Weiterbildung in der Propstei Johannesberg in Fulda

Die Propstei Johannesberg in Fulda hat sich einen guten Ruf in der Weiterbildung erarbeitet. Handwerker, Architekten und Tragwerksplaner lernen in mittelalterlichen Bauten. Die Fortbildung zum Restaurator im Handwerk wird ausgeweitet.

Lernen in mittelalterlichen Bauten: Wenn es dann noch um Denkmalschutz geht, ist der Ort allein Programm. In der Propstei Johannesberg in Fulda wurde vor mehr als 40 Jahren das erste Fortbildungszentrum in Deutschland mit der Spezialisierung auf  Restaurierung und Denkmalpflege gegründet. In den Werkstätten und Seminarräumen des ehemaligen Nebenklosters werden Fortbildungsmöglichkeiten für Architekten, Handwerker und Tragwerksplaner angeboten. Und auch mancher private Bauherr nimmt teil.

„Das ist das Schöne an unseren Veranstaltungen. Das Publikum ist vielschichtig“, sagt Jörg Büchner. Er ist einer von rund 100 freiberuflichen Dozenten und arbeitet als Staatlich geprüfter Restaurator für Möbel und Holzobjekte. Manch ein Privatmann, der ein Haus renoviert, möchte noch eine spezielle Technik, beispielsweise das Vergolden oder den Umgang mit Leimfarben lernen.

Einen guten Ruf erarbeitet

Die Corona-Pandemie hat auch der Propstei das Unterrichten schwer gemacht. Bei Themen, wo es möglich war, wurde auf Online-Unterricht umgestellt. Das habe sogar bei manch praktischen Themen, wie beim Vergolden, geklappt. Doch zum Glück finden die Seminare nun wieder in Präsenz statt. „Der direkte Dialog hat gefehlt“, so Büchner.

Die Propstei hat sich während der Jahre einen sehr guten Ruf erarbeitet. Interessierte kommen auch aus der Schweiz, Österreich und Südtirol. „Diese Gäste betonen, dass unser Programm sehr hochwertig ist“, sagt Sabrina Lomb, die für die Seminar-Betreuung und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Das Seminarprogramm ist so vielfältig, wie es der Denkmalschutz erfordert. Restaurator im Maler- und Lackierhandwerk, im Tischlerhandwerk, im Zimmererhandwerk und im Maurerhandwerk, Natursteinbearbeitung, Stuck, Leimfarben, Lehmbautechniken, Schmieden, Beschläge und mehr. Gerade in der aktuellen Diskussion um die Reduzierung von Energie ist die Umnutzung von Gebäuden extrem gefragt.

Wärmedämmung als Thema

Bei der Beurteilung der Nachhaltigkeit dieser Gebäude ist nicht nur der aktuelle Energiebedarf zu betrachten, sondern auch die so genannte graue Energie. Das ist der Energieanteil, der in einem Bestandsgebäude bereits gebunden ist und nicht wieder erneut aufgebracht werden muss. Aus diesem Grund befassen sich die von der Propstei angebotenen Seminare auch mit den Möglichkeiten der Ausführung von denkmalverträglichen Sanierungsmöglichkeiten, zum Beispiel zur Wärmedämmung und zur Verbesserung der Haustechnik.

„Es ist gut, dass der Denkmalschutz so einen hohen Stellenwert hat“, betont Jörg Büchner. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es eher um Neubau. Dadurch gingen viele handwerkliche Fähigkeiten für den Umgang mit historischen Bausubstanzen verloren. „Erst zum Ende der 1970er Jahre entstand ein gesteigertes Interesse, alte Gebäude zu erhalten“, so Büchner. Daher stieg auch der Bedarf an fachlich gut ausgebildeten Handwerkern.

Fortbildung zum Restaurator in Teilzeit

Um der Nachfrage zu entsprechen, schuf die Handwerksorganisation das Berufsbild des „Restaurators im Handwerk.“ Es zielt darauf ab, Handwerksmeister für eine Tätigkeit in der Denkmalpflege zu qualifizieren. Diese Fortbildung verändert sich und wird ausgeweitet.Geprüfter Restaurator mit Zusatz „Master Professional für Restaurierung im Handwerk“ wird ab 2023 angeboten.

