Umnutzung der Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach zum Wohnhaus

Von außen sieht man der Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach nicht im Geringsten an, dass die Handwerker der Schleiff Denkmalentwicklung ihr ein Wohnhaus in  Holzrahmenbauweise implantiert haben. Die neu hinzugekommenen Räume setzen sich im Kirchenschiff mit einer intensiven Farbigkeit vom weißen Bestand ab.

Von außen sieht man der Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach nicht im Geringsten an, dass die Handwerker der Schleiff Denkmalentwicklung ihr ein Wohnhaus in  Holzrahmenbauweise implantiert haben. Die neu hinzugekommenen Räume setzen sich im Kirchenschiff mit einer intensiven Farbigkeit vom weißen Bestand ab.

Umbau der denkmalgeschützten Herz-Jesu Kirche in Mönchengladbach

Die Herz-Jesu-Kirche entstand im Zentrum von Mönchengladbach 1903 nach Plänen des Architekten Josef Kleesattel als neogotische Backsteinbasilika. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie fast komplett zerstört, 1956 jedoch wieder im ursprünglichen Stil aufgebaut. Nach einer grundlegenden Restaurierung Mitte der 1970er Jahre wurde sie 1994 unter Denkmalschutz gestellt. Das war einer der Gründe, warum die Schleiff Denkmalentwicklung, die in der Umnutzung von Sakralbauten schon Erfahrungen mit dem Umbau der St. Alfons Kirche in Aachen gesammelt hatte, bereits 2008 mit dem Vorstand der im Jahr zuvor geschlossenen Herz-Jesu-Kirche Kontakt aufnahm. „Das war noch vor der Entwidmung der Kirche im September 2009. Aber bereits damals stand fest, dass die katholische Gemeinde mit zwei weiteren Gemeinden zusammengelegt wird und infolgedessen ihre Pfarrkirche nicht mehr benötigt“, sagt Georg Wilms, Geschäftsführer der Schleiff Denkmalentwicklung aus Erkelenz, der die Kirche einen Monat nach ihrer Entwidmung erwarb.

Reversibles Haus im Haus

Noch vor Beginn der Planung suchten die Verantwortlichen der Schleiff Denkmalentwicklung das Gespräch mit dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege und der unteren Denkmalbehörde. Ein Ergebnis dieser Gespräche war der Einbau des Mehrfamilienhauses in die Herz-Jesu-Kirche als Haus im Haus, das vom Bestand unabhängig ist. „Die Minimierung der baulichen Eingriffe in die denkmalwerte Substanz findet ihre Ergänzung in einer intelligenten Ausbauplanung. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass der Innenausbau der Kirche nicht in konventioneller Bauweise erfolgte. Um die denkmalpflegerische Forderung nach Reversibilität zu erfüllen, entschieden sich Planer und Bauherr erfreulicherweise dazu, den kompletten Innenausbau als Holzständerkonstruktion auszuführen“, lobt Dr. Karl-Heinz Schumacher, Leiter der unteren Denkmalschutzbehörde in Mönchengladbach, die Umnutzung. Das war auch das zentrale Entwurfsprinzip des mit der Planung beauftragten ortsansässigen Büros B 15 Architekten, das das bis zu vier Geschosse hohe Holzinnenhaus im Kirchenschiff den Außenwänden und Säulen anpasste.

Viergeschossiges Holzhaus trotzt Landesbauordnung

Ob freistehend oder in einer Kirche versteckt – ein Holzhaus bleibt ein Haus aus Holz. „Da in Nordrhein-Westfalen laut Landesbauordnung Holzhäuser dieser Größenordnung unter Brandschutzaspekten unzulässig sind, erarbeitete der Brandschutzingenieur ein Konzept auf Grundlage der Musterbauordnung in Verbindung mit der Holzbaurichtlinie“, kommentiert Georg Wilms. Infolgedessen mussten zum einen die Trennwände zwischen den 23 in den Seitenschiffen, dem Querhaus und der Apsis untergebrachten Zwei- bis Dreizimmerwohnungen mit Brandschutzplatten beplankt werden. Zum anderen dient das Mittelschiff als großer Treppen- und Fluchtraum, der mit üblichen Fluren und Fluchttreppenhäusern aber nicht vergleichbar ist. „Diese Herausforderung konnten wir mit einer erfolgreich getesteten Rauchverdrängungsanlage meistern“, sagt Wilms.

Tiefergelegt für sinnvolle Geschosshöhen

„Da nur lückenhafte und ungenaue Bestandspläne vorhanden waren, beauftragten wir die Fachhochschule Köln mit einem Laser-Aufmaß“, so Georg Wilms. Infolge der auf diesem Weg entstandenen Pläne, mussten die Handwerker das Fußbodenniveau der Kirche im Erdgeschoss abgraben, um sinnvolle Geschosshöhen in den Seitenschiffen zu erreichen. Die alten Natursteinplatten des Kirchenbodens lagerten sie dabei ein und verwendeten diese später als Fußbodenbelag für die Galerien im großen Treppenraum. Danach betonierten die Handwerker die neue Bodenplatte mit Punktfundamenten für die Stahlkonstruktion der Treppen und Galerien.

