Altes Betondach energetisch saniert

Sargdeckelsanierung historischer Betondächer mit energetischer Ertüchtigung

Zum Ende des 19. Jahrhunderts kam es in Deutschland zu einer rasanten Entwicklung der Industrieproduktion und damit zum Bau vieler Industrie- und Gewerbebauten. Oft wurde ab 1900 die damals neue Bauweise Stahlbeton angewandt. Auch die Dachtragwerke wurden in Stahlbeton gebaut und müssen nun nach und nach saniert werden.

Bis zu den deutschlandweit einheitlichen Vorschriften zur Errichtung von Stahlbetonbauten von 1916 gab eine Vielzahl von unterschiedlichen Bauweisen, Regelungen und Vorschriften. Das führte dazu, dass man in einzelnen Städten oder Reichsstaaten sehr unterschiedliche Konstruktionen von Stahlbetondachtragwerken im Zeitraum von 1900 bis 1916 vorfindet. Die auf dem Betondachwerk vorgenommene Eindeckung war sehr unterschiedlich.

Die Gründe für die Anwendung von Stahlbeton als Dachtragwerk waren die strikten Brandschutzvorschriften und die geringeren Beiträge für die Brandversicherung. Ein weiterer Vorteil war, dass durch die Ausbildung der Dachtragwerke in Stahlbeton, das Dachgeschoss zu Produktionszwecken und zur Lagerhaltung mitgenutzt werden konnte. In der historischen Fachliteratur wurde auch der Vorzug von Stahlbetontragwerken gegenüber Dachtragwerke aus Holz mit der „Fernhaltung von Fäulnis und Schwammbildung“ angegeben. Auch spielten oft architektonische Gesichtspunkte bei der Gestaltung des Gebäudes eine Rolle.

Dachformen und Eindeckung

Durch die gute Formbarkeit des Stahlbetons konnte man relativ problemlos verschiedene Dachformen errichten. Neben dem Satteldach gab es noch andere Dachformen wie zum Beispiel das Mansarddach. Besonders bei großen Industrieanlagen wurde das Dach als Sheetdach ausgeführt. Durch die unterschiedlichen Dachformen kam es auch zu verschiedenen Arten der Dacheindeckung. Bogendächer und Satteldächer wurden meist mit Biberschwänzen oder Falzziegeln eingedeckt. Aber auch Schieferdeckungen sind bekannt. Bei Sheetdächern verwendet man unterschiedliche Teerpappeneindeckungen.

Historische Stahlbetondachtragwerke

Es gibt sehr unterschiedlichen Dachtragwerkskonstruktionen aus Stahlbeton. Aus diesem Grunde sollte der Handwerksbetrieb sich beim Tragwerkplaner über die Befestigungsmöglichkeiten der Unterkonstruktion für die Eindeckung der Dachziegel bei Steildächern informieren. Die vorgefundenen einbetonierten Holzleisten oder Holzdübel (das war gängige Praxis) sind durch die lange Zeit auf dem Dach meist für eine weitere Verwendung unbrauchbar. Die daraus resultierenden ­Aussparungen im Stahlbeton mindert die Betondeckung erheblich. Ob man nach der Entfernung der alten maroden Latten die Aussparungen für die neue Unterkonstruktion nutzen kann, sollte deshalb mit dem Tragwerksplaner abgestimmt werden.

Durch die unterschiedlichen Bauweisen der Dächer, wird ein Unternehmen, das mit der Sanierung beauftragt ist, auch unterschiedliche Plattendicken und Bewehrungseinlagen vorfinden. Die Bestimmung der Lage der Bewehrung ist für die Befestigung der neuen Dachunterkonstruktion von entscheidender Bedeutung. Auch spielen die Bewehrungsstähle für die Tragfähigkeit des Betontragwerkes eine große Rolle. Um die Lage der Bewehrung zu orten, gibt es verschiedene zerstörungsfreie Verfahren. Diese Verfahren sollten von einem zugelassenen Prüflabor vorgenommen werden. Die Ergebnisse einer solchen Prüfung sollte man vor einer ­Befestigung der Unterkonstruktion für die Dach­­ziegeldeckung einholen. Nach einer fachgerechten Prüfung des Dachtragwerkes kann man die entsprechende Befestigungsvariante auswählen.

