Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Lehm zählt zu den ältesten Baustoffen der Welt. Auch in Europa war der Stampflehmbau bis ins Mittelalter hinein bekannt. Danach ersetzteBackstein die Lehmmauern. Erst Ende des 18. Jahrhunderts tauchte der Stampflehm hierzulande unter dem Namen Pisé-Bauweise wieder auf. Das vermutlich älteste Stampflehmhaus Nordeuropas steht in Meldorf: ein 1795 erbautes eingeschossi­ges Wohnhaus. Dass man mit Stampflehm jedoch nicht nur in Nordafrika oder im vorderen Orient in die Höhe bauen kann, beweist ein um 1830 in Weilburg erbautes siebengeschossiges Stampflehmhaus – das höchste seiner Art in Deutschland.

In vergangenen Jahrhunderten war die Verdichtung der Lehmschichten aufwendige Handarbeit. Heute helfen schmale Schaffußwalzen und Pressluftstampfer den Handwerkern bei der Arbeit. Solches Gerät verwendeten die Mitarbeiter der Firma Lehm Ton Erde aus Schlins (Österreich) im Jahr 2000 auch beim Bau der Kapelle der Versöhnung in Berlin. Es ist sicher ein herausragendes Gebäude, das Martin Rauch mit seinem Betrieb Lehm Ton Erde erbaute. Auf der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München wurde Rauch Mitte März dieses Jahres für seine besonderen gestalterischen und technischen Leistungen im Handwerk mit dem Bayerischen Staatspreis ausgezeichnet. Die Jury begründete die Preisvergabe mit der inzwischen zwanzigjährigen Erfahrung im Stampflehmbau.

Ab 2005 ging Martin Rauch mit der Stampflehmbauweise konstruktiv noch einen Schritt weiter: Wurde die Lehmoberfläche der Kapelle der Versöhnung noch durch eine Holzlamellenfassade vor der Witterung geschützt, so handelt es sich bei seinem eigenen Wohnhaus in Schlins um einen frei bewitterten Stampflehmbau. Dank in die Lehmaußenwände mit eingestampfter Schichten aus Ziegelplatten kommt es an der Lehmoberfläche zu einer kontrollierten Erosion.

Auch beim neuesten Projekt der österreichischen Lehmbauer, einer Ende Juni dieses Jahres in Laufen (Schweiz) nach Plänen des Baseler Architekturbüros Herzog & de Meuron fertiggestellten Kräuterhalle für die Firma Ricola, handelt es sich um einen frei bewitterten Stampflehmbau. Wie die Mitarbeiter der Firma Lehm Ton Erde es geschafft haben, mit den im Lehm eingestampften Trasskalkmörtelleisten die Erosion zu bremsen, stellen wir ab Seite 12 in dieser Ausgabe der bauhandwerk in allen Einzelheiten vor.

Viel Erfolg bei der Arbeit wünscht

Frei bewitterte Stampflehmbauten können mit Erosionsbremsen auch hierzulande der Witterung trotzen

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