Hornstuck – die einfache Glättetechnik

Nach 1950 wurde eine Art der Wandgestaltung umgesetzt, die als Vorgriff auf die heute bekannte Glättetechnik angesehen werden kann – allerdings mit Werkstoffen, die heute kaum mehr in Gebrauch sind. Wir zeigen, wie man diese zu Unrecht in Vergessenheit geratene Handwerkstechnik ausführt.

Die Hornstuck-Technik ist eine sehr hochwertige Wandtechnik des Malerhandwerks, deren Wirkung auf einer vollständig geglätteten, leicht glänzenden Oberfläche beruht, die durch Farbaufträge ansprechend und individuell gestaltet werden kann. Diese spezielle Spachteltechnik wurde vor allem für die Belebung und Aufwertung großer Wandflächen eingesetzt. Sie stammt aus den frühen Nachkriegsjahren und ziert mit ihrer unregelmäßig strukturierten Musterung und ihrem warmen Glanz der gewachsten Wandflächen zum Teil auch heute noch repräsenta­tive öffentliche und private Gebäude und Räumlichkeiten, wie beispielsweise Bankhallen, Hotel- und Theater­foyers oder großzügig angelegte Treppenhäuser. Herausragende Beispiele finden sich in der Münchner Residenz oder im Rathaus der Stadt Aschaffenburg.

Später änderte sich die Bezeichnung der Hornstuck-Technik, mit dem Aufkommen moderner Dispersionsmassen, die die traditionellen Materialien komplett ersetzten, in den heute gebräuchlichen Begriff „Glättetechnik“.

Einfacher als Stuccolustro

Seinen Ursprung hat die Hornstuck-Technik in den historischen Wandtechniken wie Stuccolustro, Enkaustik oder Stuckmarmor, bietet aber im Gegensatz zu diesen sehr aufwendigen und anspruchsvollen Kalktechniken den Vorteil einer schnelleren und kostengünstigeren Variante, durch die Verarbeitung von vergleichsweise einfachen Ausgangsmaterialien.

Das Prinzip der Hornstuck-Technik basiert auf mehrmaligen Spachtelungen der Oberfläche „im Kreuzgang und Versatz“, um dadurch die Wirkung einer Marmorfläche zu imitieren. Das Material wird anschließend verdichtet, gewachst und poliert, bis ein seidenglänzender bis hochglänzender Effekt entsteht.

Untergrund

Untergründe, auf denen die Hornstuck-Technik ausgeführt werden soll, müssen hart, fest und dicht sein. Geeignet sind zum Beispiel gute, feste Kalkmörtelputze, feste zement- oder gipshaltige Mörtel, sowie Holz- und Holzwerkstoffplatten mit dichter und ebener Oberfläche.

Die festen und harten Untergründe sollen unempfindlich gegen Stoß-, Druck- und Schlagwirkung sein, denn nur so ist der hohe Aufwand für diese außergewöhnliche Technik gerechtfertigt.

Neue Putzuntergründe sollten lufttrocken, ebenfalls, sauber und pH-neutral sein. Daher empfiehlt es sich, frische Kalk- und Zementputze mindestens 24 Stunden vor der weiteren Bearbeitung zu fluatieren und nachzuwaschen.

Putzuntergründe mit Altbeschichtung müssen sorgfältig abgewaschen, abgekratzt oder abgeschliffen und anschließend mit festigender Grundierung, zum Beispiel Putz- oder Tiefgrund vorbehandelt werden. Putzschäden müssen mit einem, dem Untergrund entsprechenden Material sorgfältig ausgebessert werden. Holzuntergründe werden mit Glutinleim und Steinkreide- oder Kreidegrund grundiert. Um die Anzahl der Spachtelaufträge so gering wie möglich zu halten, sollten alle Untergründe vor dem ersten Arbeitsgang der Hornstuck-Technik sorgfältig geschliffen werden.

Materialien

Alle Materialien, die für die Hornstuck-Technik zum Einsatz kommen, sind ohne Ausnahme natürlich, historisch und ohne synthetische Zusätze. Ein Einsatz im Wohnbereich ist deshalb ohne Probleme empfehlenswert.  Als Bindemittel wird Knochenleim verwendet, der in Wasser über Nacht gequollen und im warmen Wasserbad verflüssigt wird. Knochenleim ist ein organischer Glutinleim und verträgt daher bei der Verarbeitung keine Temperaturen über 40 ºC. Außerdem neigt er im verflüssigten Zustand schnell zum Faulen, beziehungsweise zum Zersetzen. Es empfiehlt sich deshalb, sofern man über keine Kühlmöglichkeiten verfügt, immer nur soviel Leim vorzubereiten, wie in ein oder zwei Tagen verarbeitet werden kann.

Champagner-Kreide und China-Clay werden als Füllstoffe verwendet. Sie finden heutzutage hauptsächlich noch im Kunsthandwerk oder in der Polimentvergoldung ihre Anwendung.

Zur Farbgebung werden Trockenpigmente eingesetzt. Da Knochenleim weitestgehend neutral ist, ist bei der Pigmentauswahl keine Vorsicht geboten. Alle Erd- und Mineralpigmente eignen sich, je nach gewünschter Farbwirkung für die Verarbeitung.

