ExperimentierfeldTotalumbau einer Schlosserei in Memmingen zum Wohnhaus

Das 1935 erbaute und bis Mitte der 1990er Jahre als Schlosserei genutzte Haus auf einem Eckgrundstück in der Altstadt von Memmingen ist seit der Errichtung im Besitz der Familie Warth. Nach der Auslagerung der Schlosserei in ein neues Industriegebiet stand das Haus leer, bis sich Mona und Eugen Warth entschlossen, mit ihren beiden Kindern in das alte Haus einzuziehen. Mit dem Totalumbau des großen Massivbaus beauftragten sie den Architekten Alexander Nägele vom ortsansässigen Büro SoHo Architektur, der die ehemalige Schlosserei zu einem modernen Wohnhaus mit einer dementsprechend modernen Fassadengestaltung umbaute.

Was sich wie eine harmlose Bauaufgabe anhört, bewies sich in der Realität jedoch als hoch komplexes Spannungsfeld, dessen Kern eine grundsätzliche Frage war: Wie kann man in einer engen Altstadt qualitätvoll wohnen? „Meiner Meinung nach gibt es für den Umgang mit alter Bausubstanz generell keine Patentlösungen“, erklärt Architekt Alexander Nägele. „Vielmehr sollte bei jedem Umbau ein kreativer Diskurs zwischen Bauherr, Architekt und Bauamt gesucht werden, um die Potentiale eines Gebäudes in seiner Umgebung aufzudecken.“ Die Bauherren nahmen dieses Angebot dankbar an und brachten ihre Vorstellungen in den Entwurfsprozess ein: Mona und Eugen Warth empfanden es nicht als problematisch, mit ihren beiden Kindern in einem innerstädtischen Viertel ohne Garten zu wohnen, wollten aber unbedingt moderne, ästhetisch anspruchsvolle Wohnräume und private Außenbereiche: eine Terrasse und einen Freisitz.


Experiment Umbau


Alexander Nägele kennt die beiden Bauherren bereits seit der Schulzeit und fand in der Kombination aus der ehemaligen Schlosserei mit der ordentlichen Bausubstanz, den großen Nutzflächen und dem sich über zwei Stockwerke erstreckenden Dachgeschoss auf der einen und den zukünftigen Bewohnern auf der anderen Seite ein ideales Experimentier- und Arbeitsfeld für eine zeitgemäße Interpretation des Themas „Wohnen in der Stadt“. Dieses als Entwicklung angelegte Experiment beinhaltet eine konsequente Auseinandersetzung mit dem Bestand, der Umgebung und den Bedürfnissen der Bewohner, woraus sich nach und nach der eigentliche Entwurf entwickelte. Es ging also weniger um die eine, große Idee, als vielmehr um den Anstoß eines Entwurfsprozesses. Leider weigerte sich das Bauamt der Stadt Memmingen beharrlich, an diesem Prozess konstruktiv teilzunehmen.


Erhaltung der Grundrisse


„Wir haben versucht, die Eingriffe in die Substanz so gering wie möglich zu halten“, erklärt der Architekt. Diese Herangehensweise ist vor allem im Inneren des Hauses zu erkennen, obwohl die Veränderung aufgrund der edlen Materialien im Vergleich zur funktional-schlichten Werkstatteinrichtung schon sehr deutlich ist. Dennoch wurde der Bestand bezüglich der Grundrisse nahezu 1:1 übernommen, jedoch mit einer anderen Nutzung versehen. So konnte die Schlosserei im Erdgeschoss komplett erhalten bleiben, weil der Bauherr für sein Hobby – er entwickelt in seiner Freizeit High-Tech-Mountainbikes – eine großzügige Werkstatt haben wollte. Das erste Obergeschoss hatte der Schlosserei früher als Lagerraum gedient. Innenwände gab es nur insofern, weil die unverkleidete Fachwerkkonstruktion des Holzständerwerks den riesigen Raum durchzog. Hier fanden die Nebenräume – Schlafzimmer, Kinderzimmer und Bad – Platz, wobei die neuen Innenwände die vorgegebenen Strukturen des alten Tragwerks aufnehmen. Der schönste Raum des Hauses jedoch befindet sich im bis zu 8 m hohen Dachgeschoss, das zuvor lediglich als Rumpelkammer diente, mittlerweile jedoch den zentralen Wohnraum mit Küche beherbergt. „Das Dachgeschoss wollten wir daher so konzipieren, dass man auch was davon hat“, so Alexander Nägele. Große Dachflächenfenster und gezielt gesetzte Öffnungen in den beiden Giebelwänden sorgen für viel Licht und einen grandiosen Ausblick über die Stadt. Desweiteren trägt die – im Gegensatz zum darunter liegenden Geschoss – sichtbar belassene Holzkonstruktion zusammen mit den rustikalen, lediglich weiß gestrichenen Backsteingiebelwänden dazu bei, dass die Bauherren hier das Alter ihres Hauses deutlich ablesen können.

Bliebe noch die Forderung nach der Terrasse, die der Architekt mit der neuen Garage aus Betonfertigteilen löste. Die Garade wurde auf dem ebenfalls der Familie gehörenden Nachbargrundstück anstelle eines leerstehenden Wohnhauses errichtet und beherbergt auf dem Dach eine große Terrasse sowie eine kleine Laube. Zusätzlich gibt es im Dachgeschoss noch einen kleinen, nicht einsehbaren Freisitz.

Zudem erhielt das Haus, vor allem im Hinblick auf die Zukunft der Bauherren, einen Aufzugbis ins Dachgeschoss, womit sämtliche Etagen barrierefrei zu erreichen sind. Somit werden die Bauherren auch im hohen Alter noch den Ausblick aus ihrem Wohnzimmer im Dachgeschoss genießen können.

