Umbau einer Bauernhausruine in Arnbruck nach Plänen von Peter Haimerl zum Wohnhaus

Das ehemalige Bauernhaus im Bayerischen Wald war zu 90 Prozent verfallen, als der Münchner Architekt Peter Haimerl es entdeckte und ihm in seiner ganz eigenen Art mit einer Mischung aus moderner Betonarchitektur und extremer Bestandsbewahrung neues Leben einhauchte.

Der Architektur von Peter Haimerl wohnt etwas Besonderes inne. So wirkt das auf den Namen „Haus Schedlberg“ getaufte Gebäude einerseits selbstbewusst, stark, fast schon grob und gleichzeitig unglaublich feinfühlig und sehr sensibel auf den Ort bezogen. Es ist sicher auch Haimerls Gespür für Materialien und seine individuelle Architekturphilosophie, aber es ist auch seine ganz eigene Herangehensweise an den Entwurf, der Umgang mit dem, was am Ort bereits vorhanden ist, was seine Entwürfe auszeichnet. Im Fall des Austragshauses im bayerischen Arnbruck war dies auf den ersten Blick nicht viel, denn von dem Gebäude standen im Grunde nur Rudimente und auch diese waren bereits so gut wie vollständig eingestürzt. Das, was an Stützen und Balken vorhanden war, war buchstäblich verfault. Denkmalschutz mit dem Ansatz, zu stark beschädigte Bauteile baugleich auszutauschen, hätte hier zum Totalverlust geführt.

Peter Haimerl möchte die Baukultur des Bayerischen Waldes fördern. Mit der Initiative „Haus.Paten Bayerwald“ soll historische Bausubstanz erhalten und als zeitgemäße Architektur fortgeführt werden. Das Haus Schedlberg stand seit Anfang der 1960er Jahre unter Denkmalschutz, war seitdem aber nicht wiederaufgebaut worden, sondern immer stärker verfallen. Der ausführende Betonbauer, der in der Gegend aufgewachsen ist, kann sich erinnern, dass bereits in seiner Jugendzeit im Gebäude an verschiedenen Stellen Einsturzgefahr bestand. „Jetzt hatte sich eine etwa 1 m hohe Lage Schafsmist im Gebäude angesammelt, da es als Unterstand genutzt worden war. Zudem war das Haus teilweise um einen Meter Differenz eingesackt“, so Maurer- und Betonbaumeister Thomas Spannagl. „Wir haben also zunächst jede Menge Mist und Schutt aus dem Gebäude entfernt, bevor wir anfangen konnten, es vorsichtig wiederaufzurichten.“

Das Haus und seine Geschichte

Bevor allerdings mit den ersten Arbeitsschritten begonnen wurde, hat sich der Architekt mit dem Standort, dem Haus und seiner Geschichte auseinandergesetzt. Eine bewährte Methode des Architekturbüros ist hierbei das Arbeiten mit Fotografien. So entstanden unter anderem inszenierte Architekturfotos durch das Künsterlerduo beierle.görlich, die sehr schön die Geschichte des Ortes dokumentieren. „Beispielsweise hatte der Bauer hier am Berg eine Skisprungschanze privat gebaut. Diese Geschichte des Ortes haben wir mit den Bildern wiederaufleben lassen“, erzählt Architekt Haimerl, der im Sommer 2018 mit dem Bayerischen Staatspreis für Architektur ausgezeichnet wurde, bei dem einerseits sein klares Bekenntnis zur Baukultur, aber auch sein Ansatz, die Grenzen konventioneller Architektur auf wunderbare Weise zu überschreiten, betont wurde. Dass diese Grenzüberschreitungen in der Praxis nicht immer so leicht umzusetzen sind, können die Handwerker auch am Haus Schedlberg bestätigen. Sowohl die Rohbaufirma als auch die Metallbaufirma, die die Fenster gebaut hat, musste sehr viele Einzellösungen vor Ort kreieren.

„Natürlich war sehr viel von dem, was ein Haus normalerweise ausmacht, nicht mehr vorhanden. Was man aber eigentlich immer vorfindet sind die Baustrukturen, die dem Haus innewohnen und die wir wieder sichtbar machen möchten“, so Architekt Haimerl. „Zudem wollten wir den Ort als Übergang zwischen Natur und Kultur weiterdenken.“ So sind die im angrenzenden Hütewald liegenden Granitbarren Hauptinspirationsmotiv für den Entwurf gewesen. Das wiederkehrende Bauprinzip verwendet Barren in jeglicher Form. Der Holzblockbau setzt sich aus Holzbalken, die Türstöcke und Wassertröge aus Granitbalken zusammen.

Die Idee war, dem Haus einerseits etwas Bodenständiges, Traditionelles wiederzugeben und gleichzeitig etwas sehr Modernes: „Die scheinbar einfach nur übereinander gestapelten Betonbarren erinnern an die moderne Ästhetik von Pixelwelten. Anders als eine stabile Holzverbindung spiegeln sie das Fluide der digitalen Welt wider. Jeden Moment könnte sich etwas ändern“, so Peter Haimerl. Für den Architekten, der zwar sein Büro in München hat, im Bayerischen Wald aber aufgewachsen ist, steht die Region für einerseits hohe handwerkliche Kunst, andererseits für ein gesundes Maß an Anarchie und Wildheit, die diese zeitgemäße Ästhetik sehr gut vertragen kann.