Die Fortbildung wird zukünftig in Teilzeit über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren angeboten. Bislang gibt es Vollzeitunterricht (12 bis 14 Wochen). Voraussetzung für die Zulassung zur Prüfung ist wie bisher der Meisterbrief. Die Prüfung wird vor der Handwerkskammer Kassel abgelegt. Für Handwerksgellen besteht weiterhin die Möglichkeit sich in einzelnen Praxisseminaren zu historischen Handwerkstechniken weiterzubilden als auch die Fortbildung zum Gesellen in der Denkmalpflege kompakt berufsbegleitend in einem halben Jahr zu absolvieren.

Mit der Ausweitung soll klargestellt werden, dass der geprüfte/r Restaurator/in im Handwerk – Master Professional für Restaurierung im Handwerk gleichwertig mit dem akademischen Master ist. Hierzu erhöhen sich die Unterrichtsstunden. Beispiele: Zimmerer und Tischler lernen mehr zum Thema Holzschutzmittel. Für den Maurer kommt das Thema Betonsanierung und die Zeit für das Selbststudium hinzu.

Aus Teilnehmern werden Dozenten

Mehr Stunden, das heißt auch mehr Lehrer. Da ist es gut, dass aus ehemaligen Teilnehmern sehr oft Dozenten werden. Die Kurse sind konzipiert als Workshops, als dialogisches Seminar und Werkstattarbeit. Die Propstei verfolgt den Ansatz: Fortbildung fängt nicht dort an, wo Wissen aufhört. Fortbildung startet dort, wo Neugier groß ist. „Egal auf welcher Stufe der Laufbahn, es sind die ganz Jungen, die Engagierten, die Etablierten und die alten Hasen, die in der Propstei miteinander über den Bürotisch und die Mörtelwanne hinausdenken, reden und arbeiten“, heißt es. Jörg Büchner ist sich sicher: „Hier lernen wir auf  Augenhöhe.“

Das Programm wird nach den Bedürfnissen aller an Denkmalpflege und Altbauerneuerung Beteiligten entwickelt. Die Durchführung der Lehre wird mit dem Landesamt für Denkmalpflege, den Kammern und Fachverbänden abgesprochen. Zu den Fortbildungen gehören: mehrmonatige Zertifikatslehrgänge, Tagesseminare, Seminarreihen, Fachtagungen und Fachschulausbildungen. Die nächste Fachtagung befasst sich mit Dacheindeckungen auf historischen Gebäuden. Der Bogen spannt sich von den ursprünglich verwendeten organischen Materialien wie Stroh, Reet und Holz bis zu den Materialien des 19. und 20. Jahrhunderts.

Auch der Nachwuchs kommt auf seine Kosten. In den Sommerferien werden Workshops angeboten. Mädchen und Jungen lernen Zeichnen oder den Umgang mit Hammer und Meißel. Ziel ist es, bei jungen Menschen Interesse am Handwerk und das Bewusstsein für Denkmalpflege zu wecken.

Autorin

Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Vom Kloster zur Propstei

Die Propstei Johannesberg ist eine mittelalterliche, von dem Fuldaer Abt Hrabanus Maurus im 9. Jahrhundert gegründete Klosteranlage. Im 17. Jahrhundert erhielt sie den Status einer Propstei. Durch eine gemeinsame Initiative des Landes Hessen als Eigentümer und der Stadt Fulda erhielten die ehemaligen Propsteigebäude ab 1980 eine neue Nutzung als Fortbildungszentrum für Handwerk und Denkmalpflege. Seit 2002 werden dafür das Werkstattgebäude und der ehemalige Marstall genutzt. In der Johannesberger Handwerkssammlung werden in mehreren Ausstellungen Werkzeuge, Werkstätten, Arbeits- und Restaurierungstechniken sowie Zunftgegenstände gezeigt. Weiterhin ist in der Handwerkssammlung eine der größten Sammlungen an Modellen historischer Fachwerkhäuser aus verschiedenen Regionen Deutschlands zu sehen.

www.propstei-johannesberg.de

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