Frescomalerei auf frischem Kalkputz

Frescomalerei ist bereits seit der Antike nachweisbar. Auf dreischichtigem, noch nicht getrocknetem Putz werden in Kalksinterwasser angeteigte Pigmente ohne zusätzliches Bindemittel vermalt. Innen wie außen anwendbar wird ihre Qualität und Dauerhaftigkeit von keinem anderen Bindemittelsystem übertroffen.

Die Bezeichnung „fresco“ kommt aus dem Italienischen und bedeutet „frisch“, das heißt, auf frischen Kalkputz malen, und wird als die höchste Kunst der Wandmalerei bezeichnet. Grandiose Beispiele aus allen historischen Epochen der Kunst stellen dies auch heute noch unter Beweis. Was bereits in der Antike entwickelt, im 14. Jahrhundert perfektioniert wurde und im Bayerischen Barock einen Höhepunkt erreicht hatte, ist heute kaum noch gefragt: Malerei mit in Kalkwasser angeteigten Pigmenten in noch feuchten Kalkputz. In der Münchner Meisterschule für das Vergolderhandwerk wird diese Tradition weitergeführt.

Putzaufbau

Mauerwerk: Die Grundlage für eine technisch einwandfrei ausgeführte Freskomalerei ist das passende Mauerwerk: Es muss in der Lage sein, Feuchtigkeit aufzunehmen, zu speichern und wieder langsam abzugeben. Es darf  keine löslichen Salze enthalten, muss gut ausgetrocknet und frei von aufsteigender Grundwasserfeuchtigkeit sein. Es schadet auch nicht, wenn die Stoß- und Lagerfugen etwas tiefer liegen als die Maueroberfläche, denn so erhält man zusätzlichen, physikalischen Halt für den Verputz.

Verputz: Der aus Kalk, Sand und Wasser bestehende Verputz wird in der Regel in drei übereinanderliegenden Mörtellagen aufgetragen.

Bereits Vitruv hat einige bis heute gültige Verarbeitungsregeln aufgestellt:

Das gute Vornässen des Untergrunds ist Pflicht
Der Auftrag der Putzlagen erfolgt „frisch in frisch“
Keine Putzlage soll unter 5 mm Dicke ausgeführt werden
Zugluft und starke Sonneneinstrahlung sind zu vermeiden

Die erste Mörtellage dient als Haftbrücke zwischen dem Mauerwerk und dem folgenden Putzgefüge. Diese Mörtellage wird nicht vollflächig aufgetragen, sondern netzförmig mit der Kelle aufgespritzt, daher der Name Spritzbewurf.

Da man laut Vitruv „al fresco“ arbeiten soll, folgt die nächste Mörtellage nicht nach der völligen Aushärtung des Spritzbewurfs, sondern bereits sobald dieser tragfähig ist. In der Regel ist das je nach Witterung, Saugfähigkeit des Mauerwerks und verwendetem Kalk nach 5 bis 12 Stunden der Fall.

Nun folgt die Ausgleichsschicht beziehungsweise der Unterputz. Ist die Oberfläche des Mauerwerks mit Spritzbewurf sehr unregelmäßig, kann man die tiefen Stellen erst einmal mit Mörtel und Kelle ausgleichend vorwerfen und lässt diese Partien anziehen. Bei gleichmäßigem Mauerwerk wird der Unterputz mit der Kelle angeworfen und nach der Erstverfestigung, also nach einigen Minuten, mit einem Holzbrett ober­flächlich verrieben, damit eine gleichmäßige, raue Ober­fläche entsteht.

Ist der Unterputz tragfähig, folgt der Oberputz, der auch Feinputz oder Freskoputz genannt wird. Während der Unterputz häufig Schichtdicken von 1,5 cm bis 5 cm aufweist, ist der Feinputz in der Regel 0,5 cm bis 1 cm dick. Auch diese Lage sollte nach Möglichkeit mit der Kelle angeworfen und nach der Erstverfestigung mit dem Holzbrett flächig verrieben werden. Nach weiterer Wartezeit kann dann die gewollte Oberflächenstruktur für die Freskomalerei über Glätten oder Filzen des Feinputzes erzielt werden. Bei guter Ausführung sind solche Mehrlagenputze nicht mehr in Schichten zu trennen. Die „Lagen“ sind so frisch aufeinandergeputzt, dass sie zusammen abbinden.