Die Umsetzung: Balken aus Holz und Beton

Bei dem eingesetzten Beton handelt es sich um Dämmbeton aus Glasschaumschotter, der zudem teilweise bauteilaktiviert ist. Die Betonbarren mit einem regelmäßigen Höhenraster von 43 cm hat Maurer- und Betonbaumeister Thomas Spannagl alle individuell vor Ort gegossen und angepasst. Dabei ist er quasi ringweise vorgegangen, so dass die einzelnen Abschnitte jeweils hinreichend Trockenzeit hatten. Die Schalungen hat er durchgehend aus 43 cm breiten Schalbrettern gebaut und vergossen. „Ganz so einfach, wie es klingt, war es in der Umsetzung allerdings nicht“, erläutert Spannagl. „Denn wir mussten uns ja dennoch genau an den Bestand anpassen und die Schalung so anschnitzen, dass wir direkt anbetonieren konnten, sowohl in der Senkrechten als auch teilweise von unten gegen stehen gebliebene Balken nach oben in der Horizontalen.“ Ein großer Vorteil des Dämmbetons ist, dass er sehr ähnliche bauphysikalische Eigenschaften hat wie Holz. So haben beide Materialien nicht nur einen ähnlichen Wärmedurchgangskoeffizienten, sondern auch ein ähnliches Elastizitätsmodul. Daher gibt es an den Anschlüssen keine Konfliktpunkte.

Kompliziert waren die Anschlüsse aber dennoch, da am Bestand keine gerade Zäsur geschaffen worden war, sondern durch die Vorgabe, alles zu erhalten, was sich erhalten ließ, ein fast schon ausgefranster „Bestandsrand“ stehen geblieben war. „Nachdem wir das Haus mit Hydraulikpumpen wiederaufgerichtet und neu fundamentiert hatten, wurden zunächst die Gredplatten aus Granit auf einer Ausgleichsschicht aus Magerbeton neu verlegt“, erzählt Rohbauer Spannagl. „Der Bau der Wände aus den gestapelten Betonbarren war schon sehr knifflig, da die Barren in zwei Richtungen versetzt zueinander angeordnet sind und wir alles individuell anpassen mussten.“

In einem nächsten Schritt wurden dann die Fenster, man könnte vielleicht eher sagen, die gefassten Glasscheiben, zwischen die Betonbalken geschoben.

Leidenschaftsprojekt:

Fenster zwischen Betonbalken gefügt

„Als wir in das Projekt kamen, war der Rohbau mit den Betonbalken weitestgehend fertiggestellt“, erzählt Josef Gilch, Geschäftsführer der Firma Metalltechnik Gilch, die die Ausführung der Fenster im Projekt übernommen hatte. „Es war ein sehr skurriles Projekt mit sehr individuellen Einzelanforderungen. Da die Betonbalken, zwischen die die Fenster eingepasst werden mussten, nicht nur übereinander auf mehreren Ebenen versetzt zueinander angeordnet waren, sondern an den Enden innerhalb einzelner Öffnungen auch noch unterschiedlich lang waren, mussten wir Gläser mit mehreren Längenabstufungen innerhalb einer Kante verwenden. Hierfür mussten wir erstmal einen Glashersteller finden, der bereit war, uns Isolierglas-Scheiben mit solch ungewöhnlichen Konturen zu liefern.“ Die Idee, alle Produktionsmaße über Aufmaß und Planung zu definieren, wurde auf Grund der vielen sich ergebenden Unwägbarkeiten aufgegeben. Letztendlich haben die Handwerker vorkonfektionierte Profile vor Ort individuell in den Baukörper eingepasst. „Der Aufwand, der betrieben werden musste, um dieses Projekt zu realisieren, lässt am Ende nur das Fazit Leidenschaftsprojekt zu“, so Josef Gilch. „Die Erfahrung aus dem Projekt, befreit von Normen und Zwängen zu arbeiten, nährt jedoch schon den Wunsch, durchaus öfter im konstruktiven Zusammenwirken zwischen Handwerk und Architektur Grenzen auszuloten und dabei echte Unikate zu schaffen!“

Die U-Profile aus Glasfaserkunststoff haben die Handwerker für die festverglasten Fensterelemente in den geschlitzten Beton eingeklebt und mit Dämmbeton nachvergossen. Insgesamt sind allerdings alle Fenster- und Türelemente, die eingebaut wurden, Prototypen, die speziell für die vorgegebene Bausituation entwickelt wurden. So ist beispielsweise die gläserne Tür an der dem Wald zugewandten Seite des Hauses als tragendes Element mit extrem schlanken Ansichtsbreiten der aufgeklebten Aluminiumrahmen ausgebildet. Bei dieser aufwändigen Vorgehensweise handelt es sich um in keiner Weise geprüfte Bauteile, die ausschließlich für Sonderanwendungen geeignet sind.

Gekostet hat der Umbau rund 400 000 Euro. Dafür verwandelte Peter Haimerl gemeinsam mit fähigen Handwerkern eine Ruine in ein einzigartiges Wohnhaus und hat damit nicht nur ein Stück bayerische Baukultur gerettet, sondern hat wieder einmal beweisen, wie unkonventionell Bauen auch im Bestand sein kann.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Holz und Dämmbeton haben sehr ähnliche bauphysikalische Eigenschaften was den Wärmedurchgangskoeffizienten und Elastizitätsmodul anbelangt

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Haus.Paten Bayerwald, Viechtach

Architekt Peter Haimerl . Architektur, München,

www.peterhaimerl.com

Statik aka Ingenieure, München,

www.aka-ingenieure.de

Rohbauarbeiten Spannagl Bau, Arnbruck,

www.spannagl-bau.de

Fensterbauarbeiten Metalltechnik Gilch,

Niederwinkling, www.mg-esprit.de

Tischlerarbeiten Schreinerei Anton Schreiner,

Viechtach, www.schreinerei-anton-schreiner.de

Schreinerei Josef Wimmer, Reischach-Arbing

Glashersteller Weha-Therm Isolierglas, Hutthurm, www.wehatherm.de

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