Neue Fenster für das historische Rathaus in Bad Cannstatt

Bei der Sanierung des über 500 Jahre alten Rathauses in Bad Cannstatt wurden alte Fenster aufgearbei­tet und neue sehr authentisch nachgebaut. Durch ihre besonders schlanken IV-58 Profile lassen sie besonders viel Licht herein. Neue Dachfenster mit Sonnenschutzfolie ermöglichen eine Nachtlüftung.

Das Bad Cannstatter Bezirksrathaus wurde 1490/91 erbaut. Nach dem Ergebnis der Bauforschung wurde es vermutlich als Kornhaus und Marktgebäude genutzt. Im Stadtkreis Stuttgart ist es das mit Abstand größte erhaltene spätgotische Fachwerkgebäude, vergleichbar mit den handwerklich herausragenden Rathäusern von Esslingen und Tübingen. Seine auf hohem Niveau umgesetzte Holzkonstruktion erlaubte eine über 500 Jahre lange Nutzung. Während dieser Zeit wurde das Gebäude mehrfach grundlegend umgebaut und saniert, auch um gravierende Setzungsschäden auszugleichen. Denn eine Ecke liegt über einer Senke (Doline) und ist um etwa 80 cm abgesunken. Trotz der hohen Denkmalschutzauflagen konnte das Stuttgarter Architekturbüro Manderscheid Partnerschaft den Energieverbrauch halbieren. Je größer ein Gebäude ist, umso eher verbrauchen Heizung, Kühlung und Belichtung erheblich Energie. Da ist es gut, den Fenstern besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Schlanke Fensterprofile

In der Fassade waren vereinzelt Rahmen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert erhalten geblieben. Diese reparierte Thomas Loch aus dem thüringischen Blankenhain, der mit seiner 10-köpfigen Mannschaft und langer Berufserfahrung den nötigen Sachverstand mitbrachte. Insgesamt 70 zweiflügelige Stulpfenster baute er auf „Standardmaschinen“ neu. Bei den Profilen der neuen Fensterrahmen hatte das Architekturbüro um jeden Millimeter gerungen. Bei den relativ kleinen, historischen Fenstern fallen die Fenster­profile besonders ins Gewicht. In Bad Cannstatt wurden besonders schlanke Profile in Anlehnung an IV-58 -Standard verwendet. Sie lassen deutlich mehr Licht herein, als die bei Altbauten meist verwendeten IV-68/78 Profile aus Holz. Die Glasleisten sind leicht abgeschrägt und stehen über den Rahmen über. So unterstützen sie die schlanke Wirkung. Zudem sind die Brüstungen geschlossene, anstatt mit V-Fuge. „Wir arbeiten mit der geschlossenen Brüstungsfuge, zum einen weil sie historisch begründet ist, zum anderen weil ich sie persönlich für dauerhafter halte,“ betont Tischlermeister Thomas Loch. „Und ich halte sie deshalb für dauerhafter, weil durch den inzwischen üblichen Radius das Hirnholz geöffnet wird. Durch die Kapillarwirkung des Hirnholzes kann sehr viel Feuchtigkeit in die Eckverbindung eindringen. Das hat in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem als es noch keinen V-Fugensiegel gab, zu sehr vielen Schadensfällen geführt. Wir können diese Gefahr vollkommen ausschließen.“ Zur Außenseite hin brachte er den Radius auf den übrigen Kanten nach dem verleimen mit einer kleinen Maschine an. Zur Innenseite hin beließ er die Profile scharfkantig. Die Kanten sind hier nur ganz leicht mit einem Schleifklotz gebrochen.

Die Holzlamellenläden aus den 1970ern wurden aufgearbeitet beziehungsweise ergänzt. Sie können den sommerlichen Wärmeschutz verbessern. Kritische Fenster beziehungsweise solche mit Läden, die wegen Blumenkästen schlecht geschlossen werden können, erhielten zusätzlich hochwertige Sonnenschutzgläser und innenliegende Flächenvorhänge als Blend- und Sonnenschutz.

