Volle Kelle aus dem Handgelenk

Seit 2006 wird die Erich-Viehweg-Mittelschule in Frankenberg saniert. Ein besonderes gestalterisches Attribut zeigen die Putzfassaden am Hauptgebäude. Den dort vorgefundenen Kellenwurfputz führten die Stuckateure im Zuge der Sanierung auf einem WDV-System aus.

Eine gewisse Aufmerksamkeit hat die Erich-Viehweg-Mittelschule schon immer für sich gefordert – erstmals in Zeiten der Weimarer Republik, als im Stadtparlament erste Stimmen die dringliche Forderung nach einem Schulneubau in Frankenberg erhoben. Doch die überfüllten Klassen mit teilweise bis zu 45 Schülern blieben der Schule bis ins Jahr 1950 erhalten. Ausgerechnet in wirtschaftlich lausiger Zeit hatten es die Stadtväter dann geschafft, den Schulneubau durchzusetzen – natürlich mit entsprechenden Auswirkungen auf die Bausubstanz. Aus Abbruchziegeln der nahen Stadt Chemnitz und alten Eisenträgern zauberten Handwerker und zahlreiche ehrenamtliche Helfer eine Schule mit drei Klassenzeilen, die nun 480 Schülern ein Dach über dem Kopf bot. Dass die Dächer der drei „Kabinette“ wegen ihres zu schwachen Balkenwerks bald sichtbare Beulen bekamen und dass man aus Materialnot die Dachrinnen und Fallrohre hatte weggelassen müssen, wurde hingenommen. Ebenso die fehlende Zentralheizung – bis Mitte der 1960er Jahre wurden alle Räume mit insgesamt 25 Kachelöfen geheizt. Nachsitzen bedeutete, gemeinsam mit dem Lehrpersonal Holz und Asche zu schleppen.

Das Konzept des damaligen Schulneubaues erklärt Falk-Uwe Langer vom Landratsamt der Unteren Denkmalbehörde Mittweida mit der Verschmelzung zweier Prinzipien: „Neu war die Pavillonbauweise, um in separierten Gebäuden – verbunden mit gedeckten Fluren – die schulischen Funktionen zu entflechten. Zugleich folgten die Baumeister der frühen DDR den Grundsätzen einer Architekturkontinuität auf Basis nationaler Traditionen.“ In Bezug auf einen bestimmten Ort bedeutete dies die Berücksichtigung oder gar Betonung regionaler Eigenheiten und stilistisch typischer Bauweisen, wofür eine „Baustilfibel“ Orientierung gab. Verpönt war Individualisierungsgehabe, wie es „im Westen“ gehandhabt wurde. Schließlich war das Leitbild der Stadtplanung auf Kollektivierung ausgerichtet. Mitnichten war indes zu jener Zeit eine räumliche und architektonische Tristesse vorgesehen, wie sie später vom gestalterischen Einerlei des gleichgeschalteten Massenwohnungsbaus verbreitet wurde.

Besagter Architekturkontinuität folgte auch die Schul-
erweiterung Mitte der 1960er Jahre. In 18 Monaten entstanden in weiteren Pavillons sechs Klassenzimmer, sechs Spezialräume für Fachunterricht, zwei große Funktionsräume für Musik, Zeichnen und Werken und auch in den Kellergeschossen wurden diverse Räume ausgebaut. Im gleichen Zuge wurden die alten Gebäude „generalrepariert“. Außerdem erhielt die Schule endlich die lange ersehnte Zentralheizung.

