Umbau und Sanierung eines Lübecker Patrizierhauses

Die Ursprünge des Gebäudes in der Königstraße in Lübeck reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Jetzt wurde das Haus, das viele Jahre als Schule diente, nach Plänen des Büros Schümann Sunder-Plassmann saniert und wieder seiner eigentlichen Bestimmung als Wohnhaus zugeführt.

Maßstäbliche Pläne

Maßstäbliche Pläne finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Zeitschrift bauhandwerk.

Hier geht es zum Heft ->

Die Lage des Hauses, das die Architekturbüros Schümann Sunder-Plassmann und Rosehr in Lübeck sanierten, ist in historischer und kultureller Hinsicht besonders: Nicht nur, dass das viergeschossige, ehemalige Patrizierhaus in der Königstraße 15 in der Lübecker Altstadt und somit mitten im Weltkulturerbe der UNESCO liegt, darüber hinaus ist das Gebäude von bedeutsamer kultureller Nachbarschaft umgeben. Unter anderem sind das Willy-Brandt-Haus, das Günther-Grass-Haus sowie das Museum Behnhaus Drägerhaus nur wenige Hausnummern entfernt. Die Gärten der Häuser – so auch der Garten KÖ15 – sind öffentlich zugänglich und könnten eines Tages als Bürgergärten miteinander verbunden werden.

Vom Wohnhaus, zur Schule, zum Wohnhaus

Nachdem man das Haus ursprünglich als Wohnhaus errichtet hatte, wurde es von 1829 bis 2007 als Ausbildungsstätte und Schule genutzt. Mit der jetzigen Sanierung wird es wieder seiner ursprünglichen Bestimmung als Wohnhaus zugeführt. Baugeschichtlich erwähnenswert ist, dass noch ein Teil des im Jahr 1295 gebauten Kellers erhalten ist, der jetzt ebenfalls von der Öffentlichkeit begangen werden kann. Das Vorderhaus und der sich anschließende Seitenflügel stammen aus dem 14. bis 19. Jahrhundert. Ein weiterer Seitenflügel, der an den ersten Flügel anschließt, wurde erst im 20. Jahrhundert errichtet und diente der Schule lange Zeit als Turnhalle.

Als 2007 die letzte Schule das Gebäude verließ, veräußerte die Stadt Lübeck es an die KÖ-15 GbR in einem europaweiten Ausschreibeverfahren. Im Zuge der Sanierung wurde die ehemalige Schule nun zu generationsübergreifendem Wohnraum umgewandelt, wobei die Struktur der Klassenräume sowohl im Vor­der­haus als auch im ersten Seitenflügel teilweise erhalten bleiben konnte. In der ehemaligen zweige­schos­si­gen Turnhalle entstand eine Maisonettewohnung mit einer von allen Bewohnern nutzbaren Dachterrasse. Zudem gab es die Auflage, das Vorderhaus im Erdgeschoss öffentlich zugänglich zu machen. So eröffnete hier in der ehemaligen Pausenhalle ein Museumscafé.

