Große Fahrt Umnutzung des Kaispeichers B zum Maritimen Museum Hamburg

Bei der Umnutzung des 1878/79 erbauten Kaispeichers B zu dem Ende Juni in Hamburg eröffneten Internationalen Maritimen Museum galt es für die Architektin Mirjana Markovic vom Büro MRLV Architekten und die am Umbau beteiligten Handwerker vor allem drei Aspekte zu beachten: die denkmalgerechte Instandsetzung, die Umgestaltung des Speichers zum Museum und die städtebauliche Einbindung. Eine Hauptaufgabe bestand neben der Erfüllung der feuerpolizeilichen Auflagen darin, die mit einer Geschosshöhe von 2,80 m nicht gerade luftigen Böden vernünftig zu erschließen.

Wie der Bug eines Schiffes schiebt sich die Ecke des Kaispeichers B von der Magdeburger Straße aus in das Wasser des Brooktorhafens hinein. Von hier aus wurden Waren auf kleinere Boote weiterverladen, welche die Schuten und Schiffe von der Elbe kommend in den Magdeburger Hafen geliefert hatten. Was läge da näher, als in einem solchen Gebäude Schiffe zu zeigen – und zwar vom Einbaum bis zur Luxus-Yacht? Der Kaispeicher B bietet mit seinen fast 12 000 m2 Nutzfläche ausreichend Platz für die rund 35 000 Schiffsmodelle, die der Verleger Peter Tamm zusammengetragen hat. Zur privaten Sammlung gehören außerdem noch weitere 27 000 Schiffsminiaturen, über 5000 Gemälde, rund 30 000 Konstruktionszeichnungen, eine Bibliothek mit fast 120 000 Büchern und unzählige Filmrollen. Die Nutzung der tiefen, schlecht belichteten Geschossflächen war in der Tat eine schwierige Aufgabe. Diese galt es für die mit der Planung betraute Architektin Mirjana Markovic vom Hamburger Büro MRLV Architekten zu lösen – und dies unter den wachsamen Augen der auf den Brandschutz fokussierten Blicke der Baubehörde und des Denkmalschutzes.

Vom Speicher zum Museum

Der Kaispeicher B wurde 1878/79 im Auftrag der Silospeicher Kommandit-Gesellschaft J.W. Boutin nach Plänen von Bernhard Georg Jacob Hanssen und Wilhelm Emil Meerwein erbaut. Das zehnstöckige Backsteingebäude ist damit etwa zehn Jahre älter als die Häuser der Speicherstadt – und heute der älteste Speicher Hamburgs. Dabei zeigt die Fassade mit ihren Giebeln, Gesimsen und Spitzbögen schon den neogotischen Stil der „Hannoverschen Schule“, der in den folgenden Jahrzehnten für die Speicherstadt typisch werden sollte. Die innere Gliederung als Getreidesilo im östlichen Teil des Gebäudes im Gegensatz zur Unterteilung des westlichen Teils mit Böden in Geschosse zur Lagerung von Stückgut war von außen nicht zu sehen. Dies ist insofern verständlich, als dass die erstarkende hanseatische Kaufmannsgilde die eigentliche Funktion des Gebäudes hinter einer repräsentativen Fassade versteckt wissen wollte. Nur die Kraftwerkzentrale mit ihrem niedrigen Pultdach und dem Schornstein sowie das Kontorhaus (Büro) an der Südwestecke waren in ihrer Funktion von außen ablesbar. Die innere Gliederung in Silo und Speicher wurde allerdings schon fünf Jahre nach Fertigstellung des Gebäudes wieder aufgegeben: Statt der Silos baute man zehn Böden ein, die auch der Grund für die Niveausprünge in den Geschossen zwischen dem westlichen und östlichen Teil des Gebäudes sind.

1890 erwarb die Stadt Hamburg den Kaispeicher B. Sie ist noch heute Eigentümerin des Gebäudes und vermietete es bis 2003 für die Lagerung von Waren über die stadteigene Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), die auch für die Speicherstadt zuständig ist. In der Folge wurde der Schornstein bis auf Giebelhöhe abgetragen, der schmiedeeiserne Zierrat an den Giebeln verschwand und das ein oder andere Fenster wurde zugemauert. Letzter Nutzer war die Gebr. Heinemann KG, deren Verwaltungsgebäude direkt an den Speicher grenzt.