Fit für die Zukunft

Endlich war die Schule für die inzwischen erweiterte Nutzung komplett. 1989 hatte in ihren Räumen noch eine Außenstelle der Musikstelle eröffnet. Doch an der alten Bausubstanz nagte schon lange der Zahn der Zeit. Feuchtigkeit und Pilzbefall machten vor allem den Holzbauteilen zu schaffen. Nach der Wende neu eingebaute luftdichte Kunststofffenster verstärkten die zerstörende Wirkung der Feuchtigkeit, die einen Aufenthalt in den Räumen immer schwieriger machte. 2006 wurde unter Leitung des Architekturbüros Dr. Rainer Krettek (Planquadrat) aus Freiberg die überfällige Generalsanierung der Bausubstanz und umfassende Modernisierung des gesamten Komplexes begonnen. Neben einer Erweiterung und grundlegenden Erneuerung aller Räumlichkeiten gehörten dazu umfangreiche Arbeiten auf dem Gebieten Brand- und Schallschutz sowie der Einbau einer energiesparenden Erdgas-Heizungsanlage. Zwecks Minimierung des Energiebedarfes wurden zudem alle Gebäude gut wärmegedämmt und erhielten in diesem Zusammenhang auch neue Dächer und Fassaden.

Schule im neuen Wärmedämmkleid

Das Hauptgebäude überrascht auf den ersten Blick mit einer außergewöhnlichen Putzstruktur. Auf diese hatte der Denkmalpfleger Falk-Uwe Langer im Sinne der regionalen Besonderheiten sein Augenmerk gerichtet und gefordert: „Der originale Kellenwurfputz (…) ist im Bestand zu erhalten und lediglich auszureparieren“. Nachdem allerdings die Wärmedämmung der Außenwände mit einem WDV-System ins Spiel gekommen war, stellten sich die Frage: Falls der Originalputz nicht erhalten wird, lassen sich dann die historischen Putzstrukturen auch als Putzschale auf einem WDV-System ausführen? Zur Klärung zog man Hans Albrecht Gasch aus Dresden hinzu, der sich als Sachverständiger mit Publikationen über historische Putze einen Namen gemacht hat.

Für die Ausführung der Putzfassaden war inzwischen das Unternehmen Sauer Stadt- und Landbau aus Großenhain/Sachsen beauftragt worden. Nachdem die Entscheidung in Richtung WDVS gefallen war, ging es zunächst darum, mit Musterflächen Grundsatzfragen zu klären: Wer von den Mitarbeitern besitzt überhaupt die „Handfertigkeit“ für diese schwierig herzustellende historische Putzstruktur? Können mehrere Stuckateure an einer Fassade arbeiten, wo doch die Arbeit „aus dem Handgelenk“ eine individuelle Handschrift in der Fläche erwarten lässt? Außerdem waren technische Fragen zu klären, wie die Stabilität der Putzstruktur auf dem weichen Untergrund. Und nicht zuletzt ging es um die rechtliche Integration des Kellenwurfputzes in die bauaufsichtliche Zulassung des WDV-Systems von Sakret, das an den Fassaden zur Ausführung kommen sollte. Dieser Punkt klärte sich indes recht schnell. Laut Hersteller-Zulassung ist nämlich als Oberputz ein Kratzputz zulässig, und über das Mittel gerechnet wurde für die Kellenwurfputzschale in etwa das gleiche Gewicht ermittelt. Der Bauherr verzichtete auf die Einzelfallregelung, was in einem Protokoll festgehalten wurde. 


Handwerkstechnik den Altvorderen abgeschaut

Zwischen Theorie und Praxis klafft bekanntermaßen eine große Kluft. Das zeigten auch die ersten Musterflächen. Zugleich bestätigten sie die individuelle Handschrift. Einmal in der Fläche angefangen war klar, dass diese vom gleichen Stuckateur – Favorit war Hartmut Thomas – fertig gestellt werden musste. Urlaub und Krankheit war für den Champion damit ab sofort gestrichen.