Umbau der Innenräume


In der ehemaligen Schlosserwerkstatt gab es für die Handwerker nicht viel zu tun: Sie mussten lediglich den Putz an einigen Stellen ausbessern und das Tragwerk mit einem Stahlträger verstärken. Ansonsten konnte die alte Holzfachwerkkonstruktion für die neue Nutzung als Wohnhaus komplett erhalten werden.
Im Obergeschoss ergänzten die Handwerker das Tragwerk mit einer Unterkonstruktion aus Holz, die anschließend ausgedämmt und mit Gipskartonplatten beplankt wurde. „Wir haben die statisch wirksame Konstruktion aufgenommen, um daraus die Räume herzustellen“, erklärt der Architekt und ergänzt: „Im Obergeschoss sieht man nicht mehr, dass man in einem alten Haus wohnt.“ Dafür sorgt neben den Trockenbauwänden eine abgehängt Decke, die als Installationsebene genutzt wird und die Räume in Kombination mit dem edlen, neuen Eichenfußboden wie eine Neubauwohnung aussehen lässt.
Dieser Charakter wird durch die vom Architekten entworfenen und vom Tischler in erstklassiger Qualität hergestellten Einbaumöbel, wie beispielsweise die objektartige Treppe ins Dachgeschoss und den daneben aufgestellten, langen Wandschrank unterstrichen.
Im Dachgeschoss hingegen ist der Altbaucharakter durch die Backstein-Ziegelwände und die sichtbar belassene Tragstruktur des Dachstuhls gut ablesbar und gibt dem hohen Raum in Kontrast zu den neuen Einbaumöbeln und der modernen Küche einen ganz besonderen Charakter. Hier bauten die Handwerker große Dachflächenfenster ein, deren schräge Laibungen das dicke, neue Dämmpaket im Dach dokumentieren. Die alten Sparren verkleidete der Trockenbauer mit Gipsfaserplatten. Das Haupttragwerk aus Firstbalken und Pfetten blieb hingegen sichtbar.
Die alte Schlackeschüttung der Holzbalkendecke wurde – wie auch im Obergeschoss – entsorgt und durch eine Hanfdämmung ersetzt. Darauf brachten die Handwerker erst eine Lage OSB-Platten auf und dann schwimmend verlegte Eichendielen auf.


Neue Fassadengestaltung


War bezüglich der Grundrisse fast alles beim alten geblieben, so ist die ehemalige Schlosserei von außen heute nicht mehr wiederzuerkennen: Eine dunkel lasierte, vertikale Brettschalung, damit oberflächenbündig eingebaute Fenster im Erdgeschoss, darüber von außen nach innen schräg verlaufenden Leibungen aus Metall sowie gänzlich fehlende Dachüberstände zeigen auf den ersten Blick, dass sich hier etwas verändert hat. Dem Bauamt mag dies als Provokation erscheinen, doch wenn man sich in Memmingen einmal genau umschaut, merkt man schnell, wie viele Ideen der Architekt für die Gestaltung der Fassaden in der Stadt gesammelt hat: So findet sich auch an den Wehrgängen der Stadtmauer und an den zahlreichen Anbauten der Hinterhöfe im Gerberviertel eine dunkle Holzschalung.

Umbau der Fassade


Vor der Montage der umstrittenen Holzschalung brachten die Handwerker eine 16 cm dicke Hanfdämmung auf die alten 30er Massivbauwände auf. Danach montierten sie die Fassade aus Brettern in drei unterschiedlichen Breiten, die an den Stößen um 15° hinterschnitten sind und so eine ständige Hinterlüftung sicherstellen. „Durch die drei unterschiedlichen Brettbreiten erhält man eine homogene, aber dennoch lebendige Fassade“, erklärt der Architekt. Die schrägen Fensterlaibungen stellten die Handwerker – in Analogie zu den Schießscharten der Stadtmauer – aus dunkelbraun lasiertem Edelstahl her, während das Dach eine neue Eindeckung aus dunkelbraunen Gratschnittbibern erhielt.


Fazit


Die Umnutzung der ehemaligen Schlosserei in ein Wohnhaus ist im Wortsinne ein Total-
umbau: Dem ehemals rauen Werkstattcharakter, der heute nur noch im Erdgeschoss zu erleben ist, ersetzten der Architekt durch edle Materialien und ein perfektes Finish. Und die markante Fassadengestaltung macht dem Betrachter sofort klar, dass es sich hier um moderne, zeitgemäße Architektur handelt. Gleichzeitig wurde die Substanz des Hauses aber mit großem Respekt behandelt: Die Handwerker mussten kaum etwas zerstören, die alte Tragstruktur wurde beibehalten und an der Fassade finden sich Zitate aus dem städtischen Umfeld.
Was im Bauamt von Memmingen für Unverständnis sorgt, ist anderswo preiswürdig: So der Umbau bei dem von Xella und der Allianz ausgelobten Wettbewerb „Bauen im Bestand“ den ersten Preis. Vielleicht sorgt das Votum der Jury ja auch für ein Umdenken am Standort des ausgezeichneten Gebäudes …
Baubeteiligte
Planung:
SoHo Architektur, Memmingen
Alexander Nägele
Rohbauarbeiten:
Kuhn und Handwerk, Bad Grönenbach
Zimmererarbeiten:
Fuchs Holzbau, Kettenshausen
Fensterbauarbeiten:
Firma Denz, Weitnau
Schreinerarbeiten:
Heinz Karg, Tannheim
Bodenlegerarbeiten:
Reinhard Felbinger, Wiggensbach
Malerarbeiten:
Rolf Ostermair, Memmingen

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