Energetische Fachwerksanierung Sanierung eines Fachwerkhauses in Hannover mit Mineralplatten und Lehm

In der Altstadt von Hannover führten die Handwerker die energetische Sanierung eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses mit einer Kombination aus Lehmmörtel und Mineraldämmplatten aus. Das diffusionsoffene Dämmsystem ist speziell für die Sanierung von historischen Fachwerkhäusern geeignet.

Einen Eindruck vom einstigen Aussehen der Residenzstadt der Kurfürsten und Könige von Hannover vermittelt die Kramerstraße mit ihren historischen Fachwerkhäusern. Ihnen kommt mittlerweile eine ganz besondere Bedeutung zu, denn nur 20 Fachwerkhäuser sind heute noch im Stadtbild zu sehen. Vor kurzem wurde hier eines dieser Relikte aus früherer Zeit denkmalgerecht saniert. Zielsetzung war dabei, die Sanierung nach Standard eines EnEV-Neubaus durchzuführen und das Gebäude in einen zeitgemäßen Nutzungszustand zu versetzen. Heute sind im Erdgeschoss die Geschäftsräume eines inhabergeführten Herrenausstatters, in den drei Obergeschossen ein Planungsbüro und eine Kommunikationsagentur sowie im Dachgeschoss eine Wohnung untergebracht.


Gebäudeerhalt in der gesamtgeschichtlichen Struktur

Vielfältige, oft auch nur teilweise durchgeführte Umbauten des etwa auf 1680 datierten Hauses legen Zeugnis ab von einer bewegten Vergangenheit. Aber weder die umfassenden klassizistischen Umbauten noch die insgesamt kleineren Eingriffe des 19. und 20. Jahrhunderts haben den ursprünglichen Bau grundlegend verändert. „Es zeigt sich heute ein heterogenes Gefüge, in dem keine Bauphase das Gesamtbild von Konstruktion und Gestaltung dominiert,“ berichtet Projektplaner und Architekt Rainer Wildmann vom mit der Sanierung beauftragten Büro Wildmann Architekten aus Hannover. Ziel der Sanierung, so Wildmann, sei daher vorrangig der Erhalt des Gebäudes in seiner gesamtgeschichtlichen Struktur gewesen.

Vor allem umfassende Schäden an der Gebäudekonstruktion erforderten eine grundlegende Sanierung. So entwickelten die Projektplaner etwa zur Entlastung des alten Kellergewölbes ein inneres Tragsystem auf Basis der statisch intakten Teile des Bestandes. In den Außenwandkonstruktionen ersetzten sie die nicht mehr tragfähigen Hölzer. Teile der Holzkonstruktion, die nur partiell geschädigt waren, wurden unter Anwendung traditioneller Handwerkstechniken repariert. Im gesamten Gebäude mussten die Handwerker schädliche und ungeeignete Anstriche, Spachtelungen und Putze entfernen und durch konstruktionsverträgliche Produkte und Materialien ersetzen.

Da der denkmalgeschützte Bau nach abgeschlossener Sanierung energetisch dem Neubau-Standard der EnEV entsprechen sollte, war eine Dämmung sämtlicher Wände, Decken und Böden geplant. Ergänzt wurde das Konzept durch eine entsprechende Anlagentechnik sowie durch den Einbau hochwärmedämmender Fenster.

 

Tauwasserschäden an der Holzkonstruktion verhindern

Im Fokus der Dämmung standen insbesondere die Außenwände. Sie sollten im Rahmen der energetischen Sanierung eine Innendämmung erhalten. Damit konnte gleichzeitig die historische Fachwerkfassade erhalten bleiben. „Die Innendämmung von Gebäuden stellt sowohl an die Planenden und Ausführenden, als auch an die gewählten Materialien besondere Anforderungen“, erläutert Georgios Schade, Geschäftsführer der SMB Baugestaltungs-GmbH aus Seelze, die das Projekt fachtechnisch beraten und die Innendämmungs- und Lehmbauarbeiten durchgeführt hat. Da es dabei vor allem um die Berücksichtigung bauphysikalischer Aspekte gehe, sei die richtige Materialwahl sehr wichtig.

