Elbphilharmonie: Montage im Krater

In Hamburg wächst seit 2007 eines der faszinierendsten Bauwerke der Gegenwart: Die Elbphilharmonie thront in exponierter Hafenlage auf den Backsteinmauern des historischen Kaispeichers A. In dem aus 63 000 t Beton errichteten Konzertkrater wurden bereits 18 000 t Stahl verbaut.

Der 1966 erbaute Kaispeicher A ist auf insgesamt 1111 Stahlbetonpfählen im Hamburger Elbschlick gründet. Um den neuen, auf 200 000 Tonnen Gesamtgewicht taxierten Gebäudekomplex sicher schultern zu können, wurden zur Unterstützung 620 weitere Stahlbetonpfähle ins Flussbett gerammt – eine Arbeit, die angesichts der zum Verbau bestimmten Massen den statischen Erfordernissen Rechnung trägt: Für den Konzertpalast der Superlative sind gut und gerne 63 000 Tonnen Ortbeton und 18 000 Tonnen Stahl passgenau in Form zu bringen, bevor das 110 m hohe Gebäude, das auf einer Generalplanung der Schweizer Architekten Herzog & De Meuron in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Architekturbüro Höhler & Partner beruht, seiner öffentlichen Bestimmung übergeben werden kann. 

Akustische Finessen

Ende 2012/Anfang 2013 könnte es nun soweit sein: Dann wird der große, nach dem Vorbild eines Weinbergs gestaltete Konzertsaal rund 2150 Musikliebhabern Platz bieten. Das Orchester befindet sich in der Mitte des Saales, während die Ränge zu einem steilen Zuschauerkessel mit einer imposanten lichten Höhe von 50 m hinauf ragen. Aus Schallschutzgründen ruht der 12 500 Tonnen schwere Hauptsaal auf 362 überdimensionalen Federpaketen, die für eine vollkommene Entkoppelung vom umgebenden Baukörper sorgen sollen. Um eine perfekte Akustik zu erzielen, wurde eigens ein besonderes Material entwickelt: die „Weiße Haut“. Dabei handelt es sich um 10 000 Gipsfaserplatten, die Stück für Stück exakt nach den Berechnungen eines 3-D-Programms gefräst werden mussten, um den Klang in jeden Winkel mit höchster Brillanz zu reflektieren. Den perfekten Hörgenuss im großen Konzertsaal vervollständigt eine riesige Orgel mit vier Tastaturen und 65 Registern. Damit nicht genug: Ein zusätzlicher Kammermusiksaal, der dem architektonischen Konzept der Schuhschachtel folgt und Platz für 550 Musikliebhaber bietet, soll dank flexibler Podesttechnik zugleich als Ballsaal sowie für ähnliche Anlässe zur Verfügung stehen. Da aller guten Dinge auch an der Elbe drei sind, kommt im Inneren des Kaispeichers das so genannte Kaistudio hinzu; 170 Gäste können hier Aufführungen zeitgenössischer und experimenteller Musik live erleben.

 

Historisches Fundament

Hamburgs neues Kulturwahrzeichen steht im Sandtorhafen mitten im Strom der Elbe. 1875 wurde hier das seinerzeit größte Lagerhaus des Hamburger Hafens errichtet: der historische Kaispeicher. Der neugotische Prachtbau avancierte rasch zum symbolträchtigen Bauwerk der immer bedeutsameren Handelsmetropole. Aufgrund erheblicher Kriegsschäden 1963 gesprengt, wurde 1966 an gleicher Stelle der nicht minder bedeutsame Kaispeicher A errichtet. Bis in die 1990er Jahre diente er als Lager für Kakao, Tee und Tabak. Mit dem Anstieg des Containertransports und dem immer schnelleren Güterumschlag verlor die Zwischenlagerung von Handelswaren jedoch zusehends an Bedeutung. Der Kaispeicher A stand schließlich leer und drohte zu verfallen.

 

Umnutzung statt Leerstand

Um das Gebäude wiederzubeleben, wurde zunächst ein MediaCityPort ins Auge gefasst: Ein Bürohaus mit 50 000 m² Bruttogeschossfläche sollte auf den altgedienten Backsteinmauern bis zu 90 m in die Höhe ragen und der quirligen Werbe- und Medienbranche der Hansestadt eine neue Heimat bieten. Als die Goldgräberstimmung am so genannten Neuen Markt abebbte und sich das Ende des Dotcom-Booms abzeichnete, nahmen die potenziellen Investoren von diesem Vorhaben jedoch wieder Abstand.

