Hansemuseum Lübeck: Restaurierung im Burgkloster

Das Lübecker Burgkloster stellt die Keimzelle der Hansestadt dar und ist heute Teil des neu geschaffenen Hansemuseums. Dazu wurde insbesondere das Erdgeschoss des Baudenkmals umfassend restauriert. Dabei ging man neue Wege bei der Instandsetzung der dortigen, mittelalterlichen Schmuckfußböden.

Das Lübecker Burgkloster entstand aus einer landesherrlichen Burg, die vermutlich 1143 errichtet und 1229 dem Dominikanerorden übergeben wurde, die es Maria-Magdalena weihten. Nach dem Stadtbrand von 1276 entstand ein Neubau in klostertypischer Anordnung. Während der Kapitalsaal, der Kreuzgang oder die Refektorien noch heute bestehen, wurde die gotische Kirche 1818 wegen Baufälligkeit abgerissen. An ihrer Stelle errichtete man im 19. Jahrhundert eine kleine, freistehende Schule, die noch heute von einem Hof umgeben ist. Die verbliebenen Klosterbauten wurden neugotisch überformt, das Obergeschoss der Klausur zu einem Gerichtsgebäude umgebaut, das bis 1962 in Nutzung war. Andere Teile des Ensembles dienten vor dem Zweiten Weltkrieg sogar als Gefängnis. Anfang der 1980er Jahre wurde das ehemalige Kloster zu einem Kulturforum umgebaut. Dazu erhielt es angrenzend an den Schulhof einen postmodernen Vorbau und im Erdgeschoss eine Fußbodenheizung (weil man ohne unschöne Heizkörper arbeiten wollte), die jedoch nur nutzungsbedingt und mit einer Nachtabsenkung arbeitend bis 2011 betreiben wurde. Letztendlich waren die damit verbundenen, häufigen Temperatur- und Luftfeuchtewechsel verantwortlich für die massiven Bauschäden, die insbesondere den wertvollen, mittelalterlichen Schmuckfußboden schwer schädigten. Statisch relevante Bauschäden gab es am historischen Burgkloster hingegen nicht.

Orientierung

Heute ist das Burgkloster Teil des im Mai 2015 eröffneten Europäischen Hansemuseums, dessen Neubauteil und museales Konzept vom Hamburger Architekten Andreas Heller entwickelt wurde. Den Neubauteil kann man als Substruktion des Hügels lesen, der vom Altbau bekrönt wird und diesen entlang einer Ausfallstraße abfängt. Ihm wich ein Bunker am Nordende der seit 1987 als Weltkulturerbe geschützten Altstadt, dem ersten Flächendenkmal Deutschlands. Der Alt- und Neubauteil ist nicht intern miteinander verbunden. Besucher müssen zunächst die markante Freitreppe aufsteigen. Dann gelangen sie über den ehemaligen Gefängnishof zum zweigeschossig museal genutzten Altbauteil, den sie über ein zum Haupteingang aufgewertetes, neugotisches Nebentreppenhaus betreten.

Der Bau als Exponat

Museales Konzept des Architekten und Ausstellungsmacher Andreas Heller war es, das instandgesetzte Erdgeschoss des Burgklosters als Exponat zu inszenieren und es nicht mit eingestelltem Mobiliar zu bespielen. Die gotischen Räume stehen für sich allein mit ihren verstrebten Gewölben, den kapitellartigen, mittelalterlichen Stuckkonsolen und den restaurierten Wandmalereien. Höhepunkte sind zwei Schmuckfußböden, die aus tönernen Mosaiksteinen zusammengesetzt sind. Sie sind so fragil, dass sie nicht betreten werden dürfen: Der des ehemaligen Hospitals kann von einem eingestellten Steg aus, der Sakristeifuß­boden dagegen nur durch eine Glasfront hindurch bewundert werden. Die Entwicklung des restauratorischen Konzeptes der Räume und dieser Böden oblag der Diplom Restauratorin Elke Kuhnert, die seit vielen Jahren planerische Aufgaben von Restaurierungsvorhaben in Lübeck übernimmt.

Kein Stein ausgetauscht

Nach Abnahme der zerstörten Oberflächen der Schmuckfußböden stellte Kuhnert fest, dass die unteren Bereiche der Mosaiksteine noch vollständig vorhanden waren. Ein Ergänzen von Fehlstellen, wie der in den 1980er Jahren großflächig aufgetragene Zementestrich nahelegte, war gar nicht erforderlich. Vielmehr musste nunmehr eine Lösung gefunden werden, um die auf die Hälfte ihrer Höhe verwitterten Mosaikplättchen neu, aber reversibel aufbauen zu können.