„Vor allem bei Fachwerk,“ weiß Schade, „ist der Dämmkonstruktion eine hohe Bedeutung beizumessen. Die Kombination von so verschiedenen Materialien wie Holz, Ziegel, Naturstein, Lehm und Kalk und deren unterschiedliches Verhalten bei veränderten klimatischen Verhältnissen erfordern eine genaue Betrachtung. Speziell bei einer Innendämmung muss man Besonderheiten berücksichtigen, die dem Schutz der tragenden Holzkonstruktion dienen.“ Dabei gelte es, betont Schade, ein Hinterströmen des Dämmsystems mit warmer Raumluft zu verhindern sowie Tauwasserschäden an der Holzkonstruktion zu vermeiden: „Das wird nur erreicht durch die Verwendung eines kapillaraktiven Dämmstoffs, der einen Teil des anfallenden Tauwassers kapillar zum Raum hin zurückführt.“  


Kapillaraktives Dämmsystem für Fachwerksanierung

Ursprünglich war geplant, die Innendämmung mit Holzfaserweichplatten auszuführen. Wegen eines generell günstigeren Feuchtekapillarverhalten von Mineraldämmplatten gegenüber Holzweichfaserplatten (günstigerer sd-Wert) fiel die Entscheidung jedoch auf Ytong Multipor Mineraldämmplatten. Damit kam ein diffusionsoffenes, kapillaraktives System zum Einsatz, das ohne Dampfsperre ausgeführt werden konnte. Ausschlaggebend für die Materialwahl sei zusätzlich gewesen, dass die Mineraldämmplatte gegen Schwamm- und Schimmelbefall resistent sei, während die Holzweichfaserplatte dafür einen geeigneten Nährboden bieten könne. „Außerdem“, so Schade weiter, „ist das System einfach zu verarbeiten. Eine unkompliziert zu montierende und wenige Schichten umfassende Innendämmung birgt ein geringeres Fehlerpotenzial und trägt somit wirkungsvoll zur Bauteilerhaltung bei.“

Wichtigster Grund war jedoch, dass mit dem Ytong Multipor Lehmmörtel eine Systemergänzung zu den Mineraldämmplatten zur Verfügung stand, die speziell für die energetische Sanierung von historischen Fachwerkgebäuden optimal geeignet ist. „Das kapillare Feuchtetransportvermögen von Lehmmörtel,“ erklärt Georgius Schade, der sich mit seiner Firma auf die Beratung und Abwicklung von Lehmbauvorhaben spezialisiert hat, „wirkt mit seiner sehr geringen Ausgleichsfeuchte konservierend auf die umschlossenen Hölzer.“ Und Architekt Rainer Wildmann ergänzt dazu: „Die Materialien passen zusammen und harmonieren miteinander. Die Natürlichkeit der Baustoffe bleibt weiterhin erhalten und wir erhalten im Ergebnis energieeffiziente Werte und ein gutes Raumklima. Außerdem lässt sich das Ganze auch wirtschaftlich umsetzen.“

Lehmmörtel ist ein umweltfreundlicher Baustoff, der frei von Schad- und sonstigen Zusatzstoffen ist. Durch seine große Diffusionsoffenheit verfügt er über eine gute Feuchteaufnahme- und abgabefähigkeit. Seine wärmeregulierenden und wärmespeichernden Eigenschaften wirken sich positiv auf das Raumklima aus. Reste können zu 100 Prozent kompostiert werden. 

 

Breites Anwendungsspektrum für Lehmmörtel

Speziell im vorliegenden Fall bot der Lehmmörtel jedoch vor allem Vorteile durch sein breites Anwendungsspektrum, das es ermöglicht, komplette Innendämmungsaufbauten mit nur einem Material zu erstellen. Das ausschließlich aus Lehmpulver und Natursanden bestehende Material kann gleichermaßen als Ausgleichputz bei Unebenheiten im Untergrund oder als Klebemörtel für die Ytong Multipor Mineraldämmplatte eingesetzt werden, außerdem als Armierungsputz mit Gewebeeinlage beziehungsweise als abschließender Oberputz auf Mineraldämmplatten. „Bei einigen Objekten haben wir Lehmmörtel auch als Wandheizungsputz eingesetzt,“ erzählt Lehmbaufachmann Schade.

 

Perfekter planebener Untergrund

Um den historischen Unterbau möglichst weitgehend zu erhalten, verzichtete man in Hannover darauf, den gesamten alten Wandbelag komplett bis auf die nackte Wand zu entfernen. Vielmehr entfernten die Restauratoren nur die nicht tragfähigen Putzstellen und besserten die Schadstellen in dem für Norddeutschland typischen Strohlehmschlag-Untergrund aus. Anschließend wurde die Fläche mit Lehmmörtel als Ausgleichsputz begradigt. Es gelang dabei, einen perfekten planebenen Untergrund herzustellen. So konnte die anschließende Verlegung der Mineraldämm

platten deutlich vereinfacht und somit beschleunigt werden. Eingesetzt wurden Ytong Multipor Mineraldämmplatten in einer Dicke von 80 mm. Die diffusionsoffenen Platten ergänzen im System optimal die bauphysikalischen Eigenschaften des Lehmmörtels.