Entscheidend für die hohe Ausführungsqualität einer Freskomalerei ist das Arbeiten „nass in nass“ vom Putz bis zum letzten Pinselstrich. Deshalb darf der Verputzer immer nur so viel Fläche Feinputz auftragen, wie ihm der Maler zum Beispiel anhand von Vorzeichnungen auf dem Unterputz, den so genannten Sinopien, vorgibt. Die Fläche eines gemalten Tagwerks wird als „giornato“ bezeichnet. Zwischen den Flächen entstehen die Tagwerksgrenzen. Hier ist das ganze Geschick des Verputzers gefragt, damit am nächsten Tag, wenn der neue Feinputz aufgebracht wird, keine Putzspritzer die bereits bemalte Fläche verschmutzen und die Putzstruktur mit der bereits bestehenden identisch ist. So setzt sich ein Fresko aus vielen einzelnen „giornati“ zusammen.

Übertragen des Motivs

Die Ausführung der eigentlichen Fresko-Technik beginnt nachdem die letzte Putzschicht soweit angezogen hat, dass sie sich nur noch leicht mit dem Finger andrücken lässt, mit dem Aufpausen der Zeichnung. Dazu können Lochpausen, die zweckmäßigerweise vorher mit Schellack lackiert wurden oder so genannte Kartons – im Umriss zugeschnittene stärkere Pappen – verwendet werden. Hilfreich ist ein Raster aus Quadraten, das vor dem Aufpausen aufgezeichnet wird. Es hilft die Pausen oder Kartons an der richtigen Stelle anzulegen. Ebenso ist es zweckmäßig, die Konturen des Motivs nach dem Aufpausen mit einem spitzen Pinselstil und schwachem Druck in den Putz zu verstärken. Dabei entsteht in der weichen Mörtelschicht eine „Gravur“, die für das zu malende Motiv Strukturlinie, wie auch zugleich Begrenzung ist .

Farbmittel

Von entscheidender Bedeutung ist bei der Fresco­malerei die Qualität der verwendeten Farbpigmente. Sie müssen alkalibeständig sein und eine hohe Lichtechtheit haben. Als Weißpigment dient Kalk, als Farbpigmente kommen Erdfarben sowie teilweise künstliche Mineralpigmente in Frage. Die Pigmentfarben werden möglichst einige Tage vorher in Kalksinterwasser eingesumpft und auch damit verdünnt. Ein weiteres Bindemittel ist nicht nötig.

Maltechnik

Zum Malen verwendet man langhaarige Borstenpinsel. Diese müssen nach der Arbeit sofort gereinigt werden, weil sie sonst hart werden. Vor dem Malen legt man die Pinsel in Kalkwasser, damit sich die Borsten vollsaugen und die Farbe später besser fließen kann. Mit dem gut ausgedrückten Pinsel wird die Farbe nur mit der Spitze aufgenommen.

Die Pinsel werden beim Malvorgang auf der Putzschicht nicht ausgestrichen. Die Farbe wird auf den weichen Putz nur satt aufgesetzt, ähnlich dem Vorgang beim Glasieren eines Kuchens mit Puderzuckerglasur. Der Fachbegriff dafür wird deshalb auch als „das Setzen der Farben“ bezeichnet. Dadurch vermeidet man ein zu starkes Aufrauen des Putzes und ein damit einher gehendes Vermischen von Farbe und Putz. Die Farbtöne würden so um ein Vielfaches heller auftrocknen.

