Mehrgleisig

In Schwetzingen wurde der alte Gründerzeit-Bahnhof zum ersten denkmalgeschützten Null-Energie-Bürohaus in Europa umgebaut. Möglich wurde dies durch ein mehrgleisiges Umnutzungskonzept das bauphysikalisch wesentlich auf einer Innendämmung aus Mineraldämmplatten basiert.

Fast schien es, als habe der alte Bahnhof in Schwetzingen seine beste Zeit schon weit hinter sich gelassen. 1870 mit dem Anschluss an die Bahnstrecke von Mannheim nach Karlsruhe gebaut, ist der langgestreckte Bau mit seinen beiden Türmen ein typisches Beispiel für die Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Zwar ist er bei weitem nicht so prächtig wie die zur gleichen Zeit in Frankfurt, Leipzig oder Berlin entstandenen großen Verkehrskathedralen, dennoch war er zur Zeit seiner Entstehung eines der repräsentativsten Gebäude der Stadt.

Rund hundert Jahre war der Schwetzinger Bahnhof Umschlagplatz für Waren und Güter, Anlaufstelle für Reisende und Werktätige und diente nicht zuletzt den Bahnhofsbediensteten als Wohnung. Daran änderten auch massive Kriegszerstörungen, die nur die Außenmauern stehen ließen, nichts. Mit den knappen Möglichkeiten der Nachkriegszeit war er mit ausgedienten Eisenbahnschwellen als Tür- und Fensterstürze alsbald wieder hergestellt. Erst mit dem Aufstieg des Automobils war seine große Zeit vorbei. 1970 zum reinen Wohngebäude umgebaut, stand der Gründerzeitbau ab 2000 leer.

An Vorschlägen zur Wiederbelebung mangelte es nicht. Pläne für ein Eisenbahnmuseum wurden diskutiert, eine Künstlerkolonie sollte hier gegründet werden, von einer Fahrradwerkstatt war zeitweilig die Rede. Immer jedoch scheiterten die Pläne am Geld. Der Bahnhof verfiel zusehends, bis es schließlich vom ortsansässigen Institut Innovatives Bauen (ibb), einem Spezialist für Mikromarktforschung und Immobilienökonomie, übernommen wurde. Ab da ging es mit dem alten Bahnhof wieder bergauf.

 

Konzept für eine Umnutzung zum „Bürohotel“

„Wir wollten“, so Bauherr und ibb-Geschäftsführer Dr. Ing. Peter Hettenbach, „in diesem Gebäude ein doppelgleisiges Konzept realisieren. Hier sollte ein Kompetenzzentrum für Immobilienökonomie entstehen. Dabei war es unser Ziel, die Büros bevorzugt für Immobilien-Unternehmen, die kleinere Flächen von bis zu 100 m² nachfragen, anzubieten.“ Bei einem Gewerbeflächen-Leerstand von etwa 10 Prozent, gestand Hettenbach rückblickend ein, sei dies ein mutiger Entschluss gewesen. „Aber mit unserer Vision von einem ‚Bürohotel’ haben wir den Bedarf im Markt genau getroffen und konnten alle Büros trotz einer für hiesige Verhältnisse Spitzenmiete sofort vermieten.“

Inzwischen teilen sich acht Firmen die rund 1200 m² Bürofläche. Räumlichkeiten wie Küche, WC oder Mitarbeiterräume stehen ihnen zentral zur Verfügung. Das Foyer ist wie ein Bistro gestaltet. Zusätzlich erhöht wird die Attraktivität der Immobilie durch die verkehrsgünstige Lage mit direkter Anbindung an Bahn und Bus. In etwas mehr als 1,5 Stunden ist man von hier aus beispielsweise in Köln.

Umfangreiche Umbauarbeiten waren notwendig, um die Immobilie der neuen Nutzung als „Bürohotel“ zuzuführen. Das Hauptproblem war dabei, eine für das Gebäude geeignete Wärmedämmung zu finden.

