Schöne Hülle: Sanierung des Thormann-Speichers in Wismar

Die Sanierung der äußeren Hülle des 1862 erbauten Thormann-Speichers im Alten Hafen von Wismar ist der erste Schritt zum Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes. Die Backsteinfassade wurde saniert, neue Fenster in den alten Luken und ein Glasdach bringen mehr Tageslicht in die tiefen Speicherböden.

Am 11. September dieses Jahres eröffnete der Bürgermeister von Wismar, Thomas Beyer, den Tag des offenen Denkmals im Erdgeschoss des Thormann-Speichers an Wismars Altem Hafen. Bereits im vergangenen Jahr war der Speicher am Tag des offenen Denkmals zu besichtigen gewesen, allerdings nur im Rahmen von Führungen, da die Bauarbeiten zur Sanierung noch in vollem Gange waren. Erste Sicherungsarbeiten zum Erhalt des Speichers fanden bereits 2004 statt, nachdem die Hansestadt Wismar den Speicher erworben und eine exakte Bauaufnahme veranlasst hatte. Im Zuge dieser Arbeiten wurde nach Vorgaben der Stadt auch eine Vorplanung für die künftige Nutzung als Bürogebäude und Technologiezentrum erstellt. Mittlerweile ist die äußere Hülle des Speichers saniert, für den inneren Ausbau der sechs Vollgeschosse und des hohen Dachgeschosses sucht die Hansestadt Wismar allerdings noch nach einen Investor.

 

Baugeschichte des Thormann-Speichers

Der Thormann-Speicher ist ein einigermaßen stattliches Gebäude von 22 m Höhe und einer Grundfläche von etwa 22 m x 25 m. Im Vergleich zu den übrigen Speicher- und Silogebäuden am Alten Hafen nimmt es sich jedoch eher klein aus. Nichtsdestotrotz ist der Thormann-Speicher eines der ältesten und schönsten Gebäude auf der Halbinsel und somit wert, nicht nur erhalten, sondern auch mit einer neuen Nutzung ausgestattet zu werden.

1862 ließ der Wismarer Großkaufmann und Reeder Johann Christian Thormann den freistehenden Getreidespeicher mit einer Backsteinfassade im neogotischen Stil errichten. Die an der Hauptfassade erhaltenen Maueranker in Form der Buchstaben J C T in Verbindung mit der Jahreszahl 1862 weisen bis heute auf den Bauherren hin. Das Getreide wurde seinerzeit mit der Eisenbahn angeliefert und auf den tiefen Speicherböden zwischengelagert, bevor Thormann es auf eigenen Schiffen in zahlreiche europäische Häfen brachte. 1893 kaufte die Getreidehandelsfirma G.W. Loewe den Speicher und ließ 1907 Elevatoren einbauen sowie eine Ladebrücke zum Kai anfügen. Im Erdgeschoss baute man Stahlstützen ein und verstärkte die hölzerne Tragkonstruktion in den Geschossebenen. Nach 1945 war der Speicher im Besitz der Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetriebe (VEAB), die ihn noch bis in die 1980er Jahre nutzten.

 

Bestandsaufnahme des Speichers

Die Hauptansicht des unverputzten massiven Ziegelbaus zeigt nach Südwesten und verläuft in etwa parallel zur Kaimauer. Ein Doppelgiebel mit verbindender Attikawand prägt diese mittelsymmetrische Zwillingsfassade, bestehend aus zweimal fünf Achsen. Zwei Risalite mit Giebelbekrönungen und überdachten Kranbalken sorgen für die starke Plastizität der Backsteinfassade ebenso wie die umlaufenden Gesimse und die zusammenfassenden Fensterblenden des Dachgeschosses.

Auffällig ist, dass die Nordostfassade des Speichers um 3,5 Grad aus dem rechten Winkel gedreht ist. Der robuste Holzskelettbau im Innern folgt diesem Winkel mit seinen übereinander angeordneten Doppelstützen, Unterzügen und Deckenbalken. Im Erdgeschoss gibt es, wie auch im Kellergeschoss, eine massive Mittelwand. Stützen und Unterzüge sind hier aus zusammengesetzten Stahlprofilen hergestellt.

Neben der statischen Reparatur der Holzkonstruktion, die einerseits durch organische Holzschädlinge in Mitleidenschaft gezogen wurde und andererseits eine Schadstoffbelastung durch Schädlingsbekämpfungsmittel aufweist, galt die Aufmerksamkeit bei der Sanierung vor allem der Ziegelfassade mit ihren hölzernen Ladeluken und Schwingluken.

