Ein würdevoller Ort zum Trauern

Die Aussegnungshalle auf dem Waldfriedhof der Stadt Aalen war in die Jahre gekommen und entsprach nicht mehr dem, was sich Stadtrat und Bevölkerung als Ort für Trauerfeiern wünschten. Der Umbau nach Plänen von C18 Architekten aus Stuttgart hat aus dem einst trostlos wirkenden Innenraum ein wahres Kleinod gemacht.

Eine Aussegnungshalle ist ein Ort, den man mit Trauer, Abschied nehmen und Verlust verbindet. Doch gerade deshalb ist es besonders wichtig, dass die Räumlichkeiten eine helle, angenehme Atmosphäre verbreiten, die die gedrückte Stimmung nicht noch mehr unterstützen, sondern vielleicht gar so gestaltet sind, dass die Gedanken der Trauernden bereits auf das gelenkt werden können, was nach dem Tod kommt. In der alten Aussegnungshalle auf dem Waldfriedhof in Aalen am Rande der Schwäbischen Alb war von alledem nichts zu spüren. Die mit Holz bekleidete Decke wirkte viel zu schwer für das kleine, im Lichten nur 8,50 m messende Innere. Die schräg in den Raum gestellte Treppe, die als Zugang zur Orgelempore diente, nahm übermäßig viel Platz in Anspruch. Der Chorraum, in dem der Sarg aufgebahrt wird, war vollgestellt mit allerlei Grünzeug und einem Kreuz, das wie ein Provisorium wirkte. 

Verborgene Schätze entdecken

Dabei birgt der 1954 von Karl Gonser entworfene Bau einiges Potenzial in sich, das nur gesehen und entsprechend herausgearbeitet sein will. Die Ansatzpunkte für den Entwurf des Umbaus fanden C18 Architekten aus Stuttgart in der Lage der Aussegnungshalle im Wald und in der Dachform. Den Blick in die Natur, die uns das Werden und Vergehen vorlebt, wollten die Architekten stärken und die Halle deshalb am liebsten großzügig mit klaren Scheiben verglasen. Da die Stadt Aalen als Bauherr aber den Wunsch geäußert hatte, für die Trauernden einen ungestörten Rückzugsort zu schaffen, wurde zwischen die Scheiben ein Messinggewebe eingebaut. So werden neugierige Blicke von außen abgeschirmt, die Sicht nach draußen bleibt dagegen frei. Auch die vier mal sechs Meter große Verglasung in der Ostfassade zeigt sich in neuem, sakralem Gewand. Bis vor dem Umbau war die Fläche aus 32 Fensterscheiben zusammengesetzt, die Profile verstärkten den Eindruck der Kleinteiligkeit. Heute wirkt die ganze Fläche wie aus einem Guss, denn Pfosten und Riegel sind breiter als statisch notwendig gearbeitet und verbinden sich zu einem großen Kreuz, hinter dem das Glas durchzugehen scheint. Eine Glasmalerei, die nach einem Entwurf des inzwischen verstorbenen Künstlers Helmut Schuster aufgebracht wurde, verstärkt diesen einheitlichen Eindruck.  

Deckenschale in alter Handwerkskunst

Eine ebenso besondere wie ausgefallene Leistung von Architekten und Handwerkern findet sich in der neu gestalteten Unterdecke der Aussegnungshalle. Das Gebäude ist mit einem gewöhnlichen Satteldach bedeckt. Den Innenraum dominieren jedoch keine eckigen Formen, sondern vier kräftige, halbkreisförmig ausgebildete Stahlbetonbögen. Heute betont ein radial verlaufendes Weidengeflecht die Bogenform, es verstärkt die Spannung zwischen Außenansicht und innerem Raumeindruck. Außerdem konnten die Architekten mit Hilfe der neuen Dachkonstruktion bauphysikalische Mängel beseitigen und eine Beleuchtung, die bislang gefehlt hatte, integrieren.

