Wohnen hinterm Raster
Umnutzung der Sehbehindertenschule Hannover zu Wohnungen

Die ehemalige Sehbehindertenschule in Hannovers Südstadt ist ein Baudenkmal der Nachkriegsmoderne. Heute beherbergt das Gebäude vom Beginn der 1960er Jahre 16 individuelle Wohnungen. Eine der großen Herausforderungen beim Umbau war die Sanierung der denkmalgeschützten Betonrasterfassade.

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Hannovers Südstadt ist sehr beliebt zum Wohnen. Nach den starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde der Stadtteil 1951 mit der Bauaustellung Constructa Schauplatz zum Vorzeigeprojekts der Nachkriegsmoderne. Neben einem Hochhaus, Zeilenbauten und Reihenhauszeilen bildete eine 1962 erbaute Sonderschule für sehbehinderte Kinder den Abschluss im Nord-Osten des Ausstellungsareals. Seit 1990 steht der Schulkomplex, der auch eine Stadtteilbücherei beherbergt, unter Denkmalschutz.

Wohnen in der Schule

2005 schloss die Landeshauptstadt die Schule und schrieb sie zum Verkauf aus, ohne eine konkrete Nutzung vorzugeben. Es gab mehrere Bieter. Den Zuschlag erhielt das Konzept von Plan W und Mosaik Architekten, die die Schule zu Wohnungen für eine Baugruppe umnutzen wollten. „Obwohl wir nicht am meisten geboten haben, entschied man sich für unser Konzept, weil es den besten Denkmalschutz ermöglichte“, betont Architekt Kay Marlow von Mosaik.

Die Schule hatte acht Klassenräume, die nach dem „Schusterprinzip“ angeordnet waren, bei dem ein Treppenhaus jeweils zwei Klassenräume erschließt. Dadurch erhielten die Klassen von beiden Seiten Licht, was für die sehbehinderten Schulkinder besonders wichtig war. Mit dem Zuschlag der Landeshauptstadt für das Projekt begann die eigentliche planerische Herausforderung. Denn es galt, Interessenten zu finden, die die Baugemeinschaft bilden würden, um die Schule zu kaufen und umzubauen. In vielen Sitzungen, die die Projektentwickler von Plan W leiteten, diskutierte und entwickelte man die individuellen Wohnwünsche der zukünftigen Eigentümer.

„Wir haben unzählige Varianten ausprobiert. Besonders spannend war die Umnutzung der Turnhalle, aus der wir vier Reihenhäuser gemacht haben, ohne die denkmalgeschützte Fassade zu vernachlässigen,“ beschreibt Jan Uetzmann von Mosaik die Planungsaufgabe. Heute umfasst das Projekt 16 Wohnungen von 60 bis 170 m2 Größe, von denen keine der anderen gleicht.

Wohnen um den Hof

Alle Wohnungen orientieren sich zum Schulhof, den alle Bewohner gemeinsam nutzen. Es gibt keine privaten Terrassen, nur kleine Betonstufen definieren die privaten Zugänge. Der ehemalige Pausengang ist heute in die Wohnungen integriert. Teile des Gangs bilden kleine Lichthöfe, die die dahinterliegenden Wohnräume belüften. Im Trakt der ehemaligen Stadtteilbücherei befinden sich barrierefreie Wohnungen, die über einen Laubengang hinter der denkmalgeschützten Fassade erschlossen werden.

Im Gespräch verweisen die Planer immer wieder auf die gute Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutzamt der Landeshauptstadt Hannover. Dort legte man Wert darauf, dass es sich beim Gebäude um ein Alltagsdenkmal handelte, bei dem es vor allem darum ging, die Atmosphäre wiederzugeben. Das ist genau, was den Charme des heutigen Erscheinungsbildes ausmacht. Die Schule ist nach wie vor als solche zu erkennen. Dezent weisen neue Elemente, wie die gelben Balkone vor den ehemaligen Klassenräumen, auf die neue Nutzung hin.

Nachkriegsdenkmal und Sanierung

Die Fassaden sind typisch für die Nachkriegsmoderne. Es gibt nicht nur rote Ziegelwände mit roten Fugen sondern auch markante Betonraster, die geschosshoch ausgefacht sind. Hier sind die Brüstungselemente im Kontrast zu den roten Ziegelflächen mit dunkelgrünen Keramikfliesen verkleidet. „Es war nicht immer so einfach, den Handwerkern klar zu machen, dass das ein Denkmal ist. Schnell war da mal ein Baugerüst durch die Fliesen gedübelt“, erinnert sich Dirk Altheimer, der die Bauleitung für Mosaik machte. Ein Hauptproblem bestand darin, dass man den damals verbauten Beton heutzutage nicht mehr klassifizieren kann. Deshalb mussten die neuen, abgehängten Balkone durchgedübelt werden. In der denkmalgeschützten Hülle der Turnhalle konnten keine Kräne aufgestellt werden, so dass alle Elemente so geplant werden mussten, dass „zwei Mann“ sie tragen konnten, zum Beispiel als Stahlsteindecken. „Bei der Turnhalle konnten wir das Betonraster in der Fassade bewahren, indem wir die neue Klimahülle einfach nach innen versetzten“, ergänzt Jan Uetzmann. „Dadurch waren wir auch freier in der Anordnung von Wohnungstrennwänden.“

