Schwung sind Sie zuständig“ von Margarete Fuchs. Und Tanja Seeböck schreibt in ihrem lesenswerten Buch „Schwünge in Beton, Die Schalenbauten Ulrich Müthers“: Es ging ihm also darum, Bauwerke zu schaffen, die leicht, stark und gekrümmt sind und in idealer Form das Kräfteverhältnis zwischen Tragwerk und Form veranschaulichen.

Ulrich Müther war ein Vorreiter des Betonschalenbaus und ein Ingenieur, der auch über die Grenzen der DDR hinaus bekannt und tätig war. Auch in der damaligen BRD baute Müther, beispielsweise die Kuppel des Zeiss-Planetariums in Wolfsburg. Lange Zeit fast vergessen, gelangte er wieder in das Bewusstsein der Architekturszene, als 2000 eines seiner berühmten Schalenkonstruktionen, das „Ahornblatt“ in Berlin, abgerissen wurde. Seitdem hat sich der Fokus verändert und der Erhalt von Müthers Bauten wird weiter vorangetrieben. Auch die Sanierungen seiner Kleinarchitekturen mit experimentellem Charakter werden unterstützt und gefördert. Denn neben größeren Projekten, wie Dachtragwerken für gastronomische Einrichtungen, Mehrzweck- und Stadthallen sowie Kuppeln für Planetarien, baute Ulrich Müther kleine Gebäude, wie Bushäuschen, Kioske, den kürzlich sanierten Rettungsturm in Binz oder eben die Kurmuschel in Sassnitz, um hier seine Materialforschungen voranzutreiben.

Form und Konstruktion

Die Kurmuschel entstand nach Plänen des Architekten Dietmar Kuntzsch und des Statikers Otto Patzelt in enger Zusammenarbeit mit Ulrich Müther und seinem Büro. Zum Ensemble gehören neben der Konzertmuschel selbst zwei symmetrisch angeordnete, ein-geschossige Kulissenbauten.

Die Muschel ist ein im Viertelkreis fächerförmig aufgespannter Kragarm, bestehend aus sieben hängend gewölbten HP-Schalensegmenten. HP steht für hyperbolisches Paraboloid und bezeichnet eine regelmäßig doppelt gekrümmte Fläche mit Hyperbeln, Parabeln und Geraden. Im ursprünglichen Entwurf sollten diese Schalen eine Wölbung nach oben haben. Müther konnte die Planer allerdings überzeugen, dass aus statischen und technischen Gründen eine Wölbung nach unten die bessere Lösung darstellt. Gebaut wurde die komplexe Form als Gitternetzwerk aus gebogenen Rundstahlstäben, das mit einem engmaschigen Drahtnetz umhüllt wurde. Auf dieses Netz wurde dann der Beton in mehreren Lagen ohne Schalung aufgespritzt.

Erstaunliche Beton-Qualität

Der Bau wies zwar, nicht zuletzt auf Grund seiner exponierten Lage zur Ostsee, diverse Bauschäden auf, diese waren allerdings erstaunlich oberflächlich. „Wir waren alle überrascht: An keiner Stelle der Muschel lag die Bewehrung frei“, erzählt Architektin Heike Nessler, die sowohl die Sanierung der Kurmuschel in Sassnitz als auch des Rettungsturms in Binz betreute. „Die Zusammensetzung des Betons war von so guter Qualität, dass es nur ganz geringe Einschlüsse und damit verbundene Absprengungen sowie geringfügige Schwundrisse gab. Es ging also weniger um die Sanierung des Betons selbst, als um dessen Erhalt durch eine auf das Objekt abgestimmte Beschichtung“.

Auch Jörg Riemer, Geschäftsführer des Bauunternehmens Rast Bau GmbH Sellin, das die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten durchgeführt hat, bestätigt: „Dafür, dass der Beton bereits über 30 Jahre der salzhaltigen Witterung ausgesetzt war, war er tatsächlich nur wenig beschädigt. Dennoch musste sowohl an der gesamten Außenfläche als auch an der Innenfläche bis zu einer Höhe von 3,50 m eine Betonsanierung durchgeführt werden, um eine gute Basis für die weiteren Schritte zu bilden.“ Hierfür wurden die feinen Spannungsrisse mit einem Saniermörtel aufgefüllt, mit mineralischem Feinspachtel („StoCrete TF 200“) ausgespachtelt und mit Tiefengrund verfestigt. Ziel der Sanierung war, die Kurmuschel wieder ihrer Nutzung als Ort für Konzerte und andere Veranstaltungen zuzuführen. Professor Philip Kurz, Geschäftsführer der gemeinnützigen Wüstenrot Stiftung hatte die Projekte auf Rügen entdeckt und erkannte den Denkmalwert der Schalenbauten, die eine Kombination aus hochentwickelter Spritzbetontechnik Müthers und bedingungsloser Architektur der Moderne verkörperten. „Die Wüstenrot Stiftung möchte die Bauten Müthers wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken“, erläutert hierzu Thomas Knappheide, der das Projekt als Projektsteuerer begleitet hat. „Die Schalenkonstruktionen Müthers sind ausgesprochen hochwertig, international von großer Bedeutung gewesen und ein architektonisches Erbe der Ost-Moderne, das es Wert zu schätzen und zu erhalten gilt.“ Die Vorgehensweise der Sanierung hatte eine von der Wüstenrot Stiftung in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie vorgegeben und wurde von einem gut funktionierenden Projektteam, bestehend aus Architektin, Restaurator, Denkmalschutz, Ingenieuren und Handwerkern mit viel Engagement und Leidenschaft umgesetzt.

