Bauen mit gedämmtem Stampflehm

In Darmstadt entsteht zur Zeit der neue Unternehmenssitz der Biomarktkette Alnatura. Die Wände des Bürogebäudes werden vor Ort aus Stampflehm produziert. Die Firma Erden Lehmbau erstellt hier zum ersten Mal Stampflehmwände mit innerer Dämmung. Wir zeigen den aktuellen Stand der Bauarbeiten.

Der Alnatura Campus in Darmstadt soll der neue Unternehmenssitz der Biomarktkette werden. Aber nicht nur das: Auf dem 50 000 m² großen Gelände plant Alnatura neben dem Bürogebäude einen Waldorfkindergarten, ein vegetarisches Bio-Restaurant, Nutzgärten und einen Bio-Supermarkt. In den Nutz- und Schulgärten soll der Anbau von Bio-Lebensmitteln von der Aussaat bis zum fertigen Produkt gezeigt werden.

Von Bickenbach nach Darmstadt

Der Umzug des Unternehmenssitzes von Bickenbach nach Darmstadt ist für Anfang 2018 geplant. Der Alnatura Campus entsteht auf ehemaligem Militärgebiet, den Kelley-Barracks im Südwesten Darmstadts. Das Areal hat die US-Armee vor neun Jahren verlassen. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat das Gelände erworben. Der Alnatura Campus ist die erste umfassende bauliche Erschließung des Geländes. Im vergangenen Jahr legte man den Grundstein für ein dreistöckiges Bürogebäude, die Alnatura Arbeitswelt, in dem ab 2018 Jahr 500 Mitarbeiter arbeiten sollen. Die Außenwände des Gebäudes werden mit Stampflehmelementen gebaut. Diese stehen vor einem Tragwerk aus Stahlbeton. Die Fassade wird später von langen Fenstern unterbrochen, die vom Boden bis zur Traufe reichen werden. Das Gebäude wird, wenn es fertiggestellt ist, 94 m lang, 41 m breit und 19 m hoch sein.

Stampflehm mit Innendämmschicht

Mitarbeiter der Firma Erden Lehmbau, einer Tochterfirma der Lehm Ton Erde Baukunst des Lehmbauers Martin Rauch, erstellen die Lehmwände in einer ehemaligen Fahrzeughalle des US-Militärs auf dem Gelände. In ähnlicher Weise entstand bereits der größte Lehmbau Europas nach Plänen des Architekturbüros Herzog & de Meuron für Ricola in Laufen. Selbst frei bewitterte Stampflehmbauten wurden von den Mitarbeitern der Lehm Ton Erde Baukunst erstellt. ,„Basis für die Wände ist Ausbruchmaterial aus dem Tunnelbau der Stuttgart 21-Baustelle. Außerdem enthält die Mischung Schotter von Schottergruben aus der Umgebung und Lehm aus dem Westerwald“, sagt Clemens Quirin, Büroleiter bei der Lehm Ton Erde Baukunst GmbH. Seit August 2016 werden die Wände in der ehemaligen Fahrzeughalle auf dem Gelände hergestellt. „Wir produzieren hier erstmals Stampflehmwände mit zweischaligem Aufbau“, erklärt Clemens Quirin. Zwischen den Lehmschichten wird eine Dämmschicht aus Glasschaumschotter eingefüllt. „Wir mischen dem Lehm außerdem Lavaschotter bei, auch das reduziert den Lambdawert“, sagt Quirin.

Herstellung der Stampflehmwände

Insgesamt werden 384 Stampf­lehm­elemente produziert. In der Fahrzeughalle steht dafür eine 35 m lange Scha­lung des Herstellers Doka, darauf fahren zwei Beschicker, die die Schalung mit drei Materialströmen zur gleichen Zeit füllen: An den Außenseiten wird die Lehmmischung eingefüllt, dazwischen der Schaumglasschotter. Direkt im Anschluss wird das Material verdichtet. Zwischendurch wird die Maschine angehalten, um an der Schalungsaußenkante eine Schicht Trasskalkmörtel einzubringen. Da die Wände keine Stabilisatoren enthalten, wird Trasskalkmörtel schichtweise als Erosionsbremse gegen Regenwasser eingesetzt. Denn die Stampflehmfassade wird später der Witterung ausgesetzt sein, das die Stampflehmwände ihr Aussehen mit der Zeit verändern werden, steht schon jetzt fest. Der Regen wird die obere Lehmschicht mit der Zeit leicht auswaschen. „Dann wird die Oberfläche rauer und steiniger aussehen “, sagt Clemens Quirin, „das ist aber so gewollt.“ Sobald der Lehm oberflächlich abgespült ist, treten die Trasskalkmörtel-Schichten hervor. Erst dann erfüllen sie ihre Funktion und bremsen Regenwasser an der Fassade. Das im Stampflehm enthaltene Steingranulat stabilisiert dann die Wände.

Geogitter aus Kunststoff

Außerdem sind Geogitter aus Kunststoff horizontal in den Wandelementen eingebaut. Sie verbinden die Stampflehm-Außenschichten miteinander. „Die Geogitter lassen sich aufgrund der Wasserlöslichkeit des Lehms im Recyclingfall sehr leicht vom Lehm trennen“, sagt Clemens Quirin. Die einzelnen Stampflehmelemente sind jeweils 3,5 m lang, 1 m hoch und 0,69 m dick. Im fertigen Zustand haben sie einen U-Wert von 0,35 W/m²K.

Mit dem Meißelhammer Nuten geschlagen

Sobald ein Wandelement fertig erstellt und ausgehärtet ist, schlagen die Mitarbeiter der Erden Lehmbau GmbH mit dem Meißelhammer in die Stirnseiten und die Oberseiten vertikale und horizontale Nuten hinein. „Die Nuten sind aber nicht zur Verbindung der Elemente gedacht, sondern zum Einbau der Fenster und der Regenrohre“, erklärt Clemens Quirin. Untereinander werden die Stampflehmelemente mit Lehmmörtel verbunden. Um aufsteigende Feuchte zu vermeiden, werden die ersten Elemente per Kran auf Betonsockeln platziert, die aus dem Stahlbetonfundament aufragen. Zwischen den Betonsockeln und den ersten Elementen wird eine mineralische Dichtschlämme aufgebracht.

Das spätere Bürogebäude wird drei Etagen haben. Pro Etage werden vier Stampflehmelemente übereinander gesetzt. Jedes vierte Element wird mit einem einbetonierten Stahlanker an der jeweiligen Geschossdecke verankert. Von innen soll die Stampflehmoberfläche sichtbar bleiben. Auf die Frage, wie lange die Wände wohl der Witterung standhalten werden, sagt Clemens Quirin: „Stampflehm hat bei der entsprechenden Nutzung und Pflege kein Ablaufdatum. Es gibt in Europa viele Stampflehmhäuser, die mehrere hundert Jahre alt und noch gut erhalten sind.“ Gute Voraussetzungen für eine lange Lebensdauer des Bürogebäudes also.

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau in Gütersloh.