Mineralische Innendämmung mit Lehmputz

Während sich die Kooperation mit dem Denkmalamt, speziell im Bezug auf den Einbau eines Fahrstuhls, schwierig gestaltete, beschreibt Architekt Kai Schümann die Zusammenarbeit mit den Handwerkern als ausgesprochen erfreulich: „Sehr gut war beispielsweise das Arbeiten mit dem Lehmbauer, der sich sehr engagiert und flexibel auf das Projekt eingelassen hat! Es kam sogar vor, dass dieser nachts auf die Baustelle fuhr, um den Lehmfeinputz abzureiben, weil es für das Material und die Oberfläche die ideale Lösung war.“ Dieses überdurchschnittlich hohe Engagement hatten die Architekten nicht vorausgesetzt und waren von dem sehr guten Ergebnis umso begeisterter. Ausgewählte Außenwände der denkmalgeschützten Fassade wurden mit einer Innendämmung und Lehmputz versehen. Als monolithisches System befestigten die Handwerker hierfür Multiporplatten auf den alten Wänden mit Lehm-Klebemörtel und verputzten diese anschließend mit Lehm. Bis auf wenige Wände im Erdgeschoss, die mit einem Sanierputz auf Kalkbasis behandelt werden mussten, bekamen auch alle anderen Innenwandflächen einen Lehmoberputz. „Dass wir auch zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten, hängt unter anderem mit der Besonderheit des Materials zusammen, das nun mal bestimmte Trocknungszeiten mit sich bringt, die wiederum je nach Baustelle, Jahreszeit und Wetter trotzdem sehr unterschiedlich und schwer planbar sein können“, erklärt hierzu Lehmbauer Johannes Meyering. „Eine Kombination von Lehm mit mineralischem Material, wie in diesem Fall der Multiporplatte, funktioniert nach unserer Erfahrung übrigens sehr gut. Früher haben wir häufig Stroh oder Holzfaser verwendet. Wenn dann aber Feuchtigkeit in die Dämmung gelangte, bestand die Gefahr, dass diese anfing zu schimmeln“, so Johannes Meyering. Auch Architekt Schümann ist von dem Wandaufbau überzeugt: „Toll ist hier auch die Kombination eines alten, historischen Materials wie dem Lehmputz mit einem hochmodernen Dämmmaterial der jüngsten Generation.“ Ein Außenwandsystem, das zudem ohne Dampfbremse auskommt, da der Wasserdampf frei durch die Konstruktion nach draußen wandern kann ohne sich abzulagern und so Feuchteschäden anzurichten.

Teilweise war es durch die Beschaffenheit der bestehenden Wände notwendig, an einigen Stellen bis zu 18 cm Ausgleichsputz aufzutragen. Auf die Innendämmung der Außenwände brachten die Handwerker zudem Heizregister auf und betteten diese mit Hilfe eines Gewebes in die Lehmputzschicht ein. „Lehm hat eine ausgesprochen gute Wärmeabstrahlung und ist daher das ideale Material in Kombination mit einer Wandheizung“, erläutert Lehmbauspezialist Meyering. An exponierten Stellen, wie den Fensterlaibungen, arbeitete er zum Schutz der Kanten mit Metallschienen. Insgesamt bildet der Putz aber in diesem Fall eine sehr robuste Oberfläche, da Meyering mit einem recht harten Material arbeitete: „Dies besteht zu etwa 90 Prozent aus schroffem Lehmkies aus unse­rer Region und wird dann mit 10 Prozent Tonzuschlägen aus dem Westerwald ergänzt“, erklärt Johannes Meyering.

Für die Außenwände des hinteren Seitenflügels war eine Dämmung von außen möglich. Hier brachten die Handwerker ein mineralisches WDVS mit Perimeterdämmung auf. Ein großer Vorteil für die energetische Sanierung des historischen Gebäudes waren die flachen Dächer. So konnte mit 24 cm Aufsparrendämmung sehr effizient gedämmt werden. Um aber dem historischen Erscheinungsbild gerecht zu werden und eine schmale Traufkante zu bewahren, versahen die Handwerker die Dachränder mit Hochleistungsdämmung, was zu einem entsprechend geringeren Kantenaufbau führte.