 

Die bessere Alternative

2003 kommt es daher zur Anfertigung und Vorlage einer ganz anders gelagerten Projektskizze durch die in Basel beheimateten Architekten Herzog & De Meuron: Vorgeschlagen wird darin der Bau einer Philharmonie auf dem ehemaligen Lagergebäude, ummantelt von privatwirtschaftlichen Nutzungsflächen und einer für jedermann frei zugänglichen Plaza, die auf einer Fläche von 4000 m² Gelegenheit zum Einkaufsbummel und Flanieren bietet. Als architektonisches Glanzstück gilt bereits der Zugang zur Plaza, der über eine 82 m lange, konkav gebogene Rolltreppe führt. Zum Gebäudekomplex sollen auch ein Luxushotel mit rund 250 Zimmern, ein Parkhaus mit 510 Stellplätzen sowie 45 Eigentumswohnungen gehören (die heute schon zu fünfstelligen Quadratmeterpreisen veräußert werden).

Diese Projektidee findet in der Hamburger Bürgerschaft wie auch im Senat einhellige Zustimmung. Dementsprechend wird die ReGe Hamburg als Bauherrin der Elbphilharmonie eingesetzt. Nach Prüfung der Machbarkeit wird ein Nutzungskonzept erarbeitet und europaweit nach einem privaten Partner für den Bau, die Finanzierung und den Betrieb gesucht. Die Ausschreibung kann das Konsortium Adamanta für sich entscheiden, dem die Hochtief Construction AG (HTC) und die Commerz Real AG (CR) angehören. Beide Unternehmen teilen sich die anfallenden Aufgaben, wobei die CR die Finanzierung des kommerziellen Projektteils verantwortet, während sich die HTC auf die fachgerechte Bauausführung konzentriert. Ferner kümmert sich der Hochtief-Ableger in Zusammenarbeit mit dem Bauträger Quantum AG um die Entwicklung und Vermarktung der Luxuswohnungen in den obersten Etagen. Die Elbphilharmonie wächst somit zu einem Gesamtkunstwerk, das nach seiner Fertigstellung ein unvergleichliches Flair von Weltklasse-Architektur, höchstem Musikgenuss und hanseatisch-weltoffenem Lebensstil umweht.

Beratung durch die BG BAU

Eine detailgenaue Umsetzung der Planung ist unabdingbar, um einen Jahrhundertbau wie die Elbphilharmonie sicht- und erlebbare Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei kommt es auch darauf an, geeignete Sicherheitsvorkehrungen rechtzeitig zu ergreifen, um Berufsunfälle auf der Baustelle zu vermeiden. Bei der Elbphilharmonie wurde die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) frühzeitig beratend eingebunden. Durchschnittlich 400 Bauhandwerker bewegen sich hier an einem ganz normalen Arbeitstag zum Teil auf engstem Raum.  Das Unfallrisiko wird durch den üblichen Termindruck zusätzlich verschärft; Zeit ist bekanntlich Geld. Trotz berechtigter ökonomischer Interessen gilt es, den auf der Baustelle Beschäftigten ein Höchstmaß an  Arbeitssicherheit zu gewähren. In einem solchen Spannungsfeld ergeben sich nicht selten besonders kreative Ideen, die in der Praxis bisweilen zu nachahmenswerten Best-Practice-Beispielen avancieren. Besonders vorbildlich sind folgende Sicherungsmaßnahmen, die sich auf der Elbphilharmonie-Baustelle schon seit geraumer Zeit bewähren:

Kombinierter Absturz- und Wetterschutz

Mit einem speziellen Absturz- und Wetterschutz werden die obersten drei Etagen des Rohbaus vollständig umschlossen. Ein- und Ausschalarbeiten, Bewehrungs- und Betonierarbeiten sowie die Montage des Seitenschutzes an den Deckenrändern werden ausnahmslos hinter dem Absturz- und Wetterschutz ausgeführt. Die vollflächig geschlossenen Elemente der Schutzeinrichtung sind etwa 11 m hoch, 3 m breit und rund 1500 kg schwer. Der Spalt zwischen Deckenrand und Schutzwand wird gegen herabfallende Gegenstände mit Klappen gesichert. Die Schutzwand überragt die oberste Arbeitsebene um etwa 2,50 m und bewahrt die Betonbauer dadurch vor Wind und Auskühlung, was auf einer Baustelle im Elbstrom vor allem im Winter von erheblicher gesundheitlicher Bedeutung ist.