In zeitintensiver Handarbeit hat der Weidenflechter und Künstler H. Peter Sturm mit zwei Kollegen jede einzelne Rute direkt vor Ort eingeflochten. Zunächst wurden vor die neue, wärmegedämmte Raumschale an den Bogenenden Rahmenhölzer für die parallel zum Tragwerk verlaufenden Staken montiert, vor Ort vorgebohrt und in diesen kleinen Löchern die 3 bis 4 m langen Ruten fixiert. Entlang der Seitenflächen der Bögen verlaufen genutete Holzleisten, in die die Flechtweiden gesteckt werden konnten. Bevor überhaupt an das Flechten zu denken ist, müssen die Weiden in einem großen Becken für mehrere Stunden gewässert und anschließend über Nacht Schwefeldampf ausgesetzt werden. Durch diese beiden vorbereitenden Arbeitsgänge werden sie weich und biegsam. Der Schwefeldampf reinigt darüber hinaus das geschälte oder „weiße Material“, wie es die Flechter nennen.

Jeweils drei 12 bis 15 mm dicke Staken wurden anschließend nebeneinander platziert und dienen fortan als Gerüst für die einzelnen, waagerecht verlaufenden Weiden. Diese wurden in der Aussegnungshalle in Aalen als traditionelles Zäunergeflecht „über eins unter eins“ geflochten. Um die Staken parallel zum Bogenverlauf zu fixieren, werden sie mit voranschreitender Arbeit alle dreißig bis vierzig Zentimeter festgeschraubt. War eine Stake zu Ende, setzten Sturm und sein Mitarbeiter eine neue daran an, während die anderen beiden weiterliefen. Besonders problematisch war die Arbeit in Aalen aufgrund des Vlieses, das auf der Rückseite des Geflechts eingebaut werden musste. Der Hohlraum, in dessen Verbindung das Vlies akus-tisch dämpfend wirkt, musste zwischen der Holzwerkstoffplatte als oberste Schicht der neuen Raumschale und dem Vlies selbst entstehen. Darüber hinaus durfte es sich beim Befestigen der Staken nicht um das Gewinde der sich eindrehenden Schrauben wickeln. Hierbei zeigte sich wieder einmal, wie hilfreich ausgeprägtes Improvisationstalent und langjährige Erfahrung versierter Handwerker sein können.

 

Hochwertige Inneneinrichtung

Auch für die restliche Inneneinrichtung war glücklicherweise ein ausreichend großes Budget vorhanden, denn der Bauherr legte Wert auf gute Qualität. So sind die neuen Bänke, die in ihrer Grundform dem Bestand nachempfunden wurden, aus kanadischer Birke – einmal massiv, einmal als Starkfurnier verwendet. Unter den eingelassenen Polstern aus dunkelbraunem Rindnappa verbirgt sich eine Sitzheizung, die in Kombination mit der Niedertemperaturfußbodenheizung dafür sorgt, dass die Trauergemeinde im Winter nicht frieren muss.

Die alte Empore und die klobige Treppe wurden abgerissen, um insgesamt mehr Sitzplätze unterbringen zu können. Die neue Plattform für Orgel und Organist liegt nun auf einer neuen Schale auf, die gleichzeitig als Dämmung der Außenwände dient. Eine schlanke, in der Südwestecke der Halle angeordnete Wendeltreppe ermöglicht den Zugang.

All diese Arbeiten haben Planer und Handwerker in einer Bauzeit von nur viereinhalb Monaten peinlich genau ausgeführt und dabei einen eleganten Raum geschaffen, der den Bürgern der Stadt Aalen einen würdevollen Ort zum Abschiednehmen schenkt.

Ein radial verlaufendes Weidengeflecht betont die bogenförmige Deckengestaltung
Langjährige Erfahrung und ausgeprägtes Improvisationstalent zeugen von versierter Handwerkskunst

Pläne als PDF

Hier finden Sie die Schnitte und den Grundriss der Aussegnungshalle auf dem Waldfriedhof der Stadt Aalen als PDF