„Kirchen neu genutzt“ heiß diskutiert

Wir haben es schon lange gewusst: Das Thema der neuen Nutzung funktionslos gewordener Kirchen gewinnt zunehmend an Bedeutung – auch, oder sollten wir sagen: vor allem für das Bauhandwerk. Trotzdem ist es erstaunlich, dass sich in diesem Jahr sowohl die gut besuchte Tagung „Kirche leer was dann? Neue Nutzungskonzepte für alte Kirchen“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz Anfang April in Mühlhausen als auch die traditionelle Pressereise des Nationalkomitees für Denkmalschutz Ende Mai mit diesem Thema beschäftigte. Andererseits verwundert es doch wieder nicht, denn die Frage der Um- oder Weiternutzung von Kirchen beschäftigt nicht nur die Kirchen und Gemeinden, sondern ist derzeit in der bundesdeutschen Öffentlichkeit ein heiß diskutiertes Thema. Warum sollten sich also nicht auch die beiden großen Denkmalschutzorganisationen in Deutschland intensiv damit beschäftigen?

Angesichts des demografischen Wandels wird das Thema auch in den nächsten Jahren nichts von seiner Brisanz verlieren. Kirchengebäude weisen als Orientierungspunkte im Stadtbild schon von jeher auf die öffentliche Bedeutung hin, die das Christentum in der Gesellschaft einnimmt. Wie aber lässt sich die demografische Entwicklung mit dem Wunsch nach dem Erhalt der Kirchengebäude vereinbaren? Welche neuen Nutzungen sind einer Kirche würdig? Welche nicht? Welche Kompromisse sind nötig, um die Gebäude auch in Zukunft als wesentlichen Bestandteil unseres kulturellen Erbes zu sichern? Mit diesen Fragen setzte sich die Tagung in Mühlhausen auseinander.

Dass man sich Anfang April gerade dort traf, hatte seinen guten Grund: Von den 14 Kirchen der Stadt sind sechs schon seit der Reformation ohne sakrale Funktion. Diese schon seit langem umgenutzten Kirchen konnte man zu Beginn der Tagung auf einem Rundgang besichtigen, darunter auch die als Stadtbibliothek dienende Jakobikirche, deren Umnutzung wir in BAUHANDWERK 11/2008 von Seite 26 bis 34 ausführlich beschrieben haben, die zum Museum umgebaute Allerheiligenkirche (siehe Bilder oben), die zum Theater umgenutzte Kiliankirche und nicht zuletzt die heute als Bauernkriegsmuseum dienende Kornmarktkirche, in der auch die Tagung stattfand. Innen- und Außenaufnahmen der besuchten Kirchen finden Sie im Internet am Ende dieser Meldung unter www.bauhandwerk.de.

Waren es auf der Tagung in Mühlhausen die seit der Reformation funktionslos gewordenen alten Kirchen, die im Fokus des Interesses standen, so beschäftigte sich die Pressereise des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz vor allem mit der Frage, was aus den vielen nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Kirchengebäuden werden soll. Für die erste Station der Reise, die ehemalige katholische Pfarrkirche St. Bonifatius in Münster, hat sich bereits eine neue Nutzung gefunden: Mitte der 1960er Jahre nach Plänen der Architekten Eberhard Michael Kleffner und Christa Kleffner-Dirxen erbaut, dient sie heute als Bürogebäude für den Dialogverlag des Bistums (Bilder oben). Auch für die Mitte der 1950er Jahre nach Plänen von Emil Steffann erbaute ehemalige katholische Kirche St. Konrad in Marl hat sich seit 2006 eine „sanfte“ Nutzung als Kolumbarium gefunden. Die Mitte der 1950er Jahre von Prof. Rudolf Schwarz in Bottrop erbaute Kirche Heilig Kreuz mit dem berühmten Meisterfenster (eine von Prof. Georg Meistermann entworfene Fenstergestaltung) wartet hingegen noch auf eine neue Nutzung: Gottesdienste finden dort nicht mehr statt, aber eine passende neue Funktion hat sich für das riesige Kirchengebäude auch noch nicht gefunden. Es liegt verlassen da, so als hätte der Priester gerade eben erst den letzten Gottesdienst beendet. Für die ebenfalls mit gigantischen Ausmaßen gesegnete Heilig Kreuz Kirche in Gelsenkirchen hat sich zumindest eine temporäre Nutzung gefunden: Sie dient zur Zeit als Ausstellungshalle. Erhaltenswert ist das Gebäude allemal, stammt es doch aus der Feder des Architekten Josef Franke, der es Ende der 1920er Jahre im Stil des Backsteinexpressionismus erbaute. Die letzte Station der Reise bildete eine kleine Kirche auf einem Friedhof in Dortmund-Lindenhorst: Mit einem Kirchturm aus dem 13. Jahrhundert und einem Kirchenschiff nach Plänen von Gustav Mucke von 1911 ist die evangelische Kirche für eine neue Nutzung als Kolumbarium geradezu prädestiniert. Pläne in dieser Richtung konnten bisher allerdings noch nicht umgesetzt werden.

Auch von den Stationen der Pressereise finden Sie Fotos sämtlicher besichtigter Kirchen – von innen wie von außen – im Internet am Ende dieser Meldung unter www.bauhandwerk.de

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