Anlegen des Lokaltones

Der Lokalton ist der Mittelwert der farbigen Darstellung. Er wird aus dem gewünschten Farbton gemischt und sollte weder zu hell, noch zu dunkel, weder zu kühl, noch zu warm gemischt werden. Beim „Setzen“ des Lokaltones ergibt bereits der Schwung des Pinselzugs die Form der Darstellung.

Schatten

Die Schattenführung folgt dem natürlichen Lichteinfall im Raum und wird in der Regel mit zwei abgestuften Grauwerten angelegt. Der Pinselstrich darf dabei nicht konturierend der Form des Rapports folgen, sondern wird malerisch mit Duktus aufgesetzt. Je breiter die Schatten aufgemalt werden, desto plas­tischer und tiefer erscheint die gemalte Form. Ein Granieren, Lavieren oder Vermalen der Übergänge von den Schattentönen in den Lokalton ist nicht zwingend erforderlich, da die Frescomalerei eher eine flotte und spontane Maltechnik erlaubt. Nichts desto trotz sollen die Pinselstriche der Form streng folgen.

Erster Schatten: Der Erste Schatten wird aus dem Lokalton gemischt, sollte in etwa ein bis eineinhalb Töne dunkler und in jedem Fall kühler als der Lokalton sein. Dies wird sehr gut durch das Mischen mit den jeweils komplementären Farbtönen erreicht. Durch das Setzen des Ersten Schattens sollte bereits die formale Gestaltung der Darstellung ablesbar sein. Das heißt der Erste Schatten wird im Verlauf der Konturen der plastischen Form gesetzt und nimmt deren Form durch den Pinselstrich auf.

Zweiter Schatten: Der zweite Schatten erhöht die plastische Wirkung der Darstellung. Entscheidend dabei ist, dass jeder Pinselzug die Form betont. Der zweite Schatten wird aus dem ersten Schatten gemischt. Er ist im Tonwert nochmals um ein bis eineinhalb Töne dunkler, sollte aber wieder im Farbwert etwas wärmer gemischt werden.

Schlagschatten: Durch den Schlagschatten wird die Gestaltung vom Hintergrund „abgehoben“. Der Schlagschatten nimmt also die Farbigkeit des Hintergrunds auf und wird infolgedessen aus diesem Farbton durch Zugabe von beispielsweise dem Pigment „Gebrannter Umbra“ um 3 bis 4 Töne dunkler gemischt.

Licht

Der letzte Malvorgang ist das Setzen des Lichttones, zur Steigerung und Überhöhung der plastischen Wirkung. Meist reicht auch das Setzen von so genannten Blitzern, um die Überhöhung der Darstellung zu erreichen. Das Licht wird, wie bereits die Schattentöne, aus dem Lokalton heraus gemischt. Seine Farbwertigkeit sollte nicht zu hell oder zu kühl erscheinen, da die Form sonst zu grafisch und zu hart und manieristisch erscheint.

Auch das Licht wird in flotten, aber gezielten Pinselstrichen gesetzt. Der Leitspruch: „Weniger ist mehr“ darf beim Setzen der Lichter ernst genommen werden. Nur 10 Prozent der gesamten gemalten Oberfläche sollen als Licht dargestellt werden.

Und keine Angst vor freibleibenden, unbemalten Konturen oder Flächen! Die Wirkung der Frescomalerei soll immer auf  Fernwirkung ausgerichtet sein und das menschliche Auge ist sehr wohl in der Lage, Formen zu erkennen und zu schließen wo es nötig ist.

Nach Abschluss der Malarbeiten muss nur noch darauf geachtet werden, dass das Fresco nicht zu intensiver Sonneneinstrahlung, Wind oder Regen ausgesetzt ist.

Der bemalte Putz soll langsam trocknen, damit er sich ausreichend mit dem Kohlendioxid der umgebenden Luft verbinden kann. Nur so werden die aufgemalten Pigmente dauerhaft in den Kalkputz eingebunden.

Autoren

Margarete Hauser und Thomas Neger sind ausgebildete Kirchenmalermeister und unterrichten als Fachlehrer an der Städtischen Meisterschule für das Vergolderhandwerk in München.