Herzen aus Schiefer

Schüler hauen Herzen aus Schieferplatten. Im Hintergrund läuft Musik aus den Charts. Das Dachdecker-Info-Mobil ist zu Gast an der Rudolf-Kaiser-Schule in Vlotho. Zwei Dachdecker sind mit dabei, die Schüler für ihren Beruf begeistern möchten. Denn das Dachdeckerhandwerk sucht dringend Auszubildende.

Schülerin Alysa Schulz behaut vorsichtig mit dem Hammer eine Schieferplatte. Sie ist konzentriert – von Kommentaren ihrer Mitschüler lässt sie sich nicht ablenken. „Ich will später auf jeden Fall etwas Handwerkliches machen“, sagt die Schülerin. Nach kurzer Zeit hat Alysa aus einer Schieferplatte ein handliches Herz geschlagen. Das macht sie so gut, dass ihre Mitschülerin auch fragt, ob Alysa für sie ein Schieferherz erstellen kann. Szenen an einem Dienstagmorgen an der Rudolf-Kaiser-Schule in Vlotho. Dachdeckermeister Mike Heupel und Arne Düppe sind hier heute zu Gast. Sie haben einen Anhänger mitgebracht und jede Menge Werkzeug: Gasbrenner, Schieferhämmer und eine Station, an der Zink gelötet werden kann. Die Aktion heißt „Jumpin your job“, der Anhänger kommt vom Bildungszentrum des westfälischen Dachdeckerhandwerks in Eslohe. Dort machen Dachdecker aus ganz Westfalen ihre überbetriebliche Ausbildung oder den Meisterkurs. Seit 2014 sind die Dachdecker mit ihrem Anhänger an Schulen in ganz Westfalen zu Besuch: Dortmund, Paderborn, Siegen, Bielefeld aber auch kleine Städte wie Vlotho stehen auf der Liste.

Ausprobieren statt nur informieren

„Jedes Jahr fragen uns mehr Schulen, ob wir vorbei kommen möchten“, erzählt Mike Heupel, der Ausbilder am Bildungszentrum in Eslohe ist. Bis Ende des Jahres wird er 69 Mal mit dem Dachdecker-Anhänger unterwegs gewesen sein. Es stehen noch viele weitere Schulbesuche in seinem Terminkalender. Heupel nimmt immer einen Dachdeckermeister zur Unterstützung mit. So wie heute Arne Düppe, Dachdeckermeister aus Halver bei Lüdenscheid. Er hat seinen Meister am Bildungszentrum in Eslohe gemacht, daher kennen er und Heupel sich. „Die Schüler finden es toll, an unserem Stand Werkzeuge auszuprobieren. Sobald sie etwas machen dürfen, sind sie motiviert“, sagt Arne Düppe. An den beiden Schieferstationen stehen die meisten Jugendlichen. „Die Schieferherzen kommen immer am besten an, weil die Schüler hier etwas mitnehmen können“, sagt Mike Heupel. Während die Schüler vor der Schule ihre Schieferherzen erstellen, sitzen in der Aula Vertreter anderer Firmen, um die Heranwachsenden über verschiedene Berufe zu informieren.

Die Bundeswehr ist da, Wago ­Kontakttechnik, die Kläranlage Vlotho und andere Betriebe sind gekommen. Zurück nach draußen: Mike Heupel lässt den Gasbrenner an und fragt: „So, wer will mal eine Bitumenbahn schweißen?“ Die Schüler stellen sich um den Dachdecker herum auf. Aber es traut sich keiner so richtig, den Gasbrenner auszuprobieren. „Dann zeige ich euch das mal“, sagt der Dachdecker und schweißt auf einem mitgebrachten Brett eine Bitumenbahn fest.

Werbung in eigener Sache

Für die Dachdecker bringt die Berufswerbung auch etwas. Arne Düppe hat bei den Besuchen an Schulen schon zwei Praktikanten für seinen Betrieb anwerben können. Auch der Schüler Dominik Tewes von der Rudolf-Kaiser-Schule in Vlotho will nach seinem Abschluss im Handwerk arbeiten. „Mein Vater war Dachdecker, aber ich weiß nicht, ob ich in dem Beruf arbeiten will.“ Für Dominik käme ebenso eine Ausbildung bei einem Maschinenhersteller in Vlotho in Frage.

