Blockhaus 2.0Einfamilienhaus aus Massivholzelementen in Oberstdorf

Für eine Bauherrenfamilie aus Oberstdorf bauten die Architekten Angelika Blüml und Klaus Noichl ein modernes Einfamilienhaus, das sich in seinen Proportionen an einem regionaltypischen Stadel orientiert und überdies viele Gestaltungsmerkmale der Allgäuer Baukultur in einen zeitgemäßen Entwurf einfügt. Auch konstruktiv ist dieses „Allgäu-Haus“ tief in der Region verwurzelt: Seine Wände bestehen aus 40 cm dicken, traditionell verdübelten Massivholzelementen aus heimischer Weißtanne.

Die Idee des modernen Allgäu-Hauses ist allerdings schon 10 Jahre alt und entstand in einem als Architekturwettbewerb, der seinerzeit vom ROTIS-Forum des Architekten Florian Aichers – einer Initiative von Planern und Gestaltern, die sich mit dem Wandel der Region beschäftigt – ausgeschrieben wurde. Die Jury hatte damals 15 junge Architekturbüros aus der Region ausgewählt, die sich zunächst im Rahmen eines gemeinsamen Workshops und später mit ihren darauf aufbauenden Entwürfe mit der Weiterentwicklung der traditionellen Architektur im Allgäu beschäftigten. Gefragt war ein kostengünstiges, einfach konstruiertes und energetisch zeitgemäßes Einfamilienhaus, das im positiven Sinne – also nicht etwa historisierend – konstruktive und gestalterische Details der regionalen Architektur mit einem modernen Baukörper verbindet.

Allgäu-Haus


Die Architekten Angelika Blüml und Klaus Noichl aus Oberstdorf wurden für ihren Entwurf mit einem der drei ersten Preise ausgezeichnet. Ihre Interpretation des zeitgemäßen „Allgäu-Hauses“ integriert die geforderten regionalen Gestaltungsmerkmale – flaches Dach, Stube über Eck für maximalen Sonneneinfall sowie eine geschlossene Nord- und großzügig geöffnete Südfassade – souverän in einen modernen, in seiner gestalterischen Gesamtheit äußerst gelungenen Entwurf. Der Clou dieses „Allgäu-Hauses“ ist jedoch der konsequente Einsatz des Baustoffes Holz: Die 40 cm dicken Wände bestehen ebenso wie die EG-Decke und die Dachkonstruktion komplett aus massiver heimischer Weißtanne.

„Wir haben uns bei der Proportion des Hauses an einem typischen Oberstdorfer Stadel orientiert“, erklärt Klaus Noichl und ergänzt: „Der Entwurf stellte eine klare Abkehr vom so genannten Alpinen Stil dar, der sich in den vergangenen Jahren durch die Bedürfnisse des Tourismus zunehmend im Allgäu ausgebreitet und jegliche Weiterentwicklung regionaler baulicher Identität verhindert hat.“

Obwohl die Siegerentwürfe im Rahmen einer Wanderausstellung einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurden, fand sich lange Zeit kein interessierter Bauherr, der den Entwurf von Angelika Blüml und Klaus Noichl nun auch wirklich bauen wollte. So vergingen sechs Jahre, bis eine Familie aus Oberstdorf das Modell des „Allgäu-Hauses“ sah und sich ob der Einfachheit und Geradlinigkeit des Entwurfes spontan entschied, genau dieses Haus auf ihrem Hanggrundstück am Ortsrand des Oberstdorfer Stadtteils Kornau zu errichten. So kam der Siegerentwurf von 1998 doch noch fast unverändert zur Ausführung; aufgrund der Hanglage wurde lediglich im Erdgeschoss ein Split-Level-Grundriss eingeplant, der das Wohnzimmer gegenüber dem restlichen Erdgeschoss um etwa einen Meter absenkt.


Modernes Blockhaus


Ein traditionelles Blockhaus ist per Definition ein Gebäude mit Wänden aus übereinanderliegenden rohen oder bearbeiteten Baumstämmen, die in regelmäßigen Abständen durch große Holzdübel gesichert werden. Die zwangsläufig entstehenden Fugen zwischen den einzelnen Stämmen dichteten die Handwerker früher mit Moos, Schafwolle oder Leinen ab. An diese Bauweise erinnerten sich Angelika Blüml und Klaus Noichl, als sie 1998 beim Wettbewerbsentwurf über die geforderte Verwendung des regionaltypischen Baustoffs Holz nachdachten. „Wir wollten damals weg von den komplizierten Wandaufbauten des Holzrahmenbaus“, erinnert sich Klaus Noichl. Für die herkömmlichen verleimten Dickholzelemente mochten sich die Architekten aus baubiologischen Gründen jedoch auch nicht entscheiden und favorisierten schließlich einen monolithischen Wandaufbau ohne Dämmschicht, der aus Rücksicht auf die finanziellen Ressourcen der Bauherren und die ökologischen Ressourcen der Natur aus verdübelten Bohlen der heimischen Weißtanne entstehen sollte.