Sanierungsbeispiel denkmalgeschützte Druckerei

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden auch in Leipzig eine Vielzahl von Druckerei- und Verlagsgebäuden. In der Nähe des Leipziger Stadtzentrums erbaute 1916 der Verleger Bernhard Meyer ein Büro- und Druckereigebäude. Die gesamte Tragkonstruktion einschließlich des Dachtragwerkes wurde in Stahlbetonstampfbauweise errichtet. Das Dachtragwerk hat eine Dicke von 13 bis 15 cm. Die Dachneigung ist bei den einzelnen historischen Gebäudeteilen sehr unterschiedlich. Die Dacheindeckung erfolgte mit Biberschwänzen auf einer entsprechenden Unterkonstruktion.

Da das Gebäude unter Denkmalschutz steht, erfolgte bereits in der Planungsphase der Sanierung eine enge Abstimmung mit der örtlichen Denkmalschutzbe­hörde. Vor Beginn der Dachsanierung wurde die historische Stahlbetonkonstruktion von einem Tragwerksplaner auf ihre Tragfähigkeit überprüft. Die Biberschwanzdeckung ist mit dem Baujahr des Gebäudes datiert und lag so schon 100 Jahre auf dem Dach. Sie war sanierungsbedürftig und musste abgebrochen werden. Ebenso war es notwendig, die in die Oberfläche des Stahlbetons eingelassen Holzleisten zu entfernen.

Aufwendige Sanierung

Die Lösung, die zusammen mit dem Tragwerksplaner gefunden wurde, war weitreichend und stellte eine besondere Herausforderung dar. Die vorhandenen historischen Stahlbetongauben mussten abgebrochen werden. Sie genügten nicht mehr den heutigen Anforderungen und wurden wieder komplett neu in Stahlbeton errichtet.

Von der vorhandenen Betonoberfläche des Dachtragwerkes entfernten die Handwerker die alte Schwarzabdichtung und die Unterdachlagen. Danach wurden grobe Unebenheiten der Betonoberfläche geglättet und die Aussparungen der vorhandenen eingelassenen Latten mit Beton ausgefüllt. Nach diesen Vorarbeiten brachten die Dachdecker eine Bitumenschweißbahn als Dampfbremse auf. Anschießend wurde die Tragkonstruktion mit Sparren errichtet und auf dem Betondach mit Stahlwinkeln und Schwerlastankern verschraubt. Zwischen den aufgeschraubten Sparren verlegten die Handwerker eine 18 cm starke Mineralwolledämmung (WLG 035), die den Anforderungen der EnEV genügte. Eine diffusionsoffene und winddichte Dachbahn schließt die Dämmebene ab. Auf den Sparren wurde dann die Konterlattung beziehungsweise die Traglattung genagelt. Als Dacheindeckung wurden rotbraune Biberschwanzziegel im sächsischen Format aufgebracht und mit Schneelasthaken versehen. Die gesamte Verblechung wurde mit Zinkblech ausgeführt.

Das ehemalige Büro- und Druckereigebäude wurde mit der Sanierung in ein Wohngebäude umgewidmet. Die Steildachräume werden nun als Technikräume für die Haustechnik verwendet.

Autor

Lutz Reinboth ist Bauingenieur, lebt in Leipzig und schreibt als Fachautor für zahlreiche Publikationen im Baubereich.

Bei Sanierungen von Stahlbetondachtragwerken sollte sich der Handwerksbetrieb über Befestigungsmöglichkeiten beim Tragwerksplaner erkundigen