Christian Kottmeier, Dachdeckermeister aus Vlotho, kennt das Problem. „Ich kriege seit zwei oder drei Jahren keine Bewerbungen mehr für einen Ausbildungsplatz“, berichtet er. Woran es liegt, weiß er nicht. Die Dachdeckerei Schmiedekamp aus Vlotho hingegen kann nicht klagen, sie hat einen Auszubildenden und dieses Jahr schon mehrere Bewerbungen bekommen. Es ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich.

Schnell noch zwei Herzen erstellen

Gegen 13 Uhr geht es wieder in den Unterricht zurück. Nur zwei Schülerinnen bleiben. Sie halten ihre Schieferplatten noch in den Händen. Mike Heupel sagt: „Na komm, ich haue für euch noch schnell zwei Herzen.“ In Windeseile schlägt er mit dem Hammer aus der ersten und dann aus der zweiten Platte ein Herz aus. Freudig nehmen die Schülerinnen die Herzen mit in die die Schule. Derweil bauen die Dachdecker ihren Stand ab, dann geht es für Mike Heupel und seinen Kollegen ins Sauerland zurück. Am nächsten Tag wartet schon die nächste Schule auf die Dachdecker.

Weitere Infos und Tourtermine finden Sie unter

www.dachdecker-ausbildung.de/tour

Autor
Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau und bauhandwerk in Gütersloh.

Weitere Fotos vom Stand des westfälischen Dachdeckerhandwers an der Schule in Vlotho finden Sie online. Geben Sie dafür einfach den Webcode in der Suchleiste auf unserer Internetseite ein.

Interview mit Jürgen Gerbens, Geschäfsführer der Gesellschaft zur Förderung des westfälischen Dachdeckerhandwerks in Eslohe.

dach+holzbau: Herr Gerbens, Sie schicken seit 2014 junge Ausbildungsmeister mit dem Dachdecker-Info-Mobil zu Schulen in Westfalen. Gibt es Nachwuchsprobleme im westfälischen Dachdeckerhandwerk?

J. Gerbens: „Wir haben jedes Jahr weniger Auszubildende in den westfälischen Betrieben. Außerdem brechen rund 25 Prozent der Jugendlichen ihre Ausbildung bereits im ersten Lehrjahr frühzeitig ab.“

dach+holzbau: Warum ist die Ausbildung zum Dachdecker so unbeliebt?

„Das Dachdeckerhandwerk hat hier ein Imageproblem. Alle brauchen Dachdecker, aber keiner will es sein. Viele Jugendliche möchten lieber in der Industrie oder in der Verwaltung arbeiten oder studieren. Auch die Arbeit bei jedem Wetter spielt eine Rolle. Aber der Dachdeckerberuf ist unwahrscheinlich vielseitig und man arbeitet weitgehend selbständig im Team mit seinen Kollegen. Das macht viel Spaß und die Arbeit, die man an einem Tag schafft, kann sich sehen lassen.“

dach+holzbau: Was kostet die Kampagne pro Jahr und wie wird sie finanziert?

„Die Kampagne kostet 80 000 Euro pro Jahr. Finanziert wird sie über eine Werbeumlage der Dachdeckerinnungen Westfalen. Jeder der 1200 Dachdecker-Innungsbetriebe in Westfalen zahlt pro Jahr einen Beitrag von 60 Euro für die Werbekampagne. Der Rest stammt aus Spenden und Rücklagen. Die Aktion läuft zunächst bis voraussichtlich 2020.“

dach+holzbau: Bringt der Besuch an Schulen und auf Ausbildungsmessen langfristig etwas?

J. Gerbens: „Die Nachhaltigkeit von Werbung zu messen ist sehr schwierig. Aber überall dort, wo wir zu Gast waren, hat sich die Nachfrage nach Praktikumsstellen in den Dachdeckerbetrieben auf jeden Fall erhöht.“

dach+holzbau: Danke für das Gespräch!