Sanierung der Scharoun-Schule in Marl

Die Scharoun-Schule in Marl ist ein Meisterwerk der modernen Architektur und ein außergewöhnlicher Schulbau noch dazu. Nach der denkmalgerechten Sanierung nach Plänen des Büros Pfeiffer . Ellermann . Preckel Architekten strahlt sie nun wieder die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre aus.

Entworfen und erbaut wurde die ehemalige Volksschule Marl-Drewer 1960 bis 1970 nach den Prinzipien des „Organhaften Bauens“ von Hans Scharoun, dessen bekanntestes Werk die Philharmonie in Berlin ist. Die beiden realisierten Schulgebäude des Architekten – die Geschwister-Scholl-Schule in Lünen und die Volksschule in Marl – spiegeln sein pädagogisches Konzept wider: die Schule als Ort des Lernens und der Gemeinschaft in einer aufgelockerten baulichen Anlage mit engem Bezug zur Natur. Das Zentrum der Volksschule in Marl bilden Aula und Eingangshalle, die zugleich die Pausenhalle darstellt. Sternförmig ausstrahlend führen von hier breite Flure zu 16 pavillonartigen Klassenräumen, Fachklassen und der Turnhalle. Je vier Klassenzimmer sind mit einer eigenen Gruppenhalle zu überschaubaren Nachbarschaften zusammengefasst. Die Unterrichtsräume selbst gestaltete Scharoun als „Klassenwohnungen“, mit unterschiedlichen Bereichen und einer großen Terrasse für den Unterricht im Freien. So bot die Schule mit ihrer lichtdurchfluteten, differenzierten Raumlandschaft den Kindern viel Platz und vermittelte zugleich das Gefühl von Geborgenheit.

Grund- und Musikschule vereint

Nach jahrelangem Teilleerstand mit teils gravierenden baulichen Schäden entfaltet das Schulhaus nach der insgesamt rund 10 Million Euro teuren, im Sommer 2015 abgeschlossenen Sanierung nun wieder seine architektonischen und räumlichen Qualitäten. Es empfängt Schüler, Lehrer und Besucher mit der großen Eingangshalle als Hauptplatz der Anlage und leitet sie weiter zu den Grundschulpavillons, zum Musikunterricht in den beiden anderen Trakten und zu Konzerten in der Aula. Angenehme Raumhöhen und Proportionen, Sichtmauerwerk und Holz prägen das Gebäudeinnere. Großflächige Verglasungen sorgen für Blickbeziehungen und Tageslicht und schaffen eine freundliche, offene Atmosphäre. So selbstverständlich wirkt alles, dass es kaum vorstellbar ist, dass zeitweilig über den Abbruch des Schulhauses nachgedacht wurde. Zu groß erschienen die baulichen Schäden, die Undichtigkeiten in den Dachflächen verursacht hatten. In ihrem schon 2003 erstellten Gutachten untersuchten die Münsteraner Architekten Pfeiffer . Ellermann . Preckel die Schule und entwickelten ein umfassendes Sanierungskonzept. Sie plädierten dafür, das funktional maßgeschneiderte Gebäude auch weiterhin für den Unterricht zu erhalten. Als ideale Lösung erwies sich die gemeinsame Nutzung durch die Aloysius-Grundschule und die städtische Musikschule. Nach Expertengremien, Bürgerinitiativen und der Sicherstellung der finanziellen Förderung durch das Land NRW entschloss sich die Stadt Marl zur Sanierung des zwischenzeitlich in die Denkmalliste aufgenommenen Gebäudes. Sie schrieb ein VOF-Verfahren aus, das Pfeiffer . Ellermann . Preckel Architekten 2009 gewannen. Mit der vorgeschalteten Mustersanierung eines Klassenzimmers für die wesentlichen Gewerke konnten der Zeit- und Budgetrahmen für das gesamte Bauvorhaben präzisiert werden.

Sanierung unter denkmalpflegerischen und
energetischen Gesichtspunkten

Die Gebäudehülle war schwer geschädigt, die Flachdächer ebenso wie die ohne schützende Dachüberstände fast bündig anschließenden Holz-Glasfassaden. So mussten die Dächer bis auf das Tragwerk zurückgebaut werden. Auch die Holzelemente wurden weitestgehend ersetzt. Basierend auf den Fördermitteln zur energetischen Erneuerung, bestand die Herausforderung darin, die Gebäudehülle an die damals aktuelle EnEV anzupassen und zugleich den architektonischen Ausdruck und damit die Identität und die besondere Qualität des Gebäudes zu bewahren. Hierfür war Sensibilität für das Vorhandene ebenso erforderlich wie großes technisches und handwerkliches Know-how.

