Das große „U“

Das Dortmunder „U“ ist ein Wahrzeichen der Stadt und ein Industriedenkmal ersten Ranges noch dazu. Dass es nun für kulturelle Zwecke genutzt werden kann, ist der umsichtigen Planung des Dortmunder Büros Gerber Architekten zu verdanken, welches das 56 m hohe Gebäude mit einer „Vertikale“ über alle Geschosse öffnete.

Das Dortmunder „U“ – der Turm des ehemaligen Kellereihochhauses der Union-Brauerei – ist nicht irgendein Gebäude: 1927 nach Plänen von Emil Moog in der Nähe des Hauptbahnhofs erbaut, erhielt es 1968 sein 11 m hohes auf den Seiten mit Blattgold belegtes „U“, entworfen von Ernst Neufert, und avancierte damit zum Wahrzeichen der Stadt. Die Union-Brauerei ist auch nicht irgendeine Brauerei: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte sie zu den größten Deutschlands und beschäftigte in den 1920er Jahren rund 600 Mitarbeiter.

Bis 1994 wurden der U-Turm und die Gebäude drumherum zur Produktion von Bier genutzt. Danach zog die Brauerei um. Das „Dortmunder U“ stand leer. Noch vor zwei Jahren war es, als hätten die Brauer den Bau erst just verlassen: eine unwirkliche, geradezu gespenstische, vom Tageslicht abgeschnittene Welt. Das hat sich nach Plänen des Dortmunder Büros Gerber Architekten nun grundlegend geändert. Heute dringt Licht von außen durch die Fenster und Erker in das als „Zentrum für Kunst und Kreativität“ genutzte Gebäude und setzt die dort gezeigte Kunst in Szene.

 

Finanzierung des rund 50 Millionen Euro teuren Umbaus

Schon 2003 rissen die Handwerker die den U-Turm umgebenden Produktionsgebäude ab und schälten damit den (ohne das „U“) 56 m hohen Backstein-Solitär des ehemaligen Gär- und Kühlturms aus dem Industrieagglomerat heraus. Dieser Teil ist denkmalgeschützt und durfte stehen bleiben. Eine Nutzung für kulturelle Zwecke war schon früh im Gespräch. Bereits 1998 – also vier Jahre nach Stilllegung der Bierproduktion – erprobte die Ausstellung „Reservate“ den künftigen Ausstellungsort. Bis zu dem im Frühjahr dieses Jahres eröffneten „Zentrum für Kunst und Kreativität“, zu dem Anfang Oktober auch das „Museum Ostwall“ stieß, war es jedoch noch ein langer Weg: 2006 veranstaltete die Stadt einen Architektenwettbewerb zur Umnutzung des U-Turms, den das Büro Gerber Architekten gewann. Zwei Jahre später begannen die Handwerker mit der Dach- und Fachsanierung. Im Zuge dieser Arbeiten beschichteten die Vergolder auch das 11 m hohe „U“ mit rund 450 Gramm Blattgold. Erst jetzt wurden die Fördermittel zur Finanzierung der eigentlichen Umnutzung bewilligt: 23 Millionen des rund 50 Millionen Euro teuren Umbaus kamen von der EU, weitere 9 Millionen Euro vom Land NRW. Ohne diese Fördermittel wäre die Umnutzung kaum realisierbar gewesen. Nun war es an den Mitarbeitern des Büros Gerber Architekten, für das Gebäude eine flexible Bespielbarkeit für die kulturelle Nutzung zu entwickeln.

 

Eingriffe in die Bausubstanz

Zeitweise waren ab 2009 nun 500 Handwerker aus rund 40 Gewerken im 24-Stunden-Betrieb auf der Baustelle tätig. Damit diese ihr Tagwerk vernünftig verrich­ten konnten, bedurfte es einer engen Abstimmung zwischen dem Projektsteuerer Assmann Be­raten+Planen, der Stadt Dortmund, zahlreichen Fachingenieuren und natürlich dem Architektenteam um Professor Eckhard Gerber. Eine reibungslose Logistik mit Kran und Aufzug war erforderlich, damit die Bauarbeiten termingerecht abgeschlossen werden konnten.

Zunächst mussten die Handwerker die im Lauf der Brauerei-Nutzung hinzugekommenen Ein- und Umbauten, Unterdecken und einen zum Teil über Generationen gewachsenen Fußbodenaufbau aus dem Gebäude entfernen, bis dieses in seiner Rohbausubstanz zutage trat. „Der Erdgeschossboden zum Beispiel war eine Wundertüte, die aus verschiedenen Schichten entstanden war – darunter 2 m einer Art von Lehm, der wegen seiner Feuchtigkeit nicht bleiben konnte“, erinnert sich Prof. Eckhard Gerber.