Mitte Juni 2005 war es schließlich soweit: die Entscheidung zur Umnutzung zum Internationalen Maritimen Museum war gefallen und Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust legte gemeinsam mit dem Museumsgründer Peter Tamm einen zweiten Grundstein im unrestaurierten Speicher. Wenige Tage später rückten die Handwerker an – es begann der Umbau, für den die Stadt Hamburg rund 30 Millionen Euro aufbrachte.

Rohbau in Handarbeit

Der Umgang mit der denkmalgeschützten Bausubstanz erforderte sowohl von der Architektin Mirjana Markovic als auch von den Handwerkern der als Generalunternehmer mit den Sanierungs- und Umbauarbeiten beauftragten Otto Wulff Bauunternehmung aus Hamburg viel Fingerspitzengefühl. So musste die Fassade vor Beginn der Arbeiten fotografisch dokumentiert werden. Anschließend wurden aus optisch gleichen Feldern Stichproben der Ziegel entnommen und im Labor auf ihre Festigkeit und Dichte untersucht. Daraus ergab sich eine Schadensfeldkartierung, die den Handwerkern zeigte, wo Backsteine ausgewechselt werden mussten.

Vor allem waren es jedoch die vielen Risse in der Fassade, welche die Handwerker zum Einbau neuer Ziegel zwangen: „Oben war das Gebäude auseinander geklappt. Infolgedessen waren in der Backsteinfassade armdicke Risse entstanden“, erinnert sich Bauleiter Ulf Behr von der Otto Wulff Bauunternehmung. Insgesamt stemmten mehr als 150 Handwerker rund 50 000 Steine von Hand aus der Fassade heraus und setzen hierfür neue, nach historischem Vorbild hergestellte Backsteine ein. Etwa 20 Prozent der vorhandenen Backsteinfassade mussten dieser Behandlung unterzogen werden. Vorab wurde der Kaispeicher B allerdings im oberen Gebäudeabschnitt mit Zugbändern verspannt – zur Stabilisierung, damit keine neuen Risse entstehen konnten. Darüber hinaus musste fast das gesamte Fugennetz der Fassade mit einem Mörtel nach historischer Rezeptur neu verfugt werden.

„Nach aktueller Lesart ist der Kaispeicher B ein Hochhaus aus brennbaren Baustoffen“, sagt Bauleiter Ulf Behr. Daher müssen neben weiteren Maßnahmen neue Treppenhauskerne aus Stahlbeton für sichere Fluchtwege sorgen. Bei der Einrichtung dieser Treppenhauskerne und der Aufzüge verzichteten die Handwerker weitgehend auf schweres Gerät.

Insbesondere der Hochwasserschutz stellte an die weiteren Rohbauarbeiten hohe Anforderungen. „Der alte Keller wurde – wie bei allen Gebäuden der Speicherstadt – aufgrund der Gezeiten über Klappen täglich von Wasser durchflossen“, sagt Architektin Mirjana Markovic. Dieser Keller wird von Kanälen gegliedert, deren Mauern aus wasserdichten Klinkern bestehen. Dabei handelt es sich um die Fundamente, welche die Tragwerkslasten in die Pfahlgründung übertragen. Die von den Fundamentmauern gebildeten Kanäle sind wiederum über Rinnen miteinander verbunden. So konnte sich das Gezeitenwasser über obere Klappen in den Keller hineindrücken und über untere Klappen wieder hinausfließen. Diese Atmosphäre hätte die Architektin bei geschlossenen Klappen gern erhalten – allein der technische Aufwand für die Lüftung und Temperierung des Kellers wäre jedoch enorm gewesen. So entfernten die Handwerker stattdessen den Erdgeschossboden und beschichteten von oben alle Kellerwände mit wasserdichtem Beton, gossen eine neue Betonsohle im Keller und verschlossen alles wieder mit einer neuen Stahlbetondecke.

Licht ins Dunkel

Eine weitere Hauptaufgabe der Planung bestand darin, die mit einer Geschosshöhe von 2,80 m nicht gerade luftigen Böden im Speicher vernünftig zu erschließen. Mirjana Markovic sah hierzu vier Lufträume vor, die jeweils drei Stockwerke im Gebäude miteinander verbinden und zudem Licht und Luft in die enorm tiefen Geschossflächen beziehungsweise Böden bringen. Hierzu entfernten die Handwerker zunächst in der Mitte des Gebäudes jeweils zwei Stützen und vier Deckenfelder. Sie taten dies allerdings nicht durchgängig in allen Geschossen, sondern verschoben die dreigeschossigen Durchbrüche nach jeweils zwei Ebenen. Hierdurch entstand eine alternierende Anordnung von Lufträumen, durch welche die wechselnden Treppen emporsteigen und den Museumsbesuchern Sichtverbindungen und vielfältige Ausblicke auf die Ausstellung erlauben. Zudem verbanden die Handwerker die zueinander höhenversetzten Böden der beiden Speicherteile in der Längsachse, so dass insgesamt sowohl horizontal als auch vertikal eine räumliche Durchgängigkeit im Gebäude erreicht wird.