Grundsätzlich bestehen die Ton-Steinchen aus drei Farben: Schwarz, Rot und Weiß. Die schwarzen Steine könnte man durchaus auch als bewusste Fehlbrände bezeichnen. Es waren die härtesten und mit am besten erhaltenen Mosaiksteine. Die Roten sind quasi reguläre Ziegelbrände, die Weißen haben eine kaolinartige Zusammensetzung, die Richtung Porzellan geht, und wiesen die größten Beschädigungen auf. Die Bodeneinlagen bestehen nicht aus einzelnen Steinen, sondern aus farbigen Steinstreifen, die von den mittelalterlichen Handwerkern eingelassen wurden. Diese waren teilweise L-förmig vorgeformt und besaßen Scheinfugen, die kleinteilige Mosaikplättchen vortäuschten, die mit Mörtel zur Zierde ausgefüllt wurden. Auch damals machte man es sich ab und an mal einfach.

Swingerclub der Salze

Der eigentlichen Instandsetzung ging eine wissenschaftliche Untersuchung am Materialprüfungsamt in Bremen vorweg. Dr. Frank Schluetter, spezialisiert auf Ziegel, Terrakotten, Keramik und Putze, führte umfassende Feuchtebestimmungen durch und ermittelte durch Simulationsprogramme insbesondere die Kristallisationsverläufe der materialschädigenden Salze.

„Salze sind nicht alle gleich“, fasst Elke Kuhnert die Ergebnisse zusammen. „Es gibt eine Art Lübecker Cocktail aus stark hygroskopischen, also feuchtigkeitsbindenden Salzen. Diese gehen schon bei geringen Temperatur- und Feuchteschwankungen ganz unterschiedliche Bindungen ein.

Hierzu bemüht die Restauratorin augenzwinkernd das Bild eines kleinen Swinger-Clubs: „In dem Moment, wo das Klima nicht mehr so optimal passt, wechsele ich den Partner. Anionen und Kationen verbinden sich so mit anderen Partnern. Aus Natriumchlorid (Kochsalz) und Kaliumnitrat wird etwa Natriumnitrat und Kaliumchlorid.“

Es ist ein „explosiver Cocktail“, weil die Salze verschiedene Eigenschaften haben und bei anderen Tempe­raturen und Feuchtigkeiten in Lösung gehen oder kristallisieren. Ziel muss es sein, die Migration zu unterbinden, da insbesondere mit der Kristallisation eine enorme und zerstörerische Volumenveränderung einhergeht. Die Schwierigkeit ist, einen Korridor zu bestimmen, in dem es nicht zu trocken (Kristallisation) und auch nicht zu feucht (Ionenmigration) ist. Für die meisten, auch zugänglichen Räume, legte sie einen Bereich von 55 bis 62 Prozent Luftfeuchtigkeit fest.

Durchlässiges Pflaster

Kuhnert hat einen Weg gefunden, über Kieselsäureesterkombinationen den strukturellen Endfestigungen der Mosaikplättchen zu begegnen. Das Gesteinsmehl war natürlich ein Substanzverlust, der entfernt werden musste. Um die rudimentären Mosaikplättchen wieder auf ihre ursprüngliche Höhe aufzubauen, wählte Elke Kuhnert einen Ergänzungsmörtel, den sie aus konfektionierten Produkten in aufwendigen Vergleichstests ermittelte, die allein mit 22 000 Euro zu Buche schlugen. Der zementfreie Steinergänzungsmörtel „Mineros 2000 PZF“ der Firma Krusemark ging daraus als das geeignete Material hervor. Es sollte ein Ergänzungsmörtel sein, der in seiner Beschaffenheit weitgehend dem Original entsprach, jedoch angetragen werden kann, was einen Steinaustausch überflüssig macht – jede noch vorhandene Originalsubstanz sollte gehalten werden. Gleichzeitig sollte der neue Mörtel als Puffer wirken, die Salze schwammartig aufnehmen und so die originalen Mosaikplättchen entlasten. Die Funktion sollte einem durchlässigen Pflaster nahekommen, dass bei einer salzbedingten, farblichen Oberflächenveränderung, ohne Schädigung des Originalbestands ausgetauscht werden kann.