Die Dachlandschaft

Einer der größten Kostenfaktoren war der neue Dachaufbau und dessen energetische Ertüchtigung. Durch den weitläufigen Grundriss und die kleinteilige Gliederung verfügt die Schule über eine äußerst differenzierte Dachlandschaft, mit Flachdächern wechselnder Dachneigungen sowie unterschiedlichsten Attika- und Wandanschlüssen. Abgedichtet waren die Dächer mit Prewanol, einer Kunststoff-Dachbahn aus der Entstehungszeit. „Ich schätze das Konzept der Schule von Hans Scharoun sehr. Die technische Ausführung und die Detailwahl waren sehr sorgfältig, aber an der einen oder anderen Stelle hätte man nachhaltiger denken können. Die Prewanol-Folie wurde seinerzeit auf der Dachdämmung aus Kork verlegt, einfach über die Randbohle der Attika geklappt und als Gesimsverkleidung um die Bohle geführt. Das Detail war etwas abenteuerlich. Doch in der Aufbruchsstimmung der zweiten Nachkriegsmoderne gab es viele neue Baustoffe, die noch in der Entwicklung waren“, erläutert der projektverantwortliche Architekt Christoph Ellermann und fährt fort: „Diese sichtbare schwarze Prewanol-Kante haben wir selbstverständlich wieder aufgenommen, allerdings mit einer schwarz beschichteten Holzwerkstoffplatte. Großen Wert legten wir darauf, dass die gesamte Attika nicht überproportional hoch wurde, trotz der neuen Höhe des Dämmpakets.“ So ist die obere Attikabohle nur um etwa 3 bis 4 cm höher als die ursprüngliche. Der Dachaufbau wurde komplett erneuert: Auf den vorhandenen und sanierten Stahlträgern brachten die Handwerker Sparren, Schalung und Dampfsperre und darauf die Wärmedämmung in Form von etwa 12 cm dicken EPS-Platten, eine Brandschutzlage aus Glasvlies und die neue Dachabdichtungsbahn auf. Auch für das ausführende Unternehmen war die Herausforderung groß, galt es doch bei der insgesamt rund 8000 m2 großen Dachlandschaft die vielfältigsten Flächen sowie deren Anschlüsse an Firste, Attiken, Oberlichter, Einlaufkästen und aufgehenden Bauteilen abzudichten.

Die Holz-Glasfassaden

Bei den Holz-Glasfassaden der Klassenräume waren die Fenster und die anschließende Nut- und Feder-Schalung stark durchnässt beziehungsweise sogar verfault. „Durch das Holz hätte man mit dem Finger stechen können. Das Nadelholz hatte in den 60er Jahren einen Anstrich ohne Pigmentierung erhalten. Die Sonne schädigte die Oberfläche, und um dies zu kaschieren, hat man im Lauf der Jahre immer dunklere Anstriche verwendet. Zuletzt kochte das Weichholz unter dem schwarzen Anstrich durch die Sonne förmlich auf und war verrottet“, beschreibt Christoph Ellermann die vorgefundene Situation. Die Holzteile wurden auf Basis der vorhandenen Vorlagen originalgetreu ersetzt. „Zum einen war die Geometrie vor Ort noch vorhanden. Zum anderen lagen Scharouns originale Konstruktionszeichnungen vor. Wir haben uns an beiden orientiert und jedes einzelne Fenster im Detail gezeichnet, um die Profile an heutige Ansprüche an Wärmedämmung und Schlagregensicherheit anzupassen und sie dennoch möglichst schlank zu halten“, so der Architekt. Auch für die mit diesen Arbeiten betraute Tischlerei Gehner aus Osnabrück war die Wiederherstellung der Glasfassaden mit ihren Schwingfenstern, der Holzverschalung und der massiven Eckelemente ein besonderer Auftrag. Von den vorhandenen Elementen konnte nur noch wenig wiederaufbereitet werden. „Doch zumindest einen Teil der Beschläge konnten wir wiederverwenden, wenn sie nicht zu deformiert oder defekt waren“, erläutert Tischlermeister Ralph Semmelmann. Arbeitsintensiv war insbesondere die Planung der Details aufgrund der vielen unterschiedlichen Anschlüsse. Dazu kam, dass die Fensterprofile den originalen Profilen möglichst ähnlich sein sollten – trotz der Doppelverglasung. „Wir haben aus den Bestandsplänen und den Vorgaben der Architekten die Werkplanung erstellt und anschließend mit den Architekten und Denkmalpflegern abgestimmt“, so Ralph Semmelmann. Gefertigt wurden Lärchenfenster mit einem pigmentierten Lasuranstrich in einem Sonderfarbton, entsprechend der Musterfassade. Auf eine Regenschiene wurde verzichtet, da diese die Ansicht verändert hätte; stattdessen wurde ein Holzprofil als Wasserschenkel ausgebildet.

