Künstler Gerhard Mayer gestaltet die JVA Augsburg mit Farbwolken per Abziehfolie

In Augsburg wurde die in die Jahre gekommene Justizvollzugsanstalt 2015 geschlossen und durch einen Neubau im Vorort Gablingen ersetzt. Neben der Einhaltung höchster Sicherheitsstandards wurde viel Wert auf Farbe gelegt, um den Ort insbesondere für seine Insassen positiver zu gestalten.

Fährt man mit dem ICE von München nach Stuttgart, passiert man linker Hand etwa nach 20 Minuten eine große, markant bemalte Wand auf einem eingeschossigen Gebäude. Regelrecht werbewirksam erscheint das Kunstwerk auf der Schildmauer des Pförtnerbaus der neuen Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen.

Der Nürnberger Künstler Gerhard Mayer hat die an Wolkenstrukturen erinnernde, 222 m² große Wandgrafik geschaffen. Er ging als Sieger aus einem Wettbewerb hervor, der zudem die Gestaltung von 13 Innenwänden umfasste. Wie bei jedem öffentlichen Ge­bäude musste auch bei einer Justizvollzugsanstalt darauf geachtet werden, dass 0,5 – 1 Prozent der Bausumme in Kunst am Bau investiert werden. Die Gesamtkosten für die JVA beliefen sich auf 105 Millionen Euro. Demnach stünden in Augsburg-Gablingen für Kunst am Bau bis zu 105 000 Euro zur Verfügung. Realisiert wurde die JVA im Rahmen eines Public-Private-Partnership-Verfahrens durch Dömges Architekten aus Regensburg, die den Auftrag vom Staat­lichen Hochbauamt des Freistaates Bayerns erhielten.

Augsburg-Gablingen gilt derzeit als Europas sicherstes Gefängnis, bei dem zusätzlich auf eine besonders soziale Unterbringung seiner Insassen geachtet wird. Neben entsprechenden Angeboten und Sportmöglichkeiten geschieht das auch durch den bewussten Einsatz von Farbe und Kunst. So gibt es neben den Mayerschen Wandgrafiken auch ein allgemeines Farbleitsystem zur besseren Orientierung.

Künstlerischer Schaffungsprozess

Die Schildwand-Grafik besteht aus drei Ebenen von gleichorientierten, elliptischen Strukturen, die verschiedenfarbig angelegt und zueinander verschoben sind. Die Kurvenscharen sind in einem extrem hellen Gelb, einem dunklen Blau und einem dunklen Rot vor einem hellblauen Hintergrund angelegt. Je nach Blickwinkel des Betrachters variiert der perspektivische Eindruck der grafischen Arbeit. Gerade aus einem vorbeifahrenden Zug heraus scheint sich das Bild dyna­misch zu verändern.

Das Kunstwerk entwickelte Gerhard Mayer im Maßstab 1:10 als Tuschezeichnung auf Papier in seinem Nürnberger Atelier. Exakt legte er von Hand mit klassischen Rapidograph-Tuschestiften unter Zuhilfe­nahme von Ellipsenschablonen den Kurvenverlauf an und füllte anschließend die in Schwarz gedachten Felder mit einem Zeichenpinsel aus. So entstand ein 0,6 m hohes und 3,70 m langes Prospekt, dass er scannen ließ. Am Rechner duplizierte er den Scan zweimal und schuf so drei Ebenen, die er leicht gegeneinander verschob. Von diesem Layout ließ er aus selbstklebenden Folien plottergeschnittene Farbmasken erstellen. Das Verfahren ist sonst für das Anbringen von Schrift­zügen sehr gebräuchlich.

Kunst als Abziehfolie

Eine Herausforderung war das millimetergenaue ­Aufbringen der Farbmaskenfolien auf der 6 m hohen und 37 m langen Wandscheibe. Erstellt im Format DIN A 0, wurden diese wie Tapetenbahnen senkrecht nebeneinander angebracht. Pro Wandseite waren 31 Bahnen erforderlich, die aneinandergestoßen wurden; überlappend wurde nicht gearbeitet. 3 mm Toleranz akzeptierte der Künstler, größere Ungenauigkeiten hätten die dynamische Wirkung des Bildes zunichte gemacht.

Zunächst musste der mit der Ausführung beauftragte Malermeister Thomas Ney eine horizontale und eine vertikale Referenzlinie festlegen. Hierbei konnte er nicht wie üblich mit einem Lasernivellierer arbeiten, da die äußeren Erschütterungen, etwa von den regelmäßig vorbeifahrenden ICE-Zügen oder von schweren Baustellenfahrzeugen, unvermeidlich waren. Übrig blieb das klassische Einmessen mit Schlauchwasserwaage, Schnur und Lot, was sich bei dieser Wandlänge jedoch ebenfalls als ambitioniertes Unternehmen herausstellte. Um ein Durchhängen der Schnur möglichst auszuschließen, wählte der Malermeister eine 2 mm dicke Angler-Nylonrundschnur. Diese führte er über zwei Umlenkrollen parallel zur Maueroberkante und spannte die Schnur, indem er an diese beidseitig jeweils 150 kg schwere Gewichte hängte, die knapp über dem Boden hingen.

