Umnutzung des Franziskanerklosters Altstadt bei Hammelburg zur Musikakademie

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege zeigte sich sehr aufgeschlossen, als es um die Sanierung des ehemaligen Franziskanerklosters Altstadt bei Hammelburg zur Nutzung als Musikakademie ging. Entscheidend war hier der Erhalt des Gesamtcharakters der Anlage.

Die 1664 erbaute Klosteranlage zwischen Würzburg und Fulda hatte keine personellen Kapazitäten mehr, als sie 2014 nach 365 Jahren in  ihrer Funktion als Franziskanerkloster geschlossen werden musste. Die Bayerische Musikakademie, die bereits seit den 1980er Jahren in einem Teil der Klosterräume sowie einem Neubau auf dem Gelände untergebracht war, erwarb das Kloster im darauffolgenden Jahr. Seitdem belegt die Musikakademie das gesamte denkmalgeschützte Klosterareal mit seiner Nutzung.

Heute befindet sich in den Gebäuden des Franziskanerklosters Altstadt bei Hammelburg die Musikakademie
Foto: mju-Fotografie

Heute befindet sich in den Gebäuden des Franziskanerklosters Altstadt bei Hammelburg die Musikakademie
Foto: mju-Fotografie
Die klösterliche Schlichtheit der Gebäude, ihre Ästhetik und Atmosphäre wurden beim Umbau erhalten und in Teilen modern interpretiert. Sie bietet gerade in ihrer Zurückhaltung die Basis für das kreative Schaffen der Musikerinnen und Musiker. Dem Architekturbüro Brückner & Brückner ist mit seinem Entwurf diese Transformation ausgesprochen gut gelungen.

 Als wäre es schon immer so

„Es war uns ein großes Anliegen, die Seele der Franziskaner, die so viele Jahrhunderte das Leben innerhalb der Klostermauern bestimmte, zu bewahren und angemessen ins Heute zu transformieren“, erklärt Architekt Christian Brückner. „Es war vor allen Dingen der Kreuzgarten mit den ihn umschließenden Kreuzgängen, der uns inspiriert hat.“ Und so entstand die Idee, den Garten Teil des Gebäudes werden zu lassen und hier das kommunikative Zentrum der heutigen Musikakademie unterzubringen. Der Bereich wurde mit einem Glasdach überspannt und dient jetzt als großer Saal dem Essen, Kommunizieren, Feiern oder Musikmachen.

„Es fühlt sich so an, als wäre es schon immer so gedacht gewesen“, so der Architekt. „Wir haben die Wände des Kreuzgangs geöffnet und seine Idee auch in das Obergeschoss übertragen. Auch damit haben wir etwas ganz Neues geschaffen, das sich dennoch wie selbstverständlich einfügt.“ Und Christian Schmidt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege bestätigt: „Im Kloster Hammelburg stand nicht der vollumfängliche Erhalt der Bausubstanz im Vordergrund, sondern der Erhalt des Gesamtcharakters, der dem eines Franziskanerklosters entspricht.“

Um den Saal und den umlaufenden Kreuzgang herum sind die Übungsräume sowie ein Tonstudio mit Aufnahmeraum angeordnet, das mit allen Übungsräumen vernetzt ist. Die Idee des umlaufenden Ganges wurde dann, wie beschrieben, auch auf das Obergeschoss übertragen. Hierfür wurde unter anderem im Südflügel die Struktur des Zweispänners mit Mittelgang zu einem Einspänner mit einem Gang zur Saalseite umorganisiert.

Ein neues Treppenhaus

Ein erheblicher Eingriff in die vorhandene Bausubstanz war das neue Treppenhaus im Ostflügel an der Schnittstelle zum Südflügel. „Durch die Idee, an dieser Stelle ein neues Fluchttreppenhaus zu generieren, konnten wir an vielen anderen Punkten des Gebäudes den Brandschutz minimieren und entsprechend viel Substanz erhalten oder sichtbar lassen“, erläutert hierzu Bernd Hußenöder, der für das Projekt die Tragwerksplanung erstellt hat.

Für den Einbau eines neuen Treppenhauses musste der Gebäudeteil im Ostflügel an der Schnittstelle zum Südflügel entkernt werden
Foto: Hussenöder Ingenieure

Für den Einbau eines neuen Treppenhauses musste der Gebäudeteil im Ostflügel an der Schnittstelle zum Südflügel entkernt werden
Foto: Hussenöder Ingenieure
Um das neue Treppenhaus bauen zu können, das nun vom Keller bis unter das Dach führt, musste der gesamte Bereich entkernt, also alle Zwischendecken entfernt werden. Dazu gehörte auch die Kellerdecke, bei der es sich um ein Tonnengewölbe handelt, das zwischen den Außenwänden des Ostflügels gespannt ist. Während der Bauphase mussten an dieser Stelle daher die Außenwände abgefangen werden.