Brandschutz der

Holzbauteile

Alle Stahl- und Holzbauteile des Speichers mussten von den Handwerkern instandgesetzt und brandschutztechnisch aufgerüstet werden. Hierzu bauten die Handwerker zunächst alle alten Dielenböden aus, schliffen diese ab und lagerten sie ein. Danach brachten sie auf der vorhandenen, aus 5 cm dicken, senkrecht stehenden Bohlen bestehenden Deckenschalung eine Trennlage als Trittschalldämmung auf. Darauf verlegten sie anschließend wieder die originalen, geschliffenen und geölten Dielenböden.

Da sowohl das Stahl- und Holztragwerk als auch die Untersicht der Deckenschalung sowie die innen mit Luftspalt vor den Außenwänden stehenden, 7 cm dicken Holzstapelwände trotz der öffentlichen Nutzung als Museum unverkleidet bleiben sollten, bedurfte es neben Rauchmeldern auf allen Geschossen aus feuerpolizeilichen Gründen einer B1-Beschichtung der Bauteiloberflächen. Die Mitarbeiter der vom Generalunternehmer mit der Sanierung der Holzbauteile beauftragten Firma K+N Bautenschutz aus Seevetal beschichteten die rund 10 000 m2 Holzoberfläche mit dem auf Wasser basierenden Brandschutzsystem pyroplast-HW 300 von Rütgers Organics. Diese Beschichtung entwickelt bei Feuer und Strahlungshitze eine wärmedämmende Schaumschicht, welche die Holzoberfläche schwer entflammbar macht. „Durch die niedrige Ausbringmenge (300 g/m2) war eine sehr kurze Ausführungszeit möglich. Außerdem vereinfacht die lösemittelfreie Beschichtung den Arbeitsprozess gerade bei der Sanierung historischer Gebäude“, betont Sebastian Nebauer von K+N Bautenschutz. Dies liegt daran, dass die Beschichtung per Streichen, Rollen oder im Airless-Spritzverfahren auch dann aufgetragen werden kann, wenn andere Gewerke auf der Baustelle arbeiten – selbst solche, deren Arbeiten zu Funkenflug führen.

Brandsichere Aufrüstung der alten Fenster

Die alten Stahlsprossenfenster bauten die Schlosser aus, befreiten sie vom Rost und bauten sie anschließend wieder an alter Stelle ein. Zur thermischen Ertüchtigung dieser Einscheibenverglasung fertigten die Schlosser aus Stahlwinkelprofilen neue einflügelige Innenfenster mit Einscheibensicherheitsglas an. Diese montierten sie um 5 cm nach innen versetzt, so dass sie direkt an das Bestandsmauerwerk anschlagen. Dadurch sitzen die neuen Fenster allerdings 12 cm tief in der bestehenden Holzstapelwand, die sich in einem Abstand von 5 cm (Luftspalt) vor dem Außenmauerwerk befindet. Aus brandschutztechnischen Gründen mussten die Handwerker daher in der Fensterlaibung umlaufend eine F 90-Abschottung herstellen. Hierzu entfernten sie die alten Laibungsbretter und das Fensterbankbrett, drückten in den Luftspalt zwischen der Außenwand und der Holzstapelwand umlaufend ein 3 cm dickes Dämmschott ein und befestigten anschließend die alten Bretter wieder an Ort und Stelle.

Fazit

Mit der Umnutzung zum Internationalen Maritimen Museum wurde nicht nur der denkmalgeschützte Kaispeicher B erhalten, er rückt in vielerlei Hinsicht auch näher an die Innenstadt: Die durch den Speicher führende öffentliche Passage läuft – verlängert durch eine Fußgängerbrücke – über den Brooktorhafen direkt auf St. Annen in der Speicherstadt zu. Dadurch entsteht städtebaulich eine Achse, die das Museum nicht nur mit der Speicherstadt und der Hafencity, sondern auch mit der Innenstadt verbindet. Über diese Verbindung gelangen Besucher von der öffentlichen Passage aus direkt in das Foyer des Museums und können von dort aus bereits einen ersten Blick in das neue maritime Innenleben des Speichers werfen.

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