Zum eigentlichen Anbringen der Maskierbahnen fixierte Malermeister Ney diese zunächst provisorisch an einer eigens erstellten Holz-Aluminium-Konstruktion, die mit Stellschrauben und Seilspannern in der Ver­tikalen einzeln für jede Bahn justiert werden musste. Zudem wiesen die Maskierungsbahnen an definierten Stellen runde Passlöcher auf. Diese führten die Hand­werker präzise über temporäre Passpunkte (2 cm lange, korkenähnliche Holzzylinder), die sie zuvor mit Aufbringen der ersten Folie auf der Wand mit PU-Kle­ber angebracht hatten. Allerdings benutzten die Maler diese „Passer“ nur als ersten Anhalt, denn letztendlich erfolgte das exakte waagerechte Ausrichten von Hand. Während der Ausführung stand Malermeister Thomas Ney auf der obersten Gerüstebene und justierte die Alu-Schiene, auf beiden Ebenen darunter stand jeweils ein Mitarbeiter, der die jeweiligen Pass­punkte und die Seitenstöße von Hand prüfte. Fest­gedrückt wurde die Folie schließlich von einer unmittelbar folgenden, ebenfalls drei Mann starken zweiten Kolonne.

Das gewissenhafte Aufbringen der Folie nahm die längste Zeit der Vor-Ort-Arbeiten des Kunstwerks, nämlich fast vier Wochen, in Anspruch. Dafür wurde die Schildwand beidseitig eingerüstet und mit Schutzfolien wetterfest eingehaust.

Spritzen für eine runde Sache

Die Mauerkrone ist abgerundet angelegt, um ein Verkeilen von Wurfankern zu unterbinden. Das beidseitig angebrachte Kunstwerk reicht bis zum Halbkreisscheitel, wo der Künstler einen Stoß setzte und seine Großgrafik spiegelsymmetrisch wieder nach unten laufen lässt. Um diesen gekrümmten Bereich zu maskieren, wurden nach Fixierung der senkrechten Wandfläche die Folien aus der Alu-Schiene ausgehängt und passgenau auf die Rundung bis zum Scheitel aufgelegt.

Die Folien-Montage führten die Handwerker stets für eine Farbe komplett beidseitig aus, um danach alles in einem Durchgang mit der Spritzpistole zu streichen. Die Maler verwendeten dafür ein Airlessgerät, das Farbpartikel ohne Trägergas ausstößt und nur mit Materialüberdruck arbeitet. Dies hat einen deutlich gleichmäßigeren und dichteren Farbauftrag zur Folge. Als erstes trugen die Maler die rote Lage auf, der so genannte Zweite Schlag war das Blau, das in der Waagerechten um 14 cm nach rechts verschoben ist. Der dritte und oberste Schlag ist schließlich ein auf den Fotos weißlich erscheinender heller Gelbton. Dieser wurde relativ zur blauen Farbebene darunter um 10 cm nach rechts und 10 cm nach oben verschoben aufgesprüht.

Verarbeitet wurde die sprühfähige Farbe „Evocryl 200“ von Brillux. Die Farbe zeichnet sich durch eine besondere UV-Beständigkeit und durch eine gute Untergrundhaftung aus. Auch war sie in der Regel schon nach zwei Stunden trocken, was das rasche Entfernen der Folie sehr beförderte. Das Material ist zudem so haftstark, dass es nicht beim Entfernen der direkt darauf aufgebrachten neuerlichen Maskierungsfolie mit abreißt.

Neben diesen Materialeigenschaften schätzt Künstler Gerhard Mayer auch die Oberflächenwirkung des Materials. Für ihn geht diese in Richtung einer Dispersionsfarbe und wirkt weniger wie ein Lack. Im Unterschied zur Dispersion wirkt „Evocryl“ jedoch viel sandiger und matter. Gerade bei direkter Sonneneinstrahlung unterbleiben daher unschöne Reflektionseffekte.

Digitale Ungenauigkeiten

Anders als vermutet, waren die 6 m langen vertikalen Bahnen nicht der Quell kleinerer Ausführungsungenauigkeiten. Das Maskenmaterial erinnert stark an Krepppapier, es neigt nicht dazu – wie etwa eine Plastikfolie – sich unter ihrem Eigengewicht auszudehnen. Ungenauigkeiten entstanden hingegen direkt am Schneidplotter: Zwar arbeitete die Cutterklinge hochpräzise, aber eine Gummiwalze führte die Maskierungsfolie automatisch nach. Bei der beachtlichen Bahnenlänge waren also Nachführungsfehler unvermeidlich, die sich am Ende jedoch nicht tragisch auswirkten.

Autor

Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.