Holzeinschlag und

Zuschnitt im Sägewerk


Die Weißtanne ist im Allgäu der traditionelle „Haus-Baum“, der im Gegensatz zu anderen Nadelhölzern keine Harzkanäle besitzt und deswegen harzfrei ist. Das Holz ist leicht, weich, elastisch, trocknet schnell, es schwindet kaum und arbeitet auch nur gering. Gerade bei wechselnder Feuchte ist es dauerhafter als Fichtenholz.

Für das „Allgäu-Haus“ wählten die Architekten, die Bauherren und der zuständige Forstbeamte ausschließlich Bäume aus nahegelegenen Wäldern (Kleinwalsertal und Steibis), die zum Jahreswechsel 2004/2005 geschlagen wurden, da im Winter nur wenig Saft im Holz ist. Nach dem Einschlag lagerten die Stämme zunächst zwei Monate im Wald (siehe Bild auf Seite 26 oben) und wurden dann ins Sägewerk transportiert. Dort oblag es dem Zimmermeister Konrad Jenn von der Zimmerei Holzbau Jenn, mit den Mitarbeitern des Sägewerks die benötigten Querschnitte abzustimmen. Jenn entschied sich zur Herstellung der massiven Wand, Decken- und Dachelemente für einen Rohquerschnitt von 65 x 225 mm. Auch das so genannte Seitenholz sollte zur Herstellung der Dielenböden und der Terrasse so weit wie möglich ausgenutzt werden. Nach dem Zuschnitt wanderte das Holz für einige Wochen in die Trocknungskammer.


Vorfertigung

Danach begannen die Zimmerleute in der Werkstatt mit der Vorfertigung der Massivholzelemente. Für die Herstellung der Wände wurden die Bohlen zunächst mit der langen Seite (225 mm) zum Wandquerschnitt angeordnet und verdübelt (siehe Foto auf Seite 28 links und Fassadenschnitt auf Seite 30). Zur Außenseite hin schraubten die Zimmerleute auf diesen tragenden Wandkern eine weitere Bohlenschicht, allerdings um 90 Grad gedreht, wodurch die Dicke der Wand um weitere 56 mm zunahm. Darauf wiederum wurde eine diffusionsoffene Unterspannbahn aufgeklebt, die für die Winddichtigkeit des Wandaufbaus sorgt. So wurden die bis zu 5 m breiten Wandelemente auf die Baustelle transportiert.

Die 130 mm hohen Decken- und Dachelemente fertigten die Zimmerleute in Einzelmodulen mit einer Breite von 60 cm an. Die einzelnen Bohlen wurden dazu mit einer speziellen Maschine in der Werkstatt mit Hartholzstäben schräg verdübelt. Auf der Innenseite befestigten die Zimmerleute anschließend eine 20 mm dicke Fichte-Dreischichtplatte als statische Scheibe.

„Die Vorteile dieser modernen Blockhausbauweise liegen in dem guten Dämmwert und der hohen Speichermasse der Konstruktion“, erklärt Architekt Klaus Noichl. Wegen der massiven und damit bis zu zwei Tonnen schweren Elemente bedurfte es jedoch in der Werkstatt und auch später auf der Baustelle einer anderen Logistik als etwa beim Holzrahmenbau. „Der Tieflader und auch der Kran mussten natürlich auf das hohe Gewicht der Wandelemente abgestimmt werden“, erinnert sich Zimmermeister Konrad Jenn, der mit seinem Betrieb im traditionellen Blockhausbau zwar schon viel Erfahrung gesammelt hatte, hier jedoch sein erstes modernes Blockhaus herstellte.


Keller aus Stahlbeton


Bevor die Zimmerleute jedoch mit dem Tieflader auf der Baustelle anrücken konnten, musste das Rohbauunternehmen den Keller fertigstellen. Hierzu gossen die Handwerker zunächst eine 6 cm dicke Sohlplatte aus Stahlbeton, die lediglich flügelgeglättet wurde. Die Kellerwände bestehen hingegen aus so genannten Doppelwandelementen – hier handelt es sich um Fertigteile, die zum Erdreich hin aus einer mit Polystyrol gedämmten Sichtbetonplatte und auf der Kellerseite aus einer ungedämmten Sichtbetonplatte bestehen. Den 13 cm breiten Hohlraum dazwischen betonierten die Handwerker des Rohbaubetriebs auf der Baustelle mit Ortbeton aus. Die Kellerwände erhielten abschließend eine 16 cm dicke Kellerdecke aus Stahlbeton.