Ziegel aus dem Material einer Abraumhalde

Neben den großen Holz-Glasflächen charakterisieren die vorgemauerten graublauen Ziegel der Brüstungen und massiven Fassadenbereiche das Gebäude. Sie sind aus dem Material der Abraumhalde der Marler Zeche Auguste Victoria hergestellt. Ihre Oberfläche wurde lediglich mit Wasser gesäubert; eine nachträgliche Dämmung schied aus Denkmalschutzgründen aus. Doch die Architekten hatten bereits im Gutachten ein spezielles Konzept entwickelt: Da die neuen Dämmschichten in Dach- und Bodenaufbauten die Energiebilanz des Gebäudes erheblich verbessern, können andere Bereiche quasi ungedämmt bleiben. So wird ein vernünftiger energetischer Mittelwert erzielt. Um Tauwasserbildung an den Anschlüssen von hochgedämmten und wenig gedämmten Bauteilen zu vermeiden, erhielten diese Stellen eine Innendämmung aus Calciumsilikatplatten.

Böden und Decken

In den Klassentrakten führten vom Dach eindringendes Wasser sowie Schadstoffbelastungen zum Verlust aller Holzdecken sowie eines Großteils der Fußbodenkonstruktion. Dessen relativ große Höhe konnte für ein dickes Dämmpaket genutzt werden: Anstelle der 15 cm hohen Auffüllung mit den integrierten Kanälen des von Scharoun geplanten Lüftungssystems wurde hier eine 10 cm dicke EPS-Dämmung auf Perlite-Schüttung eingesetzt. Die Architekten griffen Scharouns Idee des dezentralen Belüftungssystems für Frischluft und Beheizung der Klassenräume wieder auf und entwickelten sie weiter. Ursprünglich wurde die warme Luft vom angrenzenden Technikraum über das Unterflur-Kanalsystem zur Fensterfassade geführt, wo sie durch Schlitze entwich. Die Anlage – ein Prototyp – war allerdings fehlerhaft und nicht lange in Betrieb. Mit heutigen, technisch ausgereiften Lüftungsgeräten strömt die Frischluft nun über die neuen, wandintegrierten Weitwurfdüsen in die Klassenzimmer.

Komplett ersetzt werden mussten auch die Deckenuntersichten der Klassentrakte: Die Stahlträger der Dachkonstruktion hatte man, wie zur Bauzeit üblich, mit PCB-haltigen Anstrichen versehen. Die Schadstoffe waren über die Jahre in die abgehängten Decken eingedrungen. Nachdem die Stahlkonstruktion vom PCB befreit war, wurden in der ehemaligen Grundstufe die Holzuntersichten wiederhergestellt; die größeren Pavillons der ehemaligen Mittelstufe erhielten originalgetreue Untersichten aus Weichfaserplatten. Da jedoch die bauzeitliche geschlitzte Variante nicht mehr erhältlich ist, schnitt der Tischler handelsübliche Platten entsprechend der ursprünglichen Gestaltung ein. Den überzeugenden Gesamteindruck der Schule rundet schließlich auch die Wiederherstellung des ursprünglichen Farbkonzepts von Hans Scharoun ab.

Autorin

Dipl.-Ing. Claudia Fuchs studierte Architektur an der TU München. Sie arbeitet als freie Redakteurin und Autorin unter anderem für die Zeitschriften Detail, Baumeister und bauhandwerk.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Stadt Marl, www.marl.de

Architekten Pfeiffer . Ellermann . Preckel Architekten und Stadtplaner, Münster,

https://pep-architekten.de

Statik KSV Engineering, Marl,

www.ksv-engineering.de

PCB-Sanierung Müssmann Umweltschutz,

Schermbeck, www.muessmann-umweltschutz.de

Fassadensanierung Firma Lambernd, Marl,

www.maler-lambernd.de

Sanierung der Holz-Glasfassade Tischlerei Gehner, Osnabrück, www.tischlerei-gehner.de

Tischlerarbeiten Tischlerei Ulrich Schröer, Ahlen, www.tischlerei-ulrich-schroeer.de

Dachsanierung Meschede Bedachungen,

Rechlinghausen, www.meschede24.de

Malerarbeiten Firma Ambrock, Essen,

www.ambrock.de

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