Dem inthronisierten Kellenwurfputz-Spezialisten musste auf dem mit 80 cm Abstand erstellten Gerüst jede erdenkliche Hilfe zugute kommen. Schließlich sollte er seine ohnehin nicht sonderlich bequeme Arbeitsposition nicht für Handreichungen ändern oder gar verlassen müssen. Äußerste Konzentration und Ruhe für den gezielten, gleichmäßigen Schlag war unerlässlich für das gewünschte, qualitativ hochwertige Ergebnis in Materialkonsistenz, Auftragsdicke und Putzbildfläche. Schwierig war vor allem die begrenzte Sicht. Das Gesamtergebnis kam wirklich erst nach dem Abbau des Gerüstes zu Tage – und die Korrekturmöglichkeiten dieser Struktur liegen „in der Tat“ bei Null. Das Bild der Struktur hängt dabei von mehreren Parametern ab: Untergrundhärte, Rechts-/Linkshänder, Kellengröße, Materialkonsistenz und einem Putzschlag „Zug-um-Zug“ in möglichst identischer Stärke und Fluchtrichtung.

Der Ausführung am Objekt gingen ausführliche Materialtests mit dem Sakret-Werktrockenmörtel voraus. Es gab auch Experimente, den Putz einzufärben, um Arbeitsgänge und Kosten einzusparen, was allerdings nicht gelang. Der von Bauherr und Denkmalbehörde festgelegte Farbton „Ocker Sandfarbenton RAL 1001“ wurde mit einer Silikatfarbbeschichtung hergestellt – wobei das mühselige „Betupfen“ von 430 m2 Kellenwurfputzfläche mit dem Handpinsel einige Tage in Anspruch nehmen sollte.

 

Vorher gerafft ist halb geschafft

Wo viel Handarbeit notwendig ist, müssen Arbeitsabläufe penibel vorausgeplant und jegliches Material samt Hilfeleistung stockungsfrei in den Arbeitsfortschritt eingebunden werden. Arbeitsforschritt bedeutete in diesem Fall Abschlagen des Altputzes und Hochdruck-Reinigen des Ziegelmauerwerks, Auftragen eines 1,5 cm dicken neuen Grundputzes, sodann Aufkleben und Verdübeln der WDVS-Dämmplatten mit anschließender Armierung und Auftrag des Unterputzes gemäß Sakret-Zulassung.

 Erst jetzt schlug die Stunde der Spezialisten, die für ein harmonisches Fassadenbild mit stimmigen Details folgende Vorgehensweise ausgetüftelt und getestet hatten: In der Giebelfront verläuft die Neigung der Putzlinien parallel zum (linken) Ortgang – auf den traufseitigen Flächen werden die Putzlinien etwas steiler angesetzt.

An- und Abschlüsse sowie Leibungskanten wurden mit glattflächigen Faschen von der Strukturfläche abgetrennt. An den Faschenrändern lässt es sich mit Holzleisten sehr sauber beiarbeiten. Nach Schnurspannung erfolgte der Putzauftrag jeweils über die gesamte Höhe in zwei parallelen Reihen. Für ein gleichmäßiges Putzbild hatten die Helfer beim Nachschub penibel auf die gleiche Konsistenz der Materialchargen zu achten.

Gelungene Ausführung historischer Handwerkstechnik

Wie man sieht, ist das Werk gut gelungen. Der Kellenwurfputz – einst wegen des mäßigen Farbangebotes bei Putzmörteln und Fassadenfarben als Flächenschmuck entwickelt – entfaltet in der leuchtenden Farbe eine weit größere optische Kraft als im historischen Grau. Die Bauherren freut es ebenso, wie die Denkmalpflege und das ausführende Unternehmen – ganz zu schweigen vom stolzen Besitzer des kreativen Handgelenks…

Die Optik eines Kellenwurfputzes sollte trotz WDV-System auch nach der Sanierung noch vorhanden sein
Die Putzarbeit aus dem Handgelenk hinterlässt die individuelle Handschrift des Stuckateurs an der Fassade

Beitrag und Baubeteiligte

Hier finden Sie einen kurzen Beitrag von Hans-Albrecht Gasch, Sachverständiger der HWK Dresden für Putz und Experte für historische Putze zum echten Kellenwurfputz und eine Liste der Baubeteiligten bei der Sanierung der Viehwegschule in Frankenberg

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