Aufstellen des Holzrohbaus


Da die Massivholzelemente ab Werkstatt nur einseitig mit einer Unterspannbahn verkleidet waren und auf der Baustelle komplettiert werden mussten, konnte das Aufstellen nur bei gutem Wetter erfolgen. So rückte der Tieflader im Frühsommer 2005 bei strahlendem Sonnenschein auf der Baustelle an. Die vorgefertigten Wandelemente wurden mit dem Kran an den Einbauort versetzt und dort auf der Innenseite mit Spezialwinkeln in die Stahlbetondecke verschraubt. „Die Elemente haben wir in der Werkstatt an den Stoßkanten und an den Gebäudeecken mit Überständen versehen. So konnten wir die Einzelelemente untereinander einfach mit Schrauben verbinden“, erklärt Konrad Jenn. Nach Abschluss dieser Arbeiten mussten die Zimmerleute die Wandelemente komplettieren: Es folgte die Montage der inneren und äußeren Verkleidung – hierfür hatten die Zimmerleute bereits im Sägewerk die schönsten Bohlen beiseite gelegt. Diese wurden nun in die Rohbauwand verschraubt; eine Verfälzung der Bohlen untereinander sorgt zusammen mit der Unterspannbahn für die zuverlässige Winddichtigkeit der gesam-
ten Konstruktion.

Die 60 cm breiten Decken-elemente lagern auf den Erdgeschosswänden auf und wurden untereinander mit Spax-Schrauben verbunden. „So entstehen sehr stabile Bauteile“, erklärt Klaus Noichl. Um das Gewicht der Decke und damit den Schallschutz zu erhöhen, verlegten die Handwerker auf den Holz-elementen eine Lage Betonpflastersteine. Mit den massiven Dachelementen des Satteldaches verfuhren die Zimmerleute analog zur Erdgeschossdecke. Die hinterlüftete Konstruktion mit Stehfalzblechdeckung aus feuerverzinktem Stahlblech ist so flach geneigt, dass der in den kalten Monaten reichlich fallende Schnee auf dem Dach eine zusätzliche Dämmschicht bildet. Sollte diese Schneedämmung für die Statik des Daches mit seinen großen Überständen mal zu dick ausfallen, bieten filigrane Stahlstreben an der Südseite einen ausreichenden Schutz.


Innenausbau


Alle Innenwände bauten die Handwerker als Leichtbaukonstruktionen mit innenseitiger Hanfdämmung und einer Beplankung aus Gipsfaserplatten (Fermacell), die abschließend mit einem Lehmputz versehen und gestrichen wurde. In diesen Wänden verschwanden auch sämtliche Installationsleitungen. Die Einbaumöbel, den Dielenboden sowie die Terrasse stellten die Zimmerleute aus dem im Sägewerk angefallenen Seitenholz her, so dass die eingeschlagenen Stämme beinahe komplett verwertet werden konnten.


Heizkonzept


Die massive Betontreppe ins Obergeschoss bildet gleichzeitig auch die Einhausung für den gemauerten „High-Tech-Holzofen“, der zwar mit traditionellen Holzscheiten befeuert wird, aber mit einer hochmodernen elektrischen Steuerung versehen ist. Durch die Speichermasse der massiven Treppe strahlt die Wärme wie bei einem alten Kachelofen ins gesamte Erdgeschoss ab, wo der Ofen – wie in den traditionellen Wohnhäusern des Allgäu – den Gravitationspunkt bildet. Als zentraler Bestandteil des Energiekonzeptes ist er an einen zentralen Pufferspeicher angeschlossen, der die Wärme im Obergeschoss – wann immer nötig – über Wandheizungen und eine Fußbodenheizung (im Bad) wieder abgibt. Im Erdgeschoss selbst ist außer dem Ofen keine weitere Heizung vonnöten.

Ein weiterer, ebenfalls regenerativer Bestandteil des auf Nachhaltigkeit bedachten Energiekonzeptes sind die in die Erdgeschossfassade integrierten Solarkollektormodule, welche die Wärme ebenfalls an den Pufferspeicher weiterleiten. „Auf dem Dach hätten die Kollektoren keinen Sinn gemacht, weil hier bis zu vier Monate lang Schnee liegt“, erklärt Klaus Noichl. „Die Sonne steh im Winter unter einer Neigung von etwa 15 Grad – dafür ist die senkrechte Einbaulage in der Südfassade ideal.“


Fazit


Angelika Blüml und Klaus Noichl haben mit ihrem „Allgäu-Haus“ gezeigt, wieviel architektonisches Potenzial in den traditionellen Häusern ihrer Heimat steckt. Mit einiger Verzögerung scheint dieses Potenzial auch die Bauherren im Allgäu zu interessieren: Vor kurzem wurde bereits das zweite Exemplar dieses modularen Entwurfs gebaut – als noch preiswertere „Sparversion“ mit kleinerer Wohnfläche.

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