Altes Haus auf neuem Grund

Translozierung eines Fachwerkgebäudes in Rietberg

Das vollständig restaurierte Fachwerkhaus im ostwestfälischen Rietberg machte nicht immer so einen guten Eindruck wie heute: Das Gebäude aus dem Jahr 1822 stand vor fünf Jahren kurz vor dem Abriss. Aus wirtschaftlichen Gründen hatten die Eigentümer bereits die Austragung aus der Denkmalliste beantragt.

Das Holzständerwerk und die Steine in den Ausfachungen boten sie der Fachwerkstatt Drücker & Schnitger, die seit 1993 als Spezialtrieb für Baudenkmalpflege in Rietberg ansässig ist, zur Wiederverwertung an. „Viel zu schade zum Abreißen“, befanden allerdings die Werkstattinhaber: Tischlermeister Erasmus Drücker und Zimmerermeister Rainer Schnitger hatten das genaue Gegenteil im Sinn. Sie erwarben das sanierungsbedürftige Gebäude und begannen mit der Planung zur Rettung des Denkmals. Ziel der beiden staatlich geprüften Techniker für Baudenmalpflege war es, das Bauwerk für die Wohnnutzung wiederherzurichten und energetisch auf Neubaustandard zu bringen.


Fachwerk und Ziegel zum Großteil erhalten

Obwohl an dem Gebäude über einen langen Zeitraum keine wesentlichen Instandhaltungsarbeiten durchgeführt worden waren, konnten Drücker und Schnitger die vorhandene Bausubstanz zum großen Teil erhalten: „Das Fachwerk besteht noch zu rund 80 Prozent aus Originalholz, die Ausfachungen aus weichgebrannten Ziegeln mussten hauptsächlich nur vom alten Mörtel befreit und saubergebürstet werden. 90 Prozent der Backsteine waren noch zu gebrauchen, den Rest haben wir durch gleichwertiges altes Material ersetzt“, erklärt Erasmus Drücker.


Translozierung mit dem Autokran

Der ursprüngliche Standort des Wohn- und Wirtschaftsgebäudes auf dem Hof Merschbrock, ein Vierständer-Fleetdeelenhaus mit Sparrendachstuhl, war für die beabsichtigte zeitgemäße Wohnnutzung jedoch ungeeignet. In Absprache mit den zuständigen Behörden planten die Handwerker die Translozierung des Hauses auf ein 80 Meter entferntes Grundstück, das die Familie Merschbrock zur Verfügung stellte, die als langjährige Besitzer der Hofstelle größtes Interesse am Erhalt des historischen Gebäudes hatte. Vor der Umsetzung wurden der gesamte Dachstuhl sowie die alten Ziegelsteinausfachungen entfernt. Um einen sicheren Transport zu gewährleisten, musste das Holzständerwerk, bevor es hochgehoben werden konnte, erst einmal vollständig restauriert werden. „Wir hätten das Haus alternativ auch zerlegen und am neuen Standort Stück für Stück wieder aufbauen können, aber da es für die Denkmalbehörden sehr wichtig war, möglichst viel Originalsubstanz im ursprünglichen Zustand zu erhalten, haben wir uns für die Umsetzung am Stück entschieden“, sagt Rainer Schnitger.

Zu diesem Zweck musste vorbereitend eine Baustraße mit Wasserschutzvlies und Schotterbett angelegt werden, da der für die Translozierung bestellte 78-Meter Autokran auf der grünen Wiese nicht hätte manövrieren können. „Der Kran allein brachte mit Gegengewichten schon rund 140 Tonnen auf die Waage, das wäre viel zu schwer gewesen“, so Schnitger. In drei Schritten wurde das rund 32 Tonnen schwere, restaurierte Holzständerwerk – an den Schwellen mit einer hölzernen Tragekonstruktion verschraubt – auf die vorbereitete Sohlplatte am neuen Bestimmungsort passgenau aufgesetzt. Die Translozierung mag zwar die spektakulärste Sanierungsphase gewesen sein, die teuerste war sie aber bei weitem nicht: „Inklusive Material, Kranmiete und Baustraße konnten wir die Umsetzung für weniger als 10 000 Euro realisieren“, so Drücker.


Verstärkter Dachstuhl und maßgefertigte Fenster

Am neuen Standort bauten die Handwerker den alten Dachstuhl mit den originalen Hölzern wieder auf; zur statischen Ertüchtigung wurden allerdings aufgrund der zu großen Sparrenabstände zusätzliche Zwischengebinde nach historischem Vorbild eingefügt, unter anderem um die rund 200 m2 Ausbaureserve im Dachgeschoss bei Bedarf nutzbar machen zu können. Die ursprüngliche Dacheindeckung war hingegen nicht mehr zu gebrauchen und musste daher komplett ersetzt werden durch eine neue Deckung aus naturroten Hohlfalzziegeln.

Sämtliche Türen und Fenster wurden in der Werkstatt von Drücker & Schnitger nach historischem Vorbild maßgefertigt, nun allerdings modernen energetischen Anforderungen entsprechend. Die Fenster aus weiß lackiertem Eichenholz mit Isolierglasscheiben und umlaufender Dichtung wurden mit einer einheitlichen Rahmenstärke von 46 x 60 mm konstruiert. „Historisch richtiger wären Maße von 36 x 60 mm gewesen“, erläutern die Handwerksmeister, die über Jahre hinweg die regional verschiedenen historischen Fenstertypen vermessen und sich so genaue Kenntnisse über die einstigen Konstruktionsarten erworben haben. „Die Isolierverglasung, die in ein Kittbett eingebaut wurde, machen die zusätzlichen 10 mm Tiefe erforderlich.“


Innendämmung mit Holzweichfaserplatten

Für die Wärmedämmung des fast 200 Jahre alten Fachwerkhauses kamen Holzweichfaserplatten als Innendämmung zum Einsatz. Dafür trugen die Handwerker zuerst einen dicken Lehmunterputz auf, der die Holzständer 2 cm überdeckt, um punktuelle Feuchtigkeit flächig zu verteilen und die Wandfläche für die Montage der Dämmplatten zu egalisieren. Diese wurden schließlich noch mit einem zweilagigen Lehminnenputz versehen. „Wir haben Holzweichfaserplatten verwendet, weil sie ein gutes Wasseraufnahmevermögen aufweisen und Feuchtigkeit über den weichgebrannten Ziegel nach außen transportieren können,“ so Schnitger. Die Dämmung sorgt somit nicht nur für ein angenehmes Raumklima und zeitgemäße Heizkosten, sondern schützt auch die Bausubstanz dauerhaft vor feuchtebedingten Schäden. Beheizt werden die rund 280 m2 Wohnfläche mit einer modernen Fußbodenheizung – „bei einer Deckenhöhe in von 4,20 m in der ehemaligen Deele, die jetzt einen großen Wohnraum und die Küche beherbergt, die ideale Lösung“, sagt Erasmus Drücker. Die Verbrauchswerte des 2008 fertiggestellten und seit 2009 wieder bewohnten Baudenkmals entsprechen den Vorgaben der EnEV 2007. Das Endergebnis der sorgsamen Restaurierung ist ein historisches Fachwerkhaus, das gängige Neubaustandards problemlos erfüllt.

Von Marvin Klostermeier

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