Marktübersicht: Elektromobile Nutzfahrzeuge

Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig vom 27. Februar zugunsten der Deutschen Umwelthilfe wird ein Fahrverbot für Nutzfahrzeuge mit Dieselmotor in deutschen Innenstädten sehr real. Eine Alternative bieten elektrisch angetriebene Nutzfahrzeuge.

Seit wir vor acht Jahren das Thema „Elektromobiliät im Handwerk“ in bauhandwerk aufgegriffen haben, hat sich einiges getan. Den „EcoCarrier“, den wir seinerzeit als Aufmacher für den Beitrag gewählt hatten, konnte man damals bereits kaufen, heute gibt es ihn schon nicht mehr. Die Firma EcoCraft wurde 2011 insolvent. Seither wird das wie ein Kasten auf Rädern aussehende Nutzfahrzeug nicht mehr gebaut. Der „Renault Kangoo Z.E.“ war damals noch Zukunftsmusik. Er kam in Deutschland erst 2012 auf den Markt. Heute gibt es eine ganze Reihe von elektrisch angetriebenen Nutzfahrzeugen fürs Handwerk, von denen wir Ihnen einige in unserer Marktübersicht vorstellen.

Technische Entwicklung elektrisch angetriebener Nutzfahrzeug

Viele Faktoren tragen dazu bei, dass die Elektromobilität auch in den Markt der Nutzfahrzeuge bis 3,5 t Einzug gehalten hat. Das sind zum einen die technischen Verbesserungen, allen voran die Weiterentwicklung der Litium-Ionen-Batterien. Mit steigenden Volt- und Amperezahlen und den sich daraus ergebenden Kilowattstunden verbesserten sich auch die Reichweiten der elektrisch angetriebenen Nutzfahrzeuge. Trotzdem liegen sie in der Regel immer noch zwischen nur 100 und 200 Kilometern. Auch bei den Ladezeiten, die meist bei etwa 8 Stunden liegen, kann man nicht gerade von einer Schnellladung sprechen. Die Motoren der für das Handwerk geeigneten Elektro-Nutzfahrzeuge sind zwar stärker geworden (zwischen 50 kW und 100 kW), die Höchstgeschwindigkeit liegt mittlerweile auch meist oberhalb von 100 km/h, der technische Quantensprung lässt aber noch auf sich warten.

Der elektrische Achsantrieb:

Motor, Steuerelektronik und Getriebe in einem

Vielleicht ist der elektrische Achsantrieb (kurz „eAchse“) dieser Quantensprung? Bosch, einer der wichtigen Motorenentwickler, den man im Handwerk eher von hochwertigen (blauen) Elektrowerkzeugen her kennt, arbeitet an einem elektrischen Antrieb nach dem All-in-one-Prinzip: Motor, Steuerelektronik und Getriebe sind in einem Bauteil miteinander kombiniert. So treibt man direkt die Achse des Fahrzeugs an, womit sich auch ein Allradanrieb einfach realisieren lässt. Der Achsantrieb soll im Vergleich mit anderen Elektroantrieben effizienter und günstiger sein. Dadurch würde auch die Reichweite der elektrisch angetriebenen Nutzfahrzeuge steigen, ohne dass man die Kapazität der Akkus weiter erhöhten müsste.

Die Leistung eines solchen Motors ließe sich nach Herstellerangaben je nach Bedarf zwischen 50 kW und 300 KW und zwischen 1000 Nm und 6000 Nm wählen. Damit könnte man Fahrzeuge vom PKW bis hin zum kleinen LkW bis 7,5 t antreiben. Die Leistungsanforderungen für elektrisch angetriebene Nutzfahrzeuge bis 3,5 t liegen dazwischen. Eine Serienproduktion solcher Motoren ist bei Bosch allerdings erst für das kommende Jahr geplant.

Elektrische Nutzfahrzeuge um 30 000 Euro

Doch ein weiterer Faktor erhöht neben dem technischen Fortschritt die Akzeptanz elektrisch ange­trie­be­ner Nutzfahrzeuge im Bauhandwerk: Mit der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts Leipzig vom 27. Februar zugunsten der Deutschen Umwelthilfe wird ein Fahrverbot für Nutzfahrzeuge mit Dieselmotor in deutschen Innenstädten sehr real. Insbesondere die Handwerksverbände fordern Ausnahmeregelungen für das Handwerk. Dabei ist der Einsatz von elektrisch angetriebenen Nutzfahrzeugen in der Stadt viel älter als der Diesel-Skandal und das aktuelle Fahrverbot für Fahrzeuge mit Dieselmotor. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten kommunale Betriebe elektrische Nutzfahrzeuge ein. Die Post tat dies bis in die 1960er Jahre hinein und tut es heute – nachdem die Entwicklung von Elektronutzfahrzeugen bis Ende des 20. Jahrhunderts ruhte – mit dem „StreetScooter“ wieder. Die Nutzlast ist mit 740 kg bei diesem Fahrzeug hoch, der Preis ist es auch. Die Preise für die im Handwerk typischen Kastenwagen zum Beispiel von Renault, Nissan, Peugeot und Citroen liegen um 30 000 Euro, wobei die Modelle der beiden letztgenannten Hersteller identisch sind, da beide Marken zur Groupe PSA gehören.

Beileibe nicht alle Hersteller bieten eigene Elektro-Nutzfahrzeugmodelle an. So handelt es sich zum Beispiel beim „eDucato Van“ von Fiat um eine kundenindividuelle Umrüstung eines handelsüblichen „Ducato“ auf Elektroantrieb durch die Hamburger Firma emovum. Mit dem e-Crafter hat VW in diesem Jahr einen vergleichbaren Elektrotransporter bei Großkunden im Test. Bis Mitte des Jahres sollen die Fahrzeuge dort auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft werden. Im September 2018 soll der e-Crafter laut VW erhältlich sein.

Die Entwicklung elektrisch angetriebener Nutzfahrzeuge ist damit aber lange noch nicht zu Ende, sondern immer noch eher am Anfang. Neue Motoren wie der elektrische Achsantrieb, Akkus mit bisher ungeahnter Kapazität (vielleicht auch die Brennstoffzelle) und innovative Ladetechniken lassen noch Raum für Hoffnungen und Erwartungen in diesem Marktsegment.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Herstellerindex (Auswahl)

 

Volkswagen Wolfsburg,

www.volkswagen-nutzfahrzeuge.de

Emovum Hamburg, www.emovum.com

Citroen Deutschland Köln, www.business.citroen.de

Nissan Brühl, www.nissan.de

Peugeot Köln, www.professional.peugeot.de

Renault Brühl, www.renault.de

StreetScooter Aachen, www.streetscooter.eu

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