Algen- und Pilzbefall an der Fassade

Dr. Thomas Warscheid ist Wissenschaftler und Gutachter auf dem Gebiet der Werkstoffmikrobiologie. Wir haben uns mit ihm über die Ursachen von Algen- und Pilzbefall an Fassaden unterhalten. Hier seine wichtigsten Tipps für Handwerker für die tägliche Praxis.

Herr Dr. Warscheid, in welchen Fällen werden Sie als Sachverständiger am häufigsten gerufen?

Unser Gutachterlabor wird hinzugezogen, wenn es im Bereich „mikrobieller Befall“ Baumängel zu beanstanden gibt. Am häufigsten handelt es sich dabei um Schimmelschäden in Innenräumen. Aber auch der Algen- und Pilzbefall an Fassaden hat in den vergangenen Jahren zugenommen beziehungsweise ist auch stärker in den Fokus von Bauherren gerückt.

 

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Zum einen bietet die Veränderung des Makroklimas Algen und Pilzen bessere Lebensbedingungen. Viele architektonische Konstruktionen begünstigen den Befall zusätzlich durch mangelhafte Wasserableitung oder fehlende Dachüberstände. Aufgrund der Energieeinsparverordnung werden zudem immer mehr Häuser wärmegedämmt, was zu einer Temperaturabsenkung der Fassade führt. Tauwasser bleibt länger stehen und bietet Algen und Pilzen in Verbindung mit Luftverunreinigungen die Grundlage zu wachsen.

 

Wie lässt sich das Bewuchsrisiko durch die Wahl der richtigen Fassadenputze regulieren?

Im Idealfall sollten mineralische Komponenten mit hoher Alkalität und einem guten Feuchtigkeitsmanagement zum Einsatz kommen. Je höher die Masse und je poröser und sorptionsfähiger die Oberfläche des Putzes, desto geringer die Gefahr eines Befalls. Bei hydrophoben Oberflächen dagegen kann deren Thermoplastizität bei Erwärmung leicht zu einer klebrigen Oberfläche und Staubabsorption führen, was insbesondere in verschmutzten Gebieten die Ansiedlung von Algen und Pilzen begünstigt. Biozide können dies lediglich hinauszögern, da sie je nach Expositionsbedingungen in der Regel nur eine Wirkung von drei bis maximal acht Jahren zeigen.

 

Und was ist bei der Verarbeitung zu beachten?

Obwohl verarbeitungsfertige organische Putze im Prinzip leichter anzuwenden sind als mineralische, sind gerade bei dieser Fassadenbeschichtung Ausführungsfehler nicht selten. Häufig wird der Farbanstrich zu dünn oder bei zu hoher Luftfeuchtigkeit aufgetragen, so dass die Farbe nicht abbindet beziehungsweise keine ausreichende Schutzschicht ausgebildet wird und der Schimmelpilz mehr Angriffsfläche findet. Bei mineralischen Oberputzen wird dagegen, abgesehen von einem silikatischen Egalisationsanstrich, auf ­Anstriche verzichtet. Auch hier ist jedoch darauf zu achten, dass der Putz zur Vermeidung von Lunkern – Löcher, in denen sich Pilze und Dreck sammeln –gleichmäßig aufgetragen wird.

 

Was würden Sie Bauherren raten?

Bauherren, die Wert auf eine makellose Fassade legen, sollten hochwertige, mineralische Systeme verwenden und eine Fachfirma mit der Ausführung beauftragen. Ansonsten hilft alles – sei es konstruktiv oder durch die Materialwahl bedingt – was Feuchtigkeit an der Fassade verhindert beziehungsweise sie schneller ­abtrocknen lässt. Dazu zählen ein ausreichender Dachüberstand, abtrocknungsoptimierte Putze sowie ein dickschichtiger Putzauftrag und ggfs. dunkler eingetönte Fassaden.  Eine regelmäßige Wartung hilft, Schäden frühzeitig zu erkennen und zu beheben.

 

Wie können Handwerker ihr Haftungsrisiko im Fall eines Algen- und Pilzbefalls minimieren?

Algen- und Pilzbefall ist ein allgemeines Lebensrisiko jedes Bauwerks und Bauherrn. Handwerker haben allerdings eine Hinweispflicht und sollten ihren Auftraggeber daher immer über alle Faktoren aufklären, die einen Algen- und Pilzbefall begünstigen können und die Arbeiten stets unter Minimierung dieser Risikofaktoren und nach dem Stand der Technik ausführen. Und natürlich unterstützen wir als Sachverständigenbüro gern bei der Aufklärung und Fehlersuche.

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