Den wesentlichsten Eingriff in die Bausubstanz nahmen die Architekten mit der so genannten „Vertikale“ vor: Das über alle Geschosse offene Erschließungsfoyer reicht bis unter ein Glasdach. Hierzu schnitten die Rohbauer sämtliche vorab sorgfältig abgestützten Geschossdecken auf und brachen deren Stahlbetonkonstruktion auf einer keilförmigen Fläche bis an die Ostwand ab. Da für diese nach Abbruch der anbindenden Decken keine horizontale Aussteifung mehr vorhanden war, musste die gesamte Ostwand gestützt und stabilisiert werden. Nebenan betonierten derweil die Kollegen die Treppenhäuser. Alle Betonträger der verbliebenen Decken strahlten die Handwerker heiß ab, grundierten die Eisen und Bruchstellen und besserten diese mit Spritzbeton aus.

In der „Vertikale“ führen heute Fahrtreppen empor. Jede davon wiegt gut 9 Tonnen. Eine Montage war nur über Umwege möglich. So schütteten die Handwerker an der Nordwand zunächst einen Hügel auf, brachten die Fahrtreppen mit einer Kranstafette dorthin, um sie mit Gabelstablern von dort aus ins Gebäudeinnere zu schaffen. In die Höhe ging es dann per Flaschenzug, wo die Fahrtreppen exakt auf die vorbereiteten Auflager montiert wurden.

 

Schutz der Bausubstanz

Da der U-Turm zwar auf felsigem, jedoch schmierig-lehmigem Untergrund gegründet ist, musste das Ziegelmauerwerk mit Blick auf die neue Nutzung vor aufsteigender Feuchte geschützt werden. Hierzu sägten die Handwerker alle Wände und Stützen des Gebäudes mit diamantbesetzten Stahlseilen direkt über der Geländeoberkante horizontal durch und hämmerten nach und nach Kunststoffplatten in die Spalten hinein. Die Kellerböden wurden mit einer zusätzlichen Betonauflage versehen und abgedichtet. Und wenn man schon mal am Keller und Sockel beschäftigt war, schaute man sich selbstverständlich die Fundamente an. Hier erlebten die Handwerker an der Ostwand eine Überraschung: Nachdem sie die Fundamente freigelegt hatten, fanden sie nicht die in den Ursprungsplänen von Moog verzeichneten 1,20 m dicken Mauern, sondern eine wenig Vertrauen erweckende Sparversion davon, die aus drei Schalen mit 40 cm breiten Zwischenräumen bestand. Allein die Fundamentstabilisierung nahm acht Wochen in Anspruch, wodurch sich auch der Zeitpunkt der Durchbrucharbeiten für den Erker in der Ostwand entsprechend nach hinten schob.

Um das mit Fugensanierung und nachgebrannten Ziegeln aufwendig sanierte Backsteinmauerwerk vor den Auswirkungen der Feuchte, vor allem aber vor Wärmeverlusten zu schützen, verklebten die Handwerker mit Bitumen Schaumglas auf der vorab mit Kalkzement verputzten Innenseite der Außenmauern. Wie diese Arbeiten im Detail von statten gingen, lesen Sie auf den Seiten 24 und 25 in dieser Ausgabe der bauhandwerk.

 

Sanierung der „Kathedrale“

Der beeindruckendste und zugleich am aufwendigsten zu sanierende Raum des U-Turms befindet sich unmittelbar unter dem Pyramidendach, direkt unter dem „U“. Vor der Sanierung hing dessen tonnenschweres Gegengewicht in dem als „Kathedrale“ bezeichneten riesigen Raum, der für die Handwerker und Architekten so manche Überraschung bereit hielt. So waren die mächtigen Binder und Betondächer derart zerfressen, dass nach dem Abstrahlen Löcher zutage traten, in denen nur noch das Gewirr verbogener Bewehrungseisen zu sehen war. Letztendlich mussten die Betondächer komplett gegen Metalldächer ersetzt und, mit Schaumglas gedämmt, neu verblecht werden. Ohne eine Winterbauheizung wären diese Arbeiten für die Handwerker sicher unerträglich gewesen.

Der 56 m hohe U-Turm der Dortmunder Union-Brauerei wurde für 50 Mio. Euro für kulturelle Zwecke umgebaut
Zeitweise waren 500 Handwerker aus rund
40 Gewerken auf der Baustelle tätig

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