Materialübergabe-Bühnen

Schnittstellen, an denen Arbeitsmittel von Transportfahrzeugen abgeladen, umgeladen oder an andere Personen übergeben werden, bedürfen auf Großbaustellen besonderer Sicherungsvorkehrungen. Zur kontrollierten Übergabe von Baumaterialien für Schalungsarbeiten wurden auf der Elbphilharmonie-Baustelle sowohl im Krater des großen Konzertsaals als auch an der äußeren Gebäudehülle auskragende Bühnen montiert. Sie haben eine Fläche von 3 x 5 m und sind mit 450 kg/m² belastbar (Typ Streif-Baulogistik). Material wird mit Kränen auf die Plattform verbracht und von dort aus mit Hubwagen an den Verwendungsort im Inneren der Baustelle befördert. Bei der Montage der Übergabebühnen musste besonders darauf  geachtet werden, dass kein Höhenversatz zwischen der Oberkante des Plattformbelags und der Betondecke entsteht. Die Bühnenränder sind zudem mit einem Seitenschutz und Holzplatten ausgestattet, um ein Herabfallen von Kleinteilen sowie den Absturz von Personen zu verhindern.

Personen- und Materialbeförderung

An der Außenseite der Elbphilharmonie fallen zwei Bauaufzüge auf, die Arbeiter schnell und sicher in höhere Etagen befördern. Hinzu kommen zwei innenliegende Personenaufzüge, die vom 8. bis 12. Obergeschoss reichen und bereits während der Rohbauarbeiten – also sehr viel früher als anderswo üblich – in Betrieb genommen wurden. Alle vier Aufzüge werden im Rahmen ihrer Belastbarkeit sowohl zur Beförderung von Beschäftigten als auch für den Transport von Materialien eingesetzt. Die körperliche Beanspruchung der Bauhandwerker durch Treppensteigen und das Tragen schwerer Lasten reduziert sich dadurch erheblich.

Dass spezifische Maßnahmen der Unfallverhütung auf jeder Baustelle unentbehrlich sind, steht außer Frage. Denn noch immer hat ein Arbeitnehmer im Baugewerbe im Schnitt ein doppelt so hohes Unfallrisiko wie ein Arbeitnehmer aus anderen Branchen. Wie viel es bringt, sich um die nötige Sicherheit vor Ort zu kümmern, belegt die Statistik: Während vor 50 Jahren im Baugewerbe 226 meldepflichtige Arbeitsunfälle pro 1000 Vollbeschäftigten registriert wurden, waren es 2009 nur noch 65. Der Rückgang der Unfallzahlen setzt sich in Hamburg augenscheinlich fort: Von der Elbphilharmonie-Baustelle, auf der zeitgleich bis zu 400 Beschäftigte arbeiten, ist der BG BAU für den Zeitraum von Anfang April 2007 bis Mitte Juni 2010 nur ein einziger gravierender Arbeitsunfall – ein Beinbruch – bekannt.

Zusätzlicher Kapitalbedarf

Auftraggeber des Jahrhundertbauwerks ist der Senat der Hansestadt, in dessen Sinne die Projekt-Realisierungsgesellschaft ReGe Hamburg an der Schnittstelle von Politik und Privatwirtschaft die Wahrnehmung von Planungs- und Bauherrenaufgaben übernimmt. Für Verstimmung im altehrwürdigen Rathaus am Jungfernstieg und medienwirksames Stirnrunzeln sorgte allerdings die Kostenexplosion, die bei repräsentativen öffentlichen Bauvorhaben dieser Art ein unausweichlicher Begleitumstand zu sein scheint: So sind seit der Vertragsunterzeichnung mit dem ausführenden Konsortium Adamanta die Baukosten bis Mitte 2010 um 86 Prozent in die Höhe geschnellt. In Hamburg nimmt man den zusätzlichen Kapitalbedarf offenbar gelassener hin als andernorts: Die Stadt hat reiche Bürger, die in das sowohl vom Senat als auch von der Bürgerschaft einstimmig beschlossene Projekt bereits 57,5 Mio. Euro der insgesamt benötigten 400 Mio. Euro als private Spenden investiert haben.

 

Autor

Achim Zielke M.A. ist Baufachjournalist und Inhaber der Presseagentur Textify in Bad Honnef. Diesen Beitrag verfasste er als freier Autor für die Zeitschrift bauhandwerk.

Schwergewicht: Nach Fertigstellung wiegt die Elbphilharmonie rund 200 000 Tonnen

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