 

Innendämmung für die denkmalgeschützte Fassade

Eine besondere Herausforderung war in diesem Fall, dass die Fassade unter Denkmalschutz steht. Eine Außendämmung war daher nicht möglich. „Eine Innendämmung war bei unserem Bahnhof die einzige Möglichkeit, den Wärmeschutz zu verbessern. Das wiederum“, erklärt der promovierte Diplomingenieur Hettenbach, „stellt hohe Anforderungen an das verwendete Material. Dabei geht es vor allem darum, die Bildung von Feuchtigkeit im Wandaufbau zu verhindern.“ Dies sei, weiß er aus Erfahrung, eine Aufgabe, die bisher fast kein Dämmstoffhersteller zufriedenstellend gelöst habe: „Wir haben ein Produkt gesucht, das Feuchtigkeit aufnimmt, sie speichert und später auch wieder abgibt.“

Die Wahl fiel schließlich auf die Ytong Multipor Mineraldämmplatte von Xella. „Wichtig waren für uns die speziellen Materialeigenschaften der Platten, die besonders bei der Innendämmung wirksam werden“, erklärt Hettenbach. Mit den Mineraldämmplatten kam beim Ausbau des Schwetzinger Bahnhofs ein diffusionsoffenes, kapillaraktives Innendämmsystem zum Einsatz, bei dem Tauwasser von den Zellwänden der eingeschlossenen und wärmedämmenden Luftporen aufgenommen und durch das natürliche Austrocknungsverhalten des mineralischen Materials der Raumluft wieder zugeführt wird (kapillar wirksam). Gleichzeitig bleibt dabei der Wärmedämmwert (Wärmeleitfähigkeit von λ = 0,045 W/(mK)) erhalten. „Eine Kombination von Eigenschaften,“ so Dr. Hettenbach, „die für uns entscheidend war. Sie machte es möglich, die Innendämmung ohne aufwendige Dampfsperren auszuführen.“

Ganz nebenbei sorgten die Mineraldämmplatten auch für ausreichenden Schallschutz im Gebäude. „Ein interessanter Nebeneffekt,“ bestätigt Dr. Hettenbach, „und wichtig, wenn man bedankt, dass die Schnellbahnstrecke zwischen Mannheim und Karlsruhe direkt hinter dem Gebäude verläuft.“ Weitere ökologische Aspekte kamen für Dr. Hettenbach bei der Auswahl des Dämmstofs hinzu: „Bei einem Baustoff aus den natürlichen Rohstoffen Kalk, Sand, Zement und Wasser sind Verarbeitungsreste voll recycelbar. Anders als bei vielen anderen Dämmstoffen treten auch bei einem späteren Umbau keine Entsorgungsprobleme auf.“

 

Einfache Verarbeitung der Mineraldämmplatten

Die Sanierung des alten Bahnhofs erfolgte mit
160 mm dicken Mineraldämmplatten. Vorab musste der gesamte schadhafte Innenputz von den Handwerkern komplett entfernt und durch einen Kalk-Zement-Putz ersetzt werden. Die Fläche war zuvor mit einer Haftgrundierung und Putzleisten vorbereitet worden. Durch den neuen Wandputz konnten die großen Unebenheiten des alten Mauerwerks ausgeglichen werden. Es entstand ein ausreichend planer Untergrund, der später die vollflächige Verklebung und damit die sichere Haftung der Dämmplatten gewährleistet. Zusätzlich ergänzt der Einsatz des mineralischen Putzes die bauphysikalischen Eigenschaften der Dämmung.

