Im Stil der Gründerzeit
Haus Winter: Neubau eines Passivhauses in Hamburg im Stil der Gründerzeit

Häuser aus der Gründerzeit sind bei Mietern und Eigentümern gleichermaßen beliebt. Im Haus Winter in Hamburg-Eimsbüttel wurde der Gründerzeitstil mit den Vorzügen eines Energie effizienten Passivhaus-Neubaus verknüpft.

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Mitte vergangenen Jahres entstand in Hamburg ein Mehrfamilienhaus im Passivhausstandard nach Plänen des ortsansässigen Architekten Jakob Siemonsen, bei dem die sehr hohen Ansprüche an Energiestandard und Wohnkomfort in einem Neubau im Gründerzeitstil umgesetzt werden konnten. Auf ausdrücklichen Wunsch des Bauherrn hat der Architekt ein Gebäude errichtet, das sich optisch durch gründerzeittypische Zitate wie Bossen, Traufgesimse, Vor- und Rücksprünge sowie Geschosshöhen von 3 m von seinen über 100 Jahre älteren Nachbarn fast nicht unterscheiden lässt. In seinen inneren Werten hingegen eilt es seiner Zeit voraus: Insbesondere die energetischen Werte des als Passivhaus zertifizierten Wohn- und Bürohauses liegen deutlich über dem gesetzlichen Mindeststandard.

Bossen, Gurte und Gesimse

Das Hamburger Quartier Eimsbüttel zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Gebäuden im gründerzeitlichen Baustil aus. Dem Bauherrn lag es besonders am Herzen, nicht nur ein ökologisches Haus mit sehr guten Energiewerten zu errichten, sondern darüber hinaus den zukünftigen Bewohnern eine Architektur der Geborgenheit zu bieten – auch durch baulichen Schmuck. Und so zieren Gesimse die Fenster, Gurte setzen an der Fassade Geschosse voneinander ab, horizontale Fugen, die so genannten Bossen, betonen das Erdgeschoss und senkrechte, säulenartige Längsprofile geben dem Gebäude seine besondere Struktur.

Bei den Profilen selbst handelt es sich um vorgefertigte Polystyrolprofile mit einer relativ rauen und natürlich wirkenden Oberfläche der Profil GmbH Gößnitz. Diese stellte die Profile als Sonderanfertigungen in CNC-Technik her. Einige Teile, wie die verkröpften Fensterbänke, wurden bereits im Werk vormontiert, um dann als ein Teil beschichtet werden zu können. Vor Ort brachten die Mitarbeiter der für die Malerarbeiten und das Wärmedämmverbundsystem zuständigen Firma 1-2-3-Gebäudemanagement aus Hamburg sämtliche Profile auf die Fassade, verputzten diese und versahen sie abschließend mit einem Anstrich. „Stuckprofile aus Gips oder Kalk wären in diesem Gesamtkonzept mit einem 28 cm dicken mineralischen WDVS viel zu schwer geworden“, erklärt Architekt Jacob Siemonsen. „Diese Profile, die bereits ab Werk mit einem Epoxidharz-Sand-Gemisch ummantelt sind, haben die Handwerker auf der Baustelle an die Fassade geklebt und teilweise mit kleinen Tellerdübeln befestigt. An sich sind die Profile allein durch einen Anstrich geschützt. Wir haben allerdings die gesamte Fassade verputzen und streichen lassen, um so eine homogene Oberfläche zu bekommen. Darüber hinaus haben wir uns für einen zusätzlichen Schutz der besonders starken Gesimsprofile durch Verblechungen entschieden.“ Die Bleche haben eine senkrechte Aufkantung, die mit Kappleiste und Schrauben gehalten wird. Die Ausführung mit Kappleisten ist dabei ebenso wichtig wie die Wahl eines passenden Klebers (Enkolit) für die Fixierung auf dem Gesims gegen Verrutschen, da ein falscher Klebstoff unter den Blechen in der Sonne sehr heiß werden und so seine Festigkeit verlieren könnte.

Die Bossen wiederum arbeiteten die Handwerker nachträglich sorgfältig in das WDVS mit einer Fräse ein. Dementsprechend präzise mussten auch alle Folgeschichten wie die Armierung und der Oberputz in den Einkerbungen aufgebracht werden.

Stahlbalkone im Gründerzeitstil 

Auf der Hofseite wiederum gibt es – auch in Anlehnung an die Vorbilder der Kaiserzeit – weniger Verzierungen, dafür aber Balkone mit einer typischen Stahlkonstruktion. „Wir wollten an dieser Stelle keine vorgestellten Balkone auf vier Füßen, wie sie häufig bei Nachrüstungen zu finden sind“, betont der Architekt. „Daher haben wir uns für die Variante entschieden, die sich am gefälligsten in das architektonische Konzept anpasst und trotzdem die Anschlusspunkte, also mögliche Wärmebrücken, durch wenige relativ kleine Edelstahlflacheisen minimiert.“ Auch wenn es also aus Sicherheitsgründen notwendig war, die Balkone gegen Abkippen durch Stahlanker am Gebäude zu befestigen, konnten diese Anschlussdetails als Passivhaus tauglich nachgewiesen werden. „Durch die gewählte Ausführung mit einer Befestigung an einem Stahlträger vor der Dämmung, der dann nur an einzelnen Punkten und nicht über die gesamte Breite am Gebäude verankert werden musste, wurde eine optisch ansprechende und wärmebrückenarme Lösung gefunden“, bestätigt auch Jens Gebhardt von der Zebau GmbH in Hamburg, der das Projekt unter energetischen Aspekten begleitet hat.