Das neue Treppenhaus erfüllt eine aussteifende Funktion
Foto: mju-Fotografie

Das neue Treppenhaus erfüllt eine aussteifende Funktion
Foto: mju-Fotografie
Die beiden Wände, die senkrecht zu den Außenwänden stehen, waren über die angrenzenden Decken mit der Gesamtkonstruktion verbunden und deshalb sicher. „Wir hatten hier eine Art Drehbuch oder Bauablaufplan, um die involvierten Gewerke Zimmermann, Maurer, Abbruch und Rohbau so zu koordinieren, dass jederzeit ein sicheres Arbeiten gewährleistet war“, so Bauingenieur Hußenöder. „Heute erfüllt das neue Treppenhaus aus Stahlbeton die aussteifende Funktion.“

Musik bis unters Dach

Zwei besondere Übungsräume sind unter dem Dach des Ostflügels untergebracht. Hier konnte der nördliche Teil des Daches, der bereits zu früheren Zeiten durch einen Brand erheblichen Schaden genommen hatte, nicht mehr erhalten werden. Dieser Teil des Dachstuhls wurde daher nun komplett neu gebaut, während der südliche Teil erhalten und restauriert werden konnte. Das Tragwerk des historischen Dachstuhls wurde durch Flugsparren ertüchtigt. So konnte hier auch eine neue Dämmebene ergänzt werden.

Die Dachschrägen sind innen mit mehrschichtigen Platten bekleidet, deren äußerste Schicht wie ein Sieb mit sehr kleinen Löchern perforiert ist
Foto: Dieter Leistner

Die Dachschrägen sind innen mit mehrschichtigen Platten bekleidet, deren äußerste Schicht wie ein Sieb mit sehr kleinen Löchern perforiert ist
Foto: Dieter Leistner
Entsprechend unterschiedlich ist die Atmosphäre der beiden Räume: der dreieckige Dachraum des neuen Daches, der bis in die Spitze ohne durch den Raum führende Sparren und Balken sehr minimalistisch und modern wirkt im nördlichen Teil und der von dem bestehenden Hängewerk des historischen Dachstuhls dominierte Dachraum im südlichen Teil des Ostflügels. Gemeinsam ist beiden Räumen ein durchlaufendes Lichtband in der Spitze sowie die akustisch wirksame Innenwandbekleidung. „Es handelt sich um mehrschichtige Platten, deren äußerste Schicht wie ein Sieb mit sehr kleinen Löchern perforiert ist“, erklärt Tischlermeister Rainer Lösch, dessen Firma die mikroperforierten Akustikpaneele in beiden Räumen montiert hat. „Die nächste Schicht hat dann größere Löcher und dahinter sitzt die absorbierende Dämmschicht aus Mineralwolle.“ Das Akustikkonzept sieht dabei vor, dass die Platten auf einer Raumseite den Schall schlucken, also wie beschrieben absorbieren, und auf der anderen Seite den Schall reflektieren sollen. Den Platten kann man dies allerdings nicht ansehen. Für das Anbringen der Akustikplatten im Bestandsdach mussten die Ausführenden jedenfalls viel Geduld mitbringen, um diese haargenau und dicht einpassen zu können.

Schall, beziehungsweise Schallschutz, war auch ein Thema in Bezug auf die Schlafräume unter den Übungsräumen. „Das war eine große Herausforderung, bei der die Ertüchtigung der Holzdecken zu Holz-Beton-Verbunddecken quasi die eierlegende Wollmilchsau darstellte“, begeistert sich Tragwerksplaner Hußenöder. „Durch das Aufbringen und Verschrauben einer 8-cm-Betonschicht wurde die Decke statisch, schall- und brandschutztechnisch ertüchtigt. Zudem war es die wirtschaftlichere Lösung gegenüber einer neuen Decke.“

Saal mit Glasdach

Gänzlich neu ist das Glasdach, das nun den neuen Saal überspannt. Es sollte eine schlichte, zurückhaltende, einem Kloster angemessene Lösung sein, die sich nicht durch Hightech oder waghalsige Konstruktionen in den Vordergrund spielt. Acht unterspannte Stahlträger aus Profilstahl liegen nun auf den ehemaligen Außenmauern auf und tragen 12 Glaselemente, mit einem Maß von jeweils 2,9 x 4,8 m, die mit Hilfe eines rückwärtig aufgestellten Krans an Ort und Stelle gehoben worden waren. Die 6 Lüftungsklappen im First werden über die RWA- und Lüftungszentrale motorisch gesteuert. Die Entwässerung erfolgt über eine gedämmte Folienrinne zwischen Glasdach und bestehendem Dach.