Sobald die frisch verputzten Wandflächen ausgetrocknet waren, begannen die Handwerker mit der Verarbeitung von insgesamt 900 m² Mineraldämmplatten. Diese ließen sich durch das handliche Format von
600 x 390 mm und das geringe Gewicht schnell und einfach verlegen. Pass-Stücke und schwierige Anschlussdetails konnten die Handwerker aus dem massiven und formstabilen Dämmstoff einfach und mit einer Handsäge (zum Beispiel Fuchsschwanz) sauber und exakt an die erforderlichen Maße anpassen. Daher war auch der Zuschnitt von winkligen und stark gegliederten Flächen, wie sie bei Sanierungen häufig vorkommen, unproblematisch.

Im Fugenverband wurden die Mineraldämmplatten auf den ebenen und trockenen Untergrund geklebt. Dazu wurde der frisch angerührte Ytong Multipor Leichtmörtel vollflächig mit einer Zahntraufel (Zahnung 10 bis 12 mm) auf der Plattenunterseite aufgetragen und anschließend mit den Zähnen der Glattkelle „durchgekämmt“. Idealerweise beträgt die Steghöhe, also die Dicke des aufgetragenen Leichtmörtels nach dem „Durchkämmen“, etwa 7 bis 8 mm.

Um eine möglichst dünne, kraftschlüssige Verbindung zwischen Kleber, Platte und Wand zu erzeugen, werden die Dämmplatten nach dem Auftragen des Klebers mit leichtem Druck auf der Wandoberfläche eingeschwommen und dann in die richtige Position gerückt. Dabei liegen die Platten im Stoß fugenlos nebeneinander, die Stoßfugen werden nicht verklebt. Geringe Unebenheiten im Stoßbereich konnten die Handwerker mit einem Schleifbrett plan abschleifen. Kleinere Eckausbrüche wurden mit dem Füllmörtel aus dem System ausgebessert. Wichtig für den reibungslosen Arbeitsverlauf war vor allem die sorgfältige lot- und flutgerechte Ausführung der ersten Reihe. Ein Abstützen während des Abbindens war nicht nötig.

Nach dem Verkleben der Platten wurde der Leichtmörtel aus dem System mit Gewebeeinlage als Armierungsschicht aufgebracht. Die Schichtdicke betrug etwa 5 mm. Nach dem Erhärten der Armierung konnte abschließend ein Gipsleichtputz in einer Dicke von maximal 5 mm aufgetragen werden.

 

Umbau zum ersten denkmalgeschützten
Null-Energie-Bürohaus Europas

Mit dem Umbau des Gründerzeits-Bahnhofs in Schwetzingen in eine moderne Büro-Immobilie präsentiert Dr. Hettenbach, dessen Institut Innovatives Bauen (ibb) selbst einen der beiden Gebäudetürme bezogen hat, ein Paradebeispiel für eine energetisch hochwertige Altbausanierung. „Wir sind hier mit einem Heizöl-Verbrauch von 24 Litern pro Jahr und Quadratmeter gestartet, was für so eine alte Kiste nicht ungewöhnlich ist.“ In Kombination mit den 160 mm dicken Mineraldämmplatten für die Außenwanddämmung, einer
20 cm Dachdämmung WLF 032, einer zweifach Wärmeschutzverglasung Uw = 1,3 sowie einer passenden Anlagentechnik konnte der Heizwärmebedarf auf
28 kWh/m²a, das entspricht 2,8 Liter/m²a, gedrosselt werden. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach finanziert durch die gesetzlich garantierte Einspeisevergütung die restlichen Heizkosten. Damit gilt das Gebäude als Nullheizkostenhaus im Bestand. „Der Bahnhof“, so Bauherr Dr. Hettenbach, „ist das modernste Gebäude von Schwetzingen, auch wenn es schon 140 Jahre alt ist. Mehr noch: Wir sind das erste denkmalgeschützte Null-Energie-Bürohaus Europas.“

Die energetische Verbesserung der denkmalgeschützten Außenwände war nur mit einer Innendämmung möglich
Der Bahnhof in Schwetzingen ist das erste denkmal-
geschützte Null-Energie-Bürohaus Europas

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