An die Decke gegangen: Gerüstbau im Aachener Dom

Über einen Zeitraum von fünf Jahren wurde der karolingische Zentralbau des Aachener Domes von innen saniert. Den Höhepunkt und Schlussakt bildete ein freitragendes Gerüst unter der mittleren Kuppel. Errichtet wurde hier eine Individualkonstruktion auf Basis der Elemente des Gerüstherstellers Rux.

Die Gerüstkonstruktion im Aachener Dom war von Anfang an so sicher und zugänglich konzipiert, dass nicht nur die eigentlichen Arbeiten damit ausgeführt werden konnten, sondern dass es nach Abschluss der Maßnahme von zahlenden Besuchern betreten werden konnte. Eine überaus attraktive Idee, denn so nah wird man der Kuppel die nächsten 100 Jahre nicht mehr kommen. Der Andrang war entsprechend groß. Wir besuchten das erste Weltkulturerbe Deutschlands mit seinem Kuppelgerüst kurz vor Beginn der Abbauarbeiten und führten ein Gespräch mit Dombaumeister Helmut Maintz. 


Ist das eingehängte Scheibengerüst eine Eigenkonstruktion oder besteht es aus einem ausdifferenzierten Baukastensystem?

Beim temporären Tragwerk unterhalb der Kuppel handelt es sich um eine von der Ingenieurgesellschaft Kempen Krause ausgeschriebene „Statische Gerüstkonstruktion“, die von dem Gerüststatiker Joachim Specht aus Schalksmühle eigens gezeichnet und entworfen wurde und von der Creutz Gerüstbau GmbH aus Aachen entsprechend konstruiert worden ist. Natürlich gibt es in diesem Gerüst Detailbauteile, wie etwa die Rohre des Raumtragwerks, die dazugehörigen Befestigungsschellen oder den Treppenaufgang, die aus Standardelementen bestehen. Sie finden in der Konstruktion jedoch nichts Vergleichbares wie etwa standardisierte Gerüstrahmen oder -böden.

 

Haben Sie die Konstruktion gekauft?

Nein, das Gerüst ist von der Creutz Gerüstbau GmbH bereitgestellt worden. In Rechnung gestellt und ausgeschrieben wurden der Auf- und der Abbau sowie die eigentliche Standzeit.

 

Welche Vorgaben waren bei Planung und Bau des Gerüstes zu berücksichtigen? Und bestand die eingelegte Holzverkleidung von Anfang an?

Der staubdichte Holzboden war die Grundvoraussetzung der Planung. Ferner sollten damit Sicherheit vor auftretendem Wasser und ein Schlagschutz gegeben sein. Neben diesen Grundeigenschaften gab es natürlich verschiedene Vorgaben baulicher Natur. Zunächst war da die Bauhöhe von 18 m über dem Fußboden. Die Scheibe musste oberhalb der Arkaden ansetzen, also dort, wo die vorangegangene Sanierung schon abgeschlossen war. Ferner durften keine Stützen im Oktogon, also im zentralen Achteck des Domes aufgestellt werden. Dieses sollte komplett frei gehalten werden. Die Konstruktion musste so beschaffen sein, dass die anfallenden Kräfte – immerhin insgesamt gut 45 t – in das den Zentralbau umschließende 16-Eck geführt werden. Dort war aber zu beachten, dass deren Ost- und Westseite ausgespart werden mussten. Denn im Obergeschoss befinden sich auf der Ostseite die weiterhin benutzte Orgel und im Westen der Kaiserthron.

Auch konnte aus statischen Gründen das Gerüst in dem auch Umgang genannten 16-Eck nicht an beliebigen Positionen aufgelagert werden, sondern nur an solchen, die von der mit der Gebäudestatik betrauten Aachener Ingenieurgesellschaft Kempen Krause dafür freigegeben worden waren. Zudem musste über eine beengte Wegführung das Obergeschoss des Umgangs halbwegs zugänglich bleiben.

 

Was gaben Sie für die Zugänglichkeit des  Kuppelgerüstes vor?

Auch der Zugang zum Kuppelgerüst sollte über das Obergeschoss des Umgangs erfolgen. Von vornherein sah die Planung ein zweiläufiges Treppenhaus vor, das etwa 2 m unterhalb des Arkadenscheitels in einen Stichgang zur Kuppelmitte übergeht, aus dem schließlich eine einläufige Treppe die fehlenden letzten zwei Höhenmeter nach oben führt. 


Die Treppe ist mit einer 17/29 cm Stufenfolge bemerkenswert bequem für ein Baugerüst. Hatten Sie da schon im Vorfeld die potenziellen Besucherströme im Auge?