„Echte“ und „falsche“ Sprossen

In den Obergeschossen forderte das Denkmalamt zweiflügelige Holzfenster mit einer angemessenen Feingliederung durch Sprossen. „Echte“ Sprossen hätten allerdings das Wärmeschutzglas geteilt und den Primärenergiebedarf des Gebäudes um knapp 3 Prozent erhöht. Auch innerhalb des Wärmeschutzglases eingebaute Sprossen sind energetisch nicht optimal und für das Architekturbüro gestalterisch fragwürdig. Um die Wärmeverluste zu reduzieren, wurden die Sprossen durch mit Abstand vorgesetzte Metallprofile ausgebildet. Auch im Erdgeschoss spielte Christoph Manderscheid mit dem Thema Fenstergliederung und teilte die großen Öffnungen durch ein im Abstand davor gesetztes senkrechtes Stahlprofil.

Vor dem Einbau der Fenster bemängelte Thomas Loch die hohe Raumfeuchte. „Stand der Technik ist, dass maßhaltige Holzbauteile im Innenbereich nicht länger mehr als maximal 60 Prozent relativer Feuchte ausgesetzt werden dürfen“, bekräftigt er. „Die normelle Abgrenzung ist etwas schwierig. Spätestens wenn sich auf den Innenseiten der Isolier-Gläser Beschlag zeigt, ist es ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Raumluftfeuchte zu hoch ist. Die Innenräume sind heute so gut abgedichtet, dass die Bau-Feuchte nicht mehr entweichen kann. Manche Baustelle wird da zu einem ‚Gewächshaus‘. Das Problem kenne ich auch aus meiner Tätigkeit als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger.“ Auf der Winterbaustelle ließ er die Raumluftfeuchte und Temperatur überwachen. Daraufhin wurden Bautrockner aufgestellt. „Wir mussten einiges an Überzeugungsarbeit leisten“, erinnert er sich.

Gewände aus Sandstein

Die Natursteingewände hatte man früher einmal mit zementhaltigem Mörtel repariert. Sie wurden steinmetztechnisch saniert und mit hochwertigerem Reparaturmörtel ausgebessert. Zu schadhafte Fensterbänke hat der Steinmetz neu hergestellt. Darauf wurden die gesamten Gewände mit Dispersionssilikatlasur im Ton des Putzes überstrichen. Der reine Kalkputz ist mit etwas hellem Ocker abgetönt und enthält Zuschläge aus schwarzem Marmorsplitt.

Neue Dachfenster

Die Neuorganisation sah auch eine Nutzung und einen Ausbau im Dachgeschoss vor. Die dort entstandenen neuen Büros belichten Dachfenster, deren Schuppenstruktur gut zu der Dachdeckung mit Biberschwänzen passt. Sie liegen im Übergang von Dachsparren zum Aufschiebling. Den Knick gleicht ein separater Rahmen um die Dachfenster aus. Ihre Lamellen mit zweifach-Wärmeschutzgläsern lassen sich individuell motorisch öffnen. Auf der Südseite erhielten die Fenster gelochte Metallfolien als Sonnenschutz. Im Gegensatz zu sonst oft üblichen getönten Folien sind sie durch ihre gerichtete Lochung farbecht und ermöglichen zudem einen guten Ausblick in der Horizontalen. Die in den Gläsern liegenden Folien verschatten besonders im Sommer effizienter als getönte Scheiben und sind günstiger im Unterhalt als außenliegende Verschattungen. Im Winter ist ihr g-Wert knapp doppelt so hoch wie im Sommer. In den Sommernächten können die Fenster motorisch aufgefahren werden. Durch einen kleinen, effizienten Ventilator verstärkt, kann so gut quer gelüftet werden. So kühlt das Dachgeschoss Nachts immer wieder herunter und die Temperatur schaukelt sich nicht auf.