 

Sanierung der Backsteinfassade

Der erste Bauabschnitt bei der Sanierung und Umnutzung des Thormann-Speichers umfasste die Fassaden und das Dach sowie die Außenanlagen entlang der Hauptfassade. Wichtig für den mit der Sanierung beauftragten Architekten Klaus Mai aus Lübeck war vor allem: „den besonderen Charakter der vorhandenen Grundriss- und Fassadenordnung herauszuarbeiten und in eine stimmige, nachvollziehbare Korrespondenz von Alt und Neu zu überführen.“

So wurden sämtliche Fenster- und Türöffnungen erhalten und auch später hinzugefügte Veränderungen bleiben sichtbar. In die großen Ladeluken und die Luken im Dachgeschoss setzten die Fensterbauer außen moderne Metallfenster mit türkisfarbenen Rahmen ein. Die Zargen der nach innen geöffneten, noch vorhan­denen Klappläden „schoben“ die Handwerker geringfügig nach innen. Die äußeren Ladeluken arretierten sie in geöffnetem Zustand. Die Schwinglukenöffnungen, die bisher fast alle mit Brettern verschlossen waren, erhielten neue Metall-Schwingfenster, ebenfalls mit türkisfarbenen Rahmen. Entsprechend den ehemaligen hölzernen Schwingluken montierten die Fensterbauer auch die neuen, mit einer grün gefärbten Verglasung versehenen Schwingfenster leicht nach vorne unten geneigt in die vorhandenen Öffnungen. Im fünften Obergeschoss der Südost- und der Nordwestfassade restaurierten die Handwerker jeweils zwei erhaltenswerte Schwingluken.

Im Erdgeschoss dienen an der Nordwestfassade neue größere Öffnungen der Belichtung und als zusätzliche Rettungswege, an der Südostfassade brachen die Handwerker die Fensterbrüstungen bis auf Fußbodenniveau ab. Anschließend erneuerten sie die Blendrahmenfenster gemäß den denkmalpflegerischen Details.

In die beiden Öffnungen an der Wasserseite, die erst später für die Förderanlagen in die Südwestfassade gebrochen worden waren und daher aus der strengen Fassadengliederung herausfallen, setzten die Metallbauer leicht auskragende, verglaste Rahmen ein.

Die Maurer reparierten die Ziegelfassaden Stein um Stein im Verband und tauschten wo nötig halbsteinig aus. Soweit möglich verwendeten sie hierbei gut erhaltene vorhandene Ziegel. Da diese jedoch nicht ausreichten kamen rund 17 000 neue, in Dänemark hergestellte Steine hinzu. Die Firma Falkenløwe lieferte handgefertigte, luftgetrocknete und im Ringofen kohlegebrannte Vormauer-Vollziegel in Sonderformaten. Die Fugen wurden ausgekratzt und mit einem Sumpfkalk-Nassmörtel erneuert, die Maueranker einschließlich der Feuerverzinkung repariert.

 

Dachsanierung und Dacherneuerung

Da die Dachkonstruktion aufgrund des Schädlingsbefalls und der Schadstoffbelastung stark angegriffen war, mussten die Zimmerleute etliche Tragglieder auswechseln. Als erster Schritt erfolgte zu Beginn der Bauausführung zunächst jedoch eine umfängliche Schadstoffsanierung und -entsorgung.

Entsprechend dem denkmalpflegerischen Befund führten die Dachdecker die geneigten Traufseiten mit einer neuen Schiefer-Rechteck-Doppeldeckung aus. Die Dachabdichtung des innenliegenden Schweinerückens erneuerten sie hingegen mit Bitumenpappe. Die Kranbalken-Verdachungen erhielten neue Stehfalzdeckungen aus Zinkblech. Erst im zweiten Bauabschnitt soll dann die Wärmedämmung des Daches folgen. Für die spätere Nutzung von zentraler Bedeutung ist das neue große Dachoberlicht, das die Handwerker schon jetzt in der Mitte des Daches einfügten.

 

Innenraumplanung integriert Zeugnisse
der einstigen Nutzung

Unterhalb des Dachoberlichts haben die Handwerker inzwischen damit begonnen, die Speicherböden zu öffnen, um die tiefen Geschossebenen von oben mit zusätzlichem Tageslicht zu versorgen. Zwei Aufzugsanlagen und zwei durchgehende Treppenräume in den Gebäudeecken sowie zwei von Risalit zu Risalit verlaufende Flure sollen später die Geschosse erschließen.

Die noch vorhandene technische Ausstattung in Form von Befüll- und Förderanlagen sowie Antriebsaggregaten soll nach dem Willen der Bauherren an Ort und Stelle verbleiben und in die künftige Nutzung integriert werden. So wird nicht nur der sanierte Speicher selbst, sondern auch seine ehemalige Ausstattung zu einem echten Technikdenkmal.

 

Autorin


Dipl.-Ing. (FH) Gonni Engel studierte Architektur und arbeitet seit 2001 in der Öffentlichkeitsarbeit großer Architekturbüros in Hamburg und Dortmund. Sie lebt in Bielefeld und schreibt als freie Autorin unter anderem für die Zeitschrift bauhandwerk.

So wie einst die hölzernen Schwingluken, montierten die Fensterbauer auch die neuen Fenster geneigt ein

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