Sanierung des Betonrasters

Während das Betonraster in der Turnhalle nicht mehr als Klimahülle dient, musste das Fassadenraster im ehemaligen Klassentrakt nach KFW Standard 70 energetisch saniert werden. „Wir haben die Fenster in Anlehnung an die historischen neu konstruiert – mit den gleichen schlanken Profilen trotz moderner Dreifach-Wärmeschutzverglasung“, sagt Planer Uetzmann. „Jedes Fensterprofil ging durch den Denkmalschutz. Hinzu kam eine aufwendige Innendämmung.“ Um KFW 70 zu erreichen, hat ein Spezialist mehr als 100 verschiedene Wärmebrückendetails berechnet.

Markus Wulkopf vom Malereibetrieb Lovermann aus Hannover war maßgeblich an der Betonsanierung beteiligt. „Zunächst erfolgte eine ausführliche Bestandsaufnahme “, beschreibt er den Start der Arbeiten und fügt hinzu, dass die Maler dabei von der Firma Brillux sehr kompetent unterstützt wurden.  Erst wurde das Sichtbetonraster ausführlich in Augenschein genommen. Wo schadhafte Stellen vermutet wurden, machte man dann verschiedene Tests. „Ein Test läuft wie ein Lackmustest“, erklärt Maler Wulkopf. „Dabei wird eine Indikatorlösung in den Beton gebracht, um den pH-Wert zu testen. Verfärbt sich der Beton blau, ist er basisch, und alles ist in Ordnung. Verfärbt er sich rot, ist der pH-Wert zu niedrig, was auf eine mögliche Korrosion der Bewehrungsstähle schließen lässt.“ Ein weiterer Test ist die so genannte Abreißfestigkeitsprüfung oder auch Haftzugfestigkeitsprüfung. Dabei wird ein Klebestreifen auf den Beton geklebt und mit einem Gewicht belastet, um die Druckfestigkeit des Betons zu messen. „Nach diesen Tests haben wir an allen schadhaften Stellen den Beton entfernt und die Bewehrungseisen komplett freigelegt“ fährt Markus Wulkopf fort. „Wichtig ist, dass die Eisen dabei wirklich richtig gesäubert sind. Das machen wir mit Winkelschleifern und Drahtbürstenaufsätzen.“ Dann kam die „Betonsanierung“ mit einkomponentigem, zementgebundenen Korrosionsschutz, der in mindestens zwei Schichten aufgetragen werden musste. Mit grobem Mörtel (Füllmörtel) schlossen die Handwerker die offenen Stellen wieder, legten darüber Feinspachtel und strichen zum Schluss das Sichtbetonraster mit einer Betonschutzfarbe an. Der Farbton war vorher mit dem Denkmalschutz abgestimmt worden. „Ein weiterer wichtiger Part war die Sichtung und Überprüfung der Fugen an den verschiedenen Anschlüssen, zu den Fenstern oder zu den gefliesten Flächen“, erklärt der Maler. Alle offenen Fugen mussten neu (dauerelastisch) versiegelt werden. Die gefliesten Brüstungselemente sind original. Sie wurden während der Bauzeit mit Folien geschützt und anschließend einfach nur „gekärchert“.

Umbau bei laufendem Betrieb

Bleibt noch zu erwähnen, dass die Bücherei im Schulkomplex Planer und Handwerker besonders forderte. Sie sollte bei laufendem Betrieb zu einer Kinder- und Jugendbücherei für den Stadtteil umgebaut werden und dann auch noch innerhalb des Gebäudekomplexes umziehen. Das teilte den Prozess in zwei Abschnitte: 1. BA – Umbau und Umzug der Bücherei in das Erdgeschoss des ehemaligen Klassentrakts während der Weihnachtsferien 2010/2011, 2. BA – Umbau der ehemaligen Stadtbücherei, der Klassen und der Turnhalle zu Wohnungen. Seit 2012 ist die Schule nun bewohnt, und das neue Konzept wird im Stadtteil sehr gut angenommen.

Autorin

Dipl.-Ing. Susanne Kreykenbohm ist Architektin und Fachjournalistin. Sie lebt und arbeitete in Hannover. Seit 2003 schreibt sie regelmäßig als freie Autorin unter anderem für die DBZ, seit 2015 auch für die bauhandwerk.

„Bei der Turnhalle konnten wir das Betonraster in der Fassade bewahren, indem wir die neue Klimahülle einfach nach innen versetzten“

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