In einer einjährigen Testphase wurde die Funktion dieses „Opfermörtels“ nachgewiesen. Die Schmuckfußböden werden nun regelmäßig begutachtet und tatsächlich gibt es jetzt schon die ersten Teilflächen, die die Durchlässigkeit des Mörtels im Rahmen einer Salzwanderung ablesbar machen.

Da die Mosaiksockel die ursprüngliche Farbfassung der durchgefärbten Steine zweifelsfrei belegten, bot es sich an, auch den Ergänzungsmörtel mit Natur­pigmenten entsprechend einzufärben. Um eine prä­zise Reproduktion der vorgegebenen Mörtelmixturen zu gewährleisten, wurden die Mengenverhältnisse präzise vorgegeben. Die Farbfassung stellte man so ein, dass die Ergänzungen mit einem geübten Auge ablesbar sind, als methodische Abgrenzung, in der Gesamtwirkung jedoch als homogene Einheit erscheint.

Die Restauratoren trugen nach ihrer Vorgabe den Ergänzungsmörtel an, bauten ihn auf, schliffen ihn an und zogen ihn nur ab. Eine mechanische Politur fand nicht statt. Damit das neue Material exakt eingebracht werden konnte, hatten die Restauratoren zudem kleine Schablonen analog zu den vorhandenen Mosaikplättchen gebastelt. Weniger stark zerstört als die eigentlichen Mosaiksteine war der mittelalterliche Fugenmörtel, der wie erhabene Mauerreste die durchweg niedrigeren Steinreste überragte. Die wiederhergestellten Mosaiksteine wurden mit dispergiertem Weißkalkhydrat neu verfugt. Muss der Opfermörtel einmal ausgetauscht werden, ist dessen rückstandsfreie Revision leicht, da das Material erheblich weicher als die Originalsubstanz darunter ist. Auch wurde belegt, dass keine Verluste von diesem zu Erwarten sind.

Zusammen mit der Restauration war das Entwickeln eines klimatischen Konzeptes unerlässlich. Dabei sollten die klimatischen Schwankungen so gering wie möglich gehalten werden, um die Mobilisierung und Migration der Salze im Vorfeld zu unterbinden. Die technischen Anlagen wurden zuerst eingebaut, bevor mit der Restaurierung begonnen wurde.

Baukosten und Fazit

Das Restaurationsbudget des Burgklosters betrug 3,5 Millionen Euro. Mit rund 2,4 Millionen Euro blieben die tatsächlichen Kosten rund 800 000 Euro unter der Schätzung. Dieser Betrag floss in die notwendigen, allgemeinen Bauarbeiten am Burgtor.

Kuhnert ist stolz darauf, dass trotz des hohen wissenschaftlichen Anspruchs die Kosten nicht überschritten wurden und dass die Zusammenarbeit mit den zahlreichen ausführenden Restauratorenteams stets kon­struktiv und harmonisch war. Einerseits ergaben die Wettbewerbe sehr günstige Ausschreibungsergebnisse, andererseits ist sie sich sicher, dass auch die akribische Vorbereitung eine wirtschaftliche Mittelverwendung begünstigte. Teure Nachträge gab es hier nicht!

Autor

Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Hansestadt Lübeck

Nutzer Europäisches Hansemuseum Lübeck,

www.hansemuseum.eu

Architekten Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg, http://andreas-heller.de

Denkmalpflege Dr. Irmgard Hunecke, Abteilungs­leiterin Denkmalpflege, Lübeck, www.luebeck.de

Restaurierungsleitung Dipl.-Rest. Elke Kuhnert, Stralsund

Herstellerindex (Auswahl)

Pigmente Kremer Pigmente, Aichstetten,

www.kremer-pigmente.com

Ergänzungsmörtel „Mineros 2000 PZF“, Krusemark Edelputz, Mühlheim/Main, www.krusemark.de

Fugenmörtel „CalXnova“, Deffner & Johann,

Röthlein, www.deffner-johann.de

Stuckkonsole im Kapitelsaal

Dem ersten Anschein nach scheint dieses gotische Kapitel (siehe Foto unten) aus Stein gearbeitet. Tatsächlich besteht es aus Sumpfkalk, der im Mittelalter aufwendig, ähnlich einem Speckstein bearbeitet wurde. Dabei galt diese Handwerkskunst damals nicht etwa als „billiger“ als eine Natursteinarbeit, es entsprach einfach einer anderen Tradi­tion. Auch die zahlreich vorhandenen Konsolsteine wurden aufwendig instandgesetzt.

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