Steine aus massiv gegossenem Glas für die Crystal Houses von MVRDV in Amsterdam

Häuser, die sich von oben nach unten auflösen? So scheint es zumindest, wenn man in der Amsterdamer P. C. Hoofstraat auf die Fassade der von MVRDV entworfenen Crystal Houses blickt: Oben eine Backsteinfassade, die nach unten fließend in Glasstein übergeht.

Ein irritierender Anblick, als schaue man den Film „Matrix“ zum ersten Mal: Es sieht so aus, als würde sich das Backsteinmauerwerk der beiden Wohn- und Geschäftshäuser in der Amsterdamer P. C. Hoofstraat von der Traufe bis zum Sockel auflösen, als würde es verschwinden. Tatsächlich handelt es sich um eine „Metamorphose“ von Ziegel zu Glas, denn die Fassade des Erd- und das halben Obergeschosses besteht aus Glassteinen – wohlgemerkt nicht Glasbausteine, sondern aus klarem massivem Glas gegossene Steine, die exakt in das Steinmaß des Ziegelmauerwerks passen. Darüber gehen die Glassteine fließend in die altbekannten Backsteine über, die unter dem profilierten Traufgesims mit Stuckkonsolen ihren oberen Abschluss finden. Im Obergeschoss gehen selbst die Profile der Fenster in Glas über.

 

Keine charakterlose Schaufensterfassade

Aber was hat die Architekten vom renommierten Rotterdamer Büro MVRDV dazu bewogen, ihrem Bauherrn Warenar Real Estate ein derartiges Abenteuer vorzuschlagen? Zwei 1910 in der Straße erbaute Giebelhäuser sollten durch zwei Neubauten ersetzt und darin ein Shop des Luxuslabels Chanel untergebracht werden. Ein Amsterdamer Architekturbüro schlug dem Bauherrn eine klassische Lösung vor: im Erdgeschoss der Shop mit ebenerdigen Schaufenstern und darüber zwei Geschosse mit Backsteinfassade in historisierendem Stil – ein Anblick, den man aus vielen alten Innenstädten kennt. Dem Bauherrn war diese traditionelle Lösung entschieden zu langweilig. Er wandte sich an das Büro MVRDV, mit dem er bereits in der Vergangenheit bei anderen Projekten zusammengearbeitet hatte, und bat um eine alternative Gestaltung der Fassade.

 

Zwischen Tradition und Transparenz

Man könnte meinen, dass es sich bei den beiden Giebelhäusern in der P. C. Hoofstraat um Reste von Altbauten handelt. Tatsächlich ist das Baujahr aber 2016. Die Herausforderung bestand für die Planer vom Büro MVRDV darin, für die beiden Neubauten einen Kompromiss aus der gewünschten Modernität mit maximaler Transparenz und der traditionellen Ziegelbauweise zu finden, die laut Gestaltungssatzung dort vorgeschrieben ist. Der eingangs beschriebene Übergang in der Fassade von Backstein zu massivem Glasstein ist ein solcher Kompromiss, der mit der Auflage, im Obergeschoss Wohnungen unterzubringen, die Zustimmung der städtischen Gestaltungskommission fand.

 

Massive Steine aus klarem Gussglas

Zunächst experimentierten die Architekten allerdings mit Gießharz, gefärbtem Triplex und Polycarbonat. Da diese Materialien aber nur zu unbefriedigenden Ergebnissen führten, entstand in Zusammenarbeit mit der TU Delft, dem Büro ABT als Tragwerksplaner und dem italienischen Glashersteller Poesia die Idee, mit Steinen zu arbeiten, die aus flüssigem Glas in Formen gegossen und in einem Ofen kontrolliert herunter gekühlt werden. So lassen sich störende Risse oder eine Kristallbildung in den klaren Glassteinen vermeiden. Poesia verwendete einen eisenarmen Glassand aus Natrium-Kalk-Silikat, wodurch ein sehr klares Glas ohne nennenswerten Grünstich entsteht. Eingeschlossene Luftbläschen enthalten die auf diese Weise hergestellten rund 7000 Glassteine trotzdem, denn sie sind echte Handarbeit. Trotz der handwerklichen Herstellung ist es gelungen, alle Steine mit identischen Abmessungen zu produzieren – eine Voraussetzung für die anschließende Verarbeitung auf der Baustelle. Hierzu wurden die Steine in drei unterschiedlichen Formaten etwas größer als ihr endgültiges Maß gegossen und anschließend mit einer CNC-Maschine, teilweise aber auch von Hand auf die exakte Größe zugeschnitten und poliert. Herausgekommen sind dabei Glassteine, die mit einer Druckfestigkeit von 10 N/mm2 viel härter als Ziegel und sogar noch härter als Beton sind. Dabei müssen die Mauern nur ihr Eigengewicht tragen, denn das eigentliche Tragwerk der beiden Giebelhäuser besteht aus Stahlträgern.

 

Verklebung der Glassteine auf der Baustelle

Ein Mörtel aus Zement kam für die Verklebung der Glassteine natürlich nicht in Frage. Für die Verbindung der Steine war ein Kleber erforderlich, der transparent und gegen Temperaturschwankungen unempfindlich sein musste. Mit „Delo“ fand man einen unter UV-Licht aushärtenden Acrylat-Klebstoff, der nicht nur lichtdurchlässig, sondern auch besonders bindefähig und hart ist und mit seiner Widerstandsfähigkeit gegenüber Verfärbungen unter UV-Licht-Einwirkung der Qualität der Glassteine entspricht. Gehen später Glassteine kaputt, so können diese sogar ausgewechselt und anschließend wieder eingeschmolzen, also recycelt werden.

