Deutschlands Stuckateure stellen Guinness-Weltrekord auf

Deutschlands Stuckateure haben es ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Das Nationalteam der Stuckateure zog zusammen mit Auszubildenden des Lehrbauhofs Berlin den mit 104,27 m längsten Stuckstab der Welt. Und das nicht nur in Rekordzeit, sondern auch in verkaufbarer Qualität.

Die deutschen Stuckateure haben mit ihrem Stuckstab von 104,27 m Länge einen Weltrekord aufgestellt, der schwer zu knacken sein wird. Denn erstens verbesserten sie mit der Marke von mehr als 104 Metern den bisherigen – inoffiziellen – Weltrekord des Schweizer Gipsunternehmerverbandes aus dem Jahr 2010 um über 20 Meter. Und zweitens haben sie auch hinsichtlich des gewählten Profils die Messlatte ziemlich hoch gelegt: einer kannelierten Halbsäule. Schwer vorstellbar, dass sich ein anderes Team, bei dem Versuch diesen Rekord zu verbessern, die Blöße geben würde, ein weniger anspruchsvolles Profil zu ziehen.

Der Gips gibt das Zeitfenster vor

Eigentlich gab es von Seiten des Guinness-World-Records-Buchs keine Zeitvorgabe, berichtet Lena Kuhlmann, deutschlands einzige Guinness-Rekordrichterin, im Gespräch mit der bauhandwerk. „Wir haben aber für die Aufnahme des Rekords eine Länge von mindestens 100 Metern gefordert“. Dass es bei dem Versuch dennoch auf Schnelligkeit ankam, liegt in der Natur des Werkstoffs begründet. Gips, jedenfalls das reine Produkt, dem keine Additive beigemischt wurden, bindet nach etwa 30 Minuten ab und kann dann nicht mehr geformt werden. Und da die Qualität von Charge zu Charge schwanken und die Abbindezeit auch durch äußere Faktoren wie Temperatur oder Verschmutzungen beeinflusst – verkürzt – werden kann, sollte man dieses Zeitfenster möglichst auch nicht bis zum äußersten ausreizen.

16 Stuckateure im gleichen Takt

Damit an allen Stellen des 50 m langen Zugtisches der Gips den gleichen Reifegrad hat, war präzises Timing gefragt. Andere störende äußere Einflüsse wie Sonneneinstrahlung oder Regen hatte man mit Pavillonzelten minimiert. Die Metallschablonen in den Zugschlitten hatten die Stuckateure lasern lassen, damit alle möglichst exakt das selbe Profil aufwiesen.

Auf das Kommando von Ervin Alushaj begannen die acht Zweierteams, bestehend aus je einem Mitglied der Nationalmannschaft der Stuckateure und einem Auszubildenden des Lehrbauhofs Berlin, damit, den Gips in die mit Wasser gefüllten Mörtelkübel, in Berlin „Tuppe“ genannt, zu streuen. Mancher Laie wunderte sich, dass die jungen Handwerker das Material mit den Händen aus den Säcken holten. Tatsächlich kann man auf diese Weise am besten einer Klumpenbildung vorbeugen. Nach vier Minuten hatte jedes Team einen kompletten Sack in die große Tuppe gestreut, in weiteren zwei Minuten wurde dann noch je eine kleinere Portion vorbereitet, um dann gegen Ende des Ziehvorgangs noch einen etwas weniger reifen Gips zur Verfügung zu haben.

Spätestens beim folgenden Rühren musste man dann unwillkürlich an römische Galeeren denken: Wie der Schlagmann eines antiken Kriegsschiffes gab Ervin Alushaj mit der Flüstertüte den Takt für die exakt 25 Ruderbewegungen vor, mit dem Wasser und Gips vermischt werden sollten.

Nach weiteren 30 Sekunden Rührens mit der Kelle gossen die Teams dann den flüssigen Gips neun Minuten lang zu einem mehr als 50 Meter langen Oval auf den Zugtisch. Anschließend „fuhren“ die Stuckateure die Schablonen 3:30 Minuten lang „schlepp“, also mit der Seite des Schlittens vorne, an der das Metallprofil hinter dem Holz liegt und dann weitere 5:30 Minuten „scharf“, also mit dem Metallprofil nach vorne. Jedes Team war dabei für einen bestimmten Abschnitt des Tisches Zuständig, so dass das Verfahren wie ein Staffellauf anmutete. Besonders kritische Stellen dabei waren die Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten und die beiden Kurven an den Kopfenden. Zwischendurch musste immer wieder überschüssiger Gips abgenommen oder an Fehlstellen Material nachgelegt, die Zugbahn gesäubert oder mit Wasser rutschiger gemacht werden.

Klar, dass diese präzise getaktete Ablauf das Resultat wochenlangen Trainings und akkribischer Vorbereitung ist. Ralph Barthelt, Ausbilder am Lehrbauhof Berlin, hatte jedes Detail dieser Teamleistung wieder und wieder mit den Junghandwerkern geübt. „Wir haben in der Vorbereitungsphase tonnenweise Gips verbraucht, bis jeder Handsitz saß“, erinnert sich Tobias Schmider, Mitglied des Nationalteams und Teilnehmer an den WorldSkills 2019 in Kazan.

Perfekte Qualität

Nach 29:11,96 Minuten war dann der letzte Zug beendet, und Lena Kuhlmann konnte daran gehen, die Leistung des deutschen Teams zu bewerten. Dabei ging es um zwei Fragen: Ist das kannelurenprofil ohne Fehlstellen und komplett durchgehend gelungen? Und wenn ja, wie lang ist es. Um das beurteilen zu können, standen ihr mit Oliver Heib, Vorsitzender des Bundesverbandes Ausbau und Fassade und Lukas Prell, Vizeweltmeister bei den WorldSkills 2015, zwei ausgewiesene Fachleute beratend zur Seite. „Man sieht überhaupt nicht, dass der Stuck unter Zeitdruck bei einem Rekord gezogen worden ist; das hat verkaufbare Qualiät“, beantwortete Oliver Heip die erste Frage klar mit: ja! Und bei der Messung mit dem Maßband ermittelte die Richterin dann eine Länge von 104,27 Meter. „Damit sind sie alle jetzt ‚officially amazing‘ “, beglückwünschte Lena Kuhlmann die Stuckateurteam mit dem Guinness-Motto zu ihrem offiziellen Weltrekord, der ins Buch der Rekorde aufgenommen wird.

Autor

Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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