Solche Aufgänge sind im Gerüstbau heutzutage Standard. Die Handwerker müssen über diese Treppen ihr Material nach oben bringen. Und es waren dort oben unglaublich viele beschäftigt. So ist eine bequeme Treppe für diese Arbeiten extrem sinnvoll. Da es sich dabei um ein fertiges System mit Geländer handelt, war es zudem schnell auf- und wieder abgebaut. Dass damit zugleich auch baustellenfremde Besucher problemlos und sicher nach oben gebracht werden konnten, war ein willkommener Nebeneffekt. Die vermeintlich besucherfreundliche Holzverkleidung des Stichgangs ist hingegen eine ergänzende Maßnahme zur schützenden Funktion der Scheibe. Auch auf dem Weg nach oben kann ein Handwerker seinen Hammer verlieren. Und der reguläre Betrieb sollte unten weitergehen.

 

Wie war das Gerüst aufgebaut?

Zuunterst war ein in zwei Richtungen gespanntes Raumtragwerk, das durch eine entsprechende Stützkonstruktion im Umgang getragen wurde und etwa eine konstruktive Höhe von 2 m aufwies. Auf dieses montierten die Gerüstbauer dann noch einmal eine 1,50 bis 1,80 m hohe Aufständerung, um die beabsichtigte Gerüsthöhe im unteren Bereich des Tambours zu erreichen. Diese Zwischenkonstruktion war notwendig, weil das Raumtragwerk erst einmal aus den Arkaden heraus in das zentrale Achteck geführt werden musste. Saniert waren zu diesem Zeitpunkt aber schon die gesamten Arkaden sowie vielleicht 1 m darüber.

Auf der Aufständerung montierten die Gerüstbauer dann eine Balkenlage von 14/14-Kanthölzern. Die Handwerker schlossen in der Folge mit einer vielleicht 3 bis 5 cm dicken Bohlenlage den gesamten Tambour und belegten diese mit einer zweilagigen Folienschicht. Die Folie diente dabei nicht als Dampfsperre, sondern als essenzielle staub- und wasserfeste Trennphase zwischen oben und unten.

Um diese vor mechanischer Beschädigung zu schützen, aber auch um eine ansehnliche und vor allem ebene Fläche zu erzielen, wurde sie schließlich mit großflächigen und 12 bis 14 mm dicken Spanplatten belegt.


Was war die größte Herausforderung beim Bau des Gerüstes?

Die größte Herausforderung war die logistische Organisation, also der Transport der schieren Gewichtsmassen an ihren jeweiligen Bestimmungsort. So besteht etwa das eigentliche Raumtragwerk nicht wie die darüber angeordnete Aufständerung aus Aluminiumrohren, sondern aus Stahlrohren, die einen Durchmesser von jeweils 48 mm haben und bei etwa 5 m Länge nicht besonders leicht sind. Sowohl während des Aufbaus, als auch zum Abbau errichtete der Gerüstbauer für den Materialtransport eigens einen Zahnstangenaufzug. Und vor dem eigentlichen Abbau musste ein zusätzliches, konventionelles Gerüst als Hilfskonstruktion regulär darunter errichtet werden, so dass währenddessen das Oktogon nicht zugänglich war. Oberhalb der Scheibe hatte die Kuppel noch immer eine Scheitelhöhe von mehr als 8 m.


Wie erreichten die Restauratoren von dort die schadhaften Stellen?

Auf diesem horizontalen Schott wurde für die Sanierungsarbeiten noch einmal ein reguläres Arbeitsgerüst errichtet. Bedingt durch den Umstand, dass das freitragende Schott naturgemäß in seiner Mitte keine immensen Lasten aufnehmen kann, wurde hierzu jedoch kein freibewegliches Rollgerüst errichtet, sondern erneut eine feste Konstruktion gewählt, deren Kräfte ebenfalls nach außen abgeleitet wurden. Tatsächlich war die Kuppelmitte nie übermäßig großen Lasten ausgesetzt.

 

Wie lange haben die Arbeiten insgesamt gedauert?

Die Sanierungsarbeiten in der Kuppel begannen am 2. November 2010 und endeten am 25. Juni 2011. Der Aufbau hatte vorher rund 10 Wochen gedauert, der Abbau etwa sechs Wochen.


Was war der Anlass diese früher zu zerlegen?

Wir haben früher begonnen, das Gerüst zu demontieren, damit wir noch Gelegenheit haben, die fertigen Arbeiten zu dokumentieren und weil wir noch einmal richtig vielen Kulturinteressierten einen nahen Blick auf die Kuppelmosaiken ermöglichen wollten.


Autor

Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschrift bauhandwerk.

Freitragendes Kuppelgerüst im Aachener Dom erwies sich als Besuchermagnet
Die größte Herausforderung war der Transport der schieren Gewichtsmassen an ihre Bestimmungsorte

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