Die Pigmente werden in Wasser angeteigt und können bereits vorab zur gewünschten Farbigkeit gemischt werden. Sofern vorhanden, ist es sinnvoll die vermischten Pigmente miteinander in einer Farbmühle zu vermahlen.

Sollte keine elektrische Farbmühle zur Verfügung stehen, empfiehlt es sich, die gemischten Pigmente auf einer Glasplatte mit einem Glasläufer zu reiben. Die Pigmente können sich so optimal miteinander verbinden und zu große Pigmentkörnchen werden sorgfältig zerkleinert.

Abschließend wird noch Leinöl oder Leinölfirnis benötigt. Die Zugabe des Leinöls verbessert die Verarbeitungseigenschaften und erhöht die Bindeeigenschaft der Spachtelmasse.

Die Kreiden werden gemischt, gesiebt und über Nacht in Wasser eingesumpft. Nachdem sich der angequollene Knochenleim im Wasserbad verflüssigt hat, werden die eingesumpften Kreiden, die angeteigten, ­gemahlenen Pigmente und das Leinöl, beziehungsweise die Leinölfirnis sorgfältig eingerührt. Für die Grundspachtelungen müssen noch keine Pigmente zugegeben werden.

Die Konsistenz der fertigen Spachtelmasse sollte in etwa der weicher Butter bei Raumtemperatur ent­sprechen. Nicht flüssig, aber auch nicht fest!

Verarbeitung

Der trockene und feste Untergrund wird entsandet und gesäubert. Im ersten Arbeitsgang werden ein bis zwei Spachtelungen zur Glättung des Untergrundes mit unpigmentierter Spachtelmasse in einer Schichtdicke von etwa 1 mm aufgebracht. Jede Schicht wird nach dem Trocknen geschliffen und entstaubt. Die so vorbereitete Fläche wird dünn mit Spachtelmasse ­abgeport und anschließend mit nun pigmentierter Spachtelmasse deckend gespachtelt.

Es folgen drei bis fünf dünne Spachtelgänge, wobei die Größe der Spachteln und die Ausführung des Materialauftrages – Richtung, Abstand und Verteilung der Spachtelansätze – eine große Rolle für die spätere Oberflächenwirkung und -struktur spielen.

Nach dem letzten Spachtelgang werden die Flächen mit der leeren, sauberen Spachtel nochmals abgezogen, beziehungsweise verdichtet. Durch diesen Arbeitsgang wird die Oberfläche zusätzlich geglättet und bereits ein leichter Seidenglanz erreicht.

Um einen durchgehenden, fast hochglänzenden Gesamtcharakter zu erzielen, werden die Oberflächen abschließend mit einer Wachsseife, die ebenfalls aufgespachtelt wird, überarbeitet und nach dem Trocknen mit einem weichen Lappen frottiert und aufpoliert.

Wachsseife

Der Wachsüberzug wird aus einem Gewichtsteil gebleichtem Bienenwachs, 25 bis 30 Prozent Carnaubawachs und 2 Gewichtsteilen Lärchenterpentin oder doppelt rektifiziertem Balsamterpentinöl hergestellt. Die Bestandteile werden etwa 30 Minuten bei 60 bis 70 ºC miteinander verkocht.

Anschließend wird 10 g Pottasche in 30 ml kaltem Wasser gelöst und erhitzt. Die Temperaturen der gelösten Pottasche und der Wachsmischung sollten in etwa gleich hoch sein. Nun wird die heiße Pottasche langsam in die Wachsmasse eingerührt. Das Gebinde für die Herstellung des Wachsüberzuges muss vier- bis fünfmal größer sein, als die darin verarbeiteten ­Materialien, denn beim Zugießen der gelösten Pottasche entsteht sehr viel volumenreicher Schaum, der erst nach und nach wieder in sich zusammenfällt.

Wenn die Masse erkaltet ist, ist sie verarbeitungsfertig und kann auf die Spachteloberfläche aufgebracht und nach dem Trocknen poliert werden.

Werkzeuge

Für die Hornstuck-Technik werden so genannte Hornspachteln verwendet. Diese sind auch die Namens­geber für die Technik. Es handelt sich um kleine Glättkellen mit abgerundeten Ecken und Kanten. Sie sollten aus Edelstahl hergestellt sein, damit später keine Rostspuren auf der Oberfläche sichtbar werden. Daneben werden Japanspachteln mit abgerundeten Ecken, Schleifklötze und weiche, fusselfreie Lappen benötigt.

Autoren

Margarete Hauser ist Kirchenmalermeisterin und Fachlehrerin an der Städtischen Meisterschule für das Vergolderhandwerk in München.

Michael Ertl ist Maler- und Vergoldermeister, Staatlich geprüfter Restaurator im Kirchenmaler- und Vergolderhandwerk und Inhaber der Malerei Vergolderei Ertl in Garmisch-Partenkirchen.

Rezeptur

50-60 g Knochenleim (in Graupenform) in 300 ml Wasser über Nacht quellen lassen

+ 60 % Champagner-Kreide

+ 40 % China-Clay

+ angeteigte Pigmente

+ etwa 3-5 % Leinöl oder Leinölfirnis

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