Vom Kloster zum Weinlokal Umnutzung des Klosters Engelthal in Ingelheim für die Weingastronomie

Die denkmalgeschützte fränkische Hofanlage in Ingelheim am Rhein – einst das Zisterzienserinnenkloster Engelthal – bot gute Voraussetzungen zur Umnutzung in ein Weinlokal. Dabei mussten die Handwerker viel ab- und wiederaufbauen, neu einfügen und die Statik ertüchtigen.

Die Anfänge des Zisterzienserinnenklosters Engelthal reichen in Ingelheim bis in das 13. Jahrhundert zurück. 1573 wurde die ursprüngliche Nutzung als Frauenkloster aufgehoben und das Anwesen an Kurfürst Friedrich III. übereignet. Schwere Verwüstungen erlitt das Ensemble im Dreißigjährigen Krieg. Einzig das Konventgebäude überdauerte die Zerstörungen. In der Folgezeit wurde das Anwesen landwirtschaftlich genutzt. Wirtschaftsgebäude kamen im Wesentlichen erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinzu und führten zu einer typisch fränkischen Hofanlage mit Viehhaltung, Obst- und Weinbau. Es gab sogar eine Mühle, die allerdings zu Beginn des 20. Jahrhunderts abgerissen wurde. Ab dem Ende der 1970er Jahre betrieben die Besitzer auf dem Anwesen nur noch Weinbau.

Fränkische Hofanlage mit gastronomischer Nutzung

2009 erwarb die Winzerfamilie Wasem das Ensemble, stimmte eine künftige gastronomische Nutzung mit der Denkmalpflege ab und führte im darauf folgenden Jahr einen Wettbewerb mit fünf ausgewählten Architekturbüros durch, aus dem das Büro Hille Architekten BDA als Sieger hervorging. Deren Entwurf fügt die neue Funktion behutsam in das denkmalgeschützte Anwesen ein, das sich als typische dreiseitig umbaute fränkische Hofanlage in ursprünglicher Form hierfür besonders gut eignet: Scheune, Wohn- und Wirtschaftsgebäude sind um einen Innenhof gruppiert und durch ein großes Tor zur Straße hin abgeschlossen – ideale Bedingung also, um aus dem Ensemble eine Vinothek mit Weinstube und Restaurant zu machen, wo die Gäste im Sommer bei schönem Wetter auf dem kopfsteingepflasterten Innenhof sitzen können. So bleibt auch die vormals landwirtschaftliche Nutzung als Weingut in Teilen erhalten. In einem neu hinzugefügten Anbau mit weit auskragendem Flachdach in Holzbauweise wurde eine Grillakademie der ortsansässigen Firma Weber-Grill untergebracht.

Rück- und Wiederaufbauarbeiten

2011 begannen die Mitarbeiter der Bauunternehmung Karl Gemünden, die den rund 3 Millionen Euro teuren Umbau in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalschutzbehörde schlüsselfertig ausführten, mit dem weitgehenden Rück- und originalgetreuen Wiederaufbau im Inneren des linken Flügels der ehemaligen Klosteranlage. Dabei entdeckte man auch Teile der einstigen Stadtmauer. „Baufällige Teile mussten zunächst bis auf die Grundmauern abgebrochen und der Restbestand zeitweise gesichert werden. Erst dann konnten sie neu aufgebaut werden“, erzählt Uwe Angnes von der Ingenieur-Gesellschaft Tragwerk Angnes + Rohde aus Ingelheim. Die historische Bruchsteinfassade aus dem für die Gegend typischen Muschelkalkstein musste dabei natürlich erhalten, das heißt unterfangen und saniert werden.

Statische Ertüchtigung und Sanierung 

Auch das Fehlen von Bauplänen machte den Planern zu schaffen, was für ein Ensemble mit einem solchen Alter jedoch kein Wunder ist. Daher mussten die Ingenieure vom Büro Angnes + Rohde die Statik und Stabilität der historischen Tonnen- und Kreuzgewölbe,  der Holzbalkendecken aus Nadel- und Eichenholz mit Stroh-Lehm-Füllung sowie die Dachkonstruktion nach Aufmaß neu berechnen. Erst danach konnte man sicher sein, dass unter anderem die prächtige hölzerne Dachkonstruktion mit ihrem Sprengwerk aus liegenden Pfettenstühlen noch tragfähig war und sich für den Erhalt entscheiden.

Dort, wo die alten Balken Schwachstellen zeigten, wurden sie entnommen, saniert und wieder eingebaut. An ganz wenigen Stellen tauschten die Handwerker marode Hölzer gegen intakte aus. Hierbei verwendeten sie nicht nur neue Balken, sondern auch alte, die aus abgerissenen Scheunen der Umgebung stammten oder einfach nicht mehr benötigte Balken aus dem ehemaligen Kloster selbst. An einigen Stellen mussten zur Ertüchtigung der Statik auch zusätzliche Stahlträger mit Stützen eingezogen werden. So konnte der ursprüngliche Charme des Klosters erhalten bleiben, ohne jedoch die Statik und Stabilität der Konstruktion zu gefährden. Den Putz der Kreuz- und Tonnengewölbe sowie den in der Scheune mussten die Handwerker im Anschluss an die statische Sicherung komplett erneuern.

Neue An- und Zwischenbauten 

Rund 18 Monate dauerte die Sanierung und Erweiterung des ehemaligen Klosters in Ingelheim. Im Zuge der Arbeiten entstand auch ein Verbindungstrakt in Stahlbetonbauweise mit Treppe und Aufzug zur barrierefreien Erschließung. Dieses so genannte Gelenk verbindet das Wirtschaftsgebäude mit der ehemaligen Scheune, deren Ebenen sich auf unterschiedlichen Höhen befinden. Hier mussten die Handwerker neben der freitragenden Treppe vor allem die über mehrere Stockwerke freistehende Glasfassade bauen, die sich Architekt Marcus Hille als möglichst filigrane Konstruktion wünschte – eine ingenieurtechnische Herausforderung für die Mitarbeiter von Angnes + Rohde. Schmale Fenstersprossen aus Eichenholz und Stahl sorgen trotz ihrer Schlankheit nun für die nötige Standsicherheit der Fassade. Die zeitgenössischen Ergänzungen unterscheiden sich durch Form und Material (Beton, Stahl und Glas) deutlich vom Bestand mit seinem freigelegten Mauerwerk, den Putz- und Holzoberflächen. An die Rückseite des Wirtschaftsgebäudes wurde zudem im Osten ein moderner Küchentrakt mit Kühl-, Lager- und Vorratsräumen angebaut, zum Teil auch in das Gelände eingegraben. „Uns ging es bei der Sanierung des Klosters um eine Komplettierung des Gesamtkonzeptes Weingenuss. Wir freuen uns auch, dass wir damit ein Stück Ingelheimer Geschichte erhalten haben“, sagt Holger Wasem.

 

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Ein moderner Zwischenbau aus Stahl, Glas und Beton verbindet das Wirtschaftsgebäude mit der ehemaligen Scheune

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