Sanierungs- und Umbauarbeiten an der Staatsbibliothek Berlin sind abgeschlossen

Die Sanierung der Staatsbibliothek Berlin, eine der größten wissenschaftlichen Universalbibliotheken im deutschsprachigen Raum, konnte im November vergangenen Jahres abgeschlossen werden. So wurde die wilhelminische Architektur von Ernst von Ihne erhalten und zeitgemäß nutzbar gemacht.

20 Jahre Planungs- beziehungsweise 15 Jahre Bauzeit sind eine lange Spanne – keine Frage. Aber es sollte auch immer ins Verhältnis gesetzt werden, wie umfangreich und vielschichtig eine Bauaufgabe wie die  insgesamt 470 Millionen Euro teure Sanierung der Staatsbibliothek in Berlin sein kann. Im Fall des von 1903 bis 1914 nach Plänen des kaiserlichen Hofbaumeisters Ernst von Ihne als einer der letzten wilhelminischen Repräsentationsbauten entstandenen Gebäudes ging es um rund 107 000 m2 Bruttogeschossfläche, die in zwei Bauabschnitten saniert, restauriert und ergänzt wurden. Es ging um die Sanierung von Oberflächen, die Rekonstruktion der ursprünglichen Raumkubatur, die Ertüchtigung von historischen Tragwerken und um einen Neubau mit immerhin etwa 31 000 m2 Bruttogeschossfläche, der in das denkmalgeschützte Ensemble integriert wurde. Letzterer war bereits Teil des ersten Bauabschnitts, der in bauhandwerk 5.2013 ausführlich vorgestellt wurde. Aber allein der zweite Bauabschnitt ist so komplex, dass es schwierig wird, diesem und allen Beteiligten auf den folgenden Seiten hinreichend gerecht zu werden. „Es ist erstaunlich, was für unterschiedliche Räume, vom Tresormagazin über Büroräume, Veranstaltungsbereiche bis zu den Lesesälen, in diesem, an sich ja monofunktionalen Gebäude berücksichtigt und beplant werden mussten“, erzählt Ulrich Neumann, Planungsleiter in der BAL Bauplanungs- und Steuerungs GmbH, die die Betreuung des Projektes 2011 vom Architekturbüro HG Merz nach deren Rückzug übernommen hatte. „Zudem war ja nicht nur Bauen im Bestand, sondern auch Bauen im laufenden Betrieb Teil der Bauaufgabe.“ Daher musste beispielsweise der erste Bauabschnitt komplett abgeschlossen sein, so dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatbibliothek aus den noch nicht sanierten Gebäuden in die dann fertiggestellten Abschnitte umziehen konnten. Viele Erkenntnisse über die Bausubstanz konnten daher teilweise erst recht spät gewonnen werden.

Inszenierung der Erschließungsachse

Neben dem Wunsch nach einem homogenen äußeren Erscheinungsbild und einheitlichen Gestaltungsprinzipien der öffentlichen Räume lagen zwei maßgebliche Aspekte dem Sanierungsprojekt zu Grunde: Zum einen galt die Prämisse, Altes zu erhalten und Neues auch als solches erkennbar zu machen. Zum anderen sollte die zentrale Erschließungsachse wieder als Inszenierung von Monumentalräumen in Szene gesetzt werden. Und so stehen vor allen Dingen die Zentrale Treppenhalle und das Vestibül, über die man zum Neubau, dem Allgemeinen Lesesaal als Zentrum des Hauses, gelangt, im Mittelpunkt dieses Berichts.

Eingangskuppel Unter den Linden

Wiederhergestellt wurde die Kuppel über dem Eingangsgebäude an der Straße Unter den Linden, die im Krieg zerstört und nicht ersetzt worden war. Nach dem Krieg war nur ein einfaches Satteldach aufgebracht worden. Das wurde dem Gebäude nicht gerecht. Im Zuge des zweiten Bauabschnitts wurde hier nun die Kuppel in ihrer ursprünglichen Geometrie nachgebaut. „Dieser Schritt war gar nicht so einfach, da uns im Grunde keine Pläne, sondern nur Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Eröffnungsphase vorlagen“, so Architekt Neumann. „Aber aus städtebaulicher Sicht war es sehr wichtig, die Stadtsilhouette wieder in ihrer ursprünglichen Form herzustellen. Innenräumlich wird die Kuppel allerdings nicht wahrgenommen, da hier Magazine untergebracht sind.“

Zentrale Treppenhalle 

Hat der Besucher die Eingangshalle passiert, gelangt er, der Erschließungsachse folgend, über den Ehrenhof in die Zentrale Treppenhalle, einen imposanten Raum mit etwa 18 m Höhe. Eine Flachdecke aus den 1950er Jahren sowie zwei Magazingeschosse wurden hier zugunsten der ursprünglichen Raumkubatur rückgebaut. Vier bauzeitliche Magazingeschosse blieben erhalten und wurden denkmalgeschützt saniert. Im Zuge dieser Freilegung konnten die historischen Stahl-Fachwerkträger, die hinter dieser Decke verborgen waren, erst 2013 umfänglich begutachtet werden. Daher stellte sich leider relativ spät heraus, dass ein Austausch der Träger aus statischen Gründen unumgänglich war. Der nun notwendige Schritt-für-Schritt-Komplettaustausch führte zu einer Verlängerung der Bauzeit von etwa einem Jahr.

In der Zentralen Treppenhalle selbst konnte sehr viel erhalten werden, was somit „nur“ ergänzt oder repariert werden musste. Beispielsweise war der historische Steinputz sehr gut erhalten. Dennoch galt es hier sowie im anschließenden Vestibül insgesamt 5000 m2 Steinputzoberflächen zu sanieren. „Steinputz wurde seinerzeit immer dort eingesetzt, wo eine Natursteinoptik gewünscht, Naturstein aber nicht finanzierbar war“, erklärt Jirka Müller, Gesellschafter der K. Rogge Spezialbau GmbH, die mit der Sanierung des Putzes beauftragt war. „Am aufwändigsten war für uns, die richtige Zusammensetzung des Materials zu finden, Farbe und Körnung anzupassen. Uns lag zwar die Originalrezeptur vor, aber die Baustoffe haben sich verändert und sind heute sehr viel reiner und entsprechend heller.“ Die Handwerker trugen den Putz mit der Kelle auf, verschlichteten ihn und brachten ihn entsprechend in Form. Anschließend wurde die oberflächliche Sinterschicht durchgeschlagen und so die Vielfarbigkeit und Natürlichkeit des Materials freigelegt.

Im Gegensatz zu den historischen und im Sinne des Denkmalschutzes sanierten Steinputzflächen steht die Oberflächenstruktur des Tonnengewölbes. Um hier dem oben beschriebenen Konzept, Neues auch als solches erkennbar zu machen, treu zu bleiben, entschieden sich die Architekten dafür, mit Trockenbaufertigteilen aus glasfaserverstärktem Gips dem Raum nach innen eine zeitgemäße Gestaltung zu geben. Das Tonnengewölbe selbst wurde so in der ursprünglichen Geometrie wiedererrichtet.

Das Vestibül

Im anschließenden Vestibül erwartete die Planer ein sehr spezielles Problem: Geplant war ursprünglich, die Wiederherstellung der etwa 20 m hohen Kuppel in ihrer ursprünglichen Geometrie unter zwei sich kreuzenden Stahlbetonbögen aus der Entstehungszeit. Eine Vermessung ergab allerdings, dass sich die Betonkonstruktion leicht verformt und um wenige Zentimeter abgesenkt hatte. Somit musste die gesamte Kuppelkonstruktion modifiziert und die erhaltenen denkmalgeschützten Stahlbetonbögen nun von der neu zu errichtenden Dachkonstruktion abgehängt werden. Das wiederum brachte einen ganz neuen Lastfall für das tragende Bestandsmauerwerk mit sich. Unter anderem deswegen mussten zwei 22 m lange Geilingerstützen (ausbetonierte Stahlrohrstützen) dort eingebracht werden. Die neue Kuppel mit Kreuzgratgewölbe führten die Stuckateure als Rabitzkonstruktion in traditioneller Handwerkstechnik aus.

Ein echtes Schmuckstück ist im Vestibül der so genannte Majolikaring, der im Gegensatz zur Kuppel, dem Bombentreffer weitgehend standgehalten hat. Bei Majolika handelt es sich um farbig bemalte, glasierte Tonware. Der aus dieser Keramik bestehende Ring, mit einem Innendurchmesser (Öffnungsmaß) von 4,20 m, ist das zentrale Gestaltungselement des Deckengewölbes. Er besteht wiederum aus vier Ringen, die von einem massiven Betonring gehalten werden. „Der Majolikaring ist flach ansteigend gebaut und trägt sich durch die Verzahnung der einzelnen Elemente im Prinzip selbst“, so Restauratorin Melanie Korn, die gemeinsam mit Maja Ossig sowie diversen Mitarbeitern die Restaurierungsarbeiten ausgeführt hat. „Dennoch wurden entsprechend der Prüfstatik einzelne Elemente zusätzlich durch Drahtseile gesichert.“ Insgesamt besteht der Ring aus 112 Elementen, die systematisch erfasst und für die ein entsprechendes Restaurierungskonzept erstellt wurde. Die systematische Erfassung der Elemente und den Ausbau der drei innersten Ringe hatte die Firma ProDenkmal bereits vor dem Beginn der Restaurierungsarbeiten ausgeführt. „Den äußeren Ring mit den größten Elementen mussten wir vor Ort restaurieren, alle anderen konnten in der Werkstatt bearbeitet werden. Eine ganze Reihe der wannenförmigen Elemente mussten zudem neu rekonstruiert werden.“ Bei den Arbeiten am Majolikaring ging es im Wesentlichen um Reinigung, Rissfestigung, Klebung sowie Ergänzung von Wandungen, Dekor und Glasur. Im zweitinnersten Ring gab es allerdings auffällig viele Bauteile, die so genannten Elemente F, die fast vollständig durch den Krieg zerstört worden waren. „Hier hatten wir tatsächlich nur ein Exemplar, an dem wir uns weitestgehend für die keramische Rekonstruktion orientieren konnten, die übrigens von der Firma Hirschler + Hirschler GbR durchgeführt wurde.“ Insgesamt wurden 81 restaurierte und rekonstruierte Elemente von dem Steinrestaurator Daniel Ossig wieder eingebaut, der diese Arbeit als Subunternehmer übernommen hatte. Gearbeitet wurde in 17 m Höhe auf stark begrenztem Raum und im Sommer, als das Dach noch nicht fertig gestellt war, in extremer Hitze.

Beim Aufbringen der originalen Majolikatechnik sind viel Erfahrung und eine ruhige Hand gefragt. Die Farbe wird zwischen zwei Glasurschichten aufgetragen und lässt sich nach dem zweiten Brand nicht mehr verändern. Die rekonstruierten Elemente hingegen, wurden dem Wunsch der Denkmalpflege folgend in einem hell brennenden Ton mit weißer Glasur angefertigt.

Herausforderungen

Eine der größten Herausforderungen des Projektes wurde bereits anhand des Beispiels der Fachwerkträger in der Zentralen Treppenhalle erwähnt: Es war nicht immer früh genug klar, welcher bauliche Zustand von einzelnen Bauteilen zu erwarten war. Ähnliche Erfahrungen machten die Handwerker nämlich auch mit verschiedenen Innen- und Außenwänden, deren Gesamtdicke auf eine deutlich höhere Tragfähigkeit hingedeutet hatte. So mussten beispielsweise Hohlräume hinter raumseitigen, nichttragenden Vorsatzschalen nachträglich mit Beton verfüllt werden, indem dieser von unten mit geringem Druck in die Hohlräume gepresst wurde. Dadurch wiederum drohten die inneren Vorsatzschalen einzuknicken, so dass diese nach außen verankert werden mussten. Diese Hohlräume mussten wiederum vor der Einbringung der Geilingerstützen massiv ausgemauert werden, um überhaupt eine möglichst präzise Bohrung durchführen zu können. Die kleinste Abweichung aus der Mittelachse wäre bereits ein großes Problem gewesen.

Trotz dieser Herausforderungen konnte mit der Sanierung, der zum Teil aufwendigen Restaurierung am Beispiel des Majolikarings und der Wiederherstellung der Gewölbe – zum Teil in traditioneller Handwerkstechnik, zum anderen Teil mit Hilfe moderner Trockenbau-Fertigteile – die wilhelminische Architektur von Ernst von Ihne erhalten und zeitgemäß nutzbar gemacht werden.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Stiftung Preußischer Kulturbesitz, vertreten durch das BBR, Berlin, www.preussischer-kulturbesitz.de

Nutzer Staatsbibliothek zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, https://staatsbibliothek-berlin.de 

Architektur Prof. HG Merz, Berlin und Stuttgart, http://hgmerz.com / BAL, Berlin, www.bal-berlin.de 

Projektleitung BBR Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Referat IV 3, Berlin, www.bbr.bund.de

Statik und Bauphysik CRP Bauingenieure, Berlin, https://crp-bauingenieure.de

Steinputzsanierung K. Rogge Spezialbau, Berlin, www.k-rogge.de

Restaurierung Majolikaring

Ausführung: AG Melanie Korn und Maja Ossig, Berlin
Rekonstruktionen: Hirschler + Hirschler, Berlin, www.schriftbecher.de

Restaurierungsplanung: Pro Denkmal, Berlin, www.prodenkmal.de

Geilingerstützen und Bohrungen AG Rohbau 2. BA c/o Schäler Bau, Berlin, www.schälerbau.de

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