Ausgeführt werden durfte die Klebefuge auf der Baustelle nur in einer Dicke von 0,25 mm, um einen optimalen Haftverbund mit den Glassteinen zu erreichen. Daher gab es auch keinen Spielraum für Ungenauigkeiten in der Dicke bei der Produktion der Glassteine, weshalb sie wie beschrieben mit der CNC-Maschine und von Hand zugeschnitten und poliert wurden.

Wegen des fehlenden Spielraums war auch von den Handwerkern auf der Baustelle bei der Ausführung der Klebearbeiten größte Sorgfalt gefragt. Ein Experiment: Die Baustelle wurde zum Labor für handwerkliche Forschung. Nachdem nicht nur der Rohbau, sondern auch die Ziegelfassade im zweiten Obergeschoss von einer Stahlkonstruktion abgehängt fertiggestellt war, blieb für die Glassteine eine etwa 9 m hohe und 11 m breite Fassadenöffnung frei. Wegen des fehlenden Spielraums begannen die Verklebearbeiten auf einer Edelstahlplatte, die mit Stellschrauben auf dem hinter Glas verborgenen Betonsockel befestigt war. Diese gewährleistete einen exakt horizontalen Aufbau der 21 cm dicken Glaswand. Für die Handwerker begann im Vergleich zum Mauern einer klassischen Ziegelwand ein zeitraubender Prozess. Zwischen 50 und 60 Ziegel schaffte das vierköpfige Team zu Beginn pro Tag. Den Kleber trugen die Handwerker mit einer eigens von der TU Delft entwickelten Matrize auf, die zum einen eine gleichmäßige Verteilung des Klebers erlaubte und zum anderen ein Überlaufen verhinderte. Lediglich auf ein Verkleben der Stoßfugen konnten die Handwerker verzichten, da der Kleber an den Unterkanten der Glassteine sonst zusammengelaufen wäre. Erst als ein zweites Team mit den Arbeiten begann, ging es auf der Baustelle zügig voran.

Aber wie sollte der fließende Übergang der Glassteine im Obergeschoss mit den Ziegelsteinen gestaltet werden? Ein passender Klebstoff, der die unterschiedlichen bauphysikalischen Eigenschaften von Glas und Backstein vermittelt, war nicht in Sicht. Daher entschloss man sich, die vereinzelt in der Glaswand auftauchenden Ziegelsteine aus Glassteinen herzustellen. Hierzu wurden diese stärker beschnitten und mit Ton überzogen, um so den Eindruck von Backstein zu erzeugen.

So ist eine Glasfassade entstanden, die durch den fließenden Übergang in eine Backsteinfassade den Eindruck erweckt, als würden sich die beiden Giebelhäuser in der P. C. Hoofstraat nach unten hin auflösen. Einzig der 60 cm hohe Sockel aus Beton, der sich hinter Glas verbirgt und aus Sicherheitsgründen bei einem starken Aufprall erforderlich war, ist im Erdgeschoss undurchsichtig.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte und Hersteller (Auswahl)

Bauherr Warenar Real Estate, NL-Amsterdam,

http://warenar.eu

Architekten MVRDV, NL-Rotterdam, www.mvrdv.nl

Projektleitung Winy Maas

Planungsteam Gijs Rikken, Mick van Gemert, Marco Gazzola, Renske van der Stoep und Antonio Luca Coco

Copyright MVRDV 2018 – Winy Maas, Jacob van Rijs, Nathalie de Vries

Co-Architekten Gietermans & Van Dijk Wim Giestermans, NL-Amsterdam, www.gietermans.nl,

Arjan Bakker, Tuğrul Avuçlu

Statik Brouwer&Kok, NL- Badhoevedorp,

www.brouwer-kok.nl, Paul Brouwer

Bauingenieure ABT, www.abt.eu, Rob Nijsse

TU Delft, www.tudelft.nl, Frederic A. Veer,

Faidra Oikonomopoulou, Telesilla Bristogianni

Ästhetik-Kommission der Stadt

Wealth - Charlotte ten Dijke, Ellis van den Hoek,

Natasha Hogen, Patrick Koschuch, Alexander Pols, Gus Tielens, Marcel van Winsen, Pepijn Diepenveen

Bauarbeiten Wessels Zeist, NL-Zeist, www.wessels-zeist.nl, Robert van der Hoef, Richard van het Ende, Marco und Ronald Van de Poppe

Glassteine Poesía (Marke der Vetreria Resanese), IT-Resana, www.poesiaglass.studio, Ivano Massarotto

Importeur Delo Kleber Siko NL-Hengelo,

www.sikobv.nl, Rob Janssen

Kleber Delo Industrie Klebstoffe, Windach,

www.delo.de

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 03/2019

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Tesla liefert seit Februar sein Model 3 in den deutschen Markt. Rund 60?000 Euro kostet das Einstiegsmodell – Allradantrieb und 80,5?kWh-Batterie inklusive. Auch der neue e-tron von Audi geht noch in...

mehr
Ausgabe 03/2015

Villa Friederich in Venlo mit Ziegeltextur

Als Kubus präsentiert sich die Villa Friederich im Villenpark Nieuw Stalberg am Rand von Venlo. Dem städtebaulichen Konzept für die neue Siedlung folgend hat Architekt Rob Kleuskens vom Büro...

mehr
Ausgabe 7-8/2009

Saniert: Großes Tropenhaus in Berlin

Nach dreijähriger Bauzeit sind die Sanierungsarbeiten am Großen Tropenhaus im Botanischen Garten Berlin-Dahlem nunmehr abgeschlossen. Das 1905 bis 1907 erbaute Tropenhaus ist eines der imposantesten...

mehr