Klare Trennung von Alt und Neu

Auf der neuen Bodenplatte steht das tragende Holzständerwerk der Leichtbauwände, aus denen das Holzhaus konstruiert ist. Das Tragwerk montierten die Zimmerleute aus Konstruktionsvollholz in einem Abstand von rund 20 cm zum Altbau, um die Luftzirkulation zu gewährleisten. Bis zu vier Geschosse hoch richteten die Handwerker das Ständerwerk mit Holzbalkendecken auf. Dabei blieb ein Luftraum von rund einem Drittel des Gebäudeinneren über dem Wohnhaus frei, ebenso wie die Vierung mit dem früheren Altarbereich. „So lassen sich bauphysikalische Nachteile für die Altbausubstanz, insbesondere für die Gewölbe vermeiden. Gleichzeitig bleibt der Charakter des eindrucksvollen Kirchenraums erhalten“, sagt Georg Wilms. Und damit man das neu hinzugekommene Haus deutlich vom Bestand unterscheiden kann, rollten die Maler intensive Farben auf die Gipskartonplatten der Trockenbauwände auf. Auch das Treppenhaus und die Galerien sind als Stahl-Glas-Konstruktion deutlich vom Bestand zu unterscheiden.

Energetisches Konzept für ein Haus im Haus

Da es sich um ein echtes Haus im Haus handelt, packten die Handwerker in die Decken und Außenwände des Holzhauses 14 cm Mineralwolle der WLG 035 hinein. Damit erreichen die Wände einen U-Wert von 0,247 W/m2K. „Durch die nach einer Luftschicht von etwa 20 cm nach außen hin folgende massive Bestandswand der Kirche mit einer Dicke von mindestens einem halben Meter wird der tatsächliche Wärmeschutz aber deutlich besser sein, als der errechnete Wert“, meint Georg Wilms. Beheizt werden die Wohnungen über Fußbodenheizungen mit einer Erdwärmepumpe zur Abdeckung der Grundlast und einer zusätzlichen Gas-Brennwert-Therme zur Deckung von Bedarfsspitzen. Der verbleibende Innenraum der Kirche bleibt unbeheizt, wirkt aber ausgleichend als Klimapuffer.

Neue und alte Fenster

„Von zentraler Bedeutung waren für uns weitere Fensteröffnungen für die Wohnnutzung. Am Ende der Gespräche mit dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege und der unteren Denkmalbehörde stand für uns ein Ergebnis, das auch für die Denkmalpflege gut war“, erinnert sich Georg Wilms. Dieses Ergebnis sieht zum einen neue Fensteröffnungen in rechteckiger Form vor, welche die Handwerker in das Ziegelmauerwerk schnitten. Geschlossen wurden diese Öffnungen mit anthrazitfarbenen Holzfenstern mit Isolierverglasung. „Besonders anspruchsvoll war der Austausch von Bestandsfenstern gegen neue Holzfenster, die heutigen Anforderungen entsprechen“, meint Wilms. Allerdings mussten nur die Fenster im unteren Teil erneuert werden. Die Spitzbogenfenster im oberen Teil der Kirche konnten erhalten bleiben. Sie wurden durch maßgenau vom Schreiner angefertigte Innenfenster energetisch zu einem „Kastenfenster“ ergänzt. Zugegebenermaßen musste das Glas einiger Buntglasfenster gegen Klarglas ausgetauscht werden. Aber insbesondere dort, wo die Buntglasfenster Bildmotive zeigen, blieben diese erhalten und wurden ebenfalls mit einem von innen montierten Holzfenster energetisch ertüchtigt – was natürlich auch bei einem runden Buntglasfenster mit einem eckigen Innenfenster möglich ist.

Die neu hinzugekommenen rechteckigen Holzfenster unterscheiden sich in ihrer Form deutlich von den historischen Spitzbogen- und Rundfenstern. Überhaupt lässt sich vor allem in der Kirche anhand der Form, Farbe oder Materialwahl ganz klar unterscheiden, was historischer Bestand und was neu hinzugekommen ist. Ganz zu Recht wurde daher die Umnutzung der Herz-Jesu-Kirche zu einem Wohnhaus Ende vergangenen Jahres als Sieger beim Wettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ geehrt. 

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr, Projektenwicklung und Ausführung Schleiff Denkmalentwicklung, Erkelenz, www.denkmalentwicklung.de

Planung B 15 Architekten, Mönchengladbach

Statik Ing.-Büro Tetz, Hückelhoven, www.tetz-ingenieure.de

 

Herstellerindex (Auswahl) 

Innenfarben StoLook Struktur grob, Sto,

Stühlingen, www.sto.de

  

Baudaten (Auswahl)

 

Wohnfläche 23 Wohnungen in der Kirche

mit insgesamt 1560 m2  

11 Wohnungen im Neubau mit insgesamt 1060 m2 

Gesamtbaukosten 4 Millionen Euro

Pläne

Hier finden Sie die Grundrisse und Schnitt der umgebauten Herz-Jesu-Kirche als PDF zum Download.

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