Der mit einem Glasdach aus 12 Glaselementen überspannte Kreuzgarten ist heute das kommunikative Zentrum der Musikakademie
Foto: Dieter Leistner

Der mit einem Glasdach aus 12 Glaselementen überspannte Kreuzgarten ist heute das kommunikative Zentrum der Musikakademie
Foto: Dieter Leistner
Die Binder sind auf einer Seite beweglich in kleinen Taschen in den Wänden gelagert, so dass die ­erheblichen Temperaturschwankungen, denen das Dach ausgesetzt ist, zwar zu Dehnungen des Metalls, nicht aber zu Zwängungen und Bauschäden führen können. Auf der Glaskonstruktion sitzt eine Verschattungsanlage, um einer Überhitzung des Saals darunter im Sommer entgegenzuwirken. Ein innenliegender Blendschutz, der auch akustisch wirksam ist, unterstützt die individuelle Raumnutzung.

Alte und neue Türen

Eine weitere Besonderheit im Projekt stellen die Innentüren dar. Viele der alten Türen konnten erhalten und restauriert werden, an anderen Stellen wurden neue gebraucht. Zum einen musste der Grundriss an die neue Nutzung angepasst werden, so dass neue Räume entstanden und somit auch neue Türen erforderlich wurden. Zum anderen waren in bestimmten Bereichen Brandschutztüren nötig. Sehr bewusst entschieden sich die Architekten dafür, die neuen Türen zwar auch aus Eichenholz, dennoch in sehr moderner Gestaltung flächenbündig in CNC-Technik anfertigen zu lassen. Lediglich die Gliederung des Türblattes durch zwei rechteckige aufgesetzte Füllungen passt sich an die historische Vorgabe an. Während die Handwerker die alten Türen in einem sehr dunklen Braun lasierten, sind die neuen Türen mit Kalk gebeizt und somit deutlich heller.

Die historischen Innentüren wurden aufgearbeitet und mit pigmentierter Leinöllasur gestrichen
Foto: mju-Fotografie

Die historischen Innentüren wurden aufgearbeitet und mit pigmentierter Leinöllasur gestrichen
Foto: mju-Fotografie
Die historischen Türen waren bereits ausgebaut und in einer Scheune eingelagert gewesen, als die Arnold Möbelmanufaktur diese dort abgeholt hat. Leider waren beim Ausbau teilweise die falschen Seiten der Türen zerstört worden, so dass hier zunächst ein paar zusätzliche Restaurierungsarbeiten erforderlich waren. Anschließend wurden die Türblätter vom Restaurator in mühsamer Arbeit abgebeizt und von der Tischlerei geschliffen. Abschließend brachte der Restaurator die neue pigmentierte Leinöllasur auf.

24 alte und etwa 40 neue Türen unterschiedlicher Breite und Ausformung fertigte die Möbelmanufaktur an und passte diese an die jeweiligen örtlichen und brandschutztechnischen Vorgaben an.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr

Bayerische Musikakademie Hammelburg e.V., vertreten durch Landrat Thomas Bold, www.bmhab.de

Architektur

Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth / Würzburg,  www.bruecknerundbrueckner.de

Statik

Hußenöder Ingenieure, Würzburg, hussenoeder-ing.de

Restaurierung der historischen Türen und neue Türen

Arnold Möbelmanufaktur GmbH, Luhe-Wildenau, www.arnold-moebelmanufaktur.com

Akustik und Dachschrägenbekleidung

Schreinerei Lösch, Kist, www.loesch-der-schreiner.de

Glasdachmontage

Firma Lamparter, Kassel, www.stahlglas.de

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Glasdach

Schüco, Bielefeld, www.schueco.com

Lichtband im First

Velux Deutschland, Hamburg, www.velux.de

Dichtbahn Anschluss Glasdach an Bestand

Bauder, Stuttgart, www.bauder.de

Dachdämmung

Knauf Insulation, Simbach am Inn, www.knaufinsulation.de

Weitere Informationen zu den Unternehmen
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