Historische Fensterprofile mit guten U-Werten

Interessant wurde es bei den Fenstern. Die Architekten fanden hier – nach ihrer Auffassung – nicht dem Denkmal angemessene, relativ plumpe Holz-Isolierfenster vor. Daher sollten nun die historischen Fenster rekonstruiert und trotz einer zierlichen Profilierung einem energetisch zeitgemäßen U-Werten entsprechen. Zur Straßen hin entschieden sich die Architekten daher für Doppelkastenfenster der Tischlerei Seltz mit jeweils nach außen aufschlagenden einfachverglasten Außenflügeln und zweifach verglasten modernen Innenflügeln, die in den Raum hinein aufschlagen. Auf der Hofseite wurden keine Kastenfenster, sondern ebenfalls von der Firma Seltz individuell gefertigte, energiesparende Blockrahmenfenster in dänischer Bauart verbaut. Auffallend schmale Profile sowie einzelne, auswärts schlagende Flügelelemente greifen hier das historische Vorbild auf, geben maximales Tageslicht und gewährleisten gleichzeitig eine einfache Handhabung für die Bewohner. Für zusätzliches Tageslicht in den Wohnungen im Dachgeschoss sorgen Flachdachfenster von Velux. Die Treppenhäuser werden über Lichtkuppeln natürlich belichtet.

Eine sehr spezielle Aufgabe war die Rekonstruktion von zwei Fenstern, beziehungsweise einer Tür und einem Fenster des Vorderhauses zur Hofseite. Die Ausgangstür zur Terrasse sowie die beiden Fenster links und rechts neben diesem Ausgang fallen durch ein kleinteiliges Rautenmuster der Sprossen sowie darin eingefasste bunte Gläser ins Auge. Eines der Fenster war noch im Original erhalten und konnte aufgearbeitet, die anderen beiden mit großer Sorgfalt nachgebaut werden. Beide Aufgaben übernahm die Lübecker Tischlerei Maaß, die sich auf die Aufarbeitung und Rekonstruktion historischer Fenster spezialisiert hat. Hierfür mussten die Profile und Verbindungen exakt 1:1 nachgebaut werden. Um dennoch den modernen energetischen Anforderungen an das Gebäude gerecht zu werden, wurden die Fenster jeweils mit einem Vorsatzfenster und die Tür mit einem Verbundflügel versehen. „Man muss sich auf die alten Konstruktionen einlassen. Fast jede Profilierung ist einzigartig, da es damals keine Normen gab. Jeder Tischler und jeder Architekt fertigte seine eigenen Profile an“, erläutert Tischlermeister Jan Maaß.

Dieses Sich-drauf-Einlassen der Handwerker sowohl auf die vorgefundene Bausubstanz, als auch auf das eingesetztes Material, macht einen Großteil der Qualität aus, die das Projekt KÖ15 heute auszeichnet. Der Umbau eines historisch wertvollen Gebäudes zu zeitgemäßem Wohnraum ist hier nicht nur gut geplant, sondern auch handwerklich sorgfältig umgesetzt.

Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als frei Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften Der Bauherr, Passivhaus Kompendium, DBZ sowie bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
x

Thematisch passende Artikel:

Ausgabe 2016-1-2

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Sanierung und der Umbau eines alten oder gar historischen Gebäudes macht nur Sinn, wenn es für dieses auch eine Nutzung gibt. Die reine Konservierung als Dokument der Zeit- oder Baugeschichte...

mehr
Ausgabe 2011-11

Wettbewerb „Häuser des Jahres“ entschieden

Erstmalig lobte der Callwey Verlag in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architektur Museum den Wettbewerb „Häuser des Jahres – die besten Einfamilienhäuser“ aus. Die Jury wählte aus gut 200...

mehr
Ausgabe 2012-12

Passivhaus-Schule in Blaichach

Das erste zertifizierte Passivhaus-Schulgebäude im Allgäu steht in Blaichach. Im Rahmen der Einweihungsfeier des 1,8 Millionen Euro teuren Anbaus an die bestehende Schule wurde Mitte des Jahres das...

mehr
Ausgabe 2013-1-2

Denkmalgeschütztes Freiberger Wohnhaus wird Passivhaus

Ein historisches Gebäude in der Freiberger Innenstadt mit einer Bausubstanz aus dem 16. beziehungsweise 19. Jahrhundert wurde jüngst in ein komfortables Wohnhaus umgebaut – verbunden mit dem...

mehr