Bürogebäude ohne Heizung in Lustenau

Es ist möglich ein Bürogebäude zu bauen, das ohne konventionelle Heiz-, Kühl- oder Lüftungstechnik auskommt und gleichzeitig hohe Komfortwerte erreicht. So geschehen nach Plänen des Architektur­büros be baumschlager eberle im österreichischen Millennium Park in Lustenau.

Durch die geschickte Ausnutzung der Umgebungsbedingungen, Tageslichtverläufe und der thermischen Speicherung von Sonnenenergie kommt ein 2013 nach Plänen des Architekturbüros be baumschlager eberle im Millennium Park in Lustenau in Österreich (Vorarlberg) fertiggestelltes Bürogebäude ganz ohne Wärmetechnik aus. Der Schlüssel hierzu liegt vor allem in der massiven Bauweise mit Betondecken und Außenwänden aus Ziegelmauerwerk, deren Wärmeleitung und Wärmespeicherkapazität man sich dabei zunutze macht. Die Ziegelwände besitzen nämlich einerseits eine sehr geringe Wärmeleitung, gleichzeitig nutzt man aber auch deren hohe Wärmespeicherkapazität. Letztlich ermöglichen die hohen Räume, kombiniert mit schlanken Fenstern, sowohl einen außerordentlichen Eintrag von Tageslicht in die Raumtiefe als auch ein großes Luftvolumen. Der passive Wärmeeintrag spielt im Winter eine wichtige Rolle, hat im Sommer jedoch keinen nachteiligen Einfluss. Das Besondere sind in diesem Zusammenhang hier die eigens konstruierten Lüftungsklappen, über die der Lüftungsbedarf reguliert wird.

 

Auf den Ersten Blick: Alles Low-Tech

Die Konstruktion ist eigentlich recht simpel: Als klassischer Massivbau mit Ziegelwänden und aufgelegten Stahlbetondecken unterscheidet sich das Gebäude zunächst lediglich durch die massiven Außenwände und ungewöhnliche Raumhöhen von gewöhnlichen Ziegelbauten.

Die Gebäudehülle errichteten die Maurer aus zwei homogen vermauerten und bezüglich ihrer Fugen versetzten Ziegelreihen mit jeweils 38 cm Tiefe. Die innere Wand ist mit einem statischen Ziegel ausgeführt, was sie etwa doppelt so schwer werden lässt wie die äußere. Diese Ziegel tragen das Gebäude. Der äußere, isolierende Ziegel, hat größere Hohlräume und einen geringere U-Wert.

Die Ziegel sind mit Kalkmörtel vermauert und mit Kalk verputzt. Durch die enorme Wanddicke werden kurzfristige Temperaturschwankungen fast vollständig ausge­glichen.

Das Gebäude besteht aus sechs Stockwerken mit quadratischem Grundriss. Pro Etage gibt es vier Haupt­räume, die jeweils in den Gebäudeecken angeordnet sind. Jeder Raum besitzt somit Außenwände in zwei Himmelsrichtungen, wodurch stets eine Querlüftung möglich ist. Keine der Innenwände ist bis zur Außenwand ausgeführt, dadurch ist jedes Stockwerk architektonisch flexibel gestaltet. Das Gebäude kann im Inneren jederzeit verändert werden.

Die vertikalen Lüftungsklappen der Fenster werden mechanisch betrieben. Sie regeln den Wärmehaushalt als auch die Frischluftzufuhr. Je nach CO2-Konzentration, Innen- und Außentemperatur sowie Luftfeuchtigkeit werden sie computergesteuert betätigt. Neben der Regelung über den CO2-Gehalt gibt noch eine Nachtregelung.

Grenzkosten gegen Null

In der Betriebswirtschaft gibt es den Begriff der Grenz­kosten, der die inkrementelle Kosten, das heißt die zusätzlichen Kosten, die durch eine Entscheidung beziehungsweise Investition anfallen, beschreibt. Diese sind beim Bürohaus in Lustenau sehr gering. Für die Errichtung waren Investitionskosten von rund 1500 €/m2 notwendig. Speziell durch den Verzicht auf Haustechnik konnte das Gebäude rund 35 Prozent günstiger erstellt werden. Die Kosten sind somit mit denen eines durchschnittlichen Bürogebäudes vergleichbar. Der große Unterschied liegt in den Betriebskosten: Im Haus gibt es wenig, was Energie verbraucht, Wartung benötigt oder ersetzt werden muss. Die Kosten sind also dauerhaft niedrig. Hier schlägt die fehlende Haustechnik deutlich zu Buche. Im ersten Jahr betrug der gesamte Stromverbrauch inklusive Warmwasserbereitung, Lift, Küche und Beleuchtung gerade einmal 120 MWh/a. Der spezifische Energieverbrauch lag somit bei 38 kWh/m2a.

 

Bürohaus ohne Technik im Detail

Auf den tragenden Ziegeln legten die Handwerker vorgespannte Filigrandecken auf. Sie sind vorgespannt, um die Einrüstung beim Ausgießen und die Dicke der fertigen Decke zu minimieren. Bei knapp 8 m Spannweite ließ sich so eine Gesamtdicke von 25 cm erreichen. Auf der Decke liegt der Fertigboden, auf Polsterhölzern wiederum eine Spundschalung aus ungehobelter Fichte, abgedeckt mit einer Schalldämmmatte. Darauf haben die Handwerker den Fließestrich vergossen. Der Einbau der Fenster erfolgte raumseitig putzbündig. Die Vollholzrahmen montierten die Handwerker in einem gemauerten Anschlag, der Außenputz schließt mit dem Glas ab, der Innenputz ist bündig mit dem auf ganzer Breite sichtbaren Holzrahmen.

Im Unterschied zu der üblichen Bauweise wurden keine Winkelschienen versetzt, Dichtungsbahnen verklebt, Heizleitungen verlegt, Lüftungskanäle abgehängt, Unterdecken montiert oder Schlitze geschlagen. Es sind nur vier Fallleitungen und ein Installationsschacht für Elektroleitungen nötig.

 

Fazit

So ungewöhnlich die Idee und Ausführung eines Gebäudes ohne Heizung auf den ersten Blick erscheinen mögen, so komplex ist sie dennoch in ihrer Planung. Durch den Verzicht auf so manches, auch unter Berücksichtigung der Langlebigkeit, geht man damit einen neuen Weg. Das Gebäude ist zwar passiv hinsichtlich der Nutzung von internen Energiequellen aber vor allem träge und speichernd. Es gibt auch Antworten auf die Frage: Wie bauen wir preiswert in einer Zeit knapper Ressourcen? Durch den sparsamen Umgang mit stofflichen Ressourcen rückt es deren Dauerhaftigkeit ins Zentrum. Es führt die technische Intelligenz wieder in den Bau zurück und setzt diese mit menschlichen Ressourcen um.

Autor

Dipl. Ing. (FH) Matthias Hüttmann hat in Gießen Energie- und Wärmetechnik studiert und ist seit 1994 in der Solarbranche tätig. Im Anschluss an seine Tätigkeit als Berater sowie Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Firma solid in Fürth ist er mittlerweile als freier Journalist tätig. Er ist Verfasser von Fachbeiträgen, Buchautor, Chefredakteur der Zeitschrift Sonnenenergie.

Die Ziegelwände besitzen einerseits eine sehr geringe Wärmeleitung, gleichzeitig nutzt man deren hohe Wärmespeicherkapazität