Ich lese Bauhandwerk, weil ...Die besten Handwerker im Portrait, Teil 9: Schreinerei Camps

Gegen eine professionelle Spezialisierung hat Tischlermeister Andreas Camps (40) im Prinzip gar nichts einzuwenden, aber der Spezialist, findet der Geschäftsführer der Schreinerei Camps GmbH in Grefrath im Kreis Viersen, sollte grundsätzlich fähig und willens sein, „über den Tellerrand des ­eigenen Gewerks“ hinauszublicken. Ein Handwerksbetrieb, der sich ernsthaft ein kundenorientiertes Arbeiten auf die Fahnen geschrieben habe, so Camps, sei geradezu gezwungen, die Probleme und ­Anforderungen anderer Gewerke zu kennen.

Von sich selbst und von seinen Mitarbeitern verlangt Andreas Camps deshalb ein möglichst breit gefächertes Fachwissen und entsprechende handwerkliche Fähigkeiten. „Schmalspurdenken“ nennt er eine zu eng begrenzte Auffassung des eigenen Verantwortungs- und Aufgabenbereichs. Um so etwas im eigenen Betrieb zu vermeiden, fördert er nach Kräften die weit gefasste Aus- und Weiterbildung seiner 14 Mitarbeiter – allesamt gelernte Tischler.

 

Jeder sollte alles können

 

Das erklärte Ziel ist die flexible Einsetzbarkeit jedes Angestellten. Eine Aussage wie „das kann nur der Meister“ lässt Camps deshalb auch nicht gelten: „Das ist völliger Quatsch.“ Simples „Learning by doing“ ist nach Camps Auffassung ein hocheffektives Weiterbildungskonzept: Jeder Mitarbeiter hat besondere Fähigkeiten, die er den anderen beibringen kann. Das Multitalent wird gefordert und aktiv gefördert. „Langsames Heranführen ist dafür das beste Rezept“, erklärt Camps. „Das ist zwar ein langwieriger Prozess, bringt aber am Ende nur Vorteile.“

Zum einen beinhaltet diese Vorgehensweise, dass erfahrene Kräfte die jungen Kollegen führen und leiten, ihnen ihr Wissenspotential und ihre Berufserfahrung weitervermitteln und die traditionelle Handwerkskunst gewissermaßen an die nächste Generation weitergeben. Auf der anderen Seite soll sich auch kein altgedienter Geselle vor den Neuerungen der Technik verschließen.

Konkret bedeutet das, dass derselbe Mitarbeiter, der für einen Auftrag die Akquise getätigt oder die Zeichnungen angefertigt hat, auch in der Lage sein muss, das Geplante an den Werkbänken und Maschinen in den Fertigungshallen praktisch umzusetzen – oder eben bei der Montage auf der Baustelle fähig sein muss, eine Gipskartonplatte anzuschrauben, Türen und Fenster zu montieren, Dielen abzuschleifen und Parkett zu verlegen.

 

Der Chef muss immer

ersetzbar sein

 

Der Chef macht da bei sich selbst keine Ausnahme: „Ich kann jede Maschine bedienen. Das heißt aber nicht, dass ich alles selber machen will.“ Im Gegenteil: Camps, seit nunmehr zehn Jahren Geschäftsführer, ist bemüht die Verantwortung zu teilen und zu übertragen. Im Notfall will er selbst ersetzbar sein; der Betrieb soll im Prinzip auch ohne ihn funktionieren können: „Das ist für mich auch ein Stück sozialer Verantwortung, dass nicht alles von einem abhängig ist.“

Aus diesen Gründen ist Camps an einer möglichst geringen Mitarbeiterfluktuation gelegen, und es gelingt ihm auch, seine gut ausgebildeten Fachkräfte langfristig an seinen Betrieb zu binden. Eine ausgeprägte Teamfähigkeit ist dafür unbedingte Voraussetzung: „Die Mitarbeiter müssen sich schon grün sein“, weiß Camps, sonst funktioniere das Firmenkonzept nicht.

 

Der Blick geht weit

über den Tellerrand

 

Der Blick über den Tellerrand hinaus ist nicht nur eine interne Angelegenheit des Schreinereibetriebes. Die Camps GmbH setzt Zimmererarbeiten an Dachstuhl, Fassade und Verkleidungen um und bietet als Spezialist für Tischlerarbeiten die komplette Bandbreite im Innenausbau an. Darüber hinaus erwartet Camps aber eben auch noch ein grundlegendes Rundum-Wissen: „Wir müssen die anderen Gewerke draußen auf den Baustellen verstehen, um Fehler zu vermeiden, eine optimale Kommunikation untereinander zu gewährleisten und effektiv arbeiten zu können.“ Am Ende sei die- se Sorgfalt nichts anderes als Dienst am Kunden: „Je besser alles auf der Baustelle geplant ist und je besser die Gewerke sich untereinander verständigen, desto besser ist die Baustelle abzuwickeln und desto zufriedener ist schließlich der Bauherr.“