Beschichtung und Farbe

Die Konzertmuschel steht nur knapp 8 m von der Wasserkante der Ostsee entfernt. Daher hatte man sie bereits zu DDR-Zeiten mit einer glasfaserverstärkten, gummiartigen Beschichtung versehen, die allerdings nicht erhalten werden konnte und komplett entfernt werden musste. Um den Bestand nicht zu schädigen, mussten die Handwerker sie von Hand, Stück für Stück mit dem Spachtel abgetragen. In Absprache mit dem Denkmalschutz durfte hier nicht mit einem Sandstrahlgerät oder ähnlichen, die Substanz gefährdenden Verfahren gearbeitet werden.

Interessant wurde es dann bei der Suche nach einer passenden neuen Beschichtung, da das Dach der Muschel nicht mit einem typischen Betondach-Aufbau zu vergleichen war. „Wir brauchten eine Beschichtung für eine waagerechte Betonfläche, die stark von Feuchtigkeit belastet wird“, so Architektin Nessler. „Für diese spezielle Anwendung liegt keine DIN-gerechte Lösung vor. Ausgewählt wurde am Ende eine Beschichtung, die eigentlich für Betonbehälter konzipiert wurde, die mit Flüssigkeit gefüllt werden.“ Diese Beschichtung wurde gemäß Muster auf der gesamten Seeseite der Muschel ausgeführt, die der extremen Belastung durch Wellenschlag und der Wettersituation standhält. Die Handwerker führten drei Schichten a 1 mm mit der Beschichtung „StoCrete FB“ aus. Die Oberfläche hat eine Struktur (leichte Körnung). Abschließend erfolgte insgesamt ein Schutzanstrich mit „StoCryl RB“, durch den die leichte Körnung ablesbar ist. Der Restaurator legte in Abstimmung mit der Architektin eine Liste mit den zu verwendenden Farbtönen vor.

„Für die Maßnahme wurde der komplette Bau über knapp acht Wochen eingehaust und rund um die Uhr beheizt, um immer die notwendige Mindesttemperatur zu gewährleisten“, erzählt Jörg Riemer. Auf der Bühnenseite wurden im schonenden Jos-Verfahren sieben Schichten Farbe abgetragen und die Fläche, wie oben beschrieben, saniert, rissüberbrückend gespachtelt und gestrichen.

Aus alten Skizzen der Muschel ist erkennbar, dass sie ursprünglich mit einem zum Rand hin heller werdenden Farbverlauf gestrichen werden sollte. In Absprache mit dem Denkmalamt entschied man sich dazu, diesen ursprünglichen Entwurf nun zu realisieren.

Kulissenbauten

Neben der Muschel stehen links und rechts die beiden Kulissenbauten. Diese bestehen aus einem verputzten Mischmauerwerk aus Betonschalsteinen und Ziegeln. Die Putzschicht musste saniert, also bis zu einem haftfähigen Untergrund abgenommen und die alte Putzschicht ergänzt werden. Eine etwa 8 m2 große Fläche musste neu verputzt werden.

Man diskutierte relativ lang darüber, ob eine Horizontalsperre notwendig sein würde. Bodengutachter, Restaurator und Planerin waren sich schließlich allerdings einig, dass dies nicht notwendig sei, da es sich bei dem Wasser, das in das Gebäude eingedrungen war, nicht um aufsteigende Feuchte, sondern um Ostseewasser gehandelt habe. Um das Gebäude bei der nächsten Sturmflut besser zu schützen, wurden auf der Innenseite der Türöffnungen wasserdichte Schotts eingebaut, die von außen nicht als solche erkennbar sind.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Wüstenrot Stiftung, Ludwigsburg,

www.wuestenrot-stiftung.de

Eigentümer Stadt Sassnitz, www.sassnitz.de

Projektsteuerung Büro Knappheide, Wiesbaden,

www.knappheide.eu

Planung Architekturbüro Nessler, Heike Nessler, Putbus/Lauterbach, www.architektin-nessler.de

Sanierungsarbeiten Rast Bau, Sellin,

www.rastbau-gmbh.de

Restaurator Hans-Henning Bär, Sundhagen

 

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Spachtel StoCretec, Kriftel, www.stocretec.de

Beschichtung und Farbe Sto, Stühlingen,

www.sto.de

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