Denkmalgerechte Gauben

Auf der Südseite gibt es mehrere sehr kleine, historische Gauben. Sowohl eine Außen-, als auch eine Innendämmung hätte sie stark verändert. Das Team von Thomas Loch setzte sie deshalb handwerklich in Stand und reparierte die mit Einscheiben verglasten Fenster. Zur Wärmedämmung bauten sie innen in der Ebene der Sparren, in der auch das Dach gedämmt ist, zusätzliche Fenster mit Wärmeschutzverglasung ein. Zur Belüftung können sie geöffnet werden.

Historische Giebelfenster

In den Giebeln befinden sich historischen Fenster. Diese wurden weitgehend erhalten und von der Tischlerei Loch restauriert. Ab dem unbeheizten zweiten Dachgeschoss erhielten sie keine Wärmeschutzverglasung. Im beheizten ersten Dachgeschoss wurde das obere Halbkreisfenster erhalten und mit einer innen vorgesetzten, demontierbaren Wärmeschutzverglasung zu einer Art Verbundfenster umgebaut.

Mit all diesen Maßnahmen sind die historischen „Augen“ des alten Rathauses in Bad Canstatt wieder hergestellt. Durch die handwerklich gekonnte Verarbeitung ist eine lange Lebensdauer zu erwarten.

Autor

Dipl.-Ing. Achim Pilz ist Architekt und Buchautor. Sein Schwerpunkt sind Themen zum ökologischen Bauen. Er lebt und arbeitet in Stuttgart.  www.bau-satz.net

Baubeteiligte (Auswahl)

Sanierungsbauherr Stadt Stuttgart, Hochbauamt, www.stuttgart.de/hochbauamt

Architektur Manderscheid Architekten, Stuttgart, www.manderscheid-architekten.de

Bauphysik BückleBauphysik für HNB Partnerschaft, Backnang, www.bueckle-bauphysik.de

Fensterbau Tischlerei Thomas Loch, Lengefeld

Rohbau Bauunternehmung Keller Wilhelm,

Denkendorf, www.w-keller-bau.de

Innenputz Kraft GmbH Stuckateurmeister, Filderstadt-Sielmingen, www.kraft-stuckateurmeister.de

Projektdaten (Auswahl)

Konstruktion Das Bezirksrathaus Bad Cannstatt ist ein spätgotisches Fachwerkgebäude

Baujahr 1491

Dachfenster Wärmeschutzverglasung Uw ≤ 2 W/m²K. Nach Norden Sonnenschutzglas g-Wert ~ 0,3. Nach Süden mit gerichtet gelochter Sonnenschutzfolie Microshade (www.photosolar.dk) Sommer g-Wert
~ 0,12 / Winter ~ 0,2

Fensternachbauten Profile mit 58 mm schlanken Abmessungen, übliche Drehkippbeschläge, Ug = 1,3 W/m²K. Scheiben statisch wirksam im Rahmen verklebt, Falzgrund hohlraumfrei ausgefüllt, Uw = 1,4 W/m²K

Thomas Loch

Tischlermeister Thomas Loch aus dem thüringischen Blankenhain ist von der Handwerkskammer Erfurt öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für das Tischlerhandwerk. Er hat sich mit seinem Unternehmen auf die Restaurierung und Rekonstruktion historischer Fenster spezialisiert. In seiner Tischlerei baut er mit seinem Team Verbund-, Kasten- und Einfachfenster nach und restauriert derartige Konstruktionen. Ebenso werden Isolierglasfenster mit geschmälerten Profilen gefertigt – für Denkmale in ganz Deutschland. Für das Cannstatter Rathaus sanierte er mehrere historische Fenster und baute 70 zweiflügelige Stulpfenster mit nur 58 mm Bautiefe aus Kiefer nach. Für die unteren Friese von Flügel und Rahmen verwendete er Eiche. Wetterschenkel und Flügelholz fertigte er dabei aus einem Stück. Witterungsschutz bietet ein Acryllacksystem. Die aufgearbeiteten Fenster erhielten einen Anstrich mit  Leinöl.