„Qualität setzt sich durch“, davon ist Camps fest überzeugt. Als Beleg dafür gelten ihm die Direktbeauftragungen seiner Firma, die zu einem großen Teil aus Empfehlungen zufriedener Kunden resultieren. Für den eigenen Qualitätsanspruch ist der Unternehmer allerdings auch bereit, Aufträge abzulehnen. „Billig und schnell“ ist nicht sein Metier. Ein günstiges, der Marktsituation entsprechendes Angebot können die Kunden schon erwarten, aber „jede Sache hat ihren Preis, und wir legen bewusst Wert auf gute Arbeit, die sich individuell am Kunden orientiert.“

 

Planung und Ausführung Hand in Hand

 

Maßgeblich federführend ist dabei die Planung und Visualisierung – „das steht ganz obenan“. Die vielfältige Entwurfsarbeit ebenso wie die Fertigung verläuft bei Camps zu einem großen Teil IT-gestützt: CAD, CAM und CNC ermöglichen ein preiswertes Angebot auf hohem Qualitätsstandard; Auftragsverwaltung und Zeitmanagement für die verschiedenen Projekte wären ohne das leistungsfähige EDV-Netzwerk der Firma nicht mehr angemessen zu bewältigen – zumal Andreas Camps mit zwei weiteren selbständigen Betrieben zusätzliche Aufträge für die Schreinerei generiert. Neben seiner Qualifikation als Tischlermeister und Betriebswirt ist Camps auch geprüfter Bestatter, ganz so wie sein Großvater, der die Schreinerei 1927 als Ein-Mann-Betrieb gegründet hatte und einige Jahre später ein Bestattungsinstitut etablierte. Auf dieser Grundlage hat Andreas Camps als Geschäftsführer in der nunmehr dritten Generation einen Dienstleistungskatalog erarbeitet, der die Kunden in allen Fragen rund um die Bestattung begleitet, von den persönlich gestalteten Trauerfeiern über Trauerdrucksachen und Beisetzungsoptionen bis hin zur Erledigung sämtlicher Formalitäten, Finanzierung und Unterstützung bei der Grabgestaltung.

 

Auf einem Bein kann

man nicht stehen

 

Mit der 2005 gegründeten eCXpo Messeagentur hat Camps sein Betätigungsfeld nochmals weit über die professionelle Abwicklung hochwertiger Schreinereiaufträge ausgedehnt. Über die eCXpo, deren Geschäfte Camps gemeinsam mit einem Geschäftspartner führt, werden größere Messe-, Laden- und Innenausbauprojekte reali­siert. Acht Mitarbeiter, ­Innenarchitekten, Designer und Projektleiter, sind mit Auftragsakquisen, Visualisie­rung, Konzeptarbeit und um­fassender Projekt-Koordination betraut. Die Messeagentur arbeitet bei der Planung und Fertigung von Mobiliar und Bauteilen eng mit dem Schreinereibetrieb zusammen, agiert aber darüber hinaus vollkommen unabhängig, etwa in der Organisation von Roadshows und Veranstaltungen, der Realisierung von Werbe- und Marketingkonzepten oder auch als Fachbetrieb für Lichttechnik. Bestattungsinstitut, Schreinerei und Messeagentur sollen zwar die Synergieeffekte aus den Überschneidungen der Geschäftsfelder nutzen, aber trotzdem mit separaten Aufträgen eine größtmögliche Eigenständigkeit anstreben.

„Nur breit aufgestellt auf vielen Standbeinen, hat man eine Chance, in der Zukunft voranzukommen“, erklärt Camps, der als Handwerker und Kaufmann gleichermaßen aktiv ist, seine verschiedenartigen Unternehmungen. Auf unbedingte Expansion kommt es ihm jedoch nicht an. Die derzeitige Größe des Schreinereibetriebs will er vorerst beibehalten. Ein gesundes langsames Wachstum zieht er dem Konzept der Größe um jeden Preis vor. Das sei schon zur Gewährleistung des hohen Qualitätsniveaus nicht ratsam: Eine sorgfältige Planung ist unbedingte Voraussetzung, ganz gleich ob es sich um kurzfristige Projekte oder die langfristige Aufstellung der Firma am Markt handelt.

Für Wissbegierige sieht die Zukunft nicht finster aus

 

Ausruhen auf einmal erreichtem Standard könne man sich in keinen Fall: „Offen sein für Innovationen ist ein Muss, sich interessieren und wissbegierig sein“, so Camps. „Neue Techniken von der Hochglanzlackierung bis zur Lichttechnik – egal was es ist, man muss sich immer fragen: Wie funktioniert das?“ Die allgemeine Marktlage lässt Camps nicht gerade überschwänglich werden: „Es sind schwierige Zeiten, aber ich sehe der Zukunft nicht finster entgegen. Es gibt immer Lösungen und Wege: Hier fällt ein Markt weg, dort tut sich ein neuer auf. Früher haben wir zum Beispiel selber Fenster gefertigt, heute ist es wirtschaftlicher, diese dazuzukaufen. Solange die Qualität stimmt muss ich auch nicht unbedingt alles selber machen.“