Sobald der Ausgleichsputz ausgetrocknet war, begannen die Handwerker mit der Verarbeitung der Mineraldämmplatten, die sie im Fugenverband auf den ebenen und trockenen Untergrund klebten und zusätzlich mit vier Schraubfestigern pro m² im Fachwerkholz befestigten. Zuvor wurde Lehmmörtel vollflächig mit einer Zahntraufel bis zu 10 mm dick auf der Plattenunterseite aufgetragen und anschließend mit den Zähnen der Glattkelle durchgekämmt.

Geringes Gewicht, Druckfestigkeit und Formstabilität sowie das handliche Format von 600 x 390 mm sorgen für einfache Handhabung sowie einen schnellen Arbeitsfortschritt. Die Platten liegen im Stoß fugenlos nebeneinander, die Stoßfugen werden nicht verklebt. Durch das vollflächige Auftragen des Lehmmörtels als Dämmplattenkleber konnte die gesamte Wand hohlraumfrei erstellt werden. Die Gefahr der Hinterströmung des Dämmsystems mit warmer Raumluft bestand damit nicht. „Weil man die Mineraldämmplatten in Kombination mit dem Lehmmörtel satt und vollflächig auf der Wand aufbringen kann“, erläutert Rainer Wildmann, „funktioniert eine Innendämmung auch bei den unregelmäßigen Wänden eines denkmalgeschützten Fachwerkhauses. Baumängel, die für diese alten Häuser normal sind, können damit in der Regel kompensiert werden.“

 

Ganzflächige Gewebeeinlage

Nach dem Verkleben der Mineraldämmplatten brachten die Handwerker den Lehmmörtel mit ganzflächiger Gewebeeinlage als Armierungsschicht auf. Die Schichtdicke betrug etwa 8 mm. Sobald die Armierung erhärtet war – die Trocknungszeit beträgt etwa 1 mm pro Tag – konnte abschließend eine 5 bis 6 mm dicke Oberschicht aus Lehmmörtel aufgetragen werden.

Sämtliche mit dem Lehmmörtel ausgeführten Schichten, angefangen von der Ausgleichsschicht bis hin zum zweilagigen Oberputz wurden mit der gleichen Mischung ausgeführt. „Uns fielen,“ hat Rainer Wildmann beobachtet, „die sehr guten Haftungseigenschaften des rein mineralischen Lehmputzes in Kombination mit einem sehr geringen Trockenschwundverhalten auf.“

Abschließend wurde der Lehmoberputz durch Reiben und Filzen streichfertig bearbeitet. Beim Fachwerkhaus in der Hannoveraner Kramerstraße erfolgte die Endbeschichtung mit einer Silikatinnenfarbe, damit der Feuchtedurchlass bestehen bleibt.

Grundsätzlich besteht jedoch auch die Möglichkeit, das abschließende Oberflächenfinish mit der Ytong Multipor Lehmfarbe auszuführen, die Xella als Systemergänzung anbietet. Dabei handelt es sich um eine diffusionsoffene, lösemittelfreie, natürliche Wandfarbe auf Lehmbasis. Sie verfügt über die gleichen positiven Eigenschaften wie Lehmmörtel. Die Verarbeitung erfolgt mit Rolle, Quast oder Pinsel. Die Farbe wird ausschließlich im Farbton weiß angeboten. Andere Farbtöne können durch Zugabe von Farbpigmenten erreicht werden.

Auch die Innenwände und Decken führten die Handwerker mit Lehmmörtel in allen fünf Etagen aus. Bei den Decken entschied man sich bauseits jedoch nicht dazu, die alten Putzschichten abzureißen, sondern gleich eine neue Unterlattung mit einer Schilfrohrmatte als Putzträgergrund einzubringen. So ist es auch gelungen, die historischen Decken mit alten, jedoch nicht aufbereiteten Malereiresten dahinter zu konservieren. Zwei weitere historische Fachwerkhäuser wurden im Anschluss nach dem gleichen Prinzip renoviert und einer modernen Nutzung zugeführt.

Ziel der Fachwerksanierung war der Standard eines EnEV-Neubaus

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