Modernste Anforderungen im historischen Outfit 

An verschiedenen Stellen des Gebäudes trafen die teilweise konträren Anforderungen an einen zeitgemäßen, modernen Bau einerseits und der Wunsch nach einem historischen Äußeren andererseits aufeinander. So auch bei der Suche der Planer nach Verschattungsmöglichkeiten gegen sommerliche Überhitzung zur nach Süden orientierten Hofseite mit ihren großen Fensterflächen. „Da die übliche Verschattungs-Technik sehr häufig mit Blechkästen arbeitet, in der die Jalousien und Markisen verschwinden, wurde es in diesem Projekt sehr schwierig, die Verschattungselemente zu kaschieren“, so Jacob Siemonsen. Am Ende entschieden sich die Architekten dafür, die Markisen sehr dicht an die Fensterprofile zu setzen und so in der Fassade „verschwinden“ zu lassen, statt sie durch von außen sichtbare Kästen zu betonen. Auch die Fenster selbst sollten einerseits dem Passivhausstandard entsprechen und andererseits durch Kämpfer, Sprossen und Profilierungen in das gewünschte Erscheinungsbild passen. Bauherr und Planer wählten daher dreifach verglaste, zweiflügelige Passivhausfenster mit Profilen aus Accoyaholz (hochdämmendes Pappelvollholz), das durch die Vorbehandlung mit Essigsäure (acetyliertes Holz) besonders dauerhaft ist.

An einer anderen Stelle ging es um die Dachentwässerung, die hier durch das aufgeklebte Gesimsprofil geführt werden musste. Dies lag unter anderem daran, dass es den Architekten sehr wichtig war, das Blechdach als hinterlüftetes System auszuführen, um hier später keine Probleme mit Feuchtigkeit in der Dämmung zu bekommen. Da es sich jedoch um ein Dach ohne Dachüberstand handelt, die Luft aber trotzdem an dieser Stelle in die Dachkonstruktion gelangen soll, sitzt die Dachrinne des Blechdaches nun oberhalb des Gesimses und muss durch dieses hindurch geführt werden. Am Ende wurde mit einem Rohr-im-Rohr-System eine saubere und funktionale Lösung gefunden. Das eigentliche Fallrohr wurde durch ein auf Pass in das Gesims eingeklebtes kurzes Führungsrohr gesteckt und ist so, wie erforderlich, entkoppelt. Auf diese Weise werden Risse durch thermische Spannungen vermieden und bei einer Auswechslung des Fallrohrs treten keine Schäden auf.

Auch Schallschutz vermittelt Geborgenheit 

Es lag nie in der Absicht des Bauherrn, durch die gewählten Profile historisierend wirken zu wollen, sondern vielmehr mit den Mitteln der Gründerzeitarchitektur dem Bedürfnis des Menschen nach Schutz und Sicherheit gerecht zu werden. In seinen Augen lösen gerade diese Stilmittel die hohe Qualität des „Sich-Zuhause-Fühlens“ aus. In diesem Zusammenhang legte man auch auf den Schallschutz besonderen Wert und ließ das gesamte Projekt von einem Schallschutz-Ingenieur begleiten. Der Passivhausstandard liefert per se bereits einen sehr guten Schutz gegen Lärmquellen von außen. Im Haus wurden außerdem die Technikräume mit Schallschutztüren ausgestattet, auch die Wohnungseingangstüren speziell gedämmt und die Treppenhäuser mit 30 cm dickem KS-Mauerwerk von den Wohnungen getrennt. Zudem achteten alle Beteiligten penibel darauf, auf der Baustelle sämtliche Fugen zum Schutz gegen Übertragung von Trittschall zwischen verschiedenen Bauteilen wie beispielsweise in Wohnungstrennwänden, zwischen Treppenlauf und flankierender Wand, zwischen Estrich und Wand usw. von Schall übertragender Verschmutzung freizuhalten.

Wie gut sich das Gebäude jetzt in die Nachbarschaft einfügt, belegt die Aussage eines Passanten, der nach Fertigstellung des Hauses anerkennend sagte, wie schön „der Altbau“ nach der Sanierung geworden sei – vorher war es ihm gar nicht aufgefallen. Der Architekt hat sich über das ungewollte Kompliment jedenfalls gefreut!

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften Der Bauherr, Passivhaus Kompendium sowie bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Ein Passivhaus mit  Bossen, Gurten und Gesimsen an der Fassade

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