Talkrunde bei  Dach+Holz 2022: „Frauen gehören auf den Bau"

„Mein Papa hat mich schon als Kind mit aufs Dach genommen. Damit ich nicht runterfalle, tackerte er mein Kleid an den Dachlatten fest!“ Die Zuhörerinnen lachten, als Dachdeckerin Stefanie Ludewig auf der Messe „Dach+Holz“ in Köln erzählte, wie sie zum Bau kam. „Frauen im Handwerk – warum eigentlich nicht?“ hieß die Talkrunde, die die „zunftschwestern“, ein Netzwerk von Frauen im Bau- und Handwerksgewerbe, organisiert hatte.

Unter der Moderation von „zunftschwester“ Christina Diehl berichteten Frauen, warum sie Zimmerin beziehungsweise Dachdeckerin geworden sind und mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen hatten – auch in ihren Familien.

Denn Stefanie Ludewig wollte eigentlich direkt nach der Schule in die Fußstapfen ihres Vaters treten. Ihre Eltern waren zunächst dagegen. Sie wurde Bürokauffrau, aber wirklich glücklich war sie nicht. Dann begann sie eine Dachdecker-Lehre und absolvierte die Meisterschule.  Als Dachdeckermeisterin arbeitete sie mehr als sieben Jahre und wechselte vor zwei Jahren zur BMI Flachdach GmbH, wo sie ihre Erfahrungen als Systemberaterin einbringt.  

Von Bauleitern nicht für voll genommen

Dachdeckerin seit 1993: Melanie Oppermann (rechts) spürt insbesondere Vorurteile auf Seiten vieler Architekten. Links: Brigitte Latsch, Dachdeckerin und Redakteurin  
Foto: Michaela Podschun

Dachdeckerin seit 1993: Melanie Oppermann (rechts) spürt insbesondere Vorurteile auf Seiten vieler Architekten. Links: Brigitte Latsch, Dachdeckerin und Redakteurin  
Foto: Michaela Podschun
Von Männern ignoriert und zur Praktikantin degradiert: Die Handwerkerinnen hatten es alle zu Beginn nicht einfach. Melanie Oppermann ist Dachdeckerin und Mitglied bei der Facebook-Gruppe „Dachdecker-Mädelz“. 1993  fing sie ihre Lehre im elterlichen Betrieb an und benötigte damals noch eine Sondergenehmigung. „Erst ab 1994 war es rechtlich überhaupt erst möglich, als Frau eine handwerkliche Ausbildung zu machen“, berichtete sie.

Komische Blicke ernte sie noch immer. „Private Bauherren akzeptieren uns Frauen. Die sind alle sehr aufgeschlossen und freuen sich, wenn wir ihre Aufträge erledigen. Ich hatte sogar mal einen Anruf von einer älteren Dame, die wollte mich speziell haben für eine Reparatur am Dach“, blickte Melanie Oppermann zurück.  Allerdings würden Frauen bei Großprojekten von vielen Architekten und Bauleitern immer noch nicht für voll genommen.

Vorurteil: Sind Frauen schwindelfrei?

Warum? Die Liste mit Vorurteilen ist lang: Frauen seien nicht schwindelfrei, hätten kein gutes räumliches Verständnis und seien für harte körperliche Arbeit nicht gemacht. „Alles Quatsch. Niemand muss mehr schwer schleppen“, fasste Zimmerin und Messebotschafterin Sabrina Simon zusammen. „Für alle Materialien haben wir Kräne und Aufzüge. Jede Frau schafft die Arbeit auf dem Dach.“  Melanie Oppermann ergänzte:„ Bitumschweißbahnen sind die Hälfte leichter geworden. Folien sind nicht mehr so lang wie früher. Ziegel werden nicht mehr in 12er, sondern nur als 6er-Pack geliefert.“

Für Zimmerin und Messebotschafterin Sabrina Simon (l.) und Brigitte Latsch (Dachdeckerin und Redakteurin) gibt es keine Arbeiten auf dem Bau, die Frauen nicht schaffen.
Foto: Michaela Podschun

Für Zimmerin und Messebotschafterin Sabrina Simon (l.) und Brigitte Latsch (Dachdeckerin und Redakteurin) gibt es keine Arbeiten auf dem Bau, die Frauen nicht schaffen.
Foto: Michaela Podschun

Dachdeckerin Jessica Weuthen („Dachdecker-Mädelz“) kann sich keinen schöneren Job vorstellen: „Wir können weltweit arbeiten, haben eine super Ausbildung und die Bezahlung ist auch ordentlich.“ Im Vergleich zu typischen Frauen-Berufen verdiene eine Handwerkerin gutes Geld nach Tarifvertrag. Auch Familienfreundlichkeit sei, je nach Arbeitgeber, möglich. „Ich sehe täglich mein Tagwerk, ich schaffe Werte! Das ist das Besondere“, betonte Stefanie Ludewig und erntete damit Applaus.

Ausgeglichene Atmosphäre im Handwerksbetrieb

Was eine Frau im Team verändere, auf diese Frage hatten die Handwerkerinnen gleich mehrere Antworten: Die Atmosphäre sei ausgeglichener und ruhiger, der Tonfall weniger grob. „Wir Frauen sind feinfühlig, wir hören Zwischentöne beim Kunden und in unserer Firma. Zudem haben wir mehr Geduld“, war Stefanie Ludewig überzeugt.

Als Moderatorin Christina Diehl fragte, wo sich die Frauen in den nächsten zehn Jahren sehen, gab es unisono nur diese Meinung: „Dass es nicht mehr nötig ist,  über Frauen im Handwerk zu diskutieren.“

Eine Lösung für den Mangel an weiblichen Fachkräften auf dem Bau war auf dem Podium nicht so leicht zu finden. Melanie Oppermann brachte es auf den Punkt: „Ein gesellschaftliches Umdenken muss stattfinden. Viele Eltern raten ihren Kindern vom dreckigen Handwerks-Job ab. Der Nachwuchs soll ins Studium, zur Bank oder zur Versicherung gehen. Aber ohne uns Handwerker läuft nichts. Da muss schon an den Schulen ein Umdenken stattfinden.“

Autorin

Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Aktuell kommentiert

„Handwerk: Rein in Kita, Hort und Schule"

Von Michaela Podschun

Die Diskussionsrunde „Keine Frage des Geschlechts“ auf der Messe „Dach +Holz“  in Köln war ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Frauenpower im Handwerk. Mit knapp 20 Zuhörerinnen und wenigen Zuhörern mäßig besucht hätte die Veranstaltung mehr Publikum verdient. Auch wenn die Thematik „Mehr Frauen ins Handwerk“ nicht neu ist, lohnt es, immer wieder den Finger in die Wunde zu legen. In einem Punkt haben die Frauen recht: Das negative Image des Handwerks ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ein Blick auf die Initiativen „Frauen in MINT-Berufen“, die in verschiedenen Bundesländern läuft, lohnt. Industriebetriebe machen mit bei diesen nationalen Pakts, um Frauen für naturwissenschaftlich-technische Berufe zu begeistern.  In Kita, Hort & Grundschule entdecken Kinder spannende Lernsituationen. Ganz praktisch: Kindergartenkinder machen Ausflüge zu heimischen Industriebetrieben und schauen hinter die Kulissen. Das Motto lautet „Komm, mach Mint!“ Die gleiche Initiative könnte fürs Handwerk lauten „Komm, mach Handwerk!“ Handwerksbetriebe und Handwerkskammer müssen sich auf die Socken machen. Schnell.  